Über Sexismus reden – Antisexismus-Tage Wuppertal

von Viruletta

Sexismus und sexualisierte Gewalt sind Alltag. Auch in linken Zusammenhängen. Um dieses oft tabuisierte und kleingeredete Thema zur Sprachen zu bringen, organisieren Aktivist*innen aus Wuppertal und Berlin nun die Antisexismus Tage Wuppertal vom 10. bis 12. August.

Logo der Antisexismustage Wuppertal - rote und blaue Linien auf weißem Hintergrund

Linke und/ oder autonome Zentren labeln sich in der Regel als antisexistisch. An Türen und Wänden kleben meist Zettel, auf denen steht, dass Macker*innen hier nicht gerne gesehen und sämtliche *ismen bekämpft werden würden. Dies soll zum einen ein Gefühl von Sicherheit und Willkommensein vermitteln, zum anderen das Selbstverständnis der dort arbeitenden Gruppen zum Ausdruck bringen. Doch leider genügt eine gute Absicht, auch wenn sie noch so plakativ nach außen getragen wird, noch lange nicht, um einen tatsächlich gewaltfreien Raum zu schaffen. Zettel und Schilder halten Menschen nämlich nicht davon ab, sich wie Arschlöcher zu verhalten, Privilegien auszuspielen und anderen Menschen Gewalt anzutun.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Zumindest nicht für Menschen, die von den *ismen betroffen sind, deren Bekämpfung sich linke Gruppen nur zu gerne auf die Fahnen schreiben. Aber trotzdem wird all das viel zu selten thematisiert, was nicht zuletzt daran liegt, dass in linken Zusammenhängen in den meisten Fällen dieselben Hierarchien bestehen wie in der restlichen Gesellschaft. Lieber wird abgelenkt, in­dem der Fokus auf die „richtigen“ Sex-, Rass- oder sonstige -ist*innen gelenkt wird. Die Probleme werden ausgelagert, die eigene Position im System tot­ge­schwiegen. In Wuppertal wurde Anfang Mai eine Kampagne gestartet, die sagt: Es reicht! (PDF) In einer 8-seitigen Stellungnahme wird dort die Schließung des AZ Wuppertals gefordert.

Indem ein Raum existiert, der ein angeblicher Freiraum ist, schafft er Hoffnungen und zerstört sie umso gründlicher. In der Schule, auf der Arbeit, im Supermarkt, im Bus, werden wir zu angeblich “anderen”/”nichtdeutschen”, in unserer Existenz unsichtbar gemacht, widerlich angebaggert, einer permanent, latenten Bedrohung durchs nicht-weißmännlichdeutschhetero sein ausgesetzt – im AZ auch. Und das ist tausendmal schlimmer als im Bus. Denn es verbleibt kein Ort mehr. Ihr nehmt den Raum weg. Den Raum den es geben könnte.

FÜR DIE FOLGENDEN ZWEI ABSÄTZE GILT EINE TRIGGERWARNUNG!

Der Anlass der Kampagne ist sexualisierte Gewalt, die tragischerweise innerhalb der Räumlichkeiten des AZ Wuppertals ausgeübt worden ist. Während auf einen Nazi-Angriff schnell reagiert wurde, ging man mit einem sexualisierten Übergriff anders um:

Eine Vergewaltigung gegen eine Besucherin des AZs. Nein, nicht von Nazis, sondern einem Menschen, der seit Monaten jede Woche im AZ ist. Also irgendwie kein Böser – allen schon vorher bekannten Übergriffen zum Trotz. Reaktion? Keine. Also gut, immerhin Hausverbot für die Person. Als alle Klos auf einer Party kaputt geschlagen wurden, gab es immerhin – auch als symbolisches Signal nach außen – einen Veranstaltungs-Stop. Menschen scheinen nicht so relevant zu sein wie Sanitäranlagen.

Die Autor*innen betonen aber auch, dass dieser Vorfall nur die Spitze des berüchtigten Eisberges ist und Täter*innen-Solidarität im AZ seit jeher größer geschrieben wird als Betroffenen-Solidarität.

Vermutlich merkt ihr es nie; aber denkt mal einen Moment darüber nach, wessen Perspektive ihr bei Debatten übers Haus einnehmt? Warum müssen sich Leute dafür rechtfertigen nicht als Schwuchtel oder Schlampen beschimpft werden zu wollen? Warum fragt man sich immer selber “bin ich überempfindlich?” Und sobald man sich das nicht fragt, sondern sich traut zu äußern, dass man kein Bock darauf hat, dass Leute da sind die einem so was an den Kopf schmeißen, wird einem auch von außen mitgeteilt, dass man sich anstellt. Doch warum ist das überhaupt eine Frage? Immer geht es darum war der Täter betrunken? Ist er jung? Unerfahren? Noch neu? Hat es nicht so gemeint? War es ironisch? Das ist total egal, weil all dies zu diskutieren bedeutet, einer Person zu sagen: Wir akzeptieren, dass Du es aushalten musst als Schwuchtel bezeichnet zu werden. Uns ist egal, wie sich das für dich anfühlt. Uns ist egal, ob für dich eine Party nach so einem Spruch gelaufen ist. Uns ist egal, ob du unter diesen Bedingungen lieber zu Hause bleibst, als ins AZ zu gehen. Denn wir möchten gerne, dass alle hier sein dürfen, solange sie keine schweren Gewalttaten gegen Besucher*innen verüben. Also akzeptiere das, komm klar, werde härter. Es gibt keinen Elfenbeinturm für dich!

AB HIER IST DIE TRIGGERWARNUNG WIEDER AUFGEHOBEN.

Was die Kampagne fordert ist klar und deutlich: keine zweite Chance, keine weiteren Diskussionen über die Zukunft des AZs, sondern die Schließung. Die kommenden Antisexismus-Tage Wuppertal werden nun von anderen Menschen organsiert, sind aber auch Reaktion auf die Ereignisse. Vielleicht hat die Kampagne mit ihren konsequenten Forderungen endlich mal für Rede­be­darf (auch bei nicht Betroffenen) gesorgt. Im Einladungstext erklären die Autor*innen, aus gegebenem Anlass erscheine ihnen die Zeit reif für einen Austausch.

Der vorläufige Veranstaltungsplan ist nun online und bietet Workshops rund um FrauenLesbenTrans*-Räume, Definitionsmacht, Awareness, trans*support und wei­te­re wichtige Themen. Außerdem sollen Erfahrungen im Bereich (Anti-)Sexismus aus­ge­tauscht und Perspektiven diskutiert werden. Die ganzen drei Tage lang sind hier­bei alle Gender willkommen, denn auch wenn männlich privilegierte nicht bei allen Themen unbedingt mitreden können, so gibt es für sie dennoch eine Menge zu lernen.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 3. August 2012 um 9:15 Uhr unter Terminkalender. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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