Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet

von Hengameh

Große Lücke in der deutschen Sprache? Smoothe geschlechtsneutrale Pronomen. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel stets wechselnde Pronomen, er_sie, sier, xier und das x. Wenn ich aber 0% „er“ in meiner nicht-binären_genderqueeren Identität ausmachen kann, fühlen sich viele von ihnen falsch an. Und das x?

Das x als Pronomen erscheint mir wie eine geklaute Regenjacke, die zuvor auf dem inneren Etikett namentlich gekennzeichnet war und dessen Etikett ich mit einer Schere abgeschnitten habe. Die Jacke gehört mir nicht und wer sie nicht an der vorher besitzenden Person gesehen hat, wird denken, ich hätte sie selbst gekauft. Das x als Platzhalter für Namen – was ein Pronomen nun mal auch ist, ein Platzhalter für Namen – hat eine ganz bestimmte Geschichte und es ist nicht meine Geschichte. Und es ist auch nicht die Geschichte von weißen Transpersonen aus der Akademie.

Wie einige von euch vielleicht bereits wissen, war eine der kolonialrassistischen Konsequenzen das Löschen kultureller Identitäten Schwarzer Personen in den USA. Das heißt konkret: Versklavte Personen und folgenden Generationen wurden die Nachnamen nach den Farmen, auf denen sie arbeiten mussten, benannt. Auch ihre Vornamen wurden ausgetauscht beziehungsweise weiß gewaschen. Sklavenhalter_innen tauschten also ihre ursprünglichen Namen um und legten neue fest, eine gerade entmenschlichende Handlung.

In den 1950ern entschloss sich der Schwarze Aktivist Malcom X (geboren als Malcom Little) dazu, als Zeichen des Widerstands gegen white supremacy und Spuren der Sklaverei seinen Nachnamen durch die unendliche Variabel X zu ersetzen. Die nicht nachvollziehbaren Wurzeln einer Person, unbeantwortete Fragen in der Biografie, weggenommene Identitäten – all das kann folgen, wenn einer Person einfach so ein neuer Nachname gegeben wird. Das X ist ein Widerstand gegen die weiße Strategie, ihre gewaltvolle Geschichte zu vertuschen und ihre Überlegenheit zu demonstrieren.

Das simple x als Pronomen hat mit Schwarzer Geschichte wenig zu tun. Sicherlich können Parallelen gezogen werden, wenn Transpersonen die falschen Pronomen auferlegt werden, wenn ihnen das falsche Geschlecht zugeschrieben wird, wenn ihnen Gewalt zugefügt hat. Das hier ist aber keine Oppression Olympia, sondern ein Aufzeigen von Ursprüngen von Widerständen – und ihren Aneignungen.

Bisher habe ich noch keine Schwarze Person oder Person of Color getroffen, die sich mir mit dem Pronomen x vorgestellt hat – ich möchte damit nicht sagen, dass es keine Schwarzen Personen_PoC mit x-Pronomen gibt, sondern, dass es in meiner Umgebung überwiegend von weißen Personen genutzt wird. Die meisten von ihnen bewegen sich im akademischen Kontext. Der Punkt ist: Das x-Pronomen wurde nicht von Schwarzen Transpersonen aus den USA angestoßen.

Auch die x-Endungen gegenderter Wörter finde ich schwierig, wenn es darum geht, möglichst verständlich zu kommunizieren. Dabei geht es mir nicht um irgendwelche transfeindlichen, rassistischen Kartoffeln, die sich über die Zensur der Sprache beschweren, wenn sie ihr Schnitzel als Paprikaschnitzel bezeichnen sollen. Mir geht es vor allem um von Klassismus betroffene Personen of Color, die jetzt schon Schwierigkeiten damit haben, die deutsche Sprache mit all ihren tricky Regeln zu lernen. Der Zugang in queer_trans-aktivistische Kreise wird erschwert, der Positionen innerhalb der Bewegungen schließen immer mehr diejenigen aus, die his_her_theystorische Anker wie Stonewall geworfen haben. Das waren nun mal nicht weiße Akademiker_innen.

(Wichtige Randnotiz: Mir ist bekannt, dass es starke Sexismusvorwürfe gegenüber Malcom X gab. Es spielt in diesem Fall keine Rolle, wem die Regenjacke vorher gehört hat, der Fakt ist, dass sie nicht meine ist. Vor allem, weil die Regenjacke eine Abwehr gegen Privilegien war, die ich teilweise habe.)

Dieser Text soll allerdings _nicht_ dazu ermutigen, Personen zu misgendern und nicht-binär verortete Menschen zurück in Dichotomien zu drücken. Vielmehr möchte ich betonen, dass die Suche nach geschlechtsneutralen Pronomen noch lange nicht beendet ist und wir uns auf den bisherigen Überlegungen nicht ausruhen können. Das x ist eben ein Platzhalter, es kann also jederzeit in eine bekannte Variabel verwandelt werden.

Ich möchte an dieser Stelle den Schwarzen Aktivist_innen und Aktivist_innen dafür danken, dass sie Ressourcen wie ihr Wissen und ihre Zeit mit mir geteilt haben. Ohne sie wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 19. Februar 2015 um 13:00 Uhr unter Aktivismus, Geschichte, Gewalt, Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. lethe sagt:

    Ich mag zie/hir auch fürs deutsche. Its a bit queer- es klingt etwas wie sie,, aber nicht ganz, weil es zie ist. Ihr-hir klingt ebenso ähnlich

  2. N.H. sagt:

    Ein wichtiger und richtiger Artikel!
    Danke!