Wer war… Hannah Arendt?

von Viruletta
Dieser Text ist Teil 45 von 50 der Serie Wer war eigentlich …

„Wenn man als Jude angegriffen ist, muß man sich als Jude verteidigen.“

Hannah Arendt, 1963. Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von Ryohei Noda.

Hannah Arendt, 1906-1975. Hier im Jahre 1963.
Dieses Bild wurde zur Verfügung gestellt von Ryohei Noda.

Hannah Arendt war eine jüdische, deutsch-amerikanische Theoretikerin und Publizistin, die heute vor allem mit ihren Aufzeichnungen zum Eichmann-Prozess und dem daraus entstandenen Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen.“ in Verbindung gebracht wird.

Kindheit und Jugend in Deutschland

Johanna Arendt ist am 14. Oktober 1906 als erstes und einziges Kind der säkular jüdischen Eltern Martha und Paul Arendt in dem deutschen Dorf Linden geboren worden und in Königsberg aufgewachsen. Durch den frühen Tod ihres Vaters wurde sie mit nur sieben Jahren zum Kind einer alleinerziehenden Mutter. Martha Arendt, die selbst in Paris studiert hatte, legte viel Wert darauf, Hannah eine gute Schulbildung zu ermöglichen, was zur damaligen Zeit für Mädchen noch keineswegs üblich war. Außerdem war es Martha wichtig, dass Hannah in der Schule aufgrund ihrer jüdischen Herkunft keine Benachteiligung erfuhr. Hannah erhielt die Anweisung, unverzüglich nach Hause zu kommen, wenn von Seiten des Lehrpersonals antisemitische Äußerungen getätigt wurden, egal gegen wen. In diesen Fällen schrieb Martha Arendt sofort einen Beschwerdebrief an die Schulleitung. Hannah lernte dadurch schon früh, sich nichts gefallen zu lassen.

Darüber hinaus begleitete sie ihre Mutter bereits mit 12 Jahren zu politischen Diskussionen. Sie wurde zu einer sehr rebellischen Schülerin und aufgrund dessen auch mit 15 Jahren von der Schule verwiesen, nachdem sie ihre Mitschüler*innen dazu aufgefordert hatte, den Unterricht zu boykottieren. Ihre Mutter, die nach wie vor absolut hinter ihr stand, schaffte es jedoch durch ihre guten Beziehungen, Hannah zu ermöglichen, auch ohne Abitur ein paar Jahre an der Berliner Universität zu studieren. Im Frühjahr 1924 durfte Hannah dann doch noch unter verschärften Bedingungen als Externe ihr Abitur ablegen – sie bestand mit glänzendem Erfolg und war ihrer alten Klasse damit sogar noch um ein Jahr voraus.

Studium bei Heidegger, Husserl und Jaspers

Nach dem Abitur ging Hannah nach Marburg, um dort bei dem jungen Privatdozenten Martin Heidegger zu studieren, mit dem sie kurz darauf eine Affäre einging. Hannah verließ Marburg jedoch schnell wieder, um bei Edmund Husserl in Freiburg zu studieren und anschließend in Heidelberg bei Heideggers Freund Karl Jaspers zu promovieren. Nachdem sie Ende 1928 mit nur 22 Jahren den Titel »Dr. phil.« erworben hatte, beschloss sie nach Berlin zu gehen und ein Buch über die Jüdin Rahel Varnhagen zu schreiben, was für sie zugleich eine Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte bedeutete.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Flucht nach Frankreich

Im Juni 1929 heiratete sie ihren Marburger Studienfreund Günther Stern, der ebenso wie sie aus einer säkular jüdischen Familie stammte. Als dieser im Februar 1933 erfuhr, dass die Nazis seinen Namen in Bertolt Brechts Adressbuch gefunden hatten, floh er nach Paris. Hannah blieb zunächst in Deutschland und begann auf die Bitte ihres Freundes Kurt Blumfeld hin, eine Sammlung antisemitischer Äußerungen in Deutschland anzulegen, um das Ausland darüber zu informieren, was in Deutschland vor sich ging. Die Sache war sehr riskant und führte dazu, dass Hannah und ihre Mutter zu einem Verhör vorgeladen wurden, weshalb sie acht Tage lang inhaftiert blieben. Obwohl sie glücklicherweise noch relativ unbeschadet aus der Sache herauskamen, stand für beide anschließend der Entschluss fest, aus Deutschland zu fliehen. Im August 1933 gelangten sie mithilfe einer tschechischen Fluchthilfeorganisation über Prag, Genua und Genf nach Paris.

Obwohl Hannah in Frankreich keine Arbeitserlaubnis besaß, gelang es ihr, bei einer jüdischen Organisation eine Anstellung zu finden. In diesem Zusammenhang reiste sie auch das erste Mal nach Palästina und war beeindruckt von der dortigen Aufbauleistung. Das zionistische Ziel eines eigenen jüdischen Staates lehnte sie jedoch ab. In Paris lernte die erst frisch von Günther Stern getrennte Hannah Arendt außerdem den ebenfalls aus Deutschland geflohenen Kommunisten Heinrich Blücher kennen, der 1940 ihr zweiter Ehemann werden sollte.

Lagerhaft und Ausreise in die USA

Im Herbst 1939 wurde Heinrich Blücher in das Sammellager Villemalard interniert, doch Hannah schaffte es durch ihre guten Beziehungen, ihn Ende des Jahres wieder nach Paris zu holen. Im Mai 1940 wurde dann auch Hannah aufgefordert, sich in das Lager Vel d’Hiv zu begeben, von wo aus sie zwei Wochen später in das Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen verlegt wurde. Gurs war das größte der damals etwa 100 französischen Internierungslager und ein fast reines Frauenlager. Als die Insassen Mitte Juni erfuhren, dass die Deutschen Paris besetzt hatten, gelang  es Hannah mit etwa 200 weiteren Frauen, Entlassungspapiere zu fälschen und damit das Lager zu verlassen, was sich als ihre Rettung herausstellen sollte – viele der verbliebenen Insassen wurden später nach Auschwitz deportiert. Als Hannah anschließend in Montauban ihren Mann und ihre Mutter wieder traf, beschlossen die drei sofort, Einreisevisa für Amerika zu beantragen. Sie hatten Glück und konnten im April 1941 nach New York einreisen.

Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dessen Einfluss auf ihr theoretisches Werk

Im August begann Hannah von New York aus für die deutschsprachige Zeitschrift Aufbau eine Kolumne zu schreiben, in der sie dafür plädierte, dass die Jüd*innen mit einer eigenen Armee in den Krieg eingreifen sollten. Erst Anfang 1943 erfuhr sie jedoch von dem kompletten Ausmaß des Holocaust und war zutiefst bestürzt und schockiert.

Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können […] Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. […] Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.

Sie begann sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und entwickelte daraus später ihr Werk „The Origins of Totalitarianism“ („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“), in dem sie neben dem Nationalsozialismus auch den Stalinismus analysierte. Im Bezug auf die nationalsozialistischen Vernichtungslager entwickelte sie den Begriff des „radikal Bösen“, welches sie als etwas definierte, was Menschen weder bestrafen noch vergeben könnten. „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ galt schnell als bahnbrechendes Werk und Hannah wurde europa- und us-amerikaweit zu Vorträgen eingeladen. An der Universität von Princeton bekam sie das Angebot, als erste Frau dort Vorlesungen zu halten. Bald darauf folgten ähnliche Angebote aus Harvard und von der New York University. 1954 erhielt sie einen Literaturpreis der National Institutes for Arts and Letters, was ihr Ansehen noch verstärkte. Sie bekam daraufhin auch einen Lehrstuhl an der University of California angeboten. 1958 erschien ihr nächstes Buch „The Human Condition“ („Vita activa oder vom tätigen Leben“), in dem sie sich mit den Begriffen der Arbeit, des Herstellens und des (politischen) Handelns beschäftigte. Bereits nach vier Monaten waren alle Ausgaben vergriffen und das Buch musste neu aufgelegt werden.

Der Eichmann-Prozess und die Entwicklung der These einer „Banalität des Bösen“

1960 erfuhr Hannah Arendt, dass Adolf Eichmann, ein geflüchteter Nazi, der eine zentrale Rolle bei der Massenvernichtung von Jüd*innen während des zweiten Weltkrieges gespielt hatte, vom israelischen Geheimdienst in Argentinien aufgegriffen und nach Jerusalem gebracht worden war. Dort sollte ihm der Prozess gemacht werden. Sie wandte sich sofort an die Zeitschrift The New Yorker und fragte an, ob diese sie als Prozessberichterstatterin nach Jerusalem schicken würde. Ihr Angebot wurde ohne zu zögern angenommen. Am 11. April 1961 begann der Prozess, dem Hannah von Anfang an beiwohnte. Sie war überrascht von dem Eindruck, den Eichmann auf sie machte – sie hatte damit gerechnet, im Gerichtssaal einem „Ungeheuer“ zu begegnen, stattdessen sah sie sich mit einem „Hanswurst“ konfrontiert. Nichtsdestotrotz sah sie in ihm keine Randfigur, sondern einen typischen Nazi. Mitte Dezember wurde Eichmann zum Tode verurteilt, am 31. März 1962 wurde das Urteil dann vollstreckt. Ein Jahr später, am 16. Februar 1963, erschien Hannah Arendts mit Spannung erwarteter erster von fünf Artikeln über den Eichmann-Prozess im New Yorker.

Die Artikel führten sogleich zu heftigen Kontroversen. Zum einen hatte Hannah Arendt darin ihren früheren Begriff vom „radikal Bösen“ durch den der „Banalität des Bösen“ ersetzt, was von vielen als verharmlosend empfunden wurde. Zum anderen diskutierte sie dort die Rolle von Judenräten im Nationalsozialismus, welche sich an Deportationen beteiligt hätten. Sie wurde aufgrund ihrer Artikel von mehreren jüdischen Organisationen heftig kritisiert und auch einige sehr enge und langjährige Freund*innen wandten sich von ihr ab. Hannah litt unter den Folgen, die ihre Artikelreihe ausgelöst hatte, und doch sagte sie in einem Interview mit Günter Gaus (siehe unten), in dessen Sendung Zur Person sie ebenfalls als erste Frau eingeladen war, sie hätte das Buch auch angesichts der Reaktionen nicht anders geschrieben, ja schreiben können.

Sehen Sie, es hat mich jemand gefragt: Wenn Sie das und das vorausgesehen hätten, hätten Sie das Eichmann-Buch nicht anders geschrieben? Ich habe geantwortet: Nein. Ich wäre vor der Alternative gestanden zu schreiben oder nicht zu schreiben. Man kann ja die Schnauze halten.

Engagement und wissenschaftliche Tätigkeit der späten Hannah Arendt

1963 hatte Hannah Arendt noch ein weiteres Buch veröffentlicht, was in der Eichmann-Affäre jedoch untergegangen war. Es trug den Titel „On Revolution“ („Über die Revolution“) und beinhaltete einen Vergleich der Französischen mit der US-amerikanischen Revolution.

Im Zuge des Vietnam-Krieges kam es unter anderem an der Universität Chicago, an der Hannah Arendt zu diesem Zeitpunkt lehrte, zu Studierendenprotesten. Hannah Arendt beteiligte sich an den Diskussionen und unterstütze das Anliegen der Studierenden, mehr Mitspracherecht an der Universität zu erhalten. Außerdem verfasste sie ein Essay über Die Lüge in der Politik, in dem sie die Ansicht vertrat, die USA würden diesen Krieg in erster Linie für ihr Image führen, um sich als größte Macht der Welt zu inszenieren. Das Essay fand ein großes Echo und sorgte erneut dafür, dass Hannah von vielen Universitäten eingeladen wurde, um über dieses Thema zu referieren.

1973 begann Hannah Arendt Vorlesungen an der Universität von Aberdeen in Schottland zu halten, die zur Grundlage einer Fortführung ihres Werkes Vita Activa werden sollten, diesmal mit dem Fokus auf die Begriffe des Denkens, Wollens und Urteilens. Leider konnte Hannah das Buch jedoch nicht mehr selber fertig stellen, denn sie starb am 04. Dezember 1975 in ihrer Wohnung in New York in Gegenwart zweier Freund*innen an einem Herzinfarkt. Die Urne mit ihrer Asche wurde auf dem Friedhof des Bard College, an dem ihr einige Jahre zuvor verstorbener Ehemann Heinrich Blücher viele Jahre gelehrt hatte, neben dessen Urne beigesetzt.

Eine umstrittene Persönlichkeit

Hannah Arendt ist bis heute keine unumstrittene Person. Neben der im Kontext des Eichmann-Prozesses geäußerten Kritik sind vor allem ihre Rassismusanalysen in großen Teilen schwierig. So sucht sie den Ursprung für Rassismus bei den diskriminierten Personen, und nicht bei den diskriminierenden Personen. Darüber hinaus lehnte sie gemeinsame Schulen für Schwarze und weiße Kinder ab, mit der Begründung, dies sei eine Angelegenheit, die in der Politik und nicht in der Gesellschaft verhandelt werden müsse. Auch ihre Position zum Feminismus ist durchaus widersprüchlich. Außerdem wird Arendts Werk aufgrund ihrer konsequenten Ablehnung jeglicher Ideologien oftmals für den Gebrauch von Extremismustheorien instrumentalisiert. Was ihr trotz all der berechtigten und wichtigen Kritik jedoch keineswegs abzusprechen ist, ist dass sie sich zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens für das eingesetzt hat, was sie für richtig hielt – und zwar ungeachtet jeglicher Konsequenzen, selbst dann noch, wenn sich daraus eine Gefahr für ihr Wohlergehen und nicht zuletzt auch ihr Leben ergeben konnte.

Wir fangen etwas an; […] Was daraus wird, wissen wir nie. […] Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.

(Alle hier aufgeführten Zitate entstammen dem unten verlinkten Gespräch mit Günter Gaus. Die restlichen Informationen sind in erster Linie der Biographie „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ von Alois Prinz entnommen.)

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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 18. Dezember 2014 um 9:00 Uhr unter Geschichte, Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Danke, schöner Artikel!

    Eine Anmerkung, wahrscheinlich ist da im Text ein Dreher passiert: Die Frage der gemeinsamen Schulen war für Arendt genau andersrum eine, die in der Gesellschaft und nicht in der Politik entschieden werden muss. Gehen gemeinsame Schulen war sie ja nicht, sie war dagegen, die Koedukation per Gesetz (also politisch) vorzuschreiben. Hier zeigt sich halt – wie auch bei feministischen Themen – das Problematische daran, dass Arendt so strikt zwischen dem Sozialen und dem Politischen trennt.

  2. Stephan sagt:

    Wenn ich Hannah Arendts Position dazu richtig erinnere, war sie eine entschiedene Gegnerin der „Rassentrennung“ in den USA. Sie äußerte Ekel und Abscheu gegen den rassistischen Mob, der den (von Bundestruppen gesichterten!) Schulbesuch schwarzer Kinder militant zu verhindern versuchte. Sie war allerdings der Ansicht, dass es nicht zu verantworten wäre, dass dieser auf dem Rücken der Kinder ausgetragen würde. Arendt glaubte, dass die Kinder auf dem Weg in eine solche Schule – auf dem ihre Mitschüler und deren Eltern sie beschimpfen, bespucken und gewalttätig angreifen – traumatisiert würden. Der Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen (in den Südstaaten) müsse zuerst an Fronten gekämpft werden, insbesondere müsse der Staat endlich dafür sorgen, dass Schwarze und Weiße in allen Bundesstaaten heiraten dürfen und können.
    Mensch kann Arendts Position mit guten Gründen als paternalistisch gegenüber der schwarzen Bürgerrechtsbewegung kritisieren. Schließlich waren es nicht ihre Kinder die aus den bessern Schulen ausgeschlossen wurden. Aber sie formulierte ihre Kritik aus eine grundsätzlich solidarischen Position heraus, mit vielen (im Detaille viellicht nicht immer 100% zutreffenden) Analogien zu ihren eigen Erfahrungen mit Antisemitismus, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA.

  3. kross sagt:

    super text, sehr spannend!

    kann eine*r hier vielleicht eine hannah arendt-biographie empfehlen?