Unsere Welt soll offener werden

von Naekubi
Dieser Text ist Teil 2 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Ich liebe Vorher-Nachher. Ob persönliches Umstyling, die Wohnung umdekorieren, Depressionen überwinden oder aber sich endlich selbst akzeptieren: Von positiven Veränderungsprozessen kann ich nicht genug bekommen. Aus diesem Grund liebe ich Social Media, denn gerade auf Twitter und Tumblr kann man wie bei wenigen anderen Plattformen Leuten beim Denken zusehen. Und unter Umständen beobachten, wie sich Denkprozesse langsam wandeln. Aber von vorn.

Neulich schrieb jemand auf Twitter über ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit und mangelnden Toleranz. Obwohl sie als Deutsche mit türkischen Wurzeln selbst von Rassismus betroffen ist, stellte sie fest, dass sie selbst hin und wieder noch in rassistischen Kategorien denkt. Die Machtverhältnisse und die Verteilung von Privilegien, die um uns herum existieren, reproduzieren wir bisweilen in unseren Köpfen – internalisierte -*ismen ist hier das Stichwort. Es ist ziemlich zerknirschend, wenn man offenbar keinen Deut offener oder respektvoller ist als die Leute, die man kritisiert.

Das Gefühl, eine Hochstaplerin oder Heuchlerin zu sein, kenne ich von mir selbst: Natürlich bin ich selbst Opfer von sexistischen oder rassistischen Gesellschaftsstrukturen, doch ich bin gleichzeitig in vielen anderen Aspekten Täterin, durch mir gewährte Privilegien in dieser Welt: Körperlich nicht behindert, cis, noch nicht alt, heterosexuell, im „Westen“ aufgewachsen. Gehe ich wirklich immer respektvoll mit anderen um, etwa wenn sie eine Behinderung haben, nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, queer sind oder trans oder alt? Gucke ich nicht manchmal von oben herab auf Leute, die keinen Zugang zu Bildung haben/hatten? Und was denke ich tatsächlich über die Menschen, die nicht das Glück hatten, im „Westen“ aufzuwachsen, und gnadenlos ausgebeutet werden?

Wir als aktivistische Menschen wollen, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart. Wir verlangen nicht weniger als eine Evolution des kollektiven Bewusstseins zu einer inklusiveren, offeneren Gesellschaft. Doch das geht im Schneckentempo vonstatten. Jede noch so winzige Veränderung geht mit Scharmützeln und massiven Grabenkämpfen einher – ob es sich nun um Freigabe der Pille danach oder den Doppelpass geht. Kein Wunder, wenn wir ungeduldig  und genervt sind. Fortschritte passieren zwar, aber sie kommen verdammt langsam, und wir haben es allmählich satt, auf andere zu warten, dass sie endlich auch dazulernen. Gerade diejenigen, die als PolitikerInnen an den Hebeln der Macht sitzen, brauchen für unseren Geschmack viel zu lange. Diese Ansprüche an unsere Umgebung haben wir auch an uns: Das, was wir propagieren, versuchen wir auch selbst zu befolgen. Dabei stoßen wir oft genug auf unsere eigenen Grenzen. Seine eigenen privilegierten Gedankengänge infrage stellen, kritisch mit ihnen umzugehen ist dann doch nicht so einfach. Wie können wir von unserer Umgebung verlangen, ihre Privilegien zu hinterfragen, wenn wir selbst es nicht einmal schaffen, diese Strukturen in unserem Kopf zu eliminieren?

Vielleicht überfordern wir uns mit diesem hehren Anspruch an uns selbst. Wir konzentrieren uns auf das große Ganze und übersehen die kleinen Erfolge. So frustrierend und überwältigend schwierig aktivistische Arbeit erscheinen mag: Ich bin zuversichtlich, dass es besser wird und sich die Mühe auszahlt. Warum? Wegen der Veränderungen im ganz Kleinen. Ich erinnerte mich kürzlich an ein Gespräch mit einem Bekannten – wir redeten über Tumblr. „Glaubst du,“ fragte ich ihn, „glaubst du, dass es möglich ist, auf Tumblr zu sein und nicht irgendwann FeministIn zu werden?“ „Ausgeschlossen“ war seine Antwort.

Durch die Vernetzung mit anderen Menschen werden wir vielen Ansichten ausgesetzt, die uns als Gesellschaft weiterbringen können. Sie lesen die Posts über Ungerechtigkeiten, über Benachteiligungen, über all die Dinge, die falsch laufen. Ihre Dashboards und Newsfeeds enthalten nicht mehr nur Gifsets von den Superheldenfilmen* oder Benedict Cumberbatch, sondern plötzlich Zitate von Maya Angelou oder Malala Yousafzai. Die Filterblase ist dann doch nicht so hermetisch abgeriegelt, wie wir meinen. Progressive Gedanken dringen durch und bewirken winzige Veränderungen. Als Einzelhandlungen sind sie leicht zu übersehen, nachgerade lachhaft winzig. Aber ich habe die Zuversicht, dass sich das kollektive Bewusstsein verändert. Tweet für Tweet, Post für Post, Bild für Bild, Gespräch für Gespräch. Dieses Vorher-Nachher mit zu verfolgen, ist für mich die beste und erfüllendste Unterhaltung, die ich mir wünschen kann. Ich hoffe, dass wir die Ausdauer besitzen, nicht nachzulassen und auch die kleinen Erfolge zu feiern. Denn der Weg ist noch lang.

Natürlich ist das sehr idealistisches Denken, dessen bin ich mir bewusst. Nicht alle Probleme lassen sich durch mehr Information aus der Welt schaffen. Und letztendlich muss das Wissen auch bei denen ankommen, denen die Macht in dieser Welt gegeben ist, damit die angestrebten Veränderungen wirklich kommen können. Aber je mehr und je intensiver gesprochen, diskutiert, protestiert, gekämpft wird, desto weniger können die Privilegierten einen ignorieren. Wenn ein Wandel schon nicht deswegen kommt, weil sie die Argumente verstehen, dann wenigstens deshalb, weil wir ihnen auf die Nerven gehen.

*Bewusst im Maskulinum gehalten, weil es derzeit keinen einzigen Film mit einer Superheldin als Hauptprotagonistin gibt. Marvel sollte sich darum kümmern.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 31. Oktober 2014 um 9:00 Uhr unter Aktivismus. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Sindibada sagt:

    Liebe Naekubi, dieser Fotrschritt von dem du meinst er ginge im Schneckentempo voran, ich finde das eine sehr optimistische und ehrlich erstrebenswerte und heilsame Vorstellung.

    Es ist leider anders. Der sogenannte „ich werde immer offener und toleranter, mein freiheitliches Weltbild wird immer vollständiger“-Fortschritt ignoriert ja leider, dass Menschen mitunter nicht nur kreativ mit ihrem Bedürfnis nach Freiheit umgehen – was bringt uns die erlangte Freiheit wenn wir allein dastehen? Irgendwo ist dann jeder wieder, ohne es zuzugeben oder es reflektieren zu müssen, wieder in einem einengenden Sozialen Zusammenhang gefangen – die Einengung wird aber nur bei anderen gesehen und kritisiert. Die immer klarere Abgrenzung gegen vermeintlich Radikale wird selbst zum Radikalismus und mit seiner Durchsetzung in Kriegen etc. wird er totalitär.

    Kurzgefasst, ich glaube viele Menschen auf der Welt haben keinen Grund, optimistisch zu sein, weil Leid, Qual und Tod täglich und wiederkehrend auf unserem Bockmist gewachsen zu ihnen rübergepflanzt werden. Ui, und nenn mich bitte jetzt biologistisch weil ich von Mist und Pilzen rede :-(

  2. Naekubi sagt:

    Hallo Sindibada,

    ich kann deine Ansicht gut verstehen. Aber was bleibt uns als Alternative? Verkriechen, Asche auf unser Haupt, nur noch deprimiert in der Ecke liegen, weil „ist ja eh alles Mist“?

    Ich bin nur ein kleiner Mensch, mein Wirkkreis ist mehr als begrenzt. Doch dort, wo ich etwas tun kann, will ich mich auch einsetzen. Es ist Stückwerk, ich kann nicht die gesamte Welt retten. Aber ich kann zumindest irgendwo anfangen, am besten bei mir selbst.

    Und nenn mich Idealistin oder so, aber ich weigere mich zu glauben, dass die Wirklichkeit nur schrecklich ist und alles den Bach runtergeht. Diesem Nihilismus verweigere ich mich aktiv. Weil ich immer noch an die Menschen glaube, trotz allem.

  3. Frl. Urban sagt:

    …das Problem ist, dass sich auch bekennende Nazis und CDU Anhänger_innen, Leute die der französischen Anti-Homo Bewegung anschließen etc. sich kreativ betätigen. Ich kann maskulinistischen Bockmist auf meinem tumblr raus halten. Sie können feministisches, emanzipatorisches Gedankengut aus ihren Timelines raushalten. CDUler, Heterrorist_innen, Nazis haben ein in sich geschlossenes Weltbild (so wie ich auch), das gut funktioniert. Ich bin mir sicher, dass sie ihre Erklärung dafür haben, warum ich denke, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Genauso wie ich mir erklären kann, warum Leute glauben, „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“

    Tschuldigung für diesen deprimierenden Gedanken! Das ist übrigens der Grund, warum ich mich nicht mit Leuten streite, die scheiß Gedankengut verbreiten. Ich fülle lieber meine Filterblase mit zugewandten Tweets und Comics. Und innerhalb dieser Filterblase funktioniert das total gut, so, wie du es beschreibst. Da bin ich mir sicher.

  4. meli sagt:

    @Frl Urban

    Du hast das geschrieben, was ich selbst schon lange spüre, obwohl ich bisher nie Worte dafür fand. Danke für deinen Kommentar!

  5. Jane sagt:

    Ich erkläre mir diese „Schuldgefühle“ nicht offen gegenüber anderen zu sein dadurch, dass man sich vielleicht nicht wirklich oft mit Menschen umgibt, die anders sind als man selbst. Deshalb hinterließ der Text auf den ersten Blick eine Assoziation wie „Luxusproblem “ oder „able/hetero/whatever guilt““. Ok man kann tatsächlich nicht von allem betroffen sein. Ich bin Angehörige einiger von der Autor genannter. Gruppen, und ich hatte schon wieder dasungute Gefühl Objekt des Unwohlseins anderer Leute zu sein. Als Lesbe/Schwerbehinderte/von Rassismus Betroffene habe ich mir in der Vergangenheit einfach normalen Umgang mit anderen Menschen gewünscht und mich gefragt, warum das so ein Riesenthema ist. Ich finde es bedenklich sich in Blasen zu flüchten. Das erzeugt doch immer einen Bias. Nicht alle Einstellungen von anderen schmecken mir, aber man bringt sich um eine Menge Austausch und wird auch leicht arrogant, wenn man behauptet alle anderen sind böse oder nicht auszuhalten. Für mich wird Dialog und aufeinander zugehen durch nichts ersetzt, weil man nur dadurch überhaupt zeigen kann, dass man existiert und seinen Platz in der Gesellschaft auch behaupten kann. Zurück zum Thema Schuldgefühle: Ich wurdemir mal in der Uni darüber bewusst, dass ich Berührungsängste mit muslimischen Frauen habe, die Kopftuch tragen. Ich dachte auch ob ich evtl nicht offen bin und machte mir gleichzeitig Sorgen, ob man sich überhaupt gegenseitig akzeptieren kann. Dann lerne ich einfach welche kennen und alles war gut. Will sagen: Kompromisse erweiter manchmal auch den Horizont und den Wirkungskreis. Ich bin einfach dafür, nicht zu Hause zu bleiben, gerade wenn das Umfeld vielleicht nicht encouriging ist.