Verantwortung für Mensch und Mensch

von Barbara

Unlängst berichtete die Zeit über Mitarbeiterinnen der niedersächsischen Wurstwarenfabrik, die über Schwangerschaftstests bei der Bewerbung zu Abtreibung gezwungen wurden.

Die Betriebsärztin Christina von Auenmüller hat Bewerberinnen zu Schwangerschaftstests aufgefordert – das bestätigt selbst das Unternehmen. Um Frauen zu schützen, behauptet die Firma. Um Frauen einzuschüchtern, vermuten die Expertinnen aus den Schwangerenberatungsstellen von pro familia und donum vitae. Wegen der Tests bei Kemper hätten Frauen gekündigt oder sogar abgetrieben, heißt es in mehreren Briefen und Vermerken, die der Zeit vorliegen.

Die Frage nach einer Schwangerschaft im Bewerbungsgespräch ist heikel. Denn obwohl es laut Gleichstellungsgesetz nicht erlaubt ist, danach zu fragen, gibt es natürlich Gründe, auf mögliche Gefahren hinzuweisen. Zum Beispiel der Umgang mit giftigen Substanzen, die einer Schwangeren schaden können. Ähnlich argumentiert auch Kempers Betriebsärztin:

»Es kommt immer wieder vor, dass Mitarbeiterinnen erst im fünften oder sechsten Monat feststellen, dass sie schwanger sind«, sagt die Betriebsärztin. »Wir wollten verhindern, dass solche Frauen in unseren gekühlten Räumen arbeiten und sich selbst und ihren Nachwuchs gefährden.«

Die Bedrängnis, in die Bewerberinnen durch diese dubiosen Abtreibungstests geraten sind, kommt leider häufig vor. Ein Kind gilt in der Berufswelt nach wie vor als Handicap - lieber verschweigen und mehr noch, denn als Mutter stigmatisiert werden, denken viele. Vielleicht ist es aber gerade ein Denkfehler, die Tatsache zu verschweigen, dass Frauen Kinder haben (können). Ein Punkt, den die Journalistin Tissy Bruhns unlängst in einer Diskussion anbrachte: In der älteren Generation der Feministinnen wurden Kinder nicht erwähnt. “Sag bloß nicht, dass du Kinder hast oder willst”, riet man einander damals. Wollen wir heute eine strukturelle gesellschaftliche Änderung erreichen, dürfen Kinder (ob bereits existent oder nur theoretisch) kein Benachteiligungsgrund sein. Qua Gesetz sind sie das auch nicht mehr - demnach können sie künftig auch erwähnt werden. Oder sollten das auch. Was meint ihr?

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5 Kommentare zu “Verantwortung für Mensch und Mensch”

  1. Irene schreibt:

    “Ein Kind gilt in der Berufswelt nach wie vor als Handicap…”

    Ein Kind ist ein Handicap! Wer eins hat weiß es.

  2. Meredith schreibt:

    Irene, ein Kind ist ein Kind. Ein Mensch.

  3. Irene schreibt:

    Ja eben. Deshalb kann ein Seefahrer (egal ob Kapitän oder Matrose) auch nicht sein Kind zur Arbeit mitnehmen: weil es ein Mensch ist. Wenn der Seefahrer Kinder haben will, muss er zu Hause eine Frau haben, die sich um die Kinder kümmert. Die Berufswelt ist (speziell bei vielen typischen Männerberufen) mit Kindern nicht vereinbar. Es würde die Diskussion vereinfachen, wenn grundsätzlich angenommen wird, dass Menschen auch Berufe haben (und auch in Zukunft haben werden), die nicht mit dem gleichzeitigen Aufziehen von Kindern vereinbar sind. Wenn die Vorstellung immer so ist, dass alle einem eleganten Angestelltenjob nachgehen und auch nicht sonstigen Belastungen ausgesetzt sind (Top-Manager, Wissenschaftler,…), dann schafft man meines Erachtens keine tragfähigen Lösungen.

  4. Miriam schreibt:

    Was soll denn der Quatsch? Entschuldigt, wenn das nicht der Nettiquette entsprechen sollte, aber was anderes fällt mir dazu nicht ein…

    Ich kenne sehr viele Menschen, die keinen bequemen Angestellten-Job haben, darunter einige Topwissenschaftler, Menschen in mittleren Management-Positionen oder im Schichtdienst (Kranken- und Altenpflege ist im übrigen ein typischer Frauenberuf…) tätig. Und von denen hat noch keineR sein/ihr Kind als Handicap bezeichnet.

    Stell dir vor, Irene, es gibt Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und es gibt durchaus auch verständnisvolle Arbeitgeber/Chefs, die glücklicherweise anders denken als du. Den Luxus, dass ein Familienmitglied für Hausarbeit und Kindererziehung von der Pflicht zum Familienunterhalt beizutragen freigestellt werden konnte, hat sich unsere Gesellschaft keine 100 Jahre leisten können. Von daher ist die Annahme, dass “Menschen auch Berufe haben (und auch in Zukunft haben werden), die nicht mit dem gleichzeitigen Aufziehen von Kindern vereinbar sind”, was ich oben bereits schrieb, Quatsch, weil ein Luxus der westlichen Kultur des 20. Jahrhunderts.

  5. ariane schreibt:

    Sorry, habe es mir lange verkniffen, aber bei dem Artikel werde ich wieder mal politisch unkorrekt und hoffentlich bekomme ich dafür kein Schreibverbot:-)

    Eins vorweg: Jede Frau hat das Recht über die Frage, ob sie ein Kind haben will oder nicht, und vor allem wann, zu entscheiden. Eine Schwangerschaft und ein Kind sind aber eine Herausforderung, ich würde dem Begriff “Handicap” nicht einmal widersprechen wollen.

    Ich versetze mich in die Lage eines Fabrikanten, auf dessen Produktionsanlagen es unverantwortlich ist, Schwangere einzusetzen. Weil er schwangere Frauen aus der Produktion wegziehen muss, erleidet er dabei Verluste, in den wenigsten Fällen wird er einer Frau kurzfristig einen Arbeitsplatz im Betrieb anbieten können, in dem sie eine gleich hohe Produktivität erzielt.

    Schwangere Frauen werden aber geschützt, Schutz der Schwangeren, Mutterschutz, etc. Der Industrielle bekommt es mit handfesten Wettbewerbsnachteilen zu tun, wenn seine weiblichen Angestellen schwanger werden. Selbst wenn er fristlos entlassen könnte, muss er einen Nachfolger in den Betrieb einführen. Das sind wiederum Verluste.

    Was bleiben ihm für Auswege? Erstens, er stellt keine Frauen im gebärfähigen Alter ein. Zweitens, er bezahlt den Frauen weniger und kompensiert damit allfällige Verluste. Beides ist diskriminierend und nicht machbar.

    Die Biologie ist unerbittlich. Man kann die Unterstütuzng für Mütter ausbauen, aber eine schwangere Frau soll nicht mit Chemikalien hantieren müssen. Eine Entscheidung für oder gegen ein Kind wird nun mal auch vom privaten, beruflichen und sozialen Umfeld bestimmt.

    Ich hätte meine Prüfungen nicht absolvieren können, weil ich dann in der Endphase meiner Schwangerschaft gewesen wäre. Ich hätte nicht wieder meinen Ferienjob antreten können. Zusätzlich zu meiner Einsicht, jetzt kein Kind zu wollen, verstärkte dies noch meine Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen. Da der Abbruch auf einen vorlesungsfreien Freitag gefallen ist, das Wochenende mir zur Rekreation zur Verfügung stand, ist kein einziger Arbeits-/Studientag direkt ins Wasser gefallen. Und, ja, das ist noch provokanter, ich frage mich, weshalb ich mit meinen Lohnnebenkosten und Steuern eine private Entscheidung von Frauen, nämlich in so einer ungünstigen Situation ein Kind zu bekommen, unterstützen soll - ja, der Wurstfabrikant wird, will er weiterhin konkurrenzfähig bleiben, sich Gedanken machen müssen, die Löhne generell zu senken, um diese Ausfälle zu kompensieren. Der Markt ist knallhart.

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