Über Verlust und Trauer

von Gastautor_in

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. In diesem Text geht es um Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern sowie um den Umgang mit Trauer und Trauernden (auch in queer-feministischen Kontexten). In einem zweiten Teil werden Bücher, Blogtexte, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde vorgestellt.

wolken

Ich habe mich in meinem Leben schon sehr oft mit Tod und Verlust auseinander setzen müssen. Als ich 13 war, verstarb meine Großmutter. Zusammen mit meiner Mutter und meinem Vater war sie eine zentrale Bezugsperson für mich, weil sie meine Geschwister und mich mit aufzog. Kurz nach meinem 15. Geburtstag verstarb mein Vater. Die Erlebnisse auf der Intensivstation, der Verlust zweier so wichtiger Menschen und die Trauer meiner Mutter, die innerhalb weniger Jahre ihren Mann und ihre Mutter verlor, brannten sich tief in mir ein, aber ein Sprechen darüber war kaum möglich. Meine Freundinnen waren mit sich und ihren eigenen Problemen beschäftigt. Schule und die alltäglichen Sorgen einer 15-jährigen rückten auch bei mir schnell wieder in den Vordergrund. Von Außen betrachtet kam ich sehr gut klar, abends weinte ich mein Tagebuch voll. Die Jahre vergingen, die Erinnerungen an die schmerzliche Zeit ließen nach. Ich begann auch zu vergessen. An viele Erlebnisse und Gefühle, über die ich heute in meinen Tagebüchern lese, kann ich mich nicht oder nur noch vage erinnern. An die Beerdigung meines Vaters habe ich eigentlich keine Erinnerung. Verdrängung war meine beste Freundin. Ich denke aber nicht, dass es mir permanent schlecht ging oder ich etwas unterdrücken musste, was eigentlich unbedingt raus gehörte. Verdrängungsmechanismen sind (auch) Strategien, um weiter (gut) durchs Leben zu kommen. Gefühle bahnen sich manchmal erst ihren Weg, wenn Raum und Zeit dafür da sind. Und als 15jährige gab es für mich diesen Raum nicht. Es macht mich heute zwar traurig, dass die Möglichkeit zum Trauern und Erinnern nicht da war, aber ich sehe auch, welche Funktionen es für mich hatte: Ich musste und konnte so weiterleben. Und einige meiner Träume erfüllen (zum Beispiel ins Ausland gehen).

Anfang des letzten Jahres verstarb plötzlich meine Mutter. Sie hatte keinen Lebensmut mehr, unternahm nichts gegen ihren Tod. Mir fällt es schwer, in Worte zu fassen, was das für mein Leben bedeutet_e. Es gibt für mich nur noch ein „Davor“ und ein „Danach“. Ich glaube, dass der Tod meiner Mutter der fundamentalste und grausamste Einschnitt meines Lebens war. Da ich zu der Zeit bereits regelmäßig eine Therapeutin aufsuchte, führte für mich kein Weg an einer intensiven Auseinandersetzung vorbei. Ich blicke heute auf die letzten eineinhalb Jahre zurück und stelle fest, dass ich in einer Phase bin, in der ich mich von der intensiven Trauer, der Schlaf- und Kraftlosigkeit ein wenig erhole. Ich kann wieder durchschlafen, bin konzentrierter und nicht mehr permanent müde. Ich weine nicht mehr täglich, die wasserfeste Mascara kann immer öfter gegen wasserlösliche eingetauscht werden. Ab und zu bin ich wieder spontan und manchmal sind gesellige Runden für mich auch wieder mit Spaß verbunden. Reden über meine Gefühle fällt weiterhin schwer, aufschreiben hilft sehr.

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Trauer nicht „einfach mal da“ ist und dann wieder geht. Und schon gar nicht nach einem Jahr abgeschlossen und vergessen ist. Trauer hat mein Leben sehr fundamental um_strukturiert. Ich musste mich mit ihr arrangieren, weil sie wahrscheinlich sehr lange, vielleicht mein ganzes Leben lang, mit mir bleiben wird. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Ich atme viel und ich wachse an und mit mir.

Viele schöne und traurige Momente kann ich mit meiner Mutter, meinem Vater und meiner Oma nicht mehr teilen. Die Hilflosigkeit, alleine klarkommen zu müssen, kehren in solchen Momenten zurück und können mich für mehrere Tage wegbeamen. Todesnachrichten kommen häufig nicht nur einmal. Manchmal, wenn ich eine halbe Stunde alles vergesse und fröhlich bin, kommt die Erinnerung zurück, und es trifft mich immer wieder – auch und besonders in schönen Momenten, wenn ich zum Telefon greifen will und dann merke, dass meine Mutter den Hörer nicht abnehmen wird. Eine weitere wichtige Erkenntnis: Trauer verändert sich mit der Zeit, differenziert sich aus. Traurigkeit kann manchmal zu Wut werden, oder sich mit guten Erinnerungen mixen. Ich kann frohe Momente heute mehr genießen, weil ich gelernt habe, wie kostbar sie sind.

Mein (queer-feministisches) Umfeld und ich
Ich bin in queer-feministischen Kontexten unterwegs, in denen Herkunftsfamilie nicht sehr oft selbstverständliches Thema ist. Fragen wie z.B. ob ich „meine Mama über die Feiertage besuchen fahre“ oder doofe Sprüche wie „Wenn du Kinder hast, können ja auch deine Eltern darauf aufpassen“, die annehmen, dass alle Menschen (noch) Eltern oder ein gutes Verhältnis mit ihnen haben (oder überhaupt Kinder wollen), höre ich nur von unsensiblen Arbeitskolleginnen oder von irgendwelchen Leuten in Mitfahrgelegenheiten. Manche Kolleginnen suchten ab und zu das Gespräch, lösten aber eher Unwohlsein in mir aus: Manche fragten mich zwischen Tür und Angel, woran denn meine Mutter nun gestorben sei und fügten noch schnell hinzu, dass ich ja auch „sehr stark sei und das alles schon gut verkrafte“. Bei der Beerdigung meiner Mutter wurde mir so oft versichert, dass ich stark sei (die Stärkste!), dass ich mich irgendwann fragte, ob ich für andere wie aus Stein wirke. Die augenscheinliche Logik: Wer stark ist, kann unmöglich verzweifeln. Heute denke ich, dass dieses Vergewissern meiner Stärke vielmehr die Funktion hatte, das Gewissen meines Gegenübers zu beruhigen. Manche vergaßen schon nach wenigen Wochen, dass ich eine wichtige Person in meinem Leben verloren hatte. Zwei Wochen nach der Beerdigung meiner Mutter und nach einem durchweinten Wochenende fragte mich eine Arbeitskollegin, warum ich so fertig aussehe und „ob ich zu viele Partys gefeiert hätte“. Ich war absolut sprachlos und nahm mir vor, meine Trauer öfter zu thematisieren. Das gelingt mir meistens nicht.

Auch von Freund_innen hörte ich ab und zu unangemessene Kommentare und spürte eine absolute Überforderung mit meiner Person und meinem Erleben. Ich rede sehr selten über meine Trauer oder meine Mutter, auch, weil ich manchmal die Erfahrung gemacht habe, dass mein Gegenüber dann schnell das Thema wechselt. Das hat mich oft sehr fertig gemacht, aber ich kann die Unsicherheiten und die Überforderung heute besser nachvollziehen. Ich bin ja auch manchmal überfordert mit mir selbst. Ab und zu erlebte ich, wie meine Trauer verharmlost wird. Jemand sagte mal zu mir: „Wenigstens hattest du eine coole Mutter. Meine Eltern hingegen sind furchtbar.“ Solche Sprüche fand und finde ich ziemlich bitter, weil ich mich und meinen Schmerz darin nicht gesehen fühle. Ich bin nicht weniger erschüttert über den Tod meiner Mutter, weil sie cool war. (Und: Auch mit coolen Müttern kann mensch ein konfliktreiches, schwieriges Verhältnis haben.)

In queeren Communities sind häufig problembehaftete Verhältnisse mit Eltern ein Thema, z.B. wenn diese sich homo- und transfeindlich gegenüber ihren eigenen Kindern verhalten oder krasse Erwartungen pflegen. Ich bin froh, dass für solche Themen Platz ist, denn es ist nicht leicht, ehrlich über das Verhältnis mit den eigenen Eltern zu sprechen. Trotzdem hinterlassen diese Gespräche auch schmerzhafte Gefühle bei mir, weil mein Problem nicht ein homofeindlicher Vater oder eine anstrengende, kalorienzählende Mutter ist, sondern ganz akut, wie und mit wem ich Feiertage oder Geburtstage überhaupt verbringe, so dass ich nicht allein bin und vor Traurigkeit eingehe. Im ersten Todesjahr begann ich im Mai, mir Gedanken um Weihnachten zu machen. Allein das Wort „Feiertage“ ließ Panik in mir hochkriechen. Ich plante Weihnachten und die Tage um Silvester fast minutiös, um irgendein Gefühl der Sicherheit zu haben. Facebook stellte ich wochenlang aus, um keine Festtagsbotschaften lesen zu müssen. In unseren Communities heißt es oft: Familie ist nicht nur die Herkunftsfamilie, lasst uns mehr über Wahlfamilie sprechen! Die theoretische Auseinandersetzung derjenigen, die dann trotzdem zu ihren Eltern nach Hause fuhren, wurde für mich praktische Realität. Ehrlich gesagt hat es sich nicht so befreiend angefühlt. Meine Traurigkeit kann ich nicht dekonstruieren.

Manchmal fühle ich mich unter Gleichaltrigen einsam, wenn sie sehr selbstverständlich von ihren (lebenden) Eltern sprechen. Oder sich stundenlang über ihre Eltern aufregen, weil „sie ja so nerven“. Don’t get me wrong: Mir geht es nicht darum, Gespräche über Eltern zu unterbinden. Ich finde es wichtig, dass Raum dafür da ist, (diskriminierendes) Verhalten von Eltern zu benennen. Ich würde mir nur mehr Sensibilität dafür wünschen, dass diese Gespräche für manche Menschen schmerzhaft sein können.Trauer als Teil eines Lebens kommt in den relativ jungen feministischen Communities kaum vor, vielleicht, weil noch nicht so viele Menschen Verlust erlebt haben (?). Vielleicht, weil wir eine starke Partykultur haben. Ein gutes Buch für Unterstützer_innen von Trauernden mit sehr guten Tipps und Denkanstößen werde ich im nächsten Teil vorstellen: „Keine Angst vor fremden Tränen – trauernde Freunde und Angehörige begleiten“ von der Trauerbegleiterin Chris Paul.

Mein Unterstützungsnetz
Neben meiner Partnerin, einigen wenigen sehr guten Freund_innen und meiner Therapeutin hat mir der Besuch einer Trauergruppe sehr geholfen. Als Nesthäkchen saß ich zwischen 70 bis 80jährigen Frauen; wir teilten unseren Schmerz, die Hilflosigkeit und das Gefühl des Alleinseins. Auch wenn unsere Geschichten unterschiedlich sind, war diese Gruppe eine Rettung für mich, eine temporäre Flucht aus der Einsamkeit. Für das Zuhören und Teilen von Trost werde ich mein Leben lang dankbar sein.

Ich bin auch dankbar für die vielen kleinen und großen Taten der Unterstützung, die ich von Freund_innen oder Verwandten erhielt, zum Beispiel, als eine Freundin mir eine Nachricht zum Todestag meiner Mutter schrieb und signalisierte: „Ich denke an dich und deine Mutter“. Eine andere Freundin hat sogar einen Urlaub für mich organisiert: Ich musste mich nur in ein Auto setzen und es ging los. Als ich eine alte Grundschullehrerin von mir traf, die meine Mutter sehr gut kannte, nahm sie mich fest in den Arm und sagte: „Komm, wir weinen zusammen. Erzähle mir, was du erzählen willst. Und dann essen wir Kuchen“.

Das Reden über Trauer, Verlust und Einsamkeit ist und bleibt schwierig, auch weil es nicht viele Menschen gibt, die in meinem Alter keine Eltern (mehr) haben bzw. komplett mit ihnen gebrochen haben. Ich tue einfach das, was für mich immer hilfreich war: Ich lese. Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter fing ich an die ersten Bücher zu dem Thema lesen. Generell ist Trauer(arbeit), Tod und vor allen Dingen Suizid weiterhin ein Tabuthema, das weder leicht vermarktet noch gerne öffentlich verhandelt wird. Ich besorgte mir Bücher, die sich speziell mit dem Thema Tod/Suizid von Eltern bzw. Müttern befassten, allgemeine Literatur zu Trauerbewältigung und ein Buch, das sich explizit damit befasst, wie mensch Trauernde unterstützen kann. Einige der Bücher enttäuschten mich, manche machten mich gar wütend. Zum einen, weil ich mich kaum in diesen Geschichten wiederfand und zum anderen, weil sich mir als Feministin oftmals die Nackenhaare aufstellten. Gerade Bücher, die Mutter-Tochter Geschichten erzählten, hinterließen bei mir oft nur einen stumpfen Schmerz: So gab es (unhinterfragte) Erzählungen von „richtigem“ Verhalten, z.B. als Tochter die Mutter bis zum Tode aufopferungsvoll zu pflegen. Meine Geschichte passte da nicht rein. In meinem Kopf kreiste das „Warum?“ im Loop, mischte sich mit Fassungslosigkeit, Schuldgefühlen und Wut. Bücher, die sich konkret mit Suizid befassten, waren für mich hilfreicher und halfen mir, mich ein Stück vom „Warum?“ zu entfernen. Im nächsten Teil stelle ich ein weiteres Buch von Chris Paul vor: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“.

Gerade in Trauerphasen ist es sehr wichtig, genau in sich hinein zu fühlen, welche Unterstützung (z.B. in Form von Büchern, Trauergruppen, Therapie, Freund_innen…) sich gut anfühlt oder nicht. Manche Bücher, die ich wenig hilfreich fand, können also für andere Gold wert sein. Im zweiten Teil stelle ich eine Reihe an Büchern, Zines und Videos vor, die mich begleitet haben.




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Eintrag geschrieben: Montag, 22. Juni 2015 um 9:12 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. Sharon sagt:

    Vielen lieben Dank für diesen wunderschönen Text.

    „Komm, wir weinen zusammen…“ wow <3

    Danke.

  2. sula sagt:

    Vielen Dank für diesen wichtigen Text,

    ich kann mich damit sehr gut identifizieren.

    Sula

  3. Bäumchen sagt:

    Super schöner Text und sehr sehr wichtig.

  4. AStA_la_vista sagt:

    Gestern, als ich den Artikel las in der U-Bahn auf dem Weg zur Uni, da war ich ganz froh nicht von grantigen, aufdringlichen Menschen umringt zu sein. So oft habe ich mich wieder erkannt und so oft musste ich Tränen wegblinzeln. Danke für deinen Text. Es hat mir Mut gemacht. Mut das ich nicht allein bin mit meinem Schmerz und meiner Trauer. Das ich kein einzelner Mensch bin, der irgendwie hypersensibel ist und trauert. Und noch mehr Mut, dass es okay ist, wenn es weh tut. Auch nach einer langen oder kurzen Zeit. Das es ok ist, wenn die Trauer manchmal die Macht im Leben übernimmt und mich dominiert. Morgen ist meine Oma vor zwei Jahren gestorben. Und morgen habe ich auch Geburtstag. Na gut, in 90 Minuten eher. Seit Wochen gehen mir Freund*innen und Familie auf den Sack, wann und wie ich den feiere. Ich bin jedes Mal in Tränen ausgebrochen, wie unsensibel sie doch sind und wieso sie mich nicht verstehen können. Aber nach deinem Post habe ich erst richtig begriffen, dass es nun mal Menschen gibt, in deren Leben spielt die Trauer eine große Rolle. Vielleicht ist ja dein Text (plus die Lesetipps) das größte Geschenk für mich gewesen. Die Trauer als einen „normalen“ Teil meiner selbst zu akzeptieren…irgendwie ist das ein neues Gefühl und eine neue bereichernde Erkenntnis. Ehrlich. Ich danke Dir!

  5. Autorin sagt:

    Sharon, Sula, Bäumchen: Vielen Dank an euch!

    AStA_la_vista: Ich hoffe, du hattest einen guten Tag, ich wünsche dir noch in den letzten Minuten herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich bin mir sicher, deine Oma war nah in deinen Gedanken bei dir. <3

  6. Francis sagt:

    danke für diesen wunderschönen Text!
    ich konnte mich in vielem wiederfinden und fühle mich jetzt weniger allein.