Warum wir ehrlich gesagt nicht Nigeria sind*

von Sharon

Die englische Fassung des Textes findet sich weiter unten.

(*es sei denn, natürlich, ihr seid es wirklich)

Infolge der Gräueltaten, die Boko Haram zu Beginn des Jahres in  den nordnigerianischen Städten Baga und Doron Baga sowie in den  umliegenden Dörfern verübt hat, ist es natürlich absolut legitim,  Empörung, Abscheu und Betroffenheit zu empfinden über die – wie  formuliere ich es mal taktvoll? – „unausgewogene“ Berichterstattung in den Medien. Verglichen mit dem öffentlichen Erguss von Trauerbekundungen nach dem Terrorangriff auf die Redaktion des französischen sogenannten Satiremagazins „Charlie Hebdo“ würde man die Frage verzeihen: Sind manche Leben etwa mehr wert als andere? Warum eilt Angela Merkel sofort nach la belle Paris, um für die Meinunsgfreiheit zu marschieren, gemeinsam mit anderen Staatsoberhäuptern, die nicht unbedingt bekannt dafür sind, in ihren Heimatländern die Meinungsfreiheit hochzuhalten? Was ist mir entgangen?

Aber ich bin Zynikerin. Das sind alles rhetorische Fragen, und sie wurden sowieso bereits von vielen exzellenten Kommentator_innen beantwortet. Stattdessen schreibe ich über die Äußerungen von jenen, die sich in den sozialen Medien mit den Opfern von Boko Haram solidarisch zeigen wollen. Es dauerte nicht lange, bis das Hashtag #IAmNigeria (ich bin Nigeria) auftauchte, um #JeSuisCharlie (ich bin Charlie) etwas entgegen zu setzen – fast so, als könne man nur entweder das eine oder das andere sein.

Aber mal ehrlich, Leute – wir sind wirklich nicht Nigeria(ner_innen). Jedenfalls die meisten von uns nicht.

Zu allerest: Auch wenn ich das Bedürfnis verstehe, ein klares (visuelles) Statement auf Facebook zu setzen, fühlt es sich für mich total falsch an, dazu die Worte „Ich bin …“ zu verwenden. Die meisten Leute aus meinen sozialen Netzwerken werden niemals die Verheerungen eines Bürgerkrieges erfahren; die meisten mussten niemals befürchten, dass sie, ihre Familien und Nachbar_innen von selbsternannten Bürgerwehren dahingemetzelt werden, weil das geltende Recht völlig außer Kraft gesetzt ist; und die meisten Leute aus meiner Timeline leben nicht in improvisierten Notunterkünften in Nachbarländern, weil ihre Heimatorte dem Erdboden gleich gemacht wurden. Wir sind nicht diese Menschen. Zu behaupten, wir wären es – auch wenn ich natürlich weiß dass das nicht wörtlich gemeint ist – fühlt sich an wie eine unbesonnene Banalisierung des unfassbaren Leids dieser Menschen.

Zweitens bedeutet  der Gebrauch des Wortes „nigerianisch“ in diesem Kontext, es mit einer Bedeutung zu versehen, die im besten Fall reduktionistisch ist. „Nigerianisch“ wird (mal wieder – welch Wunder) gleichbedeutend mit Leiden, Krieg, Terror, Korruption, Geflüchteten und einem generellen Zustand permanenten Opferdaseins (interessantwerweise fällt dabei auch unter den Tisch, dass Boko Haram selbst ebenfalls nigerianisch ist – wie geht das zusammen?). Natürlich ist Nigeria viel viel mehr als das. Kritische Leser_innen westlicher Medien haben Recht damit, darauf hinzuweisen, dass die Berichterstattung unausgewogen ist. Es wäre aber besser wenn diese Kritiker_innen in ihrer Kritik etwas tiefer gehen würden – weit über das o.g. Hashtag hinaus – denn ansonsten läuft man Gefahr, in die gleiche Art von „Afrika ist ein Land“-Erzählungen zu verfallen, die uns bereits bestens vertraut sind.

Außerdem glaube ich, dass die Formulierung „Ich bin …“ Victim Blaming (wenn auch unabsichtlich) Vorschub leistet. Ich bitte um Geduld, ich brauche ein wenig Zeit, das zu erklären.

Mehr und mehr fällt mir auf, dass die Art, wie wir über rassistische Diskriminierung nachdenken, sprechen und schreiben, den Schwerpunkt auf bestimmte Merkmale der Betroffenen legt: „Er wurde von der Polizei angehalten, weil er Schwarz ist“, „Sie wurde angegriffen, weil sie einen Hijab trug“ usw. Man bekommt den Eindruck, dass „Schwarz sein“ oder „Hijab-Träger_in sein“ irgendwie bedeutsamer für den Bericht über die geschehene Ungerechtigkeit ist als die Tatsache, dass der_die Täter_in rassistisch ist. Die Passivkonstruktion solcher Sätze tilgt ihn_sie sogar vollständig aus dem Bericht („Er wurde diskriminiert“ – ja, und von wem?). Wie befreiend wäre es, läsen wir stattdessen: „Weiße Pegida-Unterstützer_innen haben eine Gruppe junger Leute gejagt und ihnen angedroht sie umzubringen, weil Pegida-Unterstützer_innen rassistisch sind und bekanntermaßen mit Nazi-Überzeugungen sympathisieren„?

Und so kann ich nicht anders als das Gefühl zu entwickeln, dass wir – wenn wir selbst keine jungen Schwarzen Männer sind –  in Wahrheit gar nicht solidarisch mit jungen Schwarzen Männern sind, wenn wir uns einen Kapuzenpulli anziehen und sagen, wir seien Trayvon Martin. Wir richten lediglich Aufmerksamkeit auf einen Aspekt ihrer Bekleidung, die sie schon trugen, lange bevor die Poteste begannen, und die sie weiterhn tragen werden, wenn die Proteste vorbei sind. Indem wir uns auf den Hoodie fokussieren, laufen wir Gefahr, ein komplexes Problem zu vereinfachen, welches mit struktureller Diskriminierung und weißer Vormachtsstellung einhergeht. Und wir riskieren, Leute mit begrenzter Aufmerksamkeitsspanne dazu zu verleiten, zu glauben, das Problem habe irgendwas damit zu tun, was die Betroffenen tun oder wer die Betroffenen sind. Die Täter_innen (dazu zähle ich hier auch die sprichwörtlichen „Guten Menschen, die nichts unternehmen“) verschwinden im Hintergrund.

Ich hoffe wirklich, dass jene, die die armselige Berichterstattung westlicher Medien über Gräueltaten gegen Schwarze und Braune Körper kritisieren wollen, dies fortsetzen, indem sie mit dem Finger genau in eben diese Richtung zeigen. Wir sind nicht nigerianisch. Wir sind wütend, dass die internationale Gemeinschaft nicht mehr tut, um die Bevölkerung von Baga in ihrem Kampf gegen Terrorismus zu unterstützen.

Nein, da lässt sich kein handlicher Hashtag draus machen. Aber ich glaube, es beschreibt die brutalen Ungerechtigkeiten und gewalttätigen Verbrechen, auf die wir aufmerksam machen wollen, genauer und verantwortungsvoller.

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Why we honestly are not Nigeria*

(*Unless of course you really are…)

In the wake of the atrocities perpetrated by Boko Haram in the northern Nigerian cities of Baga and Doron Baga as well as neighbouring villages most recently at the beginning of the year, it is of course completely legitimate to feel outrage, disgust and dismay at the – how shall I put this tactfully? – „imbalanced“ coverage in the media. Compared to the public outpouring of grief following the terrorist attack at the offices of the French so-called satire magazine „Charlie Hebdo“ one would be forgiven in asking: are some lives worth more than others? Why is Angela Merkel flying out to join other heads of state, who are not known to support freedom of speech in their home countries, to march in support of freedom of speech in la belle Paris? What am I missing?

But I am a cynic. These are rhetorical questions, which many excellent commentators have anyway already answered. Instead I am writing about the statements in social media by those who want to stand in solidarity with the victims of Boko Haram. It didn’t take long for the hashtag #IAmNigeria to rise in defiance of #JeSuisCharlie – almost as if you could only be one or the other.

But honestly people – we are really not Nigeria(n). Most of us are not anyway.
First of all, although I get the need to make a clear (visual) statement on Facebook or Twitter, using the words „I am…“ to do so, feels terribly wrong to me. Most people in my social media networks will never experience the ravages of civil war; most have never had to fear that they, their families and their neighbours will be butchered by vigilantes because the law of the land has completely broken down; and most people in my timeline are not currently living in make-shift shelters in neighbouring countries because their home cities have been razed to the ground. We are not these people. To claim we are – even if I know it is not meant literally – feels like a reckless trivialisation of their immense suffering.

Secondly, to use the word „Nigerian“ in this context is to fill it with a meaning that is reductive to say the least. „Nigerian“ becomes (yet again – oh wonder) synonymous with suffering, war, terror, corruption, refugees, and a general state of perpetual victimhood (and curiously ignores that Boko Haram itself is also Nigerian – how does that work?) Of course Nigeria is so much more. Critical readers of Western media are right to point out that the news coverage is biased. These same readers must dig a little deeper in their criticism – far beyond this hashtag – because otherwise you are in danger of falling into the same type of „Africa is a country“ narrative that we are already used to.

Finally, I believe the phase kind of supports victim-blaming (albeit unintentionally). Bear with me, I need a bit of time to explain.

I am noticing more and more how the way we think, talk and write about racist discrimination puts the emphasis on some characteristic of the victim: „he was stopped by the police because he is Black“, „she was attacked because she was wearing a hijab“ and so on. You get the impression that „being Black“ and / or „being a hijab wearer“ are somehow more relevant to the reporting of the injustice occuring than the fact that the perpetrator is racist. The passive construction of such sentences even erases them from the report entirely („He was discriminated against…“ – yes, by who?) How liberating would it be if we would read: „White Pegida supporters chased a group of young people and threatened to kill them because the supporters are racists and are known to have sympathies with Nazi-beliefs“ instead?

And so, I can’t help feeling that when we put on a hoody and claim to be Trayvon Martin that – if we are ourselves not young Black men – we are in fact not standing in solidarity with young Black men at all. We are merely drawing attention to an aspect of their clothing which they wore long before and will continue to wear long after the protests are over. By focussing on the hoody we risk oversimplifying a complex issue which involves structural discrimination and white supremacy. And we risk leading others with a limited attention span to believe that the problem somehow has something to do with what the victim did or who the victim is. The perpetrators (I include all the proverbial „good people doing nothing“ here) fade into the background.

Similarly, I really hope that those who want to criticise Western media’s very poor coverage of atrocities that are carried out on Black and Brown bodies continue to do this by pointing their fingers in exactly that direction. We are not Nigerian. We are pissed off that more is not being done to by the international community to support the local people of Baga in their heroic struggle against terrorism.

No, it does not make for a neat little hashtag. But it does, I think, more accurately and more responsibly describe the vicious injustices and violent crimes we want to draw attention to.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 23. Januar 2015 um 9:00 Uhr unter Aktivismus, Gewalt, Ideen - Theorien, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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