Wenn Gewalt viele Namen hat – aber Wichtiges unbenannt bleibt

von Hannah C.

Hannah C. Rosenblatt bloggt auf “Ein Blog von Vielen” über Gewalt, ihre Formen und Folgen, Inklusion und ihr Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur. Sie ist auch bei Twitter aktiv. Zuletzt durften wir ihren Text „Weil sich die Sprachführung über sexualisierte Gewalt verändern muss!“ crossposten. Wir freuen uns sehr, dass auch Hannah in Zukunft häufiger für uns schreiben wird.

“Warum haben wir so viele unterschiedliche Namen für Gewalt, die dann doch oft gar nicht sagen, was wir meinen?”, ist eine Frage, die mich umtreibt und mir nach den Berichten zu und über den letzten Hashtag der Gewalt im Zentrum stehen hatte, noch einmal Anlass gab, darüber nachzudenken, wie Gewalt und Sprache funktionieren.

Klein(er) reden und victim blaiming

Es fängt vielleicht damit an, ES begreiflich machen zu wollen. Vielleicht selbst zu begreifen, vielleicht aber auch Differenzen begreifbar zu machen. Und am Ende sind es viele verschiedene Arten ein und desselben ES, das zwischen (Todes)Angst, Schmerz, Trauer, Ekel, Verlust, Scham, Horror und dieser einen spezifischen Einsamkeit, die keine Worte kennt, bestehen bleibt.
Dann heißt ES plötzlich “psychische Gewalt”, “physische Gewalt”, “häusliche Gewalt”, “ökonomische Gewalt”, “sexualisierte Gewalt”, “soziale Gewalt”, “strukturelle Gewalt”, “rassistische Gewalt” und ist etwas ganz anderes. Plötzlich bekommt jedes kleine Gewalthäufchen eine andere Bewertung. Plötzlich ist das Eine schlimmer als das Andere und ES frisst sich als unwichtig bagatellisiert und im üblichen Gewand Marke victim blaming durch die Leben der Menschen, die zu Opfern geworden sind.

Plötzlich ist erscheint es nur logisch Menschen, die sogenannte häusliche Gewalt erlebten, zu fragen, warum sie denn in diesem Haus geblieben sind. Warum sie nicht gegangen sind.
Die Frage ist nicht: “Wer hätte dir helfen können, dein eigenes Haus sicher für dich, deine Kinder und Haustiere zu gestalten?” Die Frage ist auch nicht: “Warum ist der Mensch, der die Gewalt ausübte, nicht gegangen? Und die Frage ist auch nicht: “Welche Vorstellungen von PartnerInnen*schaft und Liebe, Feindschaft und Gewalt gab es in diesem Miteinander und ihren Individuen?”.

Gewalt und die Machtfrage

Viele Menschen halten Gewalt für etwas, dessen Anwesenheit in Taten sichtbar wird. “Es ist Gewalt, wenn eine Person Schmerz empfindet, ein Gegenstand kaputt ist oder sonst irgendwelche Veränderungen da sind.”, heißt es. Das ist als würde man sich eine kleine Bastion des Schlimmen bewahren wollen – eine unumstößliche Art des Grauens, über die kein anderer Mensch jemals mehr sagen kann als: “Es muss furchtbar für dich gewesen sein, das zu (üb)erleben”.

Ich selbst nehme Gewalt als ein Ungleichgewicht der Macht, vielleicht auch der Mächte wahr und muss entsprechend Gewalt in ihren Kostümen nicht unterschiedlich nennen, weil ich es so wahrnehme, dass mit Begriffspaaren wie zum Beispiel “psychische Gewalt” zum einen bestimmte Framings einhergehen, die ihre Abwertung bereits in eben jenen Gewaltdynamiken haben und zum Anderen, weil es für mich ausschließlich das Werkzeug zur Schädigung einer Person benennt. Statt der Gewalt immer neue Beinamen zu geben, würde ich dann eher formulieren: „Das ist Rassismus/Sexismus/Ableismus/etc, der hier das Denken bestimmt und Gewalttaten hervorbringt.“.


Psyche und Physis – Eine Trennung, die auch schadet

Das Framing bei “psychischer Gewalt” ist ganz klar die Abwertung von psychischer Konstitution, die überwiegend von Empfindsamkeit und Resonanz bestimmt ist. Vor der Annahme, dass jemand (eine Frau*) psychische Gewalt erfährt, steht die Annahme, dass jemand (eine Frau*) weinerlich und empfindlich ist (weibisch bis weiblich ist). Patriarchat galore also.
Die Psyche von Menschen ist aber immer einem Körper inne. Das heißt, dass jeder Angriff auf eine Psyche zeitgleich ein Akt des physischen Angriffs sein muss bzw. dass die Schäden auch psychischer Verletzungen Auswirkungen auf die Physis der Opfer hat. Vielleicht am Ende auch die, dass sich die Person, die diese Verletzungen immer wieder erfährt, am Ende physisch wegbewegt oder sich tötet, ohne je physischen Kontakt mit der verletzenden Person gehabt zu haben.

Die Macht der Männer* über die Frauen* ist von je her an den Körpern der Menschen festgemacht worden und nach und nach mit Eigenschaften und Wertungen aufgeladen worden. Diese Zentrierung auf Körper (die unter anderem natürlich auch einschließt, dass in diesem System nur genau zwei Geschlechter mit den jeweilig essentialisierten Eigenschaften hergestellt werden) wird aber häufig – gerade auch durch Sprachhandlungen – verunsichtbart.

Das Ungleichgewicht ist da. In jedem Aspekt den wir Menschen heute leben, leben und erfahren wir Gewalt und sind dennoch nicht bereit dies als Konstante anzuerkennen, weil in ebenfalls jedem Aspekt unseres Lebens eine Wahl vorgegaukelt, eine Freiheit versprochen wird, die es de facto für keine Frau* (und auch deshalb erst in der Folge für keinen Mann*) in einer patriarchalen Weltordnung geben kann.

Gewalt bzw. Ungleichheit allein, ist neutral. Erst wenn sie mit Machtdynamiken aufgeladen werden, sind sie es nicht mehr.
Meiner Ansicht nach, ist so ein Machtsdynamikszipfel das Beworten von destruktiven (bzw. verändernden) Dynamiken zu Begriffspaaren, wie denen, die ich oben beschrieb.
Keiner dieser Begriffe markiert, dass es sich um Machtdynamiken handelt. Dass es um zwischenmenschliche Dynamiken geht. Dass Menschenrechte verletzt werden. Das Werkzeug und/ oder der spezifische Rahmen wird benannt, aber das Ziel, nämlich die körperliche Existenz eines Individuums, nicht.

„Es ist häusliche Gewalt – Du kannst doch das Haus verlassen“

Vielleicht gehört es zum patriarchalen Lockmittel, dass es diese Begriffe gibt, vielleicht aber auch zur Dynamik des Überlebens der Unterlegenen, dass ES immer wieder zerstückelt und mit unterschiedlichen Wertungen aufgeladen wird.
Vielleicht ist es für manche Menschen, die zu Opfern werden auch ein Strohalm, an dem man sich festhalten kann: “Es ist häusliche Gewalt- sie passiert in einem Haus, aus dem ich heraus gehen kann” – dem gegenüber stehen aber die Dynamiken, die diese Person überhaupt erst in die Position brachten und sagen: “Es ist häusliche Gewalt- jede/r/* hat die Wahl (und damit implizit die Chance, die Kraft, die Mittel und die Fähigkeit) aus dem Haus rauszugehen” und damit wiederum unsichtbar zu machen, dass Gewalt von einem Körper gegen einen anderen Körper gerichtet wurde und das Haus als Ort des Geschehens irrelevant ist, weil es eben nicht das Haus ist, das diese Gewalt ausgeübt hat.
Genauso wenig wie die Psyche der Gewalt ausübenden Person, die Psyche der Person, die zum Opfer wurde, allein berührt hat und so weiter.

Aber anzuerkennen, dass sich jemand bis auf die Knochen, bis in die Grundfasern seiner Existenz berührt fühlt, wenn er sich in einem Ungleichgewicht der Macht befindet, das ist der Schritt, der bis heute auf breiter Ebene nicht getan wurde.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 25. September 2014 um 9:00 Uhr unter Gewalt, Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Lea sagt:

    Das ist ein toller Text! Vielen Dank dafür!

    PS:
    „violence“ (engl. u. franz.) von lat. „violentus“ = „heftig“, „ungestüm“, „wild“
    „Gewalt“ (dt.) von „walten“ = „in Ordnung bringen“, „regeln“, „bestimmen“
    Schon irgendwie seltsam, finde ich…

  2. caro sagt:

    pps: walten – eine bestimmende oder herrschende Funktion erfüllen. Das Verb geht in seinen Ursprüngen auf eine indogermanische/ indoeuropäische Wurzel *u̯al-dh- „stark sein“ zurück.
    http://de.wiktionary.org/wiki/walten

    sorry fürs (halb-)offtopic

  3. Hey Maedchenmannschaft,
    ich finde euren blog großartig und lese ihn auch schon recht lange.
    Jetzt blogge ich selber. Hauptsächlich wegen euch ;)

    Ich würde mich freuen wenn ihr euch meine Seite mal anschauen würdet…

    Liebe Grüße,
    Schneemädchen

  4. jane sagt:

    ich traue mich fast gar nicht zu sagen, danke für diesen wunderbaren, schönen text, denn schön ist die thematik ja so gar nicht. trotzdem, danke. in diesem text steckt so viel von dem, was ich selber fühle oder wie es sich für mich anfühlt.. irgendwie so, ich weiß auch nicht genau.

    „anzuerkennen, dass sich jemand bis auf die Knochen, bis in die Grundfasern seiner Existenz berührt fühlt, wenn er sich in einem Ungleichgewicht der Macht befindet, das ist der Schritt, der bis heute auf breiter Ebene nicht getan wurde.“

    dein text hat mich gerade aufgerichtet, irgendwie. ich danke dir

  5. Großartig
    LG Schneemädchen