Wann nimmt der deutsche Journalismus endlich die Ängste der Bevölkerung vor Rassismus ernst?

von Nadine

Wenn 4500 Nazis, unbehelligt von Polizei_Gewalt, durch Köln prügeln, drohen und wüten können und den Medien nichts besseres zur Kommentierung dieser Lage einfällt, als herumzudefinieren, wer von diesen 4500 Terroristen nun Nazi, Hooligan, Randalierer oder Fußballfan war, als wieder einmal zu betonen, dass Deutschland kein Hort von Rassisten ist, sondern von Salafisten, Dschihadisten, Islamisten, als wieder einmal hervor zu heben, dass Hooliganszene und Rechtsradikalismus sich zwar nahe stehen, doch Muslime diesen „-ISten“ noch ein bisschen näher, die wir nicht haben kommen sehen, weil bei Waffenexporten und Neokolonialismus und westlichen Großmachtfantasien unser Geschichtsverständnis und unser kritisches Denken aufhört, dann frage ich mich: WTF?!! Solange wir ein bisschen Mitleid für die Toten in Syrien und Irak aufbringen können, wird ein bisschen Verständnis für die verwirrten „Fußballfans“, die sich gestern plötzlich mit den „richtigen“ Nazis vereint gegen die „richtige“ Sache sahen, wohl erlaubt sein?

Sich selbst als vierte Gewalt im Staat begreifend (wohl wahr!) waren sogenannte Leit- und Qualitätsmedien in Deutschland noch nie etwas anderes als das Sprachrohr einer durch und durch rassistischen und rechtspopulistischen Mitte, die sich immer dann fein vom militanten rechten Rand abzugrenzen und überrascht zu geben weiß, wenn ihre Verantwortung als intervenierende und kritische Zunft am gefragtesten wäre. Sie, die die Meinungsfreiheit und Zensurfreiheit hochhalten, aber in Sachen Meinung eben diejenigen gleicher als andere behandelt werden, die diskriminierenden Müll auf tarifvertraglicher Basis unbehelligt von sich geben können. Diese wenigen selten gewordenen Einwürfe von Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen sind doch reine Makulatur. Kritische, linke, feministische und antirassistische Perspektiven werden seit je her wegzensiert und unsichtbar gemacht.

Es muss stutzig machen, solange die Medienbranche zu den homogensten Berufsfeldern Deutschlands gehört, kritische Journalist_innen rausgemobbt und rausgeschrieben werden, wenn Meinungsfreiheit Diskurshoheit von weißdeutschen Besitzstandswahrern bedeutet, Redakteur_innen nicht willens sind, Recherche außerhalb von Wirtschaft, Spitzenpolitiker_innen und Gewaltmonopolizisten zu betreiben, weil es ihrem eigenen Gedankengut widersprechen würde. Wenn Quellen als glaubwürdig und Perspektiven als objektiv gelten, die nichts anderes sind als die Reproduktion von Unterdrückung.

Wenn 4500 Nazis, unbehelligt von Polizei_Gewalt, durch Köln prügeln, drohen und wüten können, ohne dass die Presselandschaft vehement verurteilt und Stellung bezieht und sich selbst in der Verantwortung wähnt, weil sie jeden Tag aufs Neue entscheidet, ob sie das ideologische Futter für diese Scheiße liefern will oder nicht.

Worte sind Waffen. Wann setzt der deutsche Journalismus sie endlich mal für Gerechtigkeit und Verantwortungsübernahme ein?




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 28. Oktober 2014 um 9:00 Uhr unter Gewalt, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. Blaubart sagt:

    Was ich persönlich an dem Post nicht verstehe, ist deine Wiederholung der Phrase „Wenn 4500 Nazis, unbehelligt von Polizei_Gewalt, …“
    Was fällt bei dir in diesem Kontext unter Polizeigewalt? Auch wenn ich sofort zustimmen würde das es zu wenig Polizisten und eine zu zaghafte Einsatzstrategie geben hat, wurde praktisch alles eingesetzt was der Katalog hergibt. Schlagstöcke, Wasserwerfer, Pfefferspray, Hunde,… Das einzige was nicht zum Einsatz kam, so weit mir aktuell bekannt, waren Schusswaffen mit Gummigeschossen oder echter Munition.

  2. Nadine sagt:

    Ich erinnere mich an die Sitzblockaden vor der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin, wo die Polizei ohne Vorwarnung alles weggeknüppelt hat, was nicht sofort aufsprang, um den Weg freizumachen oder hundert andere linke und antirassistische Demos in den letzten Jahren. Es ging darum, dass die Polizei nach eigenen Angaben in Köln es mit der Strategie der „Deeskalation“ versucht hat. 17 vorläufige Festnahmen bei 4500 gewaltbereiten und gewalttätigen Faschos … während jede andere linke Demo immer mit extremer staatlicher Repression auch im Nachhinein rechnen muss, Verletzte Demoteilnehmer_innen behandelt werden müssen. Oder: dass die Nazis unbehelligt Polizei-Eigentum angreifen konnten (siehe die umgeworfene Wanne), zeigt doch einfach, dass Polizeigewalt ganz unterschiedlich eingesetzt wird, je nachdem, ob der staatliche und gesellschaftliche Status Quo kritisiert oder reproduziert wird.

  3. Christian L. sagt:

    +1 zum artikel. +1 zum kommentar von nadine.