Will kommen, Missy Magazine
von Barbara„Keine Frau braucht eine Anleitung dafür, wie sie sich scheiße fühlt“
Fünf Fragen an die Journalistin Sonja Eismann, die gerade gemeinsam mit Chris Köver und Steffi Lohaus den Hobnox Evolution Contest gewonnen hat. Gekürt wurde das geplante Mädchenmagazin Missy Magazine.

Gratulation! Was bedeutet das jetzt für die Zukunft eures Heftes?
Danke! Wir sind selbst sehr glücklich über diesen Gewinn und können es noch gar nicht so ganz fassen. Für die Zukunft von „Missy“ bedeutet das zunächst vor allem, dass wir uns über die Initial-Finanzierung keine Sorgen machen müssen – da fällt uns ein riesiger Stein vom Herzen. Für uns war immer klar, dass wir das Heft auf jeden Fall durchziehen. Wir haben es schon gegründet, bevor wir überhaupt vom Hobnox-Wettbewerb erfahren haben. Aber wir haben uns schon dabei gesehen, wie wir Freundinnen, Freunde und (entfernte) Bekannte anbetteln, doch bitte für uns Solikonzerte zu spielen, damit wir die Druckkosten zusammenkratzen …
Missy Magazine soll sich an amerikanischen Frauenmagazinen wie Bust orientieren. Was steht dann also im Inhaltsverzeichnis und was unter keinen Umständen?
Unter keinen Umständen wird es im Inhaltsverzeichnis Themen wie Diäten oder Männerjagd-Tricks geben, die in den klassischen Frauenmagazinen üblich sind. Davon wollen wir uns ganz bewusst absetzen, denn keine Frau mit einem eigenen Kopf braucht eine Anleitung dafür, wie sie sich scheiße fühlt – ganz im Gegenteil. Wir wollen Frauen nicht suggerieren, dass sie defizitär sind und sich erst toller fühlen können, wenn sie sich selbst disziplinieren oder gewisse Produkte kaufen, sondern eben, dass es da draußen viele Frauen gibt, die abseits von Geschlechterklischees coole Musik, Kunst, Filme, Literatur, Mode oder auch Politik etc. machen. Wenn wir „klassische“ Frauenmagazin-Themen wie Mode, Kosmetik oder Sex präsentieren, die uns ja auch interessieren, dann auf jeden Fall mit einem ganz anderen Ansatz: Modestrecken mit Personen mit alternativen Körperbildern statt dünner weißer blonder Magermodels, DIY (Do it yourself; Anm. d. Red.)-Mode und -Kosmetik mit ethischem Background und endlich mal ehrliche Worte zum Thema Sex – oder eben auch kein Sex, haha!
Für wen wollt ihr euer feministisches Heft machen? Und dürfen auch Jungs reinschauen?
Generell wollen wir ein Heft für alle machen – so wie die existierenden Popkulturmagazine einen universalistischen Anspruch haben, obwohl es ja meistens von Jungs für Jungs gemachte Hefte sind, in denen was über Jungs zu lesen ist, wenn man das mal überspitzt formuliert. Wir wollen für alle interessant und offen sein, aber natürlich sind unsere Kerngruppe Frauen von 16–40, die keine Lust mehr auf eingefahrene Geschlechterrollen haben und die sich für, im weitesten Sinne, popkulturelle Themen mit subkulturellem oder „cutting-edge“-Touch interessieren. Männer dürfen sehr gerne reinschauen – von US-Magazinen wie Bust weiß man, dass die eine sehr treue und begeisterte männliche Leserschaft haben – und Männer werden sogar auch im Heft vorkommen, und sogar nicht nur nackt, wie ich gerne zu scherzen beliebe.
Als alte Häsin der Kulturschaffenden gefragt: Warum ist der deutsche Frauenzeitschriften-Markt so desolat? Brauchen wir wirklich so viele Diät-Rezepte, Beauty-Tipps und Braut-Führer? Interessieren sich deutsche Frauen auch für Dinge wie Gitarrenmusik, Fußball oder Politik?
Darüber haben wir uns selbst ja jahrelang den Kopf zerbrochen und keine rechte Antwort gefunden. Mitunter muss man ja an die traurige Geschichte des jetzt-Magazins denken, dem immer so viel Begeisterung entgegen geschlagen ist und das trotzdem in seiner alten Form eingestellt werden musste, weil es einfach nicht mehr finanzierbar war. Der Anzeigenmarkt ist sicher ein ganz großes Problem. Da wir mit Missy aber auf einem zwar professionellen, aber doch von DIY-Strukturen geprägten Level operieren werden, wird uns das hoffentlich nicht so treffen.
Zudem gab es in Deutschland nie so eine sichtbare bzw. organisierte Gruppe von feministisch denkenden, popinteressierten Frauen, die nicht nur, wie so viele, nach diesen Grundsätzen leben und handeln, sondern sich auch dazu bekennen, wie es sie z.B. in den USA gibt, wo ja eben Magazine wie Bust, Venus und Bitch existieren. Da ist sicherlich auch das negative Image von Feminismus schuld, das maßgeblich von den Medien mitgeprägt wurde. Aber ich habe das Gefühl, das bricht langsam um, und wenn man bedenkt, wie viel Enthusiasmus Missy bis jetzt entgegen gebracht wurde, sind wir da wirklich frohen Mutes bezüglich einer veränderten Haltung.
Und nun die Gretchen-Frage: Warum erst jetzt? Warum mussten wir so lange warten, bis endlich auch ein cooles Frauenmagazin am Kiosk auf uns wartet?
Weil vielleicht alle drauf gewartet haben, dass es jemand anders macht… und weil das finanzielle Wagnis ja doch relativ groß ist und der Arbeitsaufwand bzw. die Selbstausbeutung, die damit zwangsläufig verbunden ist, sicherlich immens. Aber bei uns war das Bedürfnis irgendwann so stark, dass wir uns gedacht haben: Wir machen’s einfach! Es gab ja auch schon Versuche wie z.B. Tussi Deluxe vor fast zehn Jahren, und deren Geschichte des Scheiterns war nicht gerade ermutigend. Auch wenn man sieht, wie einigermaßen akzeptable Mädchenmagazine wie Young Miss oder das Jugendmagazin der Elle nach guten Ansätzen immer mainstreamiger bzw. letztendlich eingestellt wurden, ist das nicht gerade ermunternd – auch das kultisch verehrte Sassy Magazine in den USA musste schließlich gecancelt werden. Trotz allem lassen wir uns davon nicht beirren und gehen mit riesiger Euphorie an die Arbeit für die erste Ausgabe, die im Frühherbst dieses Jahres erscheinen soll! Wir danken jetzt schon mal für das Interesse, das bereits geäußert wurde!
Sonja Eismann, geboren 1973, steht seit Jahren hinter dem feministischen Popkultur-Onlinemagazin Plastikmädchen und hat kürzlich den feministischen Reader “Hot Topic” im Ventil Verlag veröffentlicht.
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Tags: gute Idee, Medienthemen, Missy, Popkultur, Zeitschriften






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Freue mich schon auf die erste Ausgabe! Alles Glück für den Start!