Vermisst!

von Verena

Eine Eiersuche der besonderen Art hat Amazon dieses Osterfest veranstaltet: Bücher mit schwul/lesbischen oder sexualitätsbezogenen Inhalten – insgesamt mehr als 57.000 – waren weder über die allgemeine Suchfunktion noch die Verkaufsrankings zu orten. Selbst Klassiker wie „Lady Chatterley“, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ oder Michel Foucaults „Sexualität und Wahrheit“ sollen nicht aufrufbar gewesen sein.

Der schnell organisierte Protest in der Blogger- und Twitterszene erreichte auch Amazon, die erklärten, bei der Bücher-Vermisstenliste handele sich um eine, durch die falsche Eingabe eines Mitarbeiters ausgelöste, Panne im System, die bereits behoben sei. Aus Versehen seien dabei alle als „adult“-gekennzeichneten Bücher aussortiert worden. Dass der Hase da trotzdem irgendwie verkehrt gelaufen sein muss, darauf wies unter anderem die Taz hin, denn

der schwule Schriftsteller Mark R. Probst wiederum sagt, dass er von Amazon sogar eine schriftliche Begründung für das Verschwinden seines Buches von der Liste bekommen habe: Geschehen sei dies, um das Amazon-Angebot (…) familienfreundlicher zu gestalten

Den Aspekt der Familienfreundlichkeit halte ich für absolut daneben, sind homosexuelle Paare mit Kindern denn keine Familien? Außerdem brisant: Christlich motivierte Ratgeber, wie Eltern ihre Kinder vor Homosexualität bewahren könnten, waren von der Panne nicht betroffen – das nämlich hat I Heart Digital Life getestet.

Da stellt sich doch die Frage, was bei Amazon alles als „adult“ bezeichnet wird. Demnach scheint jedes Buch, das von einer lesbischen Autorin oder einem schwulen Autor verfasst wurde, in diese Kategorie zu fallen. Genauso wie medizinische, historische oder sozialwissenschaftliche Arbeiten. Beim Argument „Zum Schutze der Kinder“ hat Zensur immer leichtes Spiel. Aber solange die Tagesschau ohne FSK-Angabe läuft, sollten doch bitte auch andere Lebensrealitäten vollends abbildbar sein. Und wir sollten uns von einem der größten Internetanbieter nicht vorschreiben lassen, welche Bücher zu welchem Thema relvant sind. Auch damit der Irrglaube aufhört, durch Zensur existierten gewisse Realitäten nicht mehr.

Eine positive Nebenbemerkung ist aber noch drin. I Heart Digital Life schreibt:

Die Amazon-Geschichte hat sehr deutlich gezeigt, wie wunderbar Blogs und Twitter zusammen funktionieren, um schnelle, nicht-organisierte Proteste hervorzubringen. Allein mit Blogs hätte es vielleicht ein paar Tage länger gedauert und der Aufschrei wäre auch nicht so massiv geworden, durch Twitter und die Hashtags #amazonfail und #glitchmyass dagegen konnten viele Leute mal Schnell ihren Unmut kund tun, die Story verbreitete sich rasend schnell, und entsprechend groß war dann auch der Druck auf Amazon.

Amazon, digital brothers and sisters are watching you!




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 15. April 2009 um 23:11 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Rahab sagt:

    was hat denn die einordnung eines buches als „adult“ zu besagen? – ich komme ja aus dem mich-wundern nicht mehr heraus!
    dazu eine anekdote – anekdote deshalb, weil es nun bald fünfzig jahre her ist: bei meiner anmeldung in der kinder- und jugendbücherei einer hessischen kleinstadt stellte mein vater mich den dort tätigen bibliothekarinnen mit dem zusatz vor, ich dürfe jedes! buch lesen, ohne rücksicht auf irgendwelche altersbeschränkung. und ich las jedes buch, das ich lesen wollte. wenn’s mir nicht zusagte, aus welchen gründen auch immer, mußte ich ja nicht weiterlesen…

    ich habe aus dieser geschichte, welche ich bereits gestern in der taz las, den schluß gezogen, dass ich bei amazon kein buch bestellen werde.