Was wir nicht bedenken, wenn wir über Datenschutz und Kontrollverlust reden

von Helga

Erst konnten sie nur telefonieren, dann auch fotografieren und jetzt sagen sie einer jederzeit, wo die nächste Bushaltestelle ist und wann der nächste Bus fährt: Handys. Besonders letzteres ist eine seit Jahren umstrittene Funktion. Zwar lässt sich jedes Handy durch seine Kommunikation mit dem nächsten Funkmast halbwegs orten, dank GPS geht das mit Smartphones aber deutlich besser. Apples iPhones und Googles Android-Handies sammeln darüber hinaus noch WLAN-Netzwerke und verbessern damit ihre Lokalisierungsfunktion.

Blaue Karte von Europa mit roten Punkten, die 881 iPhones darstellen, die meisten in Deutschland, dort vor allem im Ruhrgebiet, Berlin, München und Hamburg.

In diesem Bild sind 881 iPhones versteckt (CC-BY crowdflow.net)

Wer diese Daten in die Hände bekommt, kann mit ihnen Bewegungsprofile erstellen, wenn auch keine perfekten. Dass Apple die Lokalisierungsdaten dauerhaft im iPhone speichert und dieses „Feature“ lange geheim hielt, sorgte trotzdem für Ärger. Dabei fokussiert sich die Debatte auf zwei Probleme: Zum Einen die Sammelwut der Firmen und die Unsicherheit, wie sie mit diesen Daten umgehen. Zum Anderen die Aussicht, dass sie beim Staat landen und wir der „gläsernen Bürgerin“ wieder ein Stück näher kommen. In beiden Fällen steht auch der Kontrollverlust im Raum, also das (un)absichtliche Veröffentlichen der Daten.

Vergessen wird dabei leider immer wieder die Frage nach Macht, bzw. fehlender Macht, wie Gus Hosein von Privacy International im Gespräch mit GenderIT.org deutlich macht:

[…] there is always a power imbalance in any relationship, whether it is between generations, between employee and employer, or, of course, in the home. When it comes to gender issues specifically, particularly in developing countries, we have seen some worrying trends about the distribution, say, of mobile telephony – about who in the household can have access to a mobile phone. Even when, say, women in the household are granted access to a mobile phone by the dominant male, he still has ownership over that phone.

Es gibt immer ein Machtgefälle in jeder Beziehung, sei es zwischen den Generationen, zwischen Arbeitgeber_in und Arbeitnehmer_in oder, natürlich, zu Hause. Wenn es speziell um Geschlechterfragen geht, besonders in Entwicklungsländern, dann haben wir einige besorgniserregende Trends zur Verteilung von Mobiltelefonen gesehen – also wer in einem Haushalt dazu Zugang hat. Selbst wenn Frauen in einem Haushalt Zugang zu einem Handy bekommen vom männlichen Familienoberhaupt, dann ist er immer noch der Besitzer des Telefons.
So wird aus einem Gerät und technischem Fortschritt, die neue Freiheiten und Möglichkeiten erlauben, gleichzeitig ein weiterer Kontrollmechanismus. Die Bewegungsfreiheit, die Handies und Smartphones auf der einen Seite bieten, werden auf der anderen gleich wieder beschränkt.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 13. Januar 2012 um 17:46 Uhr unter Netz(kultur), Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Blaubart sagt:

    Kann mir jemand bitte beim verstehen des Beitrages helfen?

    Beide Punkte stimmen, wobei ich nicht verstehen kann wie die Ortungsfunktionen von Smartphones irgendwen überrascht haben. Diese Funktion ist wirklich nicht neu und kann, zumindest auf Android Geräten auch recht praktisch selbst genutzt werden um WLANs zu finden.

    Was mich eher irritiert ist der Zusammenhang der beiden Punkte, warum stehen die in einem Artikel? Gerade der zweite Punkt ist generell sehr spannend und wie sich das Leben von Menschen durch ein mobiles Telefon verändert sollte dringend besser erforscht werden. Dennoch sehe ich keinen Bezug zu Smartphones, diese dürften in vielen Ländern überhaupt keine Rolle spielen, allein schon wegen des Preises.

  2. Helga sagt:

    @Blaubart: Die Ortungsfunktion an sich sollte niemanden überraschen (tut sie aber, glaub mir). Apple speichert die Daten aber und hat das lange geheim gehalten, was Leute überrascht hat. Das war noch etwas unklar, ich habe den Artikel jetzt entsprehcend geändert.

    Am Ende geht es nicht ums Überraschen oder nicht, sondern darum, dass in unseren Debatten um technische Möglichkeiten und Risiken einige Blickwinkel fehlen. Weil sie uns erstmal nicht betreffen, sondern andere Menschen. Was aber in meinen Augen kein Grund ist, diese Überlegungen zu ignorieren. Auch mir war der oben beschriebene Aspekt noch nicht klar, sondern ich musste erst drauf stoßen. Jetzt aber einfach weiter zu machen und das zu ignorieren, wäre in der Tat ignorant.

    Vielleicht ist Dir jetzt auch klarer, wie die Speicherung von Bewegungsprofilen genutzt werden kann, um Machtverhältnisse zu festigen und dass neue Technik einzuführen nicht automatisch eine bessere Welt schafft, sondern nur kritischer Umgang damit.

    Und ja: Natürlich haben Smartphones damit zu tun. Ich weiß nicht, an welche Länder Du denkst, GenderIT.org beschäftigt sich z.B. viel mit der Situation in Pakistan und dort gibt es sowohl mobiles Internet, als auch Smartphones.

  3. […] ich schon mal ein anderes Beispiel aufgezeigt – was wir nicht bedenken, wenn wir uns über die Datensammelei von Smartphones unterhalten. Spread the […]

  4. Interessanter Beitrag – allerdings möchte ich anmerken, dass das angeführte Beispiel von Frauen in Entwicklungsländern mit Vorsicht zu nehmen ist, denn meine Arbeitserfahrung in mehreren afrikanischen Ländern hat mir auch Gegenteiliges gezeigt.
    Ich habe mit der Zeit immer mehr Frauen erlebt, die eigene Telefone besitzen und auch Kontrolle darüber ausübten. Meine persönliche Erfahrung, nicht auf repräsentativen Daten beruhend, zugegeben, aber das Klischee der armen Frau aus Entwicklungsländern ist schnell bemüht und zu wenig hinterfragt.

  5. Blaubart sagt:

    @Helga:
    Danke, das macht den Zusammenhang für mich etwas klarer. Das Thema mit der Ortungsfunktion sehe ich anders, gerade unter der Beachtung von Blickwinkeln. Überrascht haben kann es, aus meiner Sicht, nur Menschen, die sich nicht informieren können/wollen, bevor sie etwas kaufen/benutzen. Die letztlich eingesetzte Logik dahinter war schon länger in der öffentlichen Diskussion.
    Ein Sonderfall an der Konkreten iPhone-Geschichte ist für mich die Sache mit den Medien. In dem Moment wo es innerhalb der interessierten Öffentlich besprochen wurde, wurde es in allen Medien aufgenommen. Einen wirklichen Zeitraum in dem Menschen das hätten ausnutzen können gab es also nicht wirklich.
    Über Apps und Rootkits gibt es ganz andere Möglichkeiten unbemerkt Bewegungs- und Nutzungsprotokolle zu erstellen, die aber leider nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden (die Links spare ich mir besser).

    Zu Technik generell:
    Ist das nicht gerade der Charme daran? Das niemand vorhersagen kann wie sich die Nutzung entwickelt. Natürlich kennen wir nicht alle Möglichkeiten und Risiken, sonst wäre es ja keine neue Technik sondern lediglich eine leichte Verbesserung des alten.
    Abgesehen von dem Meinungsunterschied würde mich interessieren welche Schlussfolgerungen du oder andere daraus ziehen. Stellt ihr euch auf den Standpunkt der Grünen von früher, dass eine Technologie erst dann eingesetzt werden darf, wenn alle Aspekte daran bekannt sind (wie auch immer das gehen soll, ich arbeite an so Zeugs und könnte nie sagen wie sich X oder Y auswirkt)

    Zum Thema “…nicht weiter ignorieren”:
    Auch wenn ich dir zustimme, dass man Ideen/Strategien weiter entwickeln muss um so etwas zu unterbinden, hängt es doch vor allem davon ab was genau genutzt wird. Jeder Computer oder jedes Smartphone ist relativ leicht zu manipulieren und kann zur Kontrolle genutzt werden. Je weniger sich die Person damit auskennt desto leichter. Ausser Bildung sehe ich da persönlich keine Möglichkeit, aber vielleicht bekomme ich hier ja noch weitere Denkanstöße.

    Zu GenderIT:
    Ich kenne die Seite nicht, aber Pakistan (oder besser, die Personen die sich in Pakistan ein iPhone leisten können) ist/sind jetzt nicht gerade die Orte auf der Welt wo ein Mobiltelefon eine kleine Revolution darstellt, die das Leben drastisch verbessern kann. Da sehe ich eher Länger wie Kenia, das gerade wegen eines dramatischen Fehlverhaltens von Google in der Diskussion steht, als wichtigen Ort des Geschehens an.

  6. Helga sagt:

    @kleineethnologin: Nach dem was ich gehört habe, sind Handies an sich derzeit ein Fortschritt, gerade in Afrika. Afrikanische Länder sind aber nicht der „alleinige Maßstab“. Der Trend zum Mobiltelefon und seinen Möglichkeiten wird weitergedacht – zum Smartphone und dann weiter. Da wird es dann wieder problematisch:-/

  7. Blaubart sagt:

    @kleineethnologin:

    Danke, das Gefühl teile ich, belegen kann ich es aber leider auch nicht.

    @Helga:
    Einen Gegenstand der, ganz grob an Kaufkraft der Länder gemessen, hier schlappe 12.000€ kosten müsste, als Maßstab zu nehmen halte ich aber auch für ,mindestens, gewagt.

  8. @Helga: Dein Punkt war ein anderer und ich will gar nicht afrikanische Länder zum “alleinigen Maßstab” machen, mich stört nur das sehr oft bemühte Bild der “afrikanischen Frau”, die angeblich schwach und wehrlos ist. Darüber stolpere ich meist zuerst.
    Ich gebe Dir absolut darin Recht, dass wir uns kritischer mit der Machtfrage auseinandersetzen müssen, das betrifft ja zunächst einmal alle Menschen, egal, wo sie leben.

  9. Helga sagt:

    @kleineethnologin: Ja, das Bild der schwachen und wehrlosen Frau wird oft bemüht, das ist aber, wie gesagt nicht mein Punkt. Im oben zitierten Interview z.B. geht es danach um Strategien, die pakistanische Frauen entwickeln, um mit der Kontrolle umzugehen oder sie zu umgehen.

    @Blaubart: Zum einen geht es nicht um „das Handy als Revolution“ – wobei Handies, auch in Pakistan, viele Möglichkeiten bieten, Frauenorganisationen haben sehr viele Initiativen angestoßen, ob es um häusliche Gewalt geht oder medizinische Versorgung, Du solltest Dir die Seite anschauen. Außerdem gibt es inzwischen sehr erschwingliche Smartphones in Pakistan, oft kaufen sich auch junge Leute, die im Ausland studieren, dort eines und bringen es dann mit. Aber wie gesagt: Alles nicht der Punkt!

    Ich habe auch keine konkreten Forderungen, wie früher die Grünen. Ich rücke einfach einen Aspekt in den Vordergrund, der bei vielen Technikdiskussionen übersehen wird. Ich denke, wir können alle nur profitieren, wenn Firmen, Politik und auch wir Bürger_innen etwas über den Tellerrand hinausblicken. Und z.B. Machtfragen bei der Entwicklung neuer Technik bedenken.

    PS: Bitte verzichte auf weiteres Mansplaining darüber, was es für Apps gibt, mit denen man Bewegungsprofile erstellen kann. Ich brauche keine Erklärungen und es ist hier nicht Thema.