Wird man als Frau geboren?

von Katrin

Beeinflussen Gene und Hormone die Gehirnentwicklung – oder eben doch die Umwelt? Feminismus, Neurobiologie und Soziologie liefern unterschiedliche Sichtweisen – auch innerhalb sich selbst.

Es ist ein ewiger Streit und gerade uns FeministInnen wird gerne unterstellt, wir seien in diesem Streit der Gegenpart zu den BiologInnen. Das ist aber wirklich Quatsch, denn sowohl unter den FeministInnen (siehe Differenz-Feminismus) als auch unter den BiologInnen gibt es darüber bis heute große Differenzen. Nein, es ist in der Tat nicht so, dass alle SoziologInnen glaubten, es käme nur auf die Umweltfaktoren an – ein Blick in die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Soziologie zeigt, es herrscht weiterhin Unklarheit. Und genauso wenig sind es alle BiologInnen, die an die Übermacht von Genen und Hormonen glaubten. Das als Klarstellung vorneweg – auch wenn es manchen vielleicht überflüssig vorkommen mag.

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

Der Streit über Anlage und Umwelt konnte bislang nicht geklärt werden und wird es in absehbarer Zeit auch nicht – das ist die einzige wahre Aussage, die man dazu treffen kann. Würde mein Gehirn einer Gruppe hochqualifizierter Neurobiologen in die Finger fallen, ohne dass sie sonst Anhaltspunkte dazu hätten – sie könnten nicht bestimmen, ob es männlich oder weiblich ist. Durchblutung, Stoffwechsel und alle Strukturen sind zunächst so identisch – und innerhalb der Geschlechtergruppen wiederum so verschieden – dass die Frage nach meinem Geschlecht nicht anhand meines Gehirns beantwortet werden könnte. Das überrascht, denn seit Jahren geht eine Gruppe NeurobiologInnen und PsychologInnen – wie Susan Pinker und Louann Brizendine – damit hausieren, dass die Unterschiede der Geschlechter bereits in ihren neurologischen Anlagen und den unterschiedlichen Hormonhaushalten mehr als klar begründet seien.

Fiese Hormone

Brizendine und Pinker legen ihren Fokus auf die Hormone: Die fiesen, kleinen Dinger, die durch unseren Körper strömen und verhindern, dass Männer in einem sozialem Beruf glücklich werden können und Frauen in den Chefetagen der DAX-Unternehmen. Sie legen die Tatsache, dass die Hormone bereits in der Schwangerschaft ausgeschüttet werden, also wenn die kleinen Menschen noch nicht einmal das Licht dieser Welt erblickt haben, als Beweismittel für die Unterschiede im späteren Sozialverhalten auf den Tisch, denn diese Hormonausschüttungen sorgten dafür, dass Jungen und Mädchen schon mit unterschiedlichen Gehirnen auf die Welt kommen. So weit, so richtig, zumindest nach dem aktuellen Wissensstand in der Neurobiologie.

ForscherInnen weltweit haben festgestellt, dass tatsächlich schon pränatal durch eine große Hormonaktivität unterschiedliche Gehirn-Strukturen angelegt würden, doch Brizendine und Co. lassen gerne Teil zwei der aktuellen Erkenntnisse weg: Auch wenn die Gehirne bei der Geburt unterschiedlich seien, so ist die weitere Entwicklung des Gehirns nach der Geburt mehr von den Einflüssen der Umwelt abhängig als von den Genen und Hormonen. Ein Vertreter dieser Sichtweise des Gehirns ist der Neurobiologe Gerald Hüther. In Ausgabe 2/2008 der Zeitschrift TPS erläuterte er, welche Auswirkungen die Unterschiede zwischen Jungen- und Mädchengehirnen bei der Geburt hätten und: welche nicht.
„Weder die genetischen Programme, noch die sich entwickelnden Gehirne von Männern und Frauen „wissen“, wie ein männliches bzw. weibliches Gehirn herauszubilden ist. In viel stärkerem Maß als bisher angenommen strukturiert sich das Gehirn von Männern und Frauen anhand der sich für beide Geschlechter ergebenden unterschiedlichen ‚Nutzungsbedingungen’“.

Jungs sind sensibler

Dennoch: Männliche Gehirne seien von Anfang weniger stabil und konstitutionell schwächer als die der Mädchen, sagt Hüther. Jungen kämen daher im Durchschnitt etwas empfindlicher zur Welt als Mädchen. Zudem hätten sie größere Schwierigkeiten bei der Aneignung neuronal komplexer Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster. Doch im Gegensatz zu Brizendine oder Pinker leitet Hüther hieraus nicht die Notwendigkeit einer größeren Neanderthaleritis bei Männern her, sondern vielmehr, dass Jungen in den ersten Lebensjahren im Vergleich zu Mädchen mehr Zuwendung, mehr Halt, Stabilität und Liebe bräuchten, um dieses kleine „Defizit“ auszugleichen. Dass die Erwartungshaltungen von Eltern an das angeblich „starke“ Geschlecht oft das Gegenteil sind, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, die dank MRT und Co. in unsere Gehirne gucken können, dass ein ganz bestimmter Bereich plötzlich überdurchschnittlich groß erscheint, der früher kaum in Erscheinung getreten war: Der Bereich im Gehirn, der für den rechten Daumen zuständig ist. Nun, SMS-Schreiben ist eben ein evolutionär noch relativ neuer Zustand, aber das Gehirn hat sich natürlich sofort angepasst. Die Jugendlichen von heute haben ein sehr großes Rechter-Daumen-Areal in ihrem Hirn, größer als meins und noch viel größer, als das von meiner Omi!

Die Größe bestimmter Gehirn-Areale ist auch das Thema von Brizendine und Pinker. Sie wollen beweisen, dass Männer und Frauen von Natur aus – was in der Sprache der Wissenschaft soviel heißt wie: genetisch bedingt – ganz verschieden sind und ziehen Studien heran, die zeigen sollen, dass die Gehirne uns gar nichts anderes zugestehen, als völlig verschieden zu sein. Geht man mit Hüthers Erklärung für Größe mit, dann wird schnell klar, dass Größe vor allem ein Ergebnis von Lernen und Benutzen ist, womit ein lange bekannter Grundsatz der Neurobiologie wieder einmal bestätigt wurde: „Use it, or lose it!“ Dass die Verschiedenheit der Geschlechter also genetisch bedingt sein muss, das wurde mitnichten bewiesen, im Gegenteil: Die Vermutung liegt nahe, dass diese erlernt wurde: „Use it, or lose it„.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne auf Freitag.de)




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 16. September 2009 um 10:00 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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17 Kommentare

  1. Patricia sagt:

    Deinen Text finde ich spannend. Es sollte also unser Ziel sein, alle besonderen Eigenschaften eines Menschen zu fördern. Unabhängig davon, ob es Eigenschaften sind, die man dem Weiblichen oder dem Männlichen zuschreibt.

  2. Katrin sagt:

    Sehr sehr gut zusammengefasst. :)

  3. steve, the pirate sagt:

    Danke für den interessanten Artikel:

    Besonders die Gegenüberstellung zwischen Hüther und Pinker finde ich sehr gelungen.
    Den Namen Pinker habe ich schon des öfteren in den Medien gesehen. Von Hüther hatte ich bisher noch nichts gehört oder gelesen.

  4. sabine sagt:

    in der psychologie geht man inzwischen, zumindest was die eigenschaften angeht, von maskulinität und femininität als zwei unabhängigen dimensionen aus. das heißt, dass eine person gleichzeitig sowohl eigenschaften haben kann, die als typisch männlich eingeschätzt werden, als auch eigenschaften, die als typisch weiblich angesehen werden (das nennt man dann androgynie). außerdem können ebenfalls menschen beiden biologischen geschlechtes männliche und/oder weibliche eigenschaften haben, was bedeutet, dass ein mann psychologisch gesehen sehr weiblich und eine frau dementsprechend sehr männlich sein kann.
    das ist endlich mal ein ansatz, der das augenmerk nicht auf die unterschiede der geschlechter, sondern auf den unterschied zwischen den menschen legt- und das, obwohl es ums geschlecht geht.

  5. Al sagt:

    Katrin, auf Freitag.de schreibst du „alle übernehmen völlig unkritisch die Aussagen der beiden [gemeint sind Brizendine und Pinker]. Ich erlaube mir, auch mal ein Gegenpol zu sein – Gründe dafür gibt es jedenfalls genügend – natürlich rein wissenschaftlich gesehen.“

    Nur mal in Bezug auf Pinkers „The Sexual Paradox“ (von Brizendine habe ich nichts gelesen): Wo genau irrt sie? Belege wären klasse.

  6. Katrin sagt:

    hmmm… ich verstehe die Frage nicht so genau: Ich zitiere im Artikel zum Beispiel Hüther, der ganz klar dagegen hält, dass zwar die Gehirne unterschiedlich strukturiert auf die Welt kommen, aber eben vor allem die Nutzung des Gehirns darüber entscheidet, wie es „tickt“ – egal ob der „Besitzer“ männlich oder weiblich ist. Beleg ist doch auch im Artikel (sogar mit Link). Hmm? Damit ist der gesamten Theorie Pinkers widersprochen, die meint, alles wäre aufgrund von Geschlecht und damit Hormonen determiniert: Berufswahl, Sozialverhalten usw… Also ich verstehe die Frage nicht, weil ich genau dazu doch schon so einiges geschrieben habe – oder? Es wäre jetzt müßig, einzelne Kapitel Pinkers auseinanderzunehmen, denn sie alle bauen ja auf der einen Grundannahme auf: Die Gehirne von Männern und Frauen sind von Anfang an und bleiben für immer verschieden – basta. Und Frauen und Männer sollten sich nicht dagegen wehren.

    Das Beispiel mit dem rechten Daumen und auch ein anderes Beispiel Hüthers, wo eineiige Zwillinge im Mutterleib beobachtet wurden und offensichtlich andere „Nutzungsbedingungen“ (einmal mehr Platz zum Strampeln, einmal weniger) hatten führten dazu, dass sie drei Jahre später immer noch unterschiedlich aktiv waren – beide Beispiele halten dagegen, dass die Nutzung und nicht die Gene das Gehirn machen. Das alles kann man zum Beispiel in Hüthers „Bedieungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ sehr gut nachlesen.

    Wenn dir diese Antwort nicht genügt, dann musst du einfach deine Frage präzisieren. Wie gesagt, wenn du Pinker gelesen hast und auch meinen Artikel – dann weiß ich nicht genau, wo genau der Klärungsbedarf noch ist.

  7. Thomas sagt:

    M.E. ist der biologistische Punkt nicht unbedingt so wesentlich. Diversity lebt ja von der Vielseitigkeit und Unterschiedlichkeit und was Susan Pinker sehr angemessen formuliert, ist der Begriff des „Normgeschlechts“.

    Man liest so oft, Frauen und Mädchen können dieses und jenes ja „auch“. Ich finde, wichtig ist die Originärität und nicht die Orientierung am großen Bruder. Es sollte selbstverständlich sein daß Mädchen dieses und jenes machen – so vermittle ich es zumindest meiner Tochter.

    Wenn Frauen und Männer an ihren Neigungen „abgeholt“ werden, besteht die Möglichkeit die tradierten Rollen abzulegen und Neues zu entdecken. Auch das klassische Beuteschema von Frauen und Männern lässt sich modifizieren, so daß beide neue Lebensqualitäten entdecken.

    Wenn wir alle reine Hormonmonster wären, dann würde ich jeden Morgen auf einem Mammut zum nächsten Wald zum Saurierjagen reiten, statt an meinen Arbeitsplatz zu fahren.

    Und die Menschen, die die größten Erfindungen geleistet haben, waren keine testosterongemarkerten Herkulestypen.

    Die Kultivierung der Gleichheit in der Unterschiedlichkeit, las ich kürzlich. Dann muß niemand das Gefühl haben sich selbst fremd zu sein und Frauen brauchen sich nicht als Hochstaplerinnen zu fühlen, die ertappt werden könnten (das sog. „Hochstaplersyndrom“, obwohl sie hervorragende Leistungen bringen wie z.B. Mrs. Chan (Quelle : Das Geschlechterparadox)).

    Was Susan Pinker sowie Catherine Hakim beschreiben sind Orientierungspräferenzen, die kulturell begünstigt werden aber noch nicht um weitere Möglichkeiten erweitert worden sind. Der FOCUS-Bericht bringt es auf den Punkt, daß viele Frauen ihre eigene Wertschöpfung nicht rein aus der Arbeit ziehen, sondern auch aus anderen Quellen. Das Einkommen ist dabei nicht top-Priorität. Diese Feststellung entlastet auch den männlichen Part unserer Gesellschaft von der Schuld, Frauen vom Weiterkommen abzuhalten, wie es teilweise noch unsere Politik formuliert.

    Wenn Hüther die Chance kultiviert, trotz bestehender Unterschiede beiden Geschlechtern neue Rollen und Lebensqualtäten anzubieten, die letztlich tradierte und immer noch normierte bestehende Rollenzuweisungen auflösen, sehe ich in seinen Erkenntnissen einen erfrischenden Lösungsansatz für Frauen und Männer, der keinen slash-back sondern eine Weiterenwicklung des Geschlechterverhältnisses beinhaltet, wie z.B. auch dies hier :

    http://www.amazon.de/%C3%9Cberlisten-Sie-Ihr-Beuteschema-Partner/dp/344239127X

  8. jj sagt:

    Katrin,

    schöner Artikel :)

    „Es ist ein ewiger Streit und gerade uns FeministInnen wird gerne unterstellt, wir seien in diesem Streit der Gegenpart zu den BiologInnen.“

    Naja, das ist ja nun als a-priori Annahme nicht so ganz falsch, wenn man sich überlegt, daß das Zitat von de Beauvoir eine der Kernthesen des Feminismus geworden ist, und Alice Schwarzer den „kleinen Unterschied“ immer als Biologismus bezeichnet. Wenn FeministInnen sich ernsthafter mit biologischen Geschlechter-Fragestellungen auseinandersetzen würden und nicht nur normativ diskutieren würden, dann wäre Gender-Studies vermutlich eine der spannendsten wissenschaftlichen Disziplinen. Anthropologie, Kulturanthropologie, Biologie, Ökonomie, Soziologie. Alles eigentlich da drin, aber im Regelfall diskutiert man dort halt nur „Diskriminierung“ und die Gefahr des „Backlashes“ bei einer Diskussion über die Verhaltensrelevanz von Hormonen. Daher ist das vermeintliche Vorurteil aus meiner Sicht eigentlich keines.

    Zerebrale Plastizität ist ein guter Punkt, weil er ja eigentlich von allen Neurologen angeführt wird. „Use it or lose it“ ist also eigentlich unstreitig, genauso wie die Tatsache, daß es zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen nur statistische Unterschiede gibt, aber die Überschneidungen so groß sind, daß man es einem einzelnen Gehirn das Geschlecht nicht ansehen kann (obwohl eine Frau im letzten Jahr irgendwo ein Paper dazu geschrieben hat, daß sie das bei Scheibchensezierung könne, kann den Link aber gerade nicht finden)

    Letztlich bleibt sich der Mensch ein Rätsel (oder so) –

    http://www.zeit.de/2009/36/Hirnforschung

    But. And you knew there would be a But. Auch wenn sich die Geschlechter durch gleichartige Nutzung ihres Gehirnes angleichen, wie es auch ein Kollege von Hüther, Lutz Jähnke aus Zürich, annimmt –

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2006-41/artikel-2006-41-die-geschlechter-gleichen-sich-an.html

    – so geht er davon aus, daß es eben gerade im sexuellen Bereich angeborene Verhaltensunterschiede gibt – vielleicht weil das limbische System weniger plastisch ist als das Großhirn und bestimmte geschlechtliche Asymmetrien eben fundamentale strategische Unterschiede in Reproduktionsfragen bedingen, was logischerweise kulturelle Konsequenzen haben wird? Und dann sind wir schon bei der Sozioanthropologie.

    „Ist es eigentlich sinnvoll, überhaupt nach Geschlechterunterschieden in den Gehirnen zu suchen? Offenbar kann man daraus ja gar keine Schlüsse ziehen.

    Rein wissenschaftlich sind die Unterschiede natürlich spannend. Aber für unser Verhalten sind sie völlig irrelevant. Nehmen Sie zum Beispiel einen Patienten mit Gehirnverletzungen. Der hat vielleicht zu Beginn einen schweren Ausfall, kann nicht mehr sprechen. Man trainiert mit ihm, macht Rehabilitation, auf einmal wird er immer besser und spricht zuletzt wieder völlig normal. Wenn Sie in sein Gehirn schauen, werden Sie feststellen, dass dieses ganz andere Wege eingeschlagen hat, um das Defizit zu kompensieren. Das ist durchaus interessant. Aber wenn ich mit diesem Menschen spreche, ist es doch vollkommen egal, welche Hirnstruktur er gerade benutzt.

    Und die angeborenen emotionalen Unterschiede, die Sie vorhin zugestanden haben, denen messen Sie auch keine Bedeutung zu?

    Doch, die kommen vor allem bei der Partnerwahl zum Ausdruck. Hier gibt es ja tatsächlich gravierende Unterschiede, die sich durch keinerlei Erziehungsmassnahmen oder religiöse Gebote abtrainieren lassen. Eine Frau kann in Ausnahmefällen zwei Dutzend Kinder aufziehen, ein Mann kann theoretisch Tausende Nachkommen haben, und daraus resultieren unterschiedliche Strategien. Männer sind bei der Partnersuche nicht sehr wählerisch, während Frauen sehr selektiv vorgehen. Es muss der besondere, einzigartige und richtige Mann sein, mit dem sie Nachkommen zeugt.

  9. Hanna sagt:

    Bei der Gelegenheit verweise ich einfach nochmal auf den Artikel in der Newsweek, den ich neulich schon mal gepostet hatte: http://www.newsweek.com/id/214834
    Er fasst die Ergebnisse von Lise Eliots neuem Buch zusammen: Nämlich dass Eltern durch ihren unterschiedlichen Umgang mit ihren Kindern, die gender-Ausprägung weit mehr mitbestimmen, als ihnen bewusst und vielleicht auch manchmal lieb ist.

  10. […] Found 17. September 2009 in Virtuelles Leben, Echtes Leben, Politische Richtigkeiten, Hinweise, Politik und Die Kritik Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, die dank MRT und Co. in unsere Gehirne gucken können, d… […]

  11. Katrin sagt:

    schöner Kommentar, jj! :)

    die Geschlechterunterschiede im sexuellen (oder sagen wir: Alles was irgendwie reproduktiv wirkt) Bereich, die merke ich selbst ja gerade sehr… Und ich kann und möchte auch nicht bestreiten, dass meine Hormone in der Zeit, in der ich gestillt habe nicht einen Einfluss auf mein Verhalten gehabt hätten (darüber habe ich damals auch einen Artikel geschrieben). Also: Unterschiede sind natürlich irgendwo da und ganz ehrlich: Ich finde sie ultra verwirrend und anstrengend ;)

    Nur: Persönlich denke ich, dass das eben ganz bestimmte Zeitpunkte und Phasen sind, in denen all das auftritt. Diese dominieren aber absolut nicht das ganze Leben – und spielen somit für mich eine eher untergeordnete Rolle was Soziologie angeht. Die Phase der Partnerwahl (oh du schreckliche Pubertät!) und die Phasen der reproduktiven Hormonveränderungen sind kurz verglichen mit dem Rest des Lebens.

    Partnerwahl: Das wird ja immer gerne herangezogen, um wirklich sehr sehr viel in den Geschlechterunterschieden zu erklären. Es ist ja auch eine These aus der Biologie, dass die Frauen sich per Geruch den Mann aussuchen – die Männer nehmen eher, was kommt. Keine Ahnung, ob das alles in der Praxis immer so einfach läuft – oder eher: ich denke nicht, denn der Cortex läuft ja immer mit und wenn Frauen z.B. die Pille nehmen, dann funktioniert das eh nicht mehr (sagen auch die Biologen – und mein Gott: Wie viele Frauen nehmen die Pille?!?). Also: ich denke, ich bin schon ein Stück weit auch bei deinem „But“ dabei – scheue mich aber aus guten Gründen, es so alleinstehend überzubewerten, weil so vieles da mit rein spielt, was Biologen gerne weglassen. Hüther selbst sagt in einem seiner Videos zum Beispiel (sinngemäß): Wer immer alles auf sein Stammhirn schiebt (= auf seine tierischen Instinkte), der hat nur nie richitg gelernt, mit seinem Cortex umzugehen.

    Andersrum ist an Hüther der Vorwurf zu machen – und das begegnet mir dann eben sehr stark in der AD(H)S-Debatte – dass man nicht alles selbst im Griff hat. Zu sagen, wenn ein Kind AD(H)S hat, dann ist das die Schuld der Eltern ist halt einfach: Ideologie pur. Natürlich liegt die Wahrheit irgendwo bei „Nature AND Nurture“ – und „wir wissen nicht, was die Natur uns zu sein erlaubt“ ist ja schon von Rousseau festgestellt worden. Auch wenn viele BiologInnen das wahrscheinlich nicht gerne zugeben, aber in dieser Sache hat sich seit dem 18. Jahrhundert trotz Fortschritt nicht SO viel getan ;)

  12. Katrin sagt:

    Hallo Hanna, absolut richtig und ein guter Beitrag zu dieser Debatte.

  13. Al sagt:

    Danke für deine Antwort, Katrin. Ich versuche mal meinen Klärungsbedarf zu präzisieren:

    „(…) weitere Entwicklung des Gehirns nach der Geburt mehr von den Einflüssen der Umwelt abhängig als von den Genen und Hormonen. Ein Vertreter dieser Sichtweise des Gehirns ist der Neurobiologe Gerald Hüther.“

    „(…) Beleg ist doch auch im Artikel (sogar mit Link).“

    Zu dem Link kann ich keinen Artikel finden, nur ein Inhaltsverzeichnis. An anderer Stelle im Netz nur die kurze Zusammenfassung „Angeboren oder erworben? Erbfaktoren allein steuern kaum, wie sich ein männliches bzw. weibliches Gehirn herausbildet. In viel stärkerem Maß strukturiert sich das Gehirn anhand von Geschlechtshormonen in biochemischen Prozessen. Hirnforscher Gerald Hüther legt dar, (…)“. Welche Behauptung Pinkers wird deiner Ansicht nach hier widerlegt? (Abgesehen davon, dass das ja auch nur eine Zusammenfassung von Hüthers Text ist, die evtl. gar nicht von ihm stammt.)

    „Es wäre jetzt müßig, einzelne Kapitel Pinkers auseinanderzunehmen, denn sie alle bauen ja auf der einen Grundannahme auf: Die Gehirne von Männern und Frauen sind von Anfang an und bleiben für immer verschieden – basta. Und Frauen und Männer sollten sich nicht dagegen wehren.“

    Wo sagt sie das? Bei jeder Gelegenheit betont die Autorin in ihrem Buch, dass sie sich auf statistische Verteilungen bezieht und dass ihre Funde weder für jeden Einzelfall gelten noch als Anweisung zur „richtigen“ Lebensführung zu verstehen sind. (Aus meiner Sicht überflüssig, das in einer seriösen Darstellung zu betonen, aber offenbar muss man argumentativ mit Samthandschuhen arbeiten, wenn man sich auf thematisch brisantes Terrain begibt.) Und wogegen soll man sich nicht wehren? Gegen etwas, das die Autorin in dieser fatalistischen Weise evtl. gar nicht behauptet hat? Wenn das geklärt und anschließend gezeigt werden könnte, dass Pinkers zugehörige Belege nicht haltbar sind, kann man mE immer noch überlegen, ob es „müßig“ ist, sich weiter damit zu beschäftigen.

    „Damit ist der gesamten Theorie Pinkers widersprochen, die meint, alles wäre aufgrund von Geschlecht und damit Hormonen determiniert: Berufswahl, Sozialverhalten usw…“

    Großer Klärungsbedarf: Wo hast du das her, dass Pinker „alles“ für „determiniert“ hält, und zwar lediglich „aufgrund von Geschlecht und damit Hormonen“? Das wäre ja Biologismus der billigsten Art!

    (Das zu widerlegen ist natürlich ein Kinderspiel.)

    Susan Pinker hat eine sehr sorgfältige Analyse vorgelegt, die mit einer erdrückenden Anzahl an Belegen untermauert wird. Um eine solche Darstellung glaubwürdig anzugreifen oder sogar „rein wissenschaftlich gesehen“ einen „Gegenpol“ zu bilden, wie du für dich in Anspruch nimmst, genügt es meiner Ansicht nach nicht, Dingen zu widersprechen, die zuvor sinnverändernd verkürzt wurden oder die nicht mal gesichert aus der Feder der Autorin stammen.

  14. […] September 17th, 2009 publié par ♥Tekknoatze via ♥Tekknoatze Vor einigen Jahren entdeckten die Forscher, die dank MRT und Co. in unsere Gehirne gucken können, d… tags: biopolitic, controls, cyborgz labels: all, d_r_econstructions, papier, simulacra […]

  15. jj sagt:

    Katrin,

    das mit dem Geruch und dem Immnsystem ist sicher eine interessante Theorie, aber selbst Firmen, die damit Geld verdienen, sagen, daß das nicht funktioniert, wenn man nicht von den biologischen Eltern aufgezogen wurde, weil man sich dann Partner sucht, deren genetischer Immunsystemabdruck sich an dem der Adoptiveltern orientiert. Also, vielleicht ist das auch irgendein biologischer Mechanismus, warum das so ist, aber ganz einfach ist das dann auch nicht (http://www.scientificmatch.com/html/about_natural_parents.php). Und wenn ich meine persönliche Geruchserfahrung mal teilen darf, Frauen reagieren eher wie in der Axe-Werbung, wenn man gutes und teures Eau de Toilette verwendet, mit Schweiß ist mir das noch nie passiert. Spricht auch gegen diese These, oder das Parfum impliziert ein enorm unterschiedliches Immunsystem, vielleicht geradezu außerirdisch ;)

    „Nur: Persönlich denke ich, dass das eben ganz bestimmte Zeitpunkte und Phasen sind, in denen all das auftritt. Diese dominieren aber absolut nicht das ganze Leben – und spielen somit für mich eine eher untergeordnete Rolle was Soziologie angeht. Die Phase der Partnerwahl (oh du schreckliche Pubertät!) und die Phasen der reproduktiven Hormonveränderungen sind kurz verglichen mit dem Rest des Lebens.“

    Naja, *so* kurz ist die Phase der Partnerwahl ja nun auch nicht, in meinem Umfeld sind das bestimmt 15-20 Jahre. Aber ich denke eben auch nicht, daß nur *direkte* Effekte der Partnerwahl relevant sind, sondern auch *indirekte*.

    Will sagen, die Asymmetrien in diesem Bereich haben soziale Konsequenzen: Frauen haben durch ihr größeres Investment in den Nachwuchs Nachteile im öffentlichen/beruflichen Leben, weil es *nie* möglich sein wird, die „Kosten“ (in Form von Ausfallzeiten, etc) komplett auszugleichen. Aber sie haben eben auch Vorteile: Sie haben die knappe reproduktive Ressource, sie entscheiden primär, wer ran darf.

    Und das bedeutet eben auch, daß der ganze Bereich der Sexualität, unabhängig davon, daß wir zumeist versuchen, eine Schwangerschaft zu vermeiden, eben direkt von den biologischen Asymmetrien betroffen ist. Und damit ist deren *indirekter* Effekt auf gesellschaftliche Organisation aus meiner Sicht kaum überzubewerten.

    Denn es gibt wenige Dinge, die für Menschen mehr Bedeutung haben – steht schon bei Maslow in der Motivationspyramide, aber eigentlich nicht anders im Text von „Großstadtgeflüster“s „Ich muß gar nichts… außer Schlafen Trinken Atmen und Fi**en.“

    „Wer immer alles auf sein Stammhirn schiebt (= auf seine tierischen Instinkte), der hat nur nie richitg gelernt, mit seinem Cortex umzugehen.“

    Stimmt ohne Zweifel, deswegen diskutieren wir ja darüber. Aber es ist eben auch unfair zu behaupten, daß das „Stammhirn“ (als short term für „nicht rational beeinflußt“) keinen Einfluß hat – und dessen Einfluß im Regelfall Priorität im menschlichen Regelkreis hat. Beispiel: Wenn Du Angst vor Spinnen hast, ist das verdammt schwer, sich diese Angst *rational* abzugewöhnen, andere Therapien helfen da deutlich besser.

  16. Jürgen sagt:

    Ein Kommentator wehrt sich gegen das „Das können Frauen AUCH“. Das könnte uns daran erinnern, worum es bei der Erforschung von Geschlechtsunterschieden eigentlich mal ging. Nämlich doch wohl um die Bekämpfung des „Eine Frau darf dieses und jenes nicht machen, weil sie es aufgrund ihrer Biologie nicht (richtig) KANN“. Nachdem das alles mittlerweile durch die Praxis längst widerlegt ist, ist die ganze Sucherei nach Mann-Frau-Unterschieden eigentlich müßig und dient hauptsächlich noch dem Geschlechterk(r)ampf.

    Alles war aus der Biologie kommt, ist mit größter Vorsicht zu genießen. Die Biologie löst sich erst langsam aus darwinistischen Vorstellungen, Kampfparadigmen und darauf aufbauendem Müll. Erst in den letzten Jahren beginnt man sich davon zu lösen. Man sieht die Folgen in der Medizin: Krebs = Entartung, Infektionskrankheiten = Verteidigungsarmee (Immunsystem) unterliegt bösartigen Erregern, usw. usf. lauter Quatsch.

    Deshalb Finger weg von allen Wertungen, wie sie z.B: im Begriff „Defizit“ zum Ausdruck kommen. Ich wüßte nicht, warum ich mich zwischen den zitierten Biologen entscheiden sollte. Im übrigen scheint
    Eva-Maria Schnurr wieder etwas andere Erkenntnisquellen zu haben, wenn sie schreibt (im Artikel: Typisch Mädchen – typisch Junge):
    „Nachmessungen zeigten: Nicht das Geschlecht, sondern die Hirngröße macht den Unterschied. Kleine Männerhirne sind genauso gut verkabelt wie kleine Frauenhirne. Große Frauenhirne genauso schlecht wie große Männerhirne.“ (Aber auch hier Vorsicht vor Wertungen, bessere Verkabelung muß nicht „höhere Gehirnqualität“ bedeuten. In der Biologie ist sowieso fast alles ambivalent).

  17. susimaus sagt:

    „… worum es bei der Erforschung von Geschlechtsunterschieden eigentlich mal ging. … um die Bekämpfung des “Eine Frau darf dieses und jenes nicht machen, weil sie es aufgrund ihrer Biologie nicht (richtig) KANN”.

    also ganz ursprünglich ging es um das gegenteil dessen. es sollte „wissenschaftlich“ bestätigt werden, dass frauen dies & jenes aus biolog. gründen nicht können.

    „Das ist eben der grosse Irrthum, der auf einer völligen Unkenntniss der physiologischen Unterschiede, welche die Natur unabänderlich zwischen den Geschlechtern geschaffen hat, beruht. Weder Erziehung noch Lebensweise, weder die hochgeschraubteste Cultur noch grösste Uncultur werden je im Stande sein, die specifische Eigenart des Weibes auszulöschen. Hier sind natürliche Grenzen geschaffen, die stets unüberbrückbar bleiben.“ (Dr. Max Runge – Das Weib in seiner geschlechtlichen Eigenart, 4. Auflage, Berlin 1900)