Wer war… Mascha Kaléko?

von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 39 von 50 der Serie Wer war eigentlich …

Die Dichterin und Autorin Mascha Kaléko wurde am 7. Juni 1907 in Chrzanów, heute Polen, geboren. Bereits als Kind erlebte sie antisemitisch motivierte Ausgrenzung und Gewalt in ihrem Umfeld. Heute vor 39 Jahren, am 21. Januar 1975, starb sie in Zürich, auf dem Weg in ihre zweite Wahlheimat Israel. Zuvor hatte sie viele Jahre mit ihrem Sohn, der 1968 als junger Mann starb, und ihrem Ehemann in den USA gelebt. Dorthin war die Familie 1938 von Berlin emigriert, nachdem die Nazis einige Jahre zuvor Kalékos Lyrik geschmäht und verboten hatten.

1960 wollte man ihr den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin (West) verleihen; wegen eines ehemaligen SS-Mitgliedes in der Jury, Hans Egon Holthusen, lehnte sie dies jedoch ab.

Erfahrungen des Exils, der Heimatlosigkeit und des Nichtdazugehörens sind Motive, die Kaléko in ihren Gedichten immer wieder aufgriff, aber auch Alltags- und Beziehungsroutinen – Entfremdung, nicht zuletzt vom ausbeuterischen Arbeitsalltag. Gerne wird sie inhaltlich und stilistisch mit Zeitgenossen wie Erich Kästner und Joachim Ringelnatz verglichen –  ihr wurde allerdings lediglich ein Bruchteil des Ruhms zuteil, den diese Kollegen durch ihr dichterisches Schaffen erlangten.

Gisela Zoch-Westphal, Verwalterin des literarischen Nachlasses von Mascha Kaléko, schreibt über die Autorin, angesichts deren Biografie und auch der Ausschlüsse die sie selbst bisweilen in ihren Werken re_produzierte womöglich etwas leichthin:

Mit Charme und Humor, mit erotischer Strahlkraft und sozialer Kritik erobert sich die junge Mascha Kaléko im Berlin der Weimarer Republik die Herzen der Großstädter. Sie ist 22, als sie ihre ersten Gedichte veröffentlicht. Es sind Verse (…), die jeder versteht, weil sie von Dingen handeln, die alle erleben: von Liebe, Abschied und Einsamkeit, von finanziellen Nöten, von Sehnsucht und von Traurigkeit. Mit dieser »Gebrauchslyrik« im besten Sinne ist sie im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre berühmt geworden (…). Ihre Poesie ist stets von einer Prise Ironie begleitet, lässt keinerlei Sentimentalität aufkommen. Diese eigentümliche Mischung aus Melancholie und Witz, steter Aktualität und politischer Schärfe ist es, die Mascha Kalékos Lyrik so unwiderstehlich und zeitlos macht.

Auf der Seite Lyrikline sind einige großartige Gedichte von Mascha Kaléko von ihr selbst vorgetragen als Tonaufnahmen zu hören.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 21. Januar 2014 um 9:00 Uhr unter Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Silke sagt:

    Hey,

    velen Dank für diesen Text. Hab mich sehr daürber gefreut, weil ich MK schon seit ein paar Jahren sehr mag. Sie gehört für mich zu den unbekannten Populären – denn obwohl sie gefühlt nur wenige Leute kennen, sind ihre Gedichtbände (jedenfalls in den letzten Jahren) doch alle wiederaufgelegt wurden und problemlos in Buchhandlungen und selbst kleinen Stadtbüchereien erhältlich. Auch ist sie eigentlich regelmäßig in Anthologien à la „die 100 schönsten / beliebtesten / besten Gedichte Deutschlands“ vertreten. Außer der Biographie von GZP gibt es inwzischen auch eine von Jutta Rosenkranz, die vor ein paar Jahren auch die „Gesammelten Werke und Briefe“ (4 Bände) herausgegeben hat.

    Aus feministsicher Perspektive finde ich v.a. MKs Gedichte aus der Zeit der ‚Neuen Sachlichkeit'(d.h. Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre) interessant, besonders jene, in denen es um ‚weibliche‘ wirtschaftliche und emotionale Unabhängigkeit geht. Zum Beispiel das Gedicht „Der nächste Morgen“, dessen letzte Strophe lautet:

    Ich zog mich an. Du prüftest meine Beine.
    Es roch nach längst getrunkenem Kaffee.
    Ich ging zur Tür. Mein Dienst begann um neune.
    Mir ahnte viel –. Doch sagt ich nur das Eine:
    „Nun ist es aber höchste Zeit! Ich geh …“

    Interessant finde ich, was Du über „Auschlüsse, die sie in ihren Werken re_produziert“ schreibst. Was meinst Du damit genau? Würde mich sehr über einen ‚Lesehinweis‘ freuen :-)

    Liebe Grüße

    Silke

  2. Anna-Sarah sagt:

    Hey Silke,

    danke für die Rückmeldung! Ich finde auch, dass vieles in Mascha Kalékos Werk feministisches Potenzial hat, sich feministisch lesen lässt, für feministische Interpretationen (allerdings auch für problematische Aneignungen) fruchtbar gemacht werden kann oder wie auch immer man das rahmen möchte :) Gerade auch weil es so viel um Eigenständigkeit/Auf-sich-gestellt-sein und Alltag geht.

    Mit Ausschlüssen meine ich hier, dass Kaléko in ihren Texten nicht jeder Normativität kritisch begegnet – beispielsweise sind viele ihrer Texte ja sehr heteronormativ, außerdem nicht immer solidarisch anderen Frauen gegenüber, bisweilen werden (verinnerlichte) Sexismen reproduziert, und rassistische Fremdbezeichnungen kommen ebenfalls vor. Sicher lässt sich da auf den historischen Kontext verweisen, Kind ihrer Zeit etc., und auch auf mögliche Ambivalenzen – wie z.B. in dem Gedicht „Einer N. im Harlem-Express“, in dem sie „eigentlich“ schwesterliche Solidarität mit einer rassistisch diskriminierten Frau anruft und sich dabei selbst krass rassistischer Konzepte und Begriffe bedient. Aber das macht es ja nicht weniger analyse- und kritikwürdig, zumal wenn man versucht sie so universell einzuordnen wie in dem Zitat oben („Verse die jeder versteht“, „alle schonmal erlebt“). Ich denke mit solchen Einordnungen sollte man bei kulturellen Produktionen generell behutsam umgehen, weil sie diesem Anspruch selten stand halten und „politische Schärfe“ und „soziale Kritik“ eben selten allumfassend sind.

    Ich hoffe, es ist klarer geworden, was ich meine. Lieben Gruß!