„Wenn uns schon die großen Fische schlucken – sorgen wir für eine schwere Verdauung!“

von Susanne

Wie wir gestern kurz berichteten, hat die 38-jährige Versicherungsspezialistin Sule Eisele ihren Arbeitgeber verklagt, weil der ihren Job neu besetzte, nachdem sie ankündigte, in den gesetzlich geschützten Mutterschutz zu gehen. Wir haben Sie gebeten, uns von ihrem Fall zu erzählen:

Wie geht es Ihnen momentan und wie ist der Stand Ihres Arbeitsverhältnisses?
Ich bin wütend, traurig, genervt, müde, gedemütigt. Aber auch kampfbereit und mit erhobenem Haupt. Ich bin es mir und meiner Familie schuldig. Und ich bin es auch den anderen Opfern schuldig, die keine Kraft zum Widerstand spüren. Mein Arbeitsverhältnis ist unklar. Ich bin noch bei der R+V angestellt, kann seit meiner Rückkehr vom Mutterschutz nicht arbeiten, da meine EDV nicht freigeschaltet ist und ich nicht zu meiner alten Diensstelle darf und auch nicht zur Neuen, die man mir aber auch nicht zuweisen durfte. Ich werde seit der Rückkehr aus dem Mutterschutz dafür bezahlt, dass ich nicht zur Arbeit gehe. Wie soll man sich da fühlen? Ist Mutterwerden eine ansteckende Krankheit?

War Ihnen klar, dass Sie einen Präzedenzfall schaffen, wenn Sie Ihren Arbeitgeber verklagen?
Davon können Sie ausgehen! Mein erster Rechtsanwalt sagte: „Es gibt keine Präzendenzfälle, also lassen wir die Finger davon.“ Aber: Wie soll es unter solchen Umständen jemals zu Präzedenzfällen kommen? Ich will das Ganze eigentlich nicht. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich habe am Beispiel von Kolleginnen gesehen, wie der „normale Weg“ geht. Die „Stille Kündigung“, die dich dazu bringt, eine lächerliche Abfindung als Erfolg zu werten und dann ohne Arbeit dazustehen. Das ist keine Lösung.

Hatten Sie Angst? Was hat Sie motiviert, das durchzuziehen?
Ich habe jetzt noch Angst. Und diese Angst werde ich wohl auch nicht mehr ablegen. Mich hat der Rückhalt meiner Familie, insbesondere meines Mannes geholfen. Für meine Familie steige ich in den Ring, gegen wen es auch immer sein muss. Nicht weil ich will. Aber ich lasse uns nicht einfach so in Hartz 4 abschieben. Ich habe ein Magister in Germanistik, eine „Ausbildung“ als Versicherungsfachfrau, Erfahrung im Vertrieb, eine Zusatzausbildung als Spezialistin für Personenversicherungen. Das alles soll umsonst gewesen sein, nur weil ich mit 38 Jahren das Glück hatte, ein Kind zu bekommen?

Wie ist momentan der Kontakt zur R+V, zu Kollegen und Ihren (Ex-) Chefs?
Kein Kontakt! Ich gehe davon aus, dass sie immer noch davon ausgehen, dass ich genervt Elternzeit beantragen werde und sie im Nachhinein ihr Handeln legitimieren können.

Was wollen Sie den Frauen da draußen sagen, die in eine ähnliche Situation wie Sie geraten?
Zuerst einmal, dass wir Frauen solidarisch sein sollten. Ich habe zu häufig gehört: „Was willst du eigentlich? Wir werden doch alle schickaniert und wenn wir uns wehren, ergeht es uns schlecht.“ Dann gibt es auch noch die, die jetzt Kommentare in der SZ schreiben. „Ich wurde doch auch gemobbt, und mir gab keiner was. Warum soll die soviel Geld kriegen?“ Ist es so schwer zu kapieren, dass mein Fall auch anderen Frauen helfen kann? Dass wir solange diskriminiert werden, bis wir uns wehren? Hätte „Lieschen Müller“ vor einem Jahr erfolgreich und medienwirksam geklagt – und ich bin mir sicher, dass es genug diskriminierte „Lieschen Müllers“ gibt – dann hätte ich nicht klagen müssen. Dann hätte mein Vorgesetzter nicht einmal daran gedacht, so etwas abzuziehen. Alleine steht man das Ganze aber nicht durch. Davon bin ich überzeugt. Wir Frauen brauchen Netzwerke und wir brauchen solidarische Unterstützung. Und Mut, der nicht aus der Verzweiflung geboren ist! Wenn uns schon die großen Fische schlucken – sorgen wir für eine schwere Verdauung!




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Eintrag geschrieben: Samstag, 26. Januar 2008 um 11:00 Uhr unter Inspiration, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Bekannt sagt:

    Der Link des Arbeitgeber ist Super. Der ist schon aussage genug, das es ein Laden ist, wo Diskriminierung stattfindet. Da ist das Zeitmanagment für Mütter beschrieben die gehen davon aus, das es immer die Mütter sind, wo zuhause die Kinder Großziehen!!

    Da schließe ich mal besser keine Versicherungen mehr ab!

  2. Paul sagt:

    @ Sule Eisele:
    Hoffentlich haut das Gericht denen mindestens die 500.000 € um die Ohren, am besten noch das X-fache! Und wenn die konservativen deutschen Gericht nicht mitmachen, zieht bitte zum EuGH, dann wird sich schon was tun…
    Viel Erfolg bei dieser Geschichte und viel Glück mit Eurem Kind!

  3. Mario sagt:

    Ich bin ein wenig verwundert. So wie es geschildert wird, ist es natürlich wirklich eine Sauerei.

    Ich denke aber nicht, dass dies typisch für die R+V ist sondern in diesem individuellen Fall an einem uneinsichtigen Chef/Abteilungsleiter hängt. Dieser schadet damit nicht nur Frau Eisele, sondern vor allem dem eigenen Unternehmen. Ich habe vor rund 20 Jahren bei R+V meine Ausbildung gemacht. Sie war sogar damals schon sehr progressiv und hat ihren Mitarbeitern viele Gestaltungsmöglichkeiten gelassen. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der wie seine Frau auch dort arbeitete. Nach Geburt des Kindes konnten beide (und sie waren nicht unbedingt normale, leicht „ersetzbare“ Sachbearbeiter) für ein Jahr halbtags arbeiten und sich die Betreuung des Kindes so teilen. Das war damals schon sehr vorbildlich, ist aber natürlich auch in keiner Weise mit dem Fall hier vergleichbar.

    Bei Großunternehmen gibt es natürlich viele „Chefs“ und es genügt bereits einer der die Gesetze nicht kennt oder schlampig arbeitet um mit solchen Maßnahmen ein ganzes Unternehmen in Verruf zu bringen. Bei allem Unmut sollte man auch dies berücksichtigen.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese typisch ist für die R+V. Da Frau Eisele allerdings offensichtlich im Vertrieb gearbeitet hat, ist es nochmal eine andere Sache als bei einem klassischen Innendienstangestellten. Da kann es dann auch an einem Filialdirektor gelegen haben, der unter Druck stand „seine Zahlen“ zu bringen und glaubte, er müsse einen anderen/besseren Verkäufer dauerhaft in das Gebiet der Dame setzen. Wäre dies dann nicht ausgerechnet zum Mutterschutz erfolgt sondern bereits lange davor, wäre es maximal eine klassische arbeitsrechtliche Auseinandersetzung (oder eben eine „normale“ interne Versetzungsentscheidung des AG). Aber so ist das alles recht schwer zu be-urteilen. Deshalb sollte man auch nicht vorschnell ab-urteilen.

  4. Jan sagt:

    Ich glaube dir, dass die R+V vor 20 Jahren progressiv war. Leider hat sich in den letzten Jahren vieles zum Schlechten gewandelt. Das haben mir einige Kollegen bestätigt. Es besteht ganz offensichtlich ein großer Unterschied zwischen den wirklich sehr guten theoretischen Rechte der Mitarbeiter und der täglichen Realität. Im Grunde kann man bei einigen Vorgesetzten von „Doppelstandards“ reden.

    Leider dürftest du dich bei der Bewertung irren, dass der Fall nicht typisch für die R+V wäre. Wenn es nur am Chef/Abteilungsleiter hängen würde, wäre die Geschichte doch längst ausgestanden. Jemand von „weiter oben“ hätte sich eingeschaltet und das Ganze wäre erst gar nicht vor Gericht gelandet. Auch die Presse hätte es niemals erfahren.
    Spätestens mit der Berichtserstattung in der Presse hätte sich jemand einschalten müssen und entsprechend deeskalierend wirken müssen. LIDL hat gezeigt, wie man reagieren kann.
    Der Rechtsanwalt der R+V hat aber im Fernsehen ganz unmißverständlich erklärt, dass ein solches Vorgehen „normale arbeitsrechtliche Maßnahmen“ seien. Er verteidigt also das Vorgehen der Vorgesetzten. Und dies im Namen der R+V – nicht im Namen der Vorgesetzten!
    Die R+V hätte doch jederzeit sagen können: „Wir tolerieren selbstverständlich das Vorgehen des Bezirksdirektors und des Filialdirektors nicht. Beide werden mit personalrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen und Frau Eisele bekommt selbstverständlich ihren alten Arbeitsplatz wieder“. Das wäre doch noch vor oder beim Gütetermin möglich gewesen.

    Das Unternehmen wird nur „im Verruf“ gebracht, weil es die Maßnahmen der Vorgesetzten nicht nur toleriert, sondern unterstützt. Damit ist das Unternehmen verantwortlich und nicht nur die unmittelbaren Vorgesetzten. Und ich sehe es auch so, das Unternehmen schadet sich durch dieses Vorgehen selber.

    Ähnliche Vorgänge sind nämlich inzwischen bei der R+V leider keine Seltenheit mehr. Mitarbeiter werden ohne Einbindung des Betriebsrates in aussichtslose Bereiche versetzt, man verschweigt ihnen die entsprechenden innerbetrieblichen Vereinbarungen oder weigert sich, diese umzusetzen. Ich kenne einige R+V Mitarbeiter, die aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit einer ähnlichen Systematik unterworfen wurden und werden. Das Arbeitsgebiet wird verkleinert (zum Teil von 4.000 potentielle Kunden auf weniger als 100…) und man verlangt eine höhere Produktion als vorher, da es unmöglich ist, folgen regelmäßige „Unterverdienstgespräche“ und sonstige „unnormale“ Maßnahmen…

    Selbst, wenn es so gewesen wäre, wie du andeutest, wäre es ein Bruch deutscher Gesetze.
    Wenn der Filiadirektor aus Gründen der Produktion eine Versetzung gewollt hätte, hätte er es vorher schon gemacht. Die R+V weiss doch, dass man nach dem Mutterschutz den Anspruch auf den alten Arbeitsplatz hat. Das steht in einer Broschüre der R+V. Nach der Rückkehr aus der Elternzeit hat man des Anspruch auf einen vergleichbaren Arbeitsplatz. Beides wird nicht gewährt.

    Weiterhin hätte man der Mitarbeiterin nicht den Rechner sperren und ihr ohne Einschaltung des Betriebsrates den Arbeitsplatz wegnehmen dürfen. Auch die R+V dürfte sich an das Betriebsverfassungsgesetzt und dem Mutterschutzgesetz halten müssen.
    Willst du hier wirklich ein rechtswidriges Verhalten verteidigen?

    Bei der Regulierung von Schäden ist die R+V inzwischen auch schon auffällig. Hast du die Sendung SternTV gesehen?
    http://www.stern.de/tv/sterntv/:Verz%F6gern%2C-Wenn-Versicherung/624931.html

    Der Rechtsanwalt meinte, alle Versicherungen würden versuchen, sich um Zahlungen zu drücken. Am brutalsten wäre dabei aber die R+V gefolgt von Generali und Zürcher.
    Durch die Besonderheit des Bankenvertriebes muss die R+V einen bedeutenden Teil der Provisionen an die entsprechenden Verbundbanken abgeben. Die Preise müssen aber marktgerecht bleiben. Da fragt man sich schon, wie man Gewinne macht, Einnahmen mit den Banken teilt und trotzdem noch die entsprechenden Schäden ordentlich regulieren kann.

    Der eigentliche Skandal ist der Umgang mit bestehenden Gesetzen seitens der R+V. Der Mutterschutz würde selbst dann gelten, wenn -wie von dir angedeutet- der Vorgesetzte „nur“ einen anderen Verkäufer dauerhaft ins Gebiet der Dame setzen wollte. Und für eine Versetzung muss man vorher den Betriebsrat anhören.
    Es sollte doch darum gehen, dass Gesetze nicht nur für den kleinen Bürger gelten. Auch Milliardenunternehmen müssen sich daran halten. GERADE Milliardenunternehmen haben doch eine Vorbildfunktion. Wenn die R+V sich anmaßt – aus welchen Gründe auch immer- einer Mutter die Rückkehr an den Arbeitsplatz zu verweigern – warum muß dann ein kleines Unternehmen sich an das Gesetz halten?

    Was hat nun mein Beitrag mit Feminismus zu tun? ;-)

    Meiner Meinung nach, müssen theoretische Rechte auch in die Praxis umgesetzt werden. Das Tragen von roten Handtaschen einmal im Jahr wird nichts an der Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft ändern können. Wenn aber Frauen ihr Recht auch einklagen, werden sie irgendwann hoffentlich in der Praxis die Gleichheit erhalten, die ihnen das Gesetz in der Theorie auch gewährt. So in etwa 200 Jahren. :-(

  5. Mario sagt:

    Hi Jan,

    ja, mit Femisismus haben unsere Statements an dieser Stelle nicht mehr viel zu tun. Wobei ich denke, dass die Gleichstellung an sich in weiten Teilen erreicht ist, aber eben an verschiedenen Stellen nicht umgesetzt wird…

    …es ist ähnlich wie mir der Jugendkriminalität und vielem anderen. An Gesetzen mangelt es nicht (ohnehin viel zu viele), nur an der Anwendung und der ausreichenden Besetzung der Gerichte, gerade auch in Hessen (wo auch die R+V sitzt).

    Du scheinst auch im Vertrieb zu sein. Wie gesagt, ist lange her bei mir und der R+V und vom damaligen Vorstand ist niemand mehr da. Allerdings ist ja auch dieser fest in Händen der Genossenschaftsbanken.

    Ich bin nur froh, dass ich mich als Versicherungsmakler schon lange von den Dogmen einzelner Gesellschaften bereit habe. Wobei es auch kein Zuckerschlecken ist, selbst wenn man frei ist und keinen Druck von einer Gesellschaft hat. Die Forderungen nach Umsatz in allen Unternehmen (nicht nur der Finanzbranche) führen zu weitererem Druck von oben nach unten. Die Globalisierung, EU-Auflagen, Renditehunger der AG´s etc. fördern dies natürlich immens. Und da die R+V besonders abhängig vom Bankenvertrieb ist und die Banken von den Einnahmen aus Provisionen (sogenanntes zinsunabhängiges Geschäft) wird dies schön so weitergehen. Die Verbraucherschützer werden noch genug zu tun bekommen. Und viele Kunden sind auch selbst schuld, da sie zu geizig sind für gute Beratung und gute Produkte zu bezahlen. Billig muss es sein. Das ist dann aber selten (den) preis-wert.

    Geiz ist geil, aber Geilheit hat selten dauerhafte Befriedigung verschafft :-)

    Sei es wie es sei. Außer dem Gelesenen und dies sind mehrheitlich nur die Aussagen der Geschädigten, habe ich zu wenig Informationen. So fällt es mir wirklich schwer diesen Fall zu beurteilen.

    Mit Gleichbehandlung haben sich auch schon manche Jurastudenten ihr Studium finanziert. Nur durch aufmerksames Lesen der Jobanzeigen und eine Bewerbung auf eine fehlerhafte Anzeige. Gibt dann immer 3 Monatsgehälter Entschädigung. Passt nicht auf diesen Fall, aber ich bin gespannt auf das Urteil (und die weiteren Instanzen).