Wer will denn da Spielverderberin sein?

von Helga

Juchu, die deutschen Fußballerinnen sind Europameister und das nach einem verdienten 6:2 gegen England. Die Engländerinnen spielten zunächst gut mit und ließen sich durch die 2:0 und 3:1 Rückstände nicht unterkriegen. Schließlich fehlte ihnen doch die Puste und Birgit Prinz und Inka Grings legten nach. An dieser Stelle auch ein Riesenkompliment an die Trainerin Hope Powell, die den englischen Frauenfußball unglaublich nach Vorne gebracht hat.

Allen Errungenschaften zum Trotz, die Berichterstattung über Fußballerinnen bleibt fixiert auf Äußerlichkeiten. So verlinkte die Startseite der Neuen Osnabrücker Zeitung bis vor kurzem folgende Bildergalerie:

Neue OZ

Der Artikel zur Bildergalerie über „Deutschlands schönste Fußballerin“ der Welt enthält folgende wichtige Informationen:

Neid strich dort selig mit ihrem Glas Prosecco umher, einige Spielerinnen wie Fatmire Bajramaj hatten sich besonders hübsch gemacht, andere wie Kerstin Garefrekes erschienen in rosafarbener Sportjacke.

Der Spiegel berichtet über das beste Beispiel, dass Frauenkleidung nicht nur kritisch beäugt wird, sondern auch jeder sein Urteil darüber fällen darf.

Sie haben sich „schick“ gemacht, hatte der Moderator vom HR3 vor dem Auftritt gewitzelt. Die Fußballtrikots haben sie gegen die „kleinen grauen Kostümchen“ ausgetauscht. Es ist ein Scherz, mit dem die Frauen gut leben können. Gänzlich undamenhaft hüpfen sie auf dem steinernen Balkon auf und ab, die im Haus empfangenen Blumensträuße schmeißen viele gleich zu Beginn ins Publikum.

Ob damit wirklich alle gut leben können und nicht doch das schiefe Grinsen nur des lieben Frieden willens wählten? Gute Miene zum bösen Spiel zeigen und bloß nicht die eigene Unzufriedenheit demonstrieren – das sind Verhaltensweisen, die die Gesellschaft Frauen seit Jahren vorschreibt.




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Eintrag geschrieben: Samstag, 12. September 2009 um 19:16 Uhr unter Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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13 Kommentare

  1. … ich war am Freitag Nachmittag am Frankfurter Römer, als die Fußball-Frauen im Rathaus empfangen wurden, und danach auf dem Balkon erschienen! Das war großartig!

    … eine kleine Ergänzung: Nein, nein, Helga, man beschränkt sich in nicht nur auf Äußerlichkeiten, sondern auch auf innere Werte! Zum Beispiel die uns Frauen ureigene Bescheidenheit! Denken wir nur an den Kommentar unseres Bundespräsidenten Köhler. Dieser merkte kurz nach dem Endspiel in Helsinki freudestrahlend an, wie schön das sei, dass es den Frauen noch um das Fußball-Spielen ginge und nicht nur ums Geld … ah ja.
    In diesem Zusammenhang: Weiß eigentlich jemand, ob die National-Spielerinnen alle HAUPTBERUFLICH Fußball spielen? Und wenn ja, wie lange schon? Und wie sieht es mit anderen Spielerinnen aus?

  2. Helga sagt:

    Zitat aus der Wikipedia:
    „Auch heute noch ist Frauenfußball in Deutschland reiner Amateursport.“ Im Amerika gab es wohl mal eine Profiliga, aber das scheint es gewesen zu sein.

  3. Julie sagt:

    Die Menschen auf dem Römer können froh sein, das sie keine Bügeleisen oder Kaffeeservices fangen mussten. Da sind Blumen noch relativ human… ;>

    verena elisabeth: Ich glaube die meisten haben einen Job und selbst die die keinen haben haben wohl zumindest eine Ausbildung oder machen eine. Ein paar sind glaub ich Physiotherapeutinnen und eine Versicherungsvermittlerin (Grings wars glaub ich?). In der Wikipedia stehen über die meisten Spielerinnen ein paar Sätze. Und was der Bundeshorst da abgeblubbert hat war wirklich ein bisschen dümmlich.

  4. Sebastian sagt:

    Gute Miene zum bösen Spiel zeigen und bloß nicht die eigene Unzufriedenheit demonstrieren – das sind Verhaltensweisen, die die Gesellschaft Frauen seit Jahren vorschreibt.

    Hallo Helga. Kannst Du dies denn auch belegen? Dies ist ja zunächst erst einmal eine reine Behauptung, daß „die Gesellschaft“ Frauen bestimmte Verhaltensweisen vorschreibt.

    Kannst Du dies denn einmal konkret illustrieren?

  5. Helga sagt:

    „Kannst Du dies denn einmal konkret illustrieren?“

    BITTE? Schau zuerst mal in die Netiquette oder auf http://derailingfordummies.com (z.B. „I Don’t Think You’re As Marginalised As You Claim“)

    Ansonsten:

    Frag Deine Oma.

    Schau in „Deutsch-Anwalt“:

    „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn ihr infolge iher Veranlagung […] versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Widerwillen oder Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet.“

    Urteil des BGH, 1967

    Google „fünfziger ratgeber frauen“ und Du findest sowas: http://www.wirtschaftswundermuseum.de/pageID_8059765.html

  6. jj sagt:

    Wirklich?

    http://www.kress.de/cont/story.php?id=130194

    Und wenn Bastian Schweinsteiger und Christiano Ronaldo mit nacktem Oberkörper vermarktet werden, dann hat das natürlich nichts mit ihrem Aussehen zu tun ;)

    „Der Spiegel berichtet über das beste Beispiel, dass Frauenkleidung nicht nur kritisch beäugt wird, sondern auch jeder sein Urteil darüber fällen darf.“

    Och Helga, seien wir doch mal ganz ehrlich. Frauen haben eine weitaus größere Auswahl an Kleidungsmöglichkeiten als Männer, für die ja um „ernst genommen“ zu werden, im Regelfall wirklich *nur* der graue oder blaue Anzug zur Verfügung steht. Den streifen sich Fußballer ja nicht umsonst über, um dem Spiel eine zusätzliche Bedeutung zu geben.

    Und die Sache mit dem Profitum – Wenn sich irgendwann mehr Leute dafür interessieren als bisher, dann werden auch mehr Leute für Frauenfußball Geld ausgeben. Solange das nicht der Fall ist, dürfen diejenigen, die sich dafür interessieren, darüber freuen, daß der DFB den Frauenfußball so großzügig unterstützt, wie er das tut.

    Wie schwer es ist, neue Sportarten zu etablieren, ist doch auch für andere Sportarten immer wieder erkennbar: Basketball in Deutschland, Fußball in den USA. Man kann doch echt nicht von Diskriminierung sprechen, nur weil die Leute in den USA sich für Baseball anstelle von Fußball interessieren. Ist halt so.

    Daher, ganz ernsthaft: “I Don’t Think You’re As Marginalised As You Claim”.

  7. @helga,
    … danke für die schönen, äh, gruseligen links … ansonsten existieren ja in jeder gesellschaft und für alle beteiligten informelle verhaltens-codes, die wir alle sehr oft verinnerlicht haben.
    und von denen wir ungern zugeben, dass wir ihnen unterliegen, wie z.b. : ”gute miene zum bösen spiel machen“, weil man/frau nicht entgegnet bekommen möchte: „jetzt reg dich doch nicht immer so auf!“ oder ähnliches. ich spreche da aus subjektiver, aber zahlreicher erfahrung, knirsch.

    @jj
    „… Och Helga, seien wir doch mal ganz ehrlich. Frauen haben eine weitaus größere Auswahl an Kleidungsmöglichkeiten als Männer …“

    … na, das ist mir auch schon des öfteren aufgefallen. ich frage mich auch, weshalb sowenig männer röcke, schuhe mit absätzen, oder einfach figurbetonte t-shirts tragen. wieso ist das denn so? ;-)

    ps. Och, jj, ja ich freue mich auch wahnsinnig, dass der dfb den frauenfußball endlich fördert. nachdem er es ihm ja bis 1970 verwehrt hatte, überhaupt auch nur am spielbetrieb teilzunehmen. na, ein wenig marginalisierung war das schon im spiel, oder? aber das wird sich ändern, mehr und mehr, und in zwei jahren ist die WM in D!
    —-> man kann übrigens sehr leicht leute verwirren, wenn man ihnen erzählt, dass 2011 die WM in deutschland stattfindet. dann fangen sie oft an zu rechnen, und meinen: ”näh, kann net‘ sein.“

  8. Helga sagt:

    Och jj, es geht nicht darum *was* Frauen tragen dürfen, sondern dass *jeder seinen Senf* dazugeben darf. Auch dieses Argument war direkt aus Derailing For Dummies.

    Ich beschwere mich im Übrigen nicht darüber, dass sich wenig Leute für Frauenfußball interessieren oder dass die keine Profis sind, ich beschwere mich, dass hier an den alten Verhaltensvorgaben/weisen „Frauen müsen hübsch angezogen sein, Frauen müssen immer nett sein und allen Leuten gefallen, Männer entscheiden, was hübsch aussieht und ob die Frauen gut angezogen sind“ festgehalten wird. Dass der Frauenfußball immer noch ein reiner Amateursport ist, habe ich einfach nur notiert.

    Genug Off-Topic-Kommentare: Das Thema das Posts ist die Berichterstattung über Fußballerinnen.

  9. access denied sagt:

    Wundert mich gar nicht. Vor ein paar Jahren wurden noch Kaffee-Services als Preis verschenkt (in den USA Sportwagen). Das Frauenfussball immer noch als Amateursport angesehen wird, liegt an der bürgerlichen Ideologie und dem Charakter von Fussball als rücksichtsloser Kampf ums den Endsieg. Das dieses primitive Spiel, bei dem sich die Spieler körperlich kaputt machen, nicht auf die Schnelle geändert werden kann, liegt auf der Hand. Allerdings sollten die Spielerinnen auch mal drauf verzichten, mit Nagellack zu spielen.

  10. Sebastian sagt:

    Hallo Helga,

    ich habe Dich gefragt, inwiefern Du belegen kannst, daß „die Gesellschaft“ bestimmte Verhaltensweisen von Frauen einfordert.

    Dazu schreibst Du mir einen Text von 1967. Selbst wenn dieser noch heute gelten würde, muß sich doch keine Frau daran halten.
    Ist Dir dies denn bewußt, daß Du mir einen Urteilstext schreibst, der mehr als 40 Jahre alt ist?
    Es ist Dir doch sicherlich daran gelegen, seriös zu argumentieren.

    Dann sagst Du mir noch, ich soll meine Oma fragen. Das verstehe ich als Verlegenheitsantwort.

    Den englischsprachigen Link, den Du mir gegeben hast, habe ich nicht ganz verstanden. Ich glaube, da geht es um Konversationstips und -strategien.
    Dies ist also ein Beleg für Dich, daß „die Gesellschaft“ etwas von Frauen fordert.

    Ich finde Deine Antwort nicht überzeugend.

    Kannst Du Dir denn vorstellen, daß es sich dabei um eine Konstruktion handelt? Die mit der Wirklichkeit nich viel zu tun hat?

    Ich beobachte jedenfalls häufig, daß Feministinnen und Gender-Theoretiker beliebige Konstruktionen vornehmen, die ihren ideologischen Anschauungen entsprechen, die sie aber selbst kaum kritisch hinterfragen.

  11. Sebastian sagt:

    Ich hab den Link jetzt übrigens besser verstanden. Der ist doch recht lustig. Ich mag gerne unkorrekten Humor.

    Was ist denn an diesem Link problematisch? Und was hat das mit dem Thema zu tun?

  12. Christian sagt:

    Das Sex-Urteil des BGH regelt keine tatsächlichen Pflichten, sondern es geht um die Prüfung des damals geltenden Schuldprinzips bei der Scheidung. Der Richter mußte ermitteln, wer Schuld am scheitern der Ehe war. Die Frau hielt es in diesem Fall bezüglich des Sexes in der Ehe für ausreichend, wenn sie den Mann ihren Körper zur Verfügung stellt und er dann damit Sex hat, während sie gelangweilt danebenliegt. Sie selbst konnte keinen Spass am Sex haben und sah nicht ein, dass er das trotzdem wollte

    Das fand der BGH dann doch etwas wenig und verstand, warum der Mann nicht an der Ehe festhalten wollte. Ich finde das im übrigen auch nicht zuviel verlangt. Das Urteil wäre im übrigen bezüglich des Schuldprinzips problemlos auf Männer übertragbar gewesen und ist insofern geschlechtsneutral.

    Da das Schuldprinzip seit 1976 durch das Zerrüttungsprinzip abgelöst wurde hat das Urteil keinerlei Relevanz mehr.

    Es kann also gerade nicht illustrieren, inwieweit Frauen heute oder auch nur seit 1976 Regeln vorgeschrieben werden.

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