Wie viele Schlagzeugerinnen kennst du?

von Magda

Als ich 14 Jahre alt war, stand ich das erste Mal auf einer Bühne. Vor Aufregung verknotete ich das ganze Konzert lang meine Hände ineinander; etwas, was ich heute noch tue, wenn ich nervös bin. Neben einem erwachsenen Band­leiter waren wir sechs junge Musikerinnen auf der Bühne, einige von uns lernten erst seit wenigen Monaten ihr Instrument. Mit zitternder Kopf­stimme, einer Handvoll Akkorden und fast experimentell anmutenden Tempo­wechseln rumpelten wir uns durch unser erstes Konzert.

© Totally Stressed, 2009.

© Totally Stressed, 2009.

Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich wuchs im Ostteil Berlins auf und verbrachte fortan sehr viel Zeit im Jugendclub Linse, der meiner Band einen Probe­raum und in den Folge­jahren dutzende Auftritts­möglich­keiten zur Verfügung stellte. Rockmusik, Metal, ein bisschen Hip Hop und Punk tönten aus den Proberäumen unserer (meist männlichen) Musiker­kollegen. Ehe wir uns selbst eine Band­beschreibung zulegten, waren wir „die Mädchenband“ und unsere Musikrichtung wurde als „Mädchenrock“ beschrieben. Wenige Jahre später über­nahmen wir diese Zu­schreibungen selbst und nannten unseren Musikstil „Female Art Rock“. In den männlich-dominierten Bereichen, in denen wir einen Groß­teil unserer Jugend verbrachten, lernten wir schnell, dass Geschlecht – vor allen Dingen von jenen, die von einer cis-männlichen Norm abweichen – irgendwie immer eine Rolle spielte, ob wir wollten oder nicht.

„Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“

Eine kleine Aus­wahl an Sprüchen gefällig, die viele Musikerinnen hören?*

  • „Das ist hier kein Kaffeekränzchen“ – der genervte Ton­techniker, weil der Soundcheck mal etwas länger dauert.
  • „Hier musst du dein Kabel reinstecken“ – irgendein Musiker zur Bassistin, die eigentlich genau weiß, wohin sie das Kabel in ihren eigenen Bass-Amp stecken muss.
  • „Oh cool, du bist in einer Band? Singst du?“ – irgendein Musiker, der sein Musiker-Dasein nie hinterfragen muss, aber automatisch annimmt, dass eine Frau singt. Obwohl sie Schlag­zeugerin oder Gitarristin ist.
  • „Warte, ich trage das“ – ein hilfs­bereiter Musiker, der nur Musikerinnen (nicht anderen Musikern) seine Hilfe anbietet und sich vielleicht nicht vorstellen kann, dass wir seit Jahren unsere eigene Technik tragen.
  • „Sorry, aber eigentlich dürfen hier nur Band­mitglieder in den Backstage“ – das letzte Mal habe ich das auf einem Festival vor ungefähr einem Jahr gehört (Hallo, 2013!), auf dem ich mit meiner Band spielte. Ich konnte ja unmöglich Musikerin sein und wurde wohl für einen Fan der Band gehalten.
  • „Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“ – Klassiker. Hundertmal gehört.

Diese Erfahrungen bildeten den Nährboden für meine stetig voran­schreitende Sensibilisierung für diskriminierende Strukturen, aber führten auch zu einer großen Portion Internalisierung: Oftmals mackerte ich einfach mit anderen Musikern um die Wette (kann ich immer noch gut!), wertete weiblich konnotierte Eigen­schaften, Tätig­keiten oder Musik­stile wie z.B. Popmusik ab (mache ich heute nicht mehr, Beyoncé saved my life) und fing erst an, bestimmte ausschließende Strukturen in non-professionellen Musik­bereichen zu erkennen und zu hinter­fragen, als ich mich mit feministischen Ideen vertraut machte.

Während das Prinzip „nicht labern, einfach Mucke machen“ in non-professionellen Rock, Metal und Hip Hop Kreisen oftmals dazu genutzt wird, um Diskussionen um ausschließende Strukturen mundtot zu machen, wurde mir irgendwann klar, dass dieses „einfach Mucke machen“ ganz bestimmten Menschen leicht fällt, während andere kaum auf der Bühne zu finden sind oder sich gar nicht erst trauen. „Einfach Mucke machen“ muss mensch sich leisten können. Und das nicht nur finanziell.

Linke Musik-Kontexte sind nicht zwangsläufig auch emanzipatorisch

Die oben aufgezählten Sprüche geben die ersten Hinweise: Auch in sich als links und progressiv verstehenden Musik-Kontexten herrschen ganz schön starre Normen und ziemlich ausschließende Ideen davon, was „gute“ Musik ist und wer „ein guter Musiker“ ist; ja, eigentlich bereits, wer überhaupt als musizierende Person vorstellbar ist: Alle, die nicht dem cis-männlichen, weißen, heterosexuellen und ableisierten Ideal entsprechen, wurden und werden exotisiert und in ihrer vermeintlichen „Andersartigkeit“ hervor­gehoben.

Ich hörte oft genug, wie Musiker andere Musikerinnen auf der Bühne nach ihrem Aussehen bewerteten; die „Ausziehen“-Rufe sind kein schlechtes Klischee, sondern immer noch Realität; Schwarze Musiker_innen werden mit Beschreibungen versehen, die auf ihre Hautfarbe anspielen und sie somit darauf reduzieren; Jungs/Männer, die als schwul gelesen werden oder es sind, werden abgewertet und verlieren Männlichkeits-Credibility; lesbische/bisexuelle Liebe wird nur so lange geduldet wie sie dem männlichen hetero-Blick dient; Menschen, deren Körper nicht in die Norm des als „kraftvoll“ und „gesund“ markierten Idealkörpers passen, erfahren Spott. Für diesen Text musste ich nicht recherchieren, keine anderen Musiker_innen befragen: Alles mehrfach erlebt, gesehen, gehört; manchmal selbst mitgemacht. Wer in solchen Kontexten aufwächst, verinnerlicht ganz schön viel Mist. Hast du drei Stunden Zeit? Ich habe hundert Anekdoten.

Diese Erlebnisse haben mich ziemlich kritisch, wütend und (manche würden sagen: hyper-)sensibel gemacht: Sobald ich in einen Raum reinkomme, der sich als links und progressiv versteht, aber in dem nur weiße Typen mit Gitarren sitzen und sich als Außenseiter dieser Gesellschaft stilisieren (no joke, read their lyrics), möchte ich die PA aufdrehen und in das Mikro reinkreischen, bis die Ohren bluten. Oder die Poster mit den nackten Frauen­körpern abreißen, die ganz normal in „linken“ Proberäumen dieser Stadt hängen. „Ist kein Sexismus, ist nur Sex“ erklärte mir mal einer. Traurig ist, dass da auch manche der wenigen Frauen mitmachen, die sich in diesen Kontexten bewegen.

Manchmal möchte ich einfach mitten in den Proberaum kotzen, wenn einer dieser Typen wieder „schwul“ als Schimpf­wort verwendet. „Ist doch nicht homophob gemeint, eher so ne Metapher, ey! Hab dich mal nicht so, bekämpfe lieber die richtige Homophobie, nicht nur so’n Sprachkram, da wird’s mit der Revolution nix“ sagt dann irgend so ein weißer Dreadlock-tragender Dude, der immer nur andere Dudes abfeiert. Einer, der auf die Frage, warum ihm keine Schlag­zeugerin einfällt, antwortet, dass es halt nicht so viele gibt, dafür „könne er ja jetzt nix“. Denn: „Auf die Qualität kommt es ja an, nicht auf das Geschlecht.“ Aber rein zufällig sind es immer Typen, die mit Qualität in Zusammen­hang gebracht werden.

Wie viele Schlag­zeugerinnen kennst du denn? Nicht viele? Das ist kein Zufall, sondern Resultat von ausschließenden Strukturen und unter­schiedlichen Erwartungs­haltungen: Jungs sind Schlagzeuger und Gitarristen, Mädchen spielen Flöte und singen. Und da sitzen die Musik-Dudes dann, umgeben von anderen Musik-Dudes und nackten Frauen­körpern an der Wand, philosophierend und „no homo“ Witze machend, während sie andere Musiker abfeiern, und sich über die wenigen Schlag­zeugerinnen lustig machen, die sie kennen: „Haha, voll die langweiligen Beats!“. Und trotzdem finden sie nicht, dass ihr Verhalten irgendetwas damit zu tun hat, dass z.B. viele junge musik­interessierte Mädchen wenig Mut entwickeln, selbst zum Instrument zu greifen.

Es gibt Alternativen!

Gerade weil auch in sich als links verstehenden non-professionellen Musik-Kontexten immer noch solch ein Klima herrscht, ist es wichtig, Angebote für Kinder und Jugend­liche zu schaffen, die ermutigend sind und verschiedene soziale Grenzen herausfordern: In den letzten Jahren haben sich auch in Deutschland und Österreich alternative Musik­camps entwickelt. In Berlin gibt es das Rock und Hip Hop Camp für Mädchen, Trans* und Inter* und seit letztem Jahr auch das Mädchen-Kreativ Projekt Lauter Mädchen mit dem Schwerpunkt Musikmachen (am 24. Mai 2014 findet das Mädchenfestival statt); in München gibt es das Rock Camp für Mädchen und Frauen und in Graz das Girls Rock Camp für Mädchen und junge Frauen. In unserer Serie Wann Disco? Listen Up! stellen wie euch viele spannende Musiker_innen vor.

Alle diese Initiativen sind stets auf Spenden angewiesen und freuen sich über Unterstützer_innen. Damit uns irgendwann, wenn wir ans Schlagzeug spielen denken, nicht immer nur Typen einfallen, die dahinter sitzen.

* Mehr zum Thema Musik machen als Frau_Lesbe findet ihr im Buch „Queer_Feminismus. Label & Lebensrealität“ von Nadine Lantzsch und Leah Bretz oder auf dem Blog der feministischen Punkband Respect My Fist.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 20. Mai 2014 um 9:15 Uhr unter Aktivismus, Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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10 Kommentare

  1. Jenna sagt:

    Oh ja, davon kann ich ein Lied singen! Ich spiele Bass in einer Band, in der sonst nur Männer* mitspielen. Aber nicht nur das – ich schreibe auch Songs und Texte für die Band. Unser Sänger interpretiert dann die Texte, die ich ihm auf den Leib geschrieben habe (er schreibt aber auch selbst Texte). Das ist für viele unvorstellbar. „Was, du spielst in einer Band?!“ „Singst du?“
    Manchmal passiert es auch, dass ich von Interviewer*innen oder Fotograph*innen etc. eher wie Staffage behandelt werde, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ich wesentlich zum kreativen Prozess der Band beitrage. Zum Glück sind meine Bandkollegen anders und betonen auch immer wieder nach außen, dass wir die Songs zusammen machen oder dass ich diesen und jenen Text aus dem Lieblingslied soundso oder den kompletten Song geschrieben habe.
    Ich kann mir aber vorstellen, dass es für eine reine Frauen*band da noch wesentlich schwieriger ist.
    Die Frage ist doch auch, an welchen Standards Frauen*bands gemessen werden und dass nicht verstanden wird, dass es ein Prozess ist, eine „gute“ Band zu werden. Männer*bands sind am Anfang ihrer Karriere auch nicht immer so tight und abgecheckt. Erst durch viel Live-Erfahrung werden die meisten Bands richtig gut. Gerade in meiner Jugendzeit hatte ich jedoch bei den Konzerten sehr wenig Bock auf das Pimmel-Vergleichs-Gehabe und sexistische Dummsprüche unter den (meist ausschließlich cis-männlichen*) Bands. Wenn meine Bandkollegen nicht gewesen wären, mit denen ich wirklich großen Spaß hatte/habe, hätte ich das bestimmt schnell hingeschmissen.
    Fazit: Die Subkultur innerhalb der Bandszene kann für Mädchen*/Frauen* abschreckend sein und setzt für ihre Bands andere Maßstäbe. Zudem müssen Frauen* in Bands häufig Außschließungsprozesse überwinden/erdulden, die einer* die Freude am Spielen/Jammen/sich Ausprobieren/Weitermachen gehörig verderben können.

  2. Tina sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich spiele Bass in zwei Death-Metal-Bands und hab entgegen der Erwartungen eher positive Erfahrungen gemacht. Die meisten Jungs/Männer finden es super, wenn eine Frau so brutale Musik macht bzw. dabei ist und mitmischt. Natürlich freue ich mich, wenn uns auf der Bühne zugerufen wird „Voll geil, dass bei euch eine Frau mitmacht!“, andererseits möchte ich das nicht hervorheben. Ich will einfach ganz normal mitmachen.
    Zu den negativen Erfahrungen gehört in letzter Zeit, dass mir das Gefühl gegeben wird, dass Frauen ja „immer“ den Bass spielen (oder Sängerinnen/Shouterinnen sind), weil das ja das einfachste Instrument ist (ok, dann spiel doch meine Parts mal). Und wenn frau Gitarre spielen würde, hieße es dann „Ja ok, aber die Parts sind ja nicht soooo schwer“. Usw usw. Also es gibt scheinbar keinen richtigen Weg.
    Ich finde es generell immer toll, wenn Frauen dabei sind, egal wie: Musikerinnen, Sängerinnen, Veranstalterinnen, Künstlerinnen, Tontechnikerinnen … Macht mit! Lasst euch nicht durch Vorurteile oder eure Angst zurückhalten! Habt Spaß und kümmert euch nicht um das, was die anderen sagen (außer es sind Komplimente, haha).
    Rock on!
    Tina
    PS: ich kenne zwei Schlagzeugerinnen. Nicht viel, aber immerhin. ;)

  3. julia sagt:

    hallo anne hallo interessierte!
    gut geschrieben!

    ich kenne tatsächlich nur 4 schlagzeugerinnen und das ist sehr schwach angesichts der menge an bands die ich schon gesehen habe!

    habt ihr nicht lust zu dem thema einen video beitrag zu produzieren? hab grade eine ausschreibung gelesen bei der man leicht als initiative und/ oder einrichtung 300€ oder 500€ bekommen kann! die ausschreibung endet am 27.5. es ist also eile geboten! ich würde euch gerne unterstützen!
    liebe grüße
    julia
    erreichbar unter klinke.jugendclub@gmx.de

  4. Daria sagt:

    Vielen, vielen Dank für diesen sehr wichtigen Artikel!
    Ich weiß garnicht, wo ich überall gratulieren und zustimmen soll. :D

    Ich spiele seit einem guten Jahr Schlagzeug in einer Band (habe auch erst Mitte zwanzig angefangen) und bin dort „alleine“ unter Männern*. Von meiner Band fühle ich mich eigentlich total supportet.

    Was mich oft zweifeln lässt und an meinem Selbstbewusstsein kratzt sind die Reaktionen von außen. Sei es die im Artikel beschriebene tausend-mal-gehörte Annahme, dass ich Sängerin wäre oder übertrieben positive Reaktionen („Oh wow, krass!“-„Äh hä, wieso jetzt?“).
    Besonders ekelhaft finde ich dieses ständige male* bonding in der Szene. Konzertanfragen laufen nicht über mich, sondern immer über die anderen Bandmitglieder, die dann eben auch die wichtigen Connections haben.
    Was mich aber am allermeisten ankotzt, ist dass diese Leute nicht kapieren, dass sie ein Teil des Problems sind. Wie oft bekomme ich dieses „oh krass, es gibt ja kaum weibliche Schlagzeugerinnen, wieso eigentlich?“ an den Kopf geworfen so nach dem Motto „du musst mir jetzt eine adäquate auführung dazu liefern warum das so ist, du bist ja schließlich eine von den wenigen.“ In Zukunft werde ich auf diesen Artikel verweisen..

    Es ist im Übrigen immer noch krass, wie männlich* (& Weiß) dominiert diese Szenen sind. Ich wünschte ich hätte wenigstens anderen weibliche* Bandmitglieder in meinem Umfeld, mit denen ich mich austauschen könnte. Wenn sich dann mal Frauen in diesem Umfeld trauen Musik zu machen, macht man(n) sich genüsslich drüber lustig und klopft sich gegenseitig auf die Schulter, wie viel besser man doch sei. An manchen Punkten ist es wirklich nicht einfach dabei zu bleiben, aber es kann auch so viel Spaß und Kraft bringen Musik zu machen.

    Traut euch – probiert es aus, nehmt Platz ein! :)

  5. MidiGrrrl sagt:

    Danke für den Post und das Teilen deiner Erfahrung! Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass subkulturelle Szenen genau so *istisch sein kann wie „die da draussen“.

  6. wir sperrten uns, drei Frauen, aus dem proberaum aus und kamen so in kontakt mit den anderen bands drumherum.
    Das Patriarchat: „Spielt ihr oder hört ihr nur zu?“
    “ Hä??“
    Das Patriarchat: „Spielt ihr oder hört ihr nur zu?“
    „Wir sind die Band.“
    Das Patriarchat: „Ja aber spielt ihr oder hört ihr nur zu?“
    „Wir SIND die Band.“
    Frauen gehören nur als Begleitung in den Proberaum, als Assesoir. Als sie dann fragten was wir für Musik machen und wir „scrrremo“ antworteten, wars dann ganz vorbei. Wenigstens Balladen können wir als Frauen ™ ja spielen! [/ironie]

    Danke für diesen Text! Ich persönlich kenne mehr Schlagzeugerinnen als Schlagzeuger weil ich das Patriarchat auf Bühnen kaum aushalte.

  7. Alex_a sagt:

    Auch von mir: DANKE!
    Ich hab mit ca. 15 für ein paar Jahre Schlagzeug gespielt, mich aber nie „getraut“, in eine Band zu gehen (es spielten auch Zeitgründe eine Rolle, aber wahrscheinlich nicht die Entscheidende). Eine enge Freundin von mir war Bassistin in einer Frauen*band, die haben sich da irgendwie so „durchgebissen“ bzw (wir waren damals alle noch unter 20 ;-) ) haben die ihnen zugewiesene „Mädchenband“-Rolle gespielt.

    Ein damals guter Freund von mir, der mir das Schlagzeugspielen auch beigebracht hat, spielte in mehrern Bands. Auch da hab‘ ich so oft diese Sprüche (oder ganz freundlich gemeinten Aussagen) wie „Es ist immer top, in einer Band ’ne Frau am Bass zu haben, das sieht sexy aus, das zieht Publikum an!“ gehört und all die nackten Frauen* an jeder Proberaumwand gesehen, hab‘ die selben Antworten gekriegt, wenn ich nachgefragt habe („Naja, das hing da schon, als wir in den Raum gekommen sind, sieht doch schön aus, das ist doch kein Sexismus, …“) und auch das male bonding und die Connections, die immer über weiße Typen liefen (in all der Zeit keine einzige PoC in irgendeinem Bandkontext gesehen). Frag‘ mich, ob das jetzt, 5-10 Jahre später, noch genau so ist…

  8. Ilma sagt:

    Ich finde den Artikel auch super. Ich bin seit Jahren Sängerin in Bands und organisiere Konzerte, war mit auf Tour und kann eben auch zig Anekdoten erzählen. Mich nervt es allerdings, dass der Posten der Sängerin/ Shouterin einerseits abgewertet wird, so als wäre es ein total einfacher anspruchsloser Job und man wäre nur zu dekorativen Zwecken dabei (Das passiert meines Wissens und meiner Erfahrung nach nur bei weiblichen Sängerinnen) und man andererseits auch sprachlich immer wieder ausgesondert wird. Es heißt Frontfrau, female fronted, man gehört in die Kategorie female singers/ female shouters in irgendwelchen Foren oder auf Musikseiten, Internetradio-Radiostationen etc., was soviel heißt wie: es gibt eine eigentliche Band und die Sängerin steht davor und spielt eine Sonderrolle. Das Songwriting ist die eigentliche Leistung und da ist man nicht dabei. Und man ist etwas besonderes, etwas nicht normales. Damit geht einher, das man auch besonders beachtet und beobachtet wird. Ist man feminin als Shouterin, ist man dem Job nicht gewachsen und nicht hart/krass/gut genug. Man muss es den Typen gleichtun und sich möglichst männlich inszenieren. Denn shouten wird ja ’normalerweise‘ von Männern praktiziert. Dann darf man aber auch bitte kein Problem damit haben, zu hart angegangen zu werden. Man muss, so meine Erfahrung, fast besser sein als männliche Shouter. Oder man darf sich selber überhaupt nicht ernst nehmen und wird nicht ernst genommen, sondern ist eher süß/witzig. Das finde ich mitunter bemerkenswert. Kürzlich hat eine tolle Frauenpunkband gespielt. Alle fanden es toll, aber es gehörte dazu, dass alle wiederholt über die Band gelacht haben und sie sich selbst nicht ernst nehmen. Ich finde das irgendwie super, aber auch gleichzeitig tragisch.
    Das Male-Bonding, was hier in den Kommentaren angesprochen wird, ist etwas, was ich sehr stark beobachte. Ich bin nun seit 15 Jahren in der „Hardcore-Jugendkultur“ aktiv, habe zig Bands veranstaltet, war mit auf Tour, bin selbst getourt und doch ärgere ich mich immer wieder darüber, dass ich nicht teil des bonding werde, aber teilweise männliche Konzertbesucher in besonderer Weise angesprochen werden. Mir wird immer wieder für das Essen gedankt. Schreiben mich Bands an um hier zu spielen, heißt es: Hey man, oder: Hey Dude in der Anrede, weil man es sich wohl nicht vorstellen kann, dass eine Frauen Konzerte veranstaltet und zu guter Letzt steht in den zig Reviews unsere Platte „wütender junger Mann“ oder „die Jungs von“ oder „der Sänger …“, weil es anscheinend unhinterfragt erwartet wird, dass so eine Musik von Jungs gemacht wird. Ich will auch teil eines bonding sein, aber dazu bin ich dann doch irgendwie zu tough, zu krass, zu selbstbewusst, ist mein Eindruck. Mich kann man nicht einsortieren. Wird aber jemandem offenbar, dass ich den Typen von der und der JUngsband kenne, ist man plötzlich nett zu mir. Mit meinem Musikwissen stelle ich so manchen in die Ecke und einige der melancholischen schwarzgekleideten bärtigen Boys, die melancholischen Hardcore spielen und selbstverständlich erwarten, dass sie nach uns spielen, habe ich ganz unverblümt live tapeziert, was mir eine Freude war, aber gleichzeitig bedeutet diese Situation auch besonderen Leistungsdruck, was extrem ausschließend war. Will man wer sein, muss man ganz vielen Kriterien entsprechen und ganz besonders gut/wissend sein. Ich habe gar keine Lust dagegen anzugehen, wenn ein Typ mal wieder davon ausgeht, dass wir mit unsere Musik nachrangig sind und dann leider feststellen muss, dass wir live alles an die Wand spielen und hinterher auf den Resten der Bühne sein Glück versuchen kann. Aber was ich mitunter schade finde, ist das es überhaupt kein female bonding oder whatever gibt. Ich habe mich damit schon länger rumgeschlagen und den Eindruck, dass es in den 90ern viel mehr feministische Aktion in der Hardcoreszene gab und sich Frauen_Lesben zusammengetan haben und solidarisch waren und so etwas für sich erreichen konnten. Also rufe ich dazu auf alle eure Freund_Innen ins Boot zu holen und zusammen zu versuchen, der Brotherhood etwas eigenes entgegen zu setzen. Hardcore-whatever ist mein Leben und ich will genauso ein Teil davon sein, wie irgendein männlicher Hardcoreboy Teil davon sein kann, der gerade mal angefangen hat. Ich bin schon so lange dabei und doch kann ich es nicht ganz sein. Und bevor mir die Lust vergeht, will ich versuchen, es anders zu machen und hoffe, dass ich damit nicht alleine bin. <3

  9. Magda sagt:

    Liebe Alle,

    vielen, vielen Dank für eure Gedanken, Eindrücke und Ergänzungen!!

    Ilma, es gibt zumindest ein paar Netzwerke von Musiker_innen und Konzertorganisator_innen, die mir bekannt sind (z.B. Touring Queer/Grrrl-Bands auf Facebook) und Riot Grrrl Berlin und La Moustache sind auch sehr aktiv.

  10. […] setzt sich auf der Mädchenmannschaft mit Musik und Geschlecht, Rassismus, Ableismus und andere Diskriminierungen und Stereotypisierungen […]