Warum Sarah Palin keine Feministin ist

von Magda
Dieser Text ist Teil 28 von 59 der Serie Meine Meinung

So großzügig wie Sarah Palin seit ihrer Nominierung zur US-Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikanischen Partei im Jahre 2008 mit dem Wort Feminismus um sich wirft, könnte man fast denken, sie meine es ernst. Zwischen Palins Forderungen u.a. nach einer Verschlankung des ohnehin schmalen Sozialstaates, Rücknahme der Gesundheitsreform und der Einschränkung von Abtreibungsrechten klingt der Ausspruch „Klar bin ich Feministin!“ irgendwie deplatziert.

Dass konservative Politiken oftmals konträr zu progressiven feministischen Diskursen stehen, ist nicht nur Ausdruck ideologischer Grabenkämpfe. Politik, die Frauen (und letztendlich auch Männern) nützt, ist in den meisten Fällen kaum mit konservativen Idealen vereinbar.

Konservativ heißt nicht, dass die aktuelle politische Lage konserviert werden soll, sondern beschreibt die Sehnsucht nach den so genannten „guten“ alten Zeiten. Wir reden hier von einer Zeit, in der die Geschlechterverhältnisse kaum hinterfragt wurden, die Zahl der Eheschließungen hoch und die der Scheidungsraten niedrig waren, als Homosexualität noch als ‚krank‘ galt und Diskriminierung weder in den Institutionen noch in zwischenmenschlichen Interaktionen Gegenstand der Analyse war. Konservativ heißt auch, den Staat so klein wie möglich zu halten und eine Vielzahl an sozialen und kulturellen Projekten zu privatisieren. Wenn private Einrichtungen zu teuer oder staatliche Institutionen zurückgedrängt werden, bleiben unrentable Arbeiten wie Kindererziehung, Alten- oder Krankenpflege allerdings häufig an Frauen hängen.

Doch gerade diese Konservativen adaptieren den Begriff Feminismus, der eigentlich für sozialen Wandel, Geschlechtergerechtigkeit und kontinuierlicher Hinterfragung von gesellschaftlichen Normen steht. Dass Feminismus nun nicht mehr zu den Pfui-Wörtern gehört, spricht für dessen Erfolg, von dem sich selbst Konservative nicht mehr verschließen können – insbesondere wenn es darum geht, (jüngere) Wählerinnenschaften anzusprechen.

Dass Sarah Palin sich heute als Feministin bezeichnet und neuerdings für sisterhood plädiert, beschreibt Jessica Valenti in ihrem Kommentar über Palins “falschen Feminismus“ als bloße Strategie, die in Wirklichkeit gar nichts mit Feminismus zu tun hat. Selbstverständlich gibt es innerhalb der feministischen Bewegungen verschiedenste intellektuelle Strömungen und politische Strategien. Bittet man drei Feminist_innen zum Gespräch, entstehen fünf Theorien. Allerdings eint allen von ihnen die strukturelle Analyse einer männlich dominierten Welt und der Wunsch nach Veränderung. Doch wie die taz feststellt: Durch frauenfreundliche Politik ist die inoffizielle Chefin der rechten Tea-Party-Bewegung in ihrer kurzen politischen Karriere nun wirklich nicht aufgefallen.

Feminismus bedeutet, Wahlfreiheit für alle Frauen einzufordern. Persönlich gegen Abtreibung zu sein, ist absolut legitim. Diese Einstellung aber in Gesetzen verankern zu wollen (auch wenn die Schwangere Opfer von Vergewaltigung oder Inzest wurde), widerspricht jeglicher feministischen Logik. Feminismus bedeutet, Frauen in Situationen von Not oder Gewalt nicht alleine zu lassen. Palin interessierte sich weder für die Nöte junger, hilfsbedürftiger Mütter, noch hat sie in ihrer Zeit als Bürgermeisterin von Wassilla in Alaska etwas gegen den Mißstand getan, dass missbrauchte Frauen selbst für jene Materialen – so genannte rape kits – zahlen mussten, die zur Aufklärung von Vergewaltigungen dienen.

Das Label ‚Feminismus‘ boomt. Feminismus gewinnt in der medialen Aufarbeitung wieder an Bedeutung. Und da die Konservativen in den USA seit jeher recht erfolgreich sind, wichtige im Kern progressive Debatten umzudeuten und positiv für sich zu rahmen („pro-life“), ist auch der Feminismus in der Gefahr, von ihnen vereinahmt zu werden.

Sarah Palin mag eine starke, selbstsichere Frau sein, die ihren Job und ihre Familie wunderbar miteinander vereinbaren und darüber hinaus prima mit einem Jagdgewehr umgehen kann. Eins ist dennoch klar: Nutznießerin feministischer Anstrengungen zu sein, bedeutet nicht auch automatisch, für feministische Ziele einzustehen.




Tags: , , ,

Eintrag geschrieben: Mittwoch, 30. Juni 2010 um 10:23 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



2 Kommentare

  1. Der letzte Satz bringt es auf den Punkt! Toll!

  2. Magda sagt:

    Im Tagesspiegel ist gestern eine Zusammenfassung einer Diskussion zwischen Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität und Katha Pollit, Journalistin aus New York erschienen: „Ist Sarah Palin eine Feministin?

    Ein Auszug:

    Sorge mache ihr [Katha Pollit] die Aneignung des Feminismus, einer eigentlich linken Tradition, durch rechtskonservative Strömungen. „Im letzten Wahlkampf standen Frauen sehr im Zentrum, viele von ihnen haben die politischen Debatten mitbestimmt.“ Das sei ein Erfolg. Doch hätten die Republikaner einen Bedarf nach Verjüngung erkannt und sich den Feminismus in Person von Sarah Palin als erfrischende Geste angeeignet. Feminismus sei jedoch auch heute noch ein Werkzeug für einen politischen Aktivismus, der sich mit der konservativen Einstellung politischer und religiöser Fundamentalisten nicht anfreunden könne, da waren sich Pollitt und von Braun einig. Für jene Frauen, die sich für feministische Belange und Gleichberechtigung einsetzten, sei es geradezu kontraproduktiv, wenn der Begriff des Feminismus durch konservative Politikerinnen derart umgewertet und politisch entleert werde.