Unisex – Jeder Geldautomat warnt vor der Gleichberechtigung

von Maria
Dieser Text ist Teil 9 von 18 der Serie Feminismus im Recht

Wer bei Sparkassen Geld abhebt, wird seit Monaten gewarnt – “Achtung Gleichberechtigung!” – denn die Unisex-Tarife bei privaten Versicherungen müssen ab 21.12.2012 gelten. Versicherungsunternehmen versuchen, mit der Warnung vor künftig steigenden Tarifen für Männer vorher noch ein paar Vertragsabschlüsse zu verkaufen. Aber warum gibt es künftig eigentlich Unisex und was ist dran an den angeblich so eindeutigen Unterschieden zwischen Frauen und Männern?

Versicherungsmathematisch werden Frauen und Männern bisher in verschiedenen Versicherungszweigen unterschiedliche Schadensrisiken zugeordnet. So zahlen Frauen in der privaten Krankenversicherung und der privaten Altersvorsorge höhere Beiträge, Männer zahlen mehr bei der Autoversicherung. Im Jahr 2011 entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Länder Ausnahmeregelungen vom antidiskriminierungsrechtlichen Grundsatz des Verbots der Unterscheidung von Tarifen nach Geschlecht (Antidiskriminierungsrichtlinie 2004/113/EG) nur noch bis 2012 weiterführen dürfen.

Warum wird die Berücksichtigung von statistischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern überhaupt als Gleichbehandlungsproblem verstanden? Zwei Argumente: Erstens könnte auch an andere Faktoren angeknüpft werden als an das Geschlecht. Denn es besteht zwar eine Korrelation zwischen Geschlecht und Lebenserwartung – die ist aber vermittelt durch andere Faktoren, wie die berufliche Tätigkeit, Konsum von Genussmitteln und sportlicher Betätigung. Zweitens befinden sich die Geschlechterrollen im Wandel und es ist überhaupt nicht mehr sicher, dass der Zusammenhang von Geschlecht und diesen vermittelnden Faktoren noch so besteht bzw. in Zukunft klarer bestehen wird. Diese Probleme beschrieb die Generalanwältin am EuGH Juliane Kokott in ihrem Schlusswort (vom 30. September 2010 in der Rechtssache C 236/09):

Eine unmittelbare Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts ist – abgesehen von spezifischen Fördermaßnahmen zugunsten der Angehörigen einer benachteiligten Gruppe (‚affirmative action‘) – nur dann zulässig, wenn sich mit Sicherheit feststellen lässt, dass es relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die eine solche Behandlung erfordern.Genau an dieser Sicherheit fehlt es aber, wenn Versicherungsprämien und -leistungen allein oder jedenfalls maßgeblich unter Zugrundelegung von Statistiken für Männer und Frauen unterschiedlich berechnet werden. Es wird dann pauschal unterstellt, dass die – lediglich statistisch zu Tage tretende – unterschiedliche Lebenserwartung von männlichen und weiblichen Versicherten, ihre unterschiedliche Risikobereitschaft im Straßenverkehr und ihre unterschiedliche Neigung zur Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen maßgeblich auf ihr Geschlecht zurückzuführen seien. Tatsächlich spielen jedoch zahlreiche andere Faktoren eine wichtige Rolle für die Bewertung der genannten Versicherungsrisiken. So wird beispielsweise die Lebenserwartung von Versicherten stark von wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten sowie von den Lebensgewohnheiten jedes Einzelnen beeinflusst (z. B. Art und Umfang der ausgeübten Berufstätigkeit, familiäres und soziales Umfeld, Ernährungsgewohnheiten, Konsum von Genussmitteln und/oder Drogen, Freizeitaktivitäten, sportliche Betätigung).

Was also als “natürlicher” Unterschied konstruiert wird, ist bei näherem Hinsehen wesentlich komplizierter.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 11. Dezember 2012 um 9:00 Uhr unter Rechtsprechung, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. Hat es nicht auch was mit Schwangerschaft zu tun? Frauen kriegen Kinder und sind deswegen teurer?

  2. Nat sagt:

    Hmm, aber sollen dann arme Leute mehr zahlen, weil sie schlechtere sozio-ökonomische Bedingungen haben? Ist doch auch unfair.

  3. roggen sagt:

    Es bekommen aber nicht alle Frauen Kinder. Außerdem bedeutet eine Schwangerschaft in den meisten Fällen nur eine Handvoll Ultraschalltermine, die Geburt selbst und ein paar Tage Krankenhaus. Warum sollen deshalb alle Frauen jeden Monat mehr in die Krankenversicherung zahlen?
    Männer dagegen rauchen im Schnitt öfter und mehr, haben ein höheres Risiko, Herzkreislauferkrankungen zu bekommen… das dürfte die Kosten einer Schwangerschaft deutlich aufheben.

  4. brittbert sagt:

    und viele Frauen werden ja auch mit einem Mann schwanger. Warum nicht die Mehrkosten, die durch eine Schwangerschaft entstehen dann nicht auch von von Anfang an auf alle (möglichen) zukünfitgen Elternteile vernteilen?

  5. Quasselette sagt:

    Problematisch ist nicht nur, dass Frauen gebären (können) sondern vor allem, dass sie vor allem im Durchschnitt länger leben und damit mehr Kosten verursachen.

  6. accalmie sagt:

    Da dieser Einwand des öfteren kommt, möchte ich noch einmal auf Juliane Kokotts Zitat in Marias Artikel hinweisen, das nicht nur die statistische Lebenserwartung, sondern auch das daran geknüpfte Argument der dadurch verursachten Kostenunterschiede differenziert:

    Es wird [...] pauschal unterstellt, dass die – lediglich statistisch zu Tage tretende – unterschiedliche Lebenserwartung von männlichen und weiblichen Versicherten, ihre unterschiedliche Risikobereitschaft im Straßenverkehr und ihre unterschiedliche Neigung zur Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen maßgeblich auf ihr Geschlecht zurückzuführen seien. Tatsächlich spielen jedoch zahlreiche andere Faktoren eine wichtige Rolle für die Bewertung der genannten Versicherungsrisiken. So wird beispielsweise die Lebenserwartung von Versicherten stark von wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten sowie von den Lebensgewohnheiten jedes Einzelnen beeinflusst (z. B. Art und Umfang der ausgeübten Berufstätigkeit, familiäres und soziales Umfeld, Ernährungsgewohnheiten, Konsum von Genussmitteln und/oder Drogen, Freizeitaktivitäten, sportliche Betätigung).

  7. Lenek sagt:

    Und selbst innerhalb der binären Logik stimmt was nicht: Ein längeres Leben (pauschal Frauen zugeordnet) kann, wenn die Person gesund ist, für die Krankenkasse relativ billig sein, während Risikoverhalten (Männern zugeordnet) oft sehr teuer ist. (OPs etc.)

  8. name sagt:

    Das Geschlecht an sich hat KEINERLEI Auswirkungen auf die Lebenserwartung-überall dort wo Menschen-hier bes Männer ‘vernünftig’, d.h gesund, regelmäßig und mit wenig stressoren(Lärm, hetzerei etc) leben(bestes bsp Klöster aller Art, einsiedeleien) ist ihre statistische Lebenserwartung der der Frauen nahezu gleich.
    E liegt also vor allem an der Gesellschaft. Zudem werden Männer stat.häufiger Opfer von gewaltverbrechen-Selbstmordrate ist auch erhöht(afaik um Faktor 3)
    Daher denk ich dass die stat Lebenserwartung-überall gleich sein könnte, würden alle, Frauen wie Männer dies menschenfressersystem ändern.. Da so Frauen in männlich konnotierte chefpositionen aufsteigen beobachtet man btw die selben stresserkrankungen…

  9. (^o.o^)~ sagt:

    @Lenek Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, danke fürs anmerken =)

  10. sprinkledcupcake sagt:

    Bei einer Risikobetrachtung spielen immer sehr viele Faktoren eine Rolle. Würde jede Versicherung exakt das individuelle Risiko ohne irgendeine Form der Pauschalisierung berechnen (was schon praktisch nicht möglich ist), würde dies mit steigenden Informationsmöglichkeiten im Ergebnis dazu führen, dass die Menschen, die eine Versicherung benötigen, kaum eine Versicherung bekommen. Man denke an die Möglichkeiten der Genanalyse, an Risikofaktoren wie individuelles Essverhalten (Welches sich im übrigen jederzeit theoretisch ändern kann oder die Frage, welche Hausarbeiten zu Hause verrichtet werden (denn: Einige sind vermutlich riskanter als andere).

    Ein Versicherungsunternehmen muss schon von der Konzeption der Versicherung her eine Mischkalkulation anstellen, die an irgendwelche Pauschalisierungen anknüpft. Sei es das Alter (Ein bestimmter junger Mensch fährt zum Beispiel nicht immer automatisch schlechter als bestimmter alter Mensch; und ein bestimmter alter Mensch wird nicht automatisch öfter krank, als ein bestimmter junger Mensch. Trotzdem werden hierbei aufgrund statistischer Erfahrungswerte Unterschiede gemacht), sei es das Geschlecht oder sei es irgendein anderes Merkmal. Wenn die Generalanwältin verlangt, dass relevante Unterschiede mit Sicherheit feststellbar sein und sich nicht lediglich in Statistiken niederschlagen dürfen, muss man ihr entgegenhalten: Diese Sicherheit ist eine Utopie. Wie soll eine solche Sicherheit abschließend festgestellt werden, wenn nicht durch statistisch signifikante Zusammenhänge? Auch unter Berücksichtigung der von ihr angeführten anderen Umstände (Art und Umfang der ausgeübten Berufstätigkeit, familiäres und soziales Umfeld, Ernährungsgewohnheiten, Konsum von Genussmitteln und/oder Drogen, Freizeitaktivitäten, sportliche Betätigung) können von einer Versicherung allenfalls in einem statistischen Kontext betrachtet werden: Wie viele Jahre lebt ein Mensch, der regelmäßig Sport betreibt, statistisch länger als ein Mensch, der keinen Sport betreibt? Wie viele Jahre länger lebt statistisch gesehen der/die Geisteswissenschaftler/in gegenüber dem/r Handwerker/in?

    Beachtet werden muss allerdings tatsächlich – und insofern ist der Generalanwältin zuzustimmen – dass Einflussfaktoren nicht doppelt berücksichtigt werden dürfen. Die Einflussfaktoren wie zum Beispiel Ernährung, Sport oder Gesundheit wirken sich bei Angabe des Geschlechts unter Umständen zweifach aus: Nämlich dann, wenn sich Männer und Frauen statistisch gesehen in beiden Belangen unterschiedlich verhalten (Angenommen, die Versicherung stellt auf “die Musterfrau” und “den Mustermann” ab, die in allen Belangen dem statistischen Durchschnitt für das jeweilige Geschlecht entsprechen), gleichzeitig aber weitere Merkmale bei der Versicherung berücksichtigt werden, wie es regelmäßig der Fall ist.

  11. Ronia sagt:

    Man sollte sich auch überlegen, dass die Menschen die heute die Lebenserwartungszahlen prägen unter anderen Umständen gelebt haben als wir heute.
    Den zweiten Weltkrieg + Folgezeit haben z.B. eher starke, gesunde Frauen überlebt, während starke, gesunde Männer in großer Zahl an der Front starben und eher die kranken oder verletzten Männer “sicher daheim” blieben.
    Man kann also annehmen, dass auch dadurch die Statistik verfälscht wird, und die Lebenserwartung für Männer in einigen Jahren überdurchschnittlich ansteigen wird.

  12. Anna-Sarah sagt:

    während starke, gesunde Männer in großer Zahl an der Front starben und eher die kranken oder verletzten Männer “sicher daheim” blieben.

    Und millionenfach in KZs und Gefängnissen ermordet wurden. Und zu zigtausenden in “Pflegeeinrichtungen” ermordet wurden.