Von der Vereinbarkeit zweier Welten
von BarbaraKürzlich ging der EU-Kommission ein Licht auf. “Millionen Frauen in ganz Europa sollen Anspruch auf längeren Mutterschaftsurlaub bei besseren Bedingungen haben”, wurde gesagt und geschrieben. Gleichzeitig wurde wieder einmal festgestellt, dass das Angebot von Kinderbetreuungsplätzen mitnichten den Bedürfnissen der Eltern entspricht.
Also muss alles endlich besser werden. Im Vorschlag der Kommission heißt es,
zum Mutterschaftsurlaub…, die Mindestdauer von 14 auf 18 Wochen anzuheben; … Frauen während des Mutterschaftsurlaubs 100 Prozent ihres Arbeitsentgelts zu zahlen; … Ferner werden die Frauen flexibler darüber entscheiden können, wann sie den nicht obligatorischen Teil des Mutterschaftsurlaubs in Anspruch nehmen. … Kündigungsschutz soll verstärkt werden, ebenso das Recht, nach dem Mutterschaftsurlaub an den gleichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz zurückzukehren. Schließlich sollen die Frauen das Recht erhalten, nach Ende des Mutterschaftsurlaubs den Arbeitgeber um flexiblere Arbeitszeitgestaltung zu ersuchen; allerdings soll der Arbeitgeber das Recht haben, das Ersuchen abzulehnen.
Bis 2009 soll zu diesen Themen eine Einigung erzielt werden; bis 2011 müssten dann rechtliche Schritte in den EU-Staaten eingeleitet worden sein.
Meines Erachtens ist die Erweiterung des Mutterschaftsurlaubs (tolle Ironie, diese Zeit als “Urlaub” zu titulieren) gekoppelt mit der Einführung der neuen Rechte eine gute Lösung, aber nur eine Teillösung. Denn dass Kinder nach wie vor als Handicap einer berufstätigen Frau gelten, ist nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht bräuchte es dort auch eine betriebliche Quote - so viele Frauen nach der Geburt in Elternzeit gehen, so viele Männer müssten das auch tun. Das würde das Betriebsklima in Sachen Nachwuchsförderung mal auf interessante Art und Weise verändern.
Danke an unsere Leserin Carmen für diesen Hinweis auf die Äußerungen der EU-Kommission.
Tags: EU, gute Neuigkeiten, Kinder kriegen, Working Girl
October 11th, 2008 um 9:07 pm
Ich sehe das mit großer Skepsis, muss ich sagen. Stärkt man die Rechte von Müttern gegenüber ihrem Arbeitgeber, führt das meiner Ansicht nach vorallem zu einem: Die Arbeitgeber stellen noch weniger Frauen ein bzw. besetzen noch weniger der verantwortungsvollen Stellen mit Frauen.
October 11th, 2008 um 9:29 pm
Barbara, mach der EU-Kommission die Wortwahl “Mutterschaftsurlaub” nicht zum Vorwurf. Das liegt nicht in verschnarchter Wortwahl der Kommission begründet, sondern in der Tatsache, dass solche Ausdrücke in etliche Sprachen vor- und zurück-übersetzt werden. (und so mancher Dolmetscher/Übersetzer ist da nicht auf der Höhe der Zeit). Kommissar Spidla ist selbst in der Wortwahl sehr vorsichtig, wenn er deutsch redet. Und im Titel der Richtlinie kommt übrigens das Wort “Mutterschaftsurlaub” nicht vor.
http://ec.europa.eu/prelex/detail_dossier_real.cfm?CL=de&DosId=197460
So, und bevor jetzt alle Gegner des Entwurfs loslegen, dass es Frauen schädigt, länger zu Hause zu bleiben, so wie von der Leyen das auch behauptet hat, noch ein Beitrag zum Hintergrund des Kommissionsvorschlags: Die Zahl 18 Wochen ist nicht vom Himmel des Kommissars gefallen. Die entstammt einer Empfehlung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).
Last not least: EU-Kommissar Spidla, der sonst im Bereich Beschäftigungspolitik eher schwach ist, aber sich in letzter Zeit in Gleichstellungspolitik stärker bewegt, würde sehr gerne eine europäische Regelung zu Elternzeit vorschlagen. Das scheitert noch daran, dass es hierfür keine hinreichende Rechtsgrundlage in den EU-Verträgen gibt.
October 12th, 2008 um 2:11 pm
“Wenn mehr Männer Erziehungszeit in Anspruch nehmen dann führt das nur dazu, daß Männer in tradierten Familienverhältnissen bevorzugt befördert werden.”
Diese Behauptung ist ein bisschen weit her geholt, denke ich.
Es wird wohl eher das Gegenteil sein, da in der Erziehungszeit die Ganze Familie profitiert und wächst. Der Vater kann in dieser Zeit eine ganz andere Beziehung zum Kind entwickeln, als es ohne diese intensive Zeit der Fall wäre und wird in der Folge wohl in den seltensten Fällen sich von der Kinderversorgung und -erziehung abwenden und in sogenannte “tradierte Familienverhältnisse” zurückfallen.
(Die folgende Triade über Gewalt, Gerechtigkeit, Ökonomie und Selbstverwirklichung halte ich persönlich für Schrott und für nicht zielführende Gedanken, wenn eine produktive Diskussion angestrebt wird.)
October 12th, 2008 um 2:24 pm
Und genau deshalb wird ein Mann, der viel Erziehungszeit in Anspruch nimmt seltener befördert als einer, der tradierte Familienverhältnisse lebt. Es herrscht in den Unternehmen eben immer noch der Gedanke vor, dass man verantwortungsvolle Positionen nur mit Leuten besetzen kann, die sich von so “Gedöns” wie Kindererziehung abgewandt haben.
October 12th, 2008 um 4:08 pm
Weil der doch besser im Sinne des Unternehmers verwertbar ist. Was die historische Ursache für das traditionelle Geschlechterverhältnis ist. Den Unternehmer interessieren die Kinder seiner Arbeitnehmer einen feuchten Kehrricht.
Wenn man alles auf “sexistische Vorurteile” reduziert, dann kommt man eben nicht weiter. Auch nicht, wenn man zur Herstellung politischer Gruppenkohäsion jeglichen anderen Gedanken wegdrängt.
October 12th, 2008 um 4:57 pm
..Mit der Unterzeichnung eines Vertrages mit einem traditionellen Familienvater hat der AG eben gleichzeitig die Ehefrau “commitet” - Sie hält seinen Arbeitnehmer in allen persönlichen Belangen frei, womit er z.B. auf Abruf viele Überstunden ableisten kann.
Weiterhin ist doch der Familienvater eine sehr berechenbbare Arbeitskraft: Er muß ja Geld verdienen, sonst geht bei ihm alles baden. Den Arbeitgeber wird er auch nicht so schnell wechseln, da er an den Wohnort gebunden ist.
Dem gegenüber steht dann ein Mann / eine Frau, die / der dann möglicherweise von heute auf morgen sagt: “Ich nehme mal Elternzeit, lieber AG, tut mir leid - Naja ich bin mal so großzügig und arbeite meine Vertretungskraft ein. Aber behalten darfst du die nicht, ich habe ein Vorrecht auf den Arbeitsplatz”
Gut, ein AG der das bestmögliche Humankapital haben will, wird vorkehrungen treffen, damit seine AN ihn in ihre Familienplanung einbeziehen - z.B. indem sie möglichst früh alles mit ihm regeln. Das Privileg wird aber immer nur an “high Potentials” (z.B. McKinsy) vergeben. Oder wenn ein Mangel an den entsprechenden Fachkräften besteht.
Einen Vorteil wird “Mann mit Backoffice” aber immer - in den Augen des AG - haben. Ich glaube, es wäre den meisten AG auch egal, ob das ein Mann oder eine Frau mit “Backoffice” ist. Verfügbarkeit und Berechenbarkeit: Darauf kommt es dem AG an - Je mehr er in den AN investieren muß, umso eher.