Your hype is problematic: Ein Leitfaden

von Hengameh

Viele kennen sie: Virale Trends auf sozialen Medien. Seien es einheitliche Profilbilder, millionenfach geteilte Videos oder kettenbriefartige Statusmeldungen, die meisten Timelines sind von diesen Massenbewegungen betroffen. Häufig sind diese Trends mit Social-Justice-Themen wie Feminismus oder LGBTQIA-Aktivismus verknüpft. Doch woher weiß ich, dass es kein problematisches Stück Scheiße ist, das mir auf die Pinnwand geschleudert wird? Dieser Checkliste soll helfen, Flops à la Patricia Arquette zu entlarven.

Wer teilt es?

Es sagt oft schon eine Menge über den Hype aus, wenn du durchschaust, wer ihn verfolgt und wer nicht. Sind es Facebook-Bekannte, die nicht ohne Grund nur Bekannte sind? Sind es deine heute sehr liberalen Freund_innen aus der Schulzeit? Oder sogar deine aktivistischen Crushes? Aus welcher Position heraus kommt die Identifikation mit den geteilten Inhalten? Werden sie von üblicherweise unkritischen Mainstreamblättern geteilt?
Verdächtig ist es beispielsweise, wenn an einem Thema mehr (vermeintliche) Allies als Betroffene beteiligt sind. Wenn mehr Heten als Queers ihr Profilbild für die sogenannte Homo-Ehe ändern (lang ist’s her), dann kannst du dich zurecht fragen, warum der Fisch komisch riecht. Häufig reicht es Leuten, etwas überragend super zu finden, weil der Feminismus- oder Gleichstellungsbegriff fällt. Doch Vorsicht: Nicht alles, was mit Feminismus zusammenhängt, ist cool. Es kann auch viel Anti-Feminismus, Heterosexismus oder Rassismus mitschwingen. Da gäbe es als Paradefails Emma Watsons #HeForShe-Rede (auch auf der Mädchenmannschaft wurde berichtet), die Oscar-Rede von Patricia Arquette, das umjubelte Dustin-Hoffman-Interview oder das #Hollaback-Catcalling-Video.

Um wen geht’s?

Um wen_welche Personengruppe handelt es sich in den jeweiligen Inhalten? Wer ist mitgedacht, wer ist „mitgemeint“? Wessen Lebensrealitäten werden berücksichtigt, welche werden in den Vordergrund gestellt? Wer spricht über wen? Besonders bei Solidaritätsbekundungen wie #JeSuisCharlie gilt es zu kritisieren, wer sich mit wem warum solidarisiert und wessen Leid schwerer zu wiegen scheint. Wo gibt es Fremdzuschreibungen? Durch welchen Blick werden die Inhalte gezeigt? Schwingt da ein Hauch von White Savior mit? Oder allgemeines Entitlement zur Bevormundung „besonders unterdrückter“ Personen? Und ganz wichtig: Vertraue keinen Projekten mit World-Aid-esquen Soundtracks.

Und sonst so?

Grundsätzlich sind Videos, die mit Sätzen wie „Dieses Video wird deine Weltanschauung verändern!“ eingeleitet werden, direkt überspringbar. Sie sich anzuschauen ist Zeitverschwendung in ihrer reinsten Form.
Ein weiteres gruseliges Stichwort ist die Anschlussfähigkeit. Wenn Themen so weichgewaschen und als liberales Interesse verkauft werden, dass sie dafür gelobt werden, alle abzuholen, ist Misstrauen geboten. Wer sind denn alle? Sind es Personen, die aufgrund diverser Faktoren wenig Zugang zu Bildung haben, oder welche, die alles fünf Mal besser wissen könnten als du selbst, es aufgrund ihrer Position aber bisher nicht für wichtig hielten, ihre Ignoranz gegenüber einer Debatte etwas zurückzuschrauben? Fakt ist: Es ist unheimlich schwer, Material zu produzieren, dass wirklich alle erreichen kann, keine Ausschlüsse schafft und nichts Diskriminierendes reproduziert. Ich will niemandem irgendwelche Fähigkeiten absprechen, aber mir sind bisher kaum Leute begegnet, die diese Disziplin meistern konnten.

Natürlich kann es vorkommen, dass du die Kritik in diesen Inhalten auf den ersten Blick nicht siehst. Wenn du auf sie aufmerksam gemacht wirst, lohnt es sich in der Regel nicht, in sture Abwehrreaktionen zu versinken und den Post zu verteidigen, nur weil alle™ den teilen. Besonders, wenn Betroffene dich über ein Thema aufklären, sind diese Ressourcen lieber dankbar anzunehmen als anderen ihre Erfahrungen abzusprechen. Und bitte nicht beleidigt sein: Das endet meistens peinlich.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 26. Februar 2015 um 11:32 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Xenia sagt:

    Danke für diesen aufschlussreichen Beitrag, habe ich bislang nicht in dieser Form (eigentlich in gar keiner Form) gefunden. *leitetgleichweiter*