Überleben in Neukölln

von Hengameh

Hallo
ich mache einen Film „Überleben in Neukölln“ , der bezieht sich auf einen Film von mir über drei deutsche frauen in New York „Überleben in New York, der damals sehr erfolgreich war
ich will einige Menschen portraitieren, die in Neukölln leben und überleben.

Diese Mail landete letzte Woche bei mir. Die Vorgeschichte: Eine Bekannte von mir, die sehr cool ist, fragte in einem Gruppenchat mit und ein paar andere queere Personen of Color, von denen die, die ich kenne, sehr cool sind, ob wir Lust haben, in einer Doku von Rosa von Praunheim mitzuspielen. Klang also erst mal alles in Ordnung. Der Kontakt wurde hergestellt und so las ich diese E-Mail von Rosa persönlich. Es fiel mir schwer einzuschätzen, in welche Richtung diese Doku gehen soll. Sie könnte super werden, sie könnte aber auch richtig scheiße und problematisch werden. Ich dachte mir: Ich wage vielleicht zu wenig im Leben, ich schau mir das ganze mal an.

So vereinbarten wir ein Treffen mit anderen Interessierten im Café Rix auf der Karl-Marx-Straße. Sehr orientierungslos betrat ich das Café mit den hohen Decken und den verspiegelten Wänden, suchte nach einer großen Gruppe, fand keine. Ich googelte mit dem Handy noch mal schnell „Rosa von Praunheim“, um wenigstens ein Gesicht erkennen zu können. Sobald ich wieder die Tastensperre aktivierte, hatte ich schon wieder vergessen, wie er aussehen sollte, hielt deshalb Ausschau nach einem alten Mann mit einer Cap. Einer, der auf diese Beschreibung passte, murmelte etwas zu einem Gegenüber und schaute mich dabei an. Ob er es war? Ich ging in die Richtung. „Wie heißt du?“, wollte er wissen. Ich sagt meinen Namen. Ich war also am richtigen Tisch. Wir waren allerdings nur zu dritt. Ich hörte zu, wie eine andere Person sich vorstellte und aus seinem Leben erzählte. Kurz darauf kam eine weitere Person dazu. Das waren dann drei Typen und ich. Ich irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, ich versuchte jedoch weiterhin, mir nichts anmerken zu lassen und offen zu bleiben.

Mir fiel auf, dass zu den Typen sehr viel aufgeschrieben wurde, ich wurde nur kurz gefragt, was ich mache und ob ich Iranerin sei. Ich sagte, ich sei Redakteurin und freie Autorin. Und ja, meine Eltern kommen aus dem Iran, ich bin aber hier geboren. Rosa fragte mich, ob ich denn von meiner Arbeit leben könne, ich sagte ja. Dann ging seine Aufmerksamkeit wieder zu einem der anderen über. Als die beiden Typen über Homofeindlichkeit spezifisch in Neukölln. Ich ahnte Schlimmes. Dann war wieder ich am Turn. Mehrfach fragte mich Rosa von Praunheim, ob ich als freie Autorin, Speakerin und Redakteurin (sic!) denn wirklich leben könne. Beim ersten Mal klang es nach Interesse, beim dritten ungläubigen Fragen fühlte es sich scheiße an. Ja, stellt euch vor, Menschen sind tatsächlich bereit, mich für meine Expertise und Arbeit zu bezahlen und es reicht aus, um in Berlin zu überleben. Die anderen beiden – einer von ihnen Modedesigner – wurden in Punkto Business wenig in Frage gestellt.

Dann wollte er wissen, ob ich schon mal von dem Begriff „Person of Color“ gehört hätte. Ich bejahte und ergänzte, dass ich mich auch als eine solche bezeichne. Das müsse ich ihm aber erklären, sagte er mit gerunzelter Stirn. Nachdem ich die Selbstbezeichnung erklärte, war seine Reaktion: „Das ist jetzt aber nicht fair dunkelhäutigen Personen gegenüber.“ WTF. Er sprach mir in den folgenden Minuten sämtliche Rassismuserfahrungen ab und bestand darauf, dass ich aufgrund heller Hautfarbe auch weiß sei. Und, da waren sich alle Typen einig: Auch weiße Personen können in manchen Situationen von Rassismus betroffen sein. Ich widersprach immerzu, es fühlte sich aber an, als würde ich mit einer Wand sprechen.

Nächster Punkt ging natürlich auch richtig in die Klischeefalle: Die Homofeindlichkeit in Dem Islam™. Den Islam™ gibt es nicht, versuchte ich klarzumachen. Das sahen die Boys anders. Sie reproduzierten so viele rassistische Stereotype, dass ich aufstand und ging. Jetzt war ich mir sicher, dass es ganz sicher keine coole Doku werden würde, sondern vielmehr eine Art „Demo gegen Homophobie in Neukölln – Der Film“. Drum auch der Titel „Überleben in Neukölln“. Ich schlage vor: Überleben in Charlottenburg. Überleben im cis-normativen, kapitalistischen, white supremacist Heteropatriarchat. Überleben in Deutschland. Wenn ich einen rassistischen Blick auf Neukölln sehen will, kann ich auch Buschkowski oder Sarrazin lesen, da braucht Rosa von Praunheim, der sich offenbar noch nie mit seinem weißen Privileg auseinandergesetzt hat, keine weitere Dokumentation drehen. Es ist offensichtlich, was dieser Film ist und was nicht. Nicht-weiße Personen, gerne muslimischen Backgrounds, werden für die Reproduktion einer rassistischen, anti-muslimischen Perspektive auf Neukölln instrumentalisiert. Denn: Wenn „sogar schwule Türken“ sagen, dass sie von ihren muslimischen Familien unterdrückt werden, dann gilt die Klausel, dass alle Kanaken homofeindlich sind. Tamam.

Dies zeigt auch sehr klar, für wen „Überleben in Neukölln“ gemacht wird und für wen nicht. Nicht etwa Menschen, die seit Jahrzehnten dort leben oder dort aufgewachsen sollen sich mit dieser Dokumentation identifizieren, sondern viel mehr weiße Personen, besonders schwule Typen, die Neukölln höchstens betreten, wenn sie ins SchwuZ gehen, sollen den Film sehen und sich in ihren rassistischen Zuschreibungen gegenüber „den ganzen Türken und Arabern dort“ bestärkt fühlen. Außerdem dürfen sie die unterdrückten Muslime bemitleiden und gleich auf Grindr nach einer Person suchen, die ihren orientalistischen Erwartungen entspricht und die sie befreien können. Diese Dokumentation wird wahrscheinlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Einerseits, weil Rosa von Praunheim ein sehr hohes Standing hat und seine Arbeit viele Menschen erreicht. Zweitens, weil der Film in eine Gesellschaft hineingefurzt wird, in der PEGIDA, Asylgesetzverschärfung, Birgit Kelle, Sarrazin, Merkel und BILD-Zeitung unter dem Tisch Händchen halten. Selbst Kartoffeln, die sonst gern mal heterosexistische Sprüche klopfen, werden den Film gut finden, denn sie können das Konstrukt des „homophoben Ausländers“ sehr gut aufrechterhalten. Plötzlich interessieren sich alle für LGB(T)-Rechte, solange sie dazu dienen, rassistische Strukturen weiterzuweben. Pinkwashing in a nutshell.

Stattdessen könnten Gelder darin fließen, dass queere Personen of Color in Neukölln sich selbst repräsentieren dürfen und die Narrative aus einer anti-rassistischen, queeren Perspektive erzählt wird. Am Ende des Tages ist Rosa von Praunheim nämlich auch nur ein weißer, alter Typ, der Neukölln mal so richtig analysieren will, wie es schon Sarrazin und Buschkowski vor ihm taten. Danke für nichts.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 29. Oktober 2015 um 9:00 Uhr unter Medienkritik, Religion. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Mensch. Das tut mir sehr leid, dass Du diese Situation erlebt hast – ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das ablief. Enttäuschend, um es mal sehr diplomatisch auszudrücken.

    Ich bin selbst weiß und hetero und wasweißich, aber das von Dir Beschriebene macht mich echt sauer. Wenn Neukölln was nicht braucht, dann wird’s wohl dieser Film sein. Seufz.