Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.

von Gastautor_in

Das Steinmädchen bloggt auf Identitätskritik an gegen Patriarchat und Psychiatrie. Das Freundlichsein hat sie schon eine Weile aufgegeben und findet Gewalt klar zu benennen einen ziemlich guten Ansatz. Dieser Artikel ist ein Crosspost.

Aktuell wird viel über die Veränderung des Strafrechts im Bezug auf sexualisierte Gewalt debattiert. Gut. Es wird sicherlich Zeit, dass Deutsche sich mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ein Nein ein Nein ist. Klingt ziemlich simpel, scheint in diesem Land jedoch ein großes Problem zu sein, grundlegende Rechte anzuerkennen. Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, solange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln hergestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.

Die Bilder, die es im Internet gibt, sind auch die Bilder in unseren Köpfen. Sie kommen harmlos daher, sind scheinbar nur dazu da, einen Text ansprechender zu gestalten. Dabei sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, von dem, was sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung bedeutet, tief verankert.

Wie, wo und wann finden Vergewaltigungen statt?

Unsere Gesellschaft bringt uns immer wieder bei: Gefährlich sind Unterführungen und besonders Parks.

3-Sat Sendung Scobel, Januar 2015.

3-Sat Sendung Scobel, Januar 2015.

Natürlich immer nur nachts. Also wenn ich um fünf nach Hause komme, ist das gefährlich, wenn ich aber um die Zeit zur Arbeit gehe, ist es morgens, und morgens ist nicht gefährlich. Gar nicht so leicht, das alles zu verstehen. Nachts alleine im Dunkeln durch den Wald? Geht gar nicht! Beleuchtete Parks? Schon besser! Das ist ein Konzept, das mir noch nie einleuchten wollte. Im Dunkeln bin ich doch gar nicht sichtbar und fühle mich viel wohler. Aber Vergewaltigungsmythen sind nicht logisch. Sonst würden auf den Bildern auch nicht Parkbänke und Schummerlicht im Dunkeln zu sehen sein, sondern Wohnungstüren.

Heimwegtelefon, Screenshot Juni 2014

Heimwegtelefon, Screenshot Juni 2014

Geschlossene Räume müssten auf den Bildern sein und der liebende Boyfriend. Aber unsere Gesellschaft lehrt uns immer wieder: Nur das Fremde ist gefährlich. Andere Bilder würden sich nicht so gut verkaufen, sie würden zu tief reingreifen in unsere patriarchale und rassistische Gesellschaftsstruktur. Es ist Teil einer Männerfantasie, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, Teil einer Fantasie, in der im nur der Andere ein Täter sein kann, in der sexualisierte Gewalt ihre eigene Frauen, ihren Besitz angreift. Das kann natürlich nur im Außen passieren.

So sind (vergewaltige) Frauen™

Eine Frau, die vergewaltigt wird, ist immer sehr feminin dargestellt. Sie entspricht den gesellschaftlichen, heteronormativen Vorstellungen von Weiblichkeit. Sie ist jung und schlank, hat keine sichtbaren körperlichen Einschränkungen, meist lange Haare und ist niemals androgyn, burschikos, gar trans – nichts an ihr stellt Weiblichkeitskonzepte in Frage. Das sind in diesen Bildern Frauen, bei denen sich vorgestellt werden kann, dass sie vergewaltigt werden. Hässlichkeit und Abweichung von Geschlechtsvorstellungen wirkt in diesen Bildern letztendlich als Gegenbild – geschützt vor Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt durch Abnormitäten. Dass dies mit der Realität nichts zu tun hat, hindert nicht daran, diese Bilder immer wieder zu verbreiten. Denn sie sind Teil einer Männerfantasie, in der Vergewaltigung immer etwas Erotisches hat und das würde gestört werden, wenn deutlich werden würde, wer alles vergewaltigt wird.

Bild zu Artikel auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung zur EU-Studie März 2014

Bild zu Artikel auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung zur EU-Studie März 2014

Auch die Haltung vergewaltigter Frauen ist nach diesen Bildern immer eindeutig: Zusammengekauert, mit den Armen die Beine umschlungen. (Habt ihr das mal probiert? Es ist keine so einfache Position! Ich schwöre, mit ein paar Fettfalten dazwischen funktioniert das zusammenkauern einfach nicht mehr.) Immer wieder werden diese Bilder reproduziert.

Screenshot taz, Januar 2015

Screenshot taz, Januar 2015

Das Gesicht der Frauen bleibt fast immer unsichtbar, ihre Augen sind bedeckt von Händen – oder der ganze Kopf ist gebeugt. Oft sind es eben auch die Bilder wie oben, der Blick des Mannes und Täters wird zur Blickrichtung auf die Frauen, die Bilder zeigen Männerfantasien. In den Bildern wir eins immer und immer wieder klar: Die Frau ist in sich passiv.

Screenshot Kreiszeitung, Feburar 2013.

Screenshot Kreiszeitung, Feburar 2013.

Wenn das Wehren erfolgreich ist, wird dies in der Zeitung nicht so kommuniziert. Die Frau bleibt Opfer. Es ist, als könnte sie nichts anderes sein. Selbst wenn ein Täter in die Flucht geschlagen wird, er bleibt das Subjekt, sie flieht. Er bleibt immer Subjekt, sie Objekt. Es wäre leicht zu schreiben: Frau schlägt Vergewaltiger in die Flucht. Aber das ist nicht der Text, nicht das Bild. Ihr passiert, er tut. Manchmal kommt die Tat in den Fokus. Niemals ist es ihr Blick, der zählt.

Glaubhaftigkeit ist lebendig schwer zu erreichen

Es ist kein Wunder, dass in unserer Gesellschaft Vergewaltigung nicht verurteilt wird, wenn das die Bilder sind, die davon gepredigt werden, immer und immer wieder. Man kann noch so oft rufen: Vergewaltigern auf’s Maul, denn es gibt doch keine Täter. Vergewaltiger können dank dieser Bilder sagen: Das bin nicht ich, ich habe nicht in einer Unterführung gestanden und bin brutal über ein Frau hergefallen. Das war halt eine Freundin, die es eigentlich ja auch wollte.

Dank dieser Bilder können Betroffene sich keinen Glauben schenken. Es war ja nicht wie auf den Bildern. Also kann es nicht echt gewesen sein. Denn wahrhaft glaubhaft kann eine Vergewaltigung nur sein, wenn alle Mythen erfüllt werden, der Täter in rassistische Schemata passt, massive Verletzungen vorliegen – und am besten tödlich geendet hat. Denn wenn es im eigenen Zimmer war, wenn sich nicht „genug gewehrt“ ™ wurde, dann muss sie es ja doch gewollt haben. Der Tod bietet die Gewissheit, dass sie es wirklich nicht gewollt hat. Vorher bleiben immer diese Zweifel, ob die Frau es nicht doch gewollt hat, die Tat herbeigeführt, provoziert hat. Eine seltsame Vorstellung, kombiniert mit der Vorstellung der absoluten Passivität gibt es hier eine Männeropferfantasie, die Hure, das Monster, die alle Männer ihrer Kontrolle beraubt.

Da der gesamte Diskurs mehr von Männerfantasien geprägt ist als von Realitäten, ist es kein Wunder, dass Vergewaltigung nicht verurteilt wird. Diese Bilder, die täglich in Berichten zu sehen sind, halten diese Mythen aufrecht, sie sind Teil der Fantasien.

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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 11. Februar 2015 um 9:06 Uhr unter Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. furly sagt:

    Könnte man auch das deutsche Wort „Vergewaltigung“ in diesem Sinne kritisieren? Also wenn ich das früher gehört habe musste ich immer an vermeintlich dazugehörende, starke körperliche Auseinandersetzung denken. Betonung auf „…gewalt…“.

    Oder kann ein_e Englischmuttersprachler_in vielleicht sagen, ob diese Assoziation auch im englischen Begriff „rape“ enthalten ist? Hab leider kein Sprachgefühl um das einordnen zu können.

  2. Ich finde den Begriff Vergewaltigung total wichtig. Gerade weil er so deutlich mit Gewalt assoziiert wird. Ich verstehe den Einwand, dass es so wirkt, als müsste es krasse körperliche Gewalt geben, doch das ist meiner Ansicht nach eher ein Problem der Bilder und der Mythen, als ein Problem des Begriffs. Denn Vergewaltigung ist Gewalt, und dass dieser Begriff das greifbar machen kann, ist total wichtig.
    In englischsprachigen Debatten wird deutlich, dass, obwohl der Begriff anders ist, für Betroffene es nicht leichter wird, denn die Mythen prägen zu sehr das gesellschaftliche Bild und machen es damit schwierig, Gewalt als Gewalt benennen zu können.

  3. pavian sagt:

    Vorallem finde ich wichtig zu beachten, dass es mehr formen von gewalt gibt als nur die körperlich ausgelebte.

    verbale/emotionale gewalt wird permanent unterschätzt.

    mir ist auch erst vor einpaar jahren aufgegangen wie gewaltvoll die meisten miteinander umgehen – und das ganz ohne zu schlagen.
    vergewaltigung ist gewalt, selbst wenn keine körperliche verletzung dabei davon getragen wird, selbst wenn der/die vergewaltinger_in „ganz sanft“ war.
    die gewalt passiert vorallem auf emotionaler ebene. und damit umzugehen ist meist viel schwieriger als eine prellung verheilen zu lassen.

  4. Nicola sagt:

    Die Frauen wirken auch immer hilflos und bemitleidenswert. Dafür müssen sie hübsch, weiss, schlank, feminin, aber auf keinen Fall aufreizend sein. Wichtig auch die Hände vorm Gesicht, denn sie müssen sich ja schämen. Aber bitte keine Verletzungen oder gar Tathergang zeigen, so direkt will ja dann doch niemand damit konfrontiert werden.

  5. Hotzenplotz sagt:

    Ganz toller Text, danke dafür!
    Was mich auch immer wieder wahnsinnig ankotzt, ist die Vorstellung, Vergewaltigungsopfer seien „fürs Leben gezeichnet“. Das ist nicht nur schlicht falsch (ich arbeite selbst im Anti-Gewalt-Bereich und sehe immer wieder, wie Frauen* solche Taten eben doch, trotz aller emotionalen und auch körperlichen Verletzungen, gut verarbeiten und ihr Leben weiterleben). Es treibt auch die von dir ja schon beschriebene Passivitätszuschreibung auf die Spitze: die Betroffenen bleiben lebenslang Opfer. Außerdem ist es stigmatisierend hoch zehn.
    Es ist so wichtig, Vergewaltigungsmythen und rape culture zu bekämpfen! Wie oft habe ich schon von Freund*innen und Bekannten stories gehört, in denen ihnen eindeutig sexualisierte Gewalt angetan wurde und sie dies so nicht einordnen konnten oder wollten. Zu groß war die Scham und zu sehr war die Situation abweichend von den klischierten Vorstellungen, die in diesen Mythen zum Ausdruck kommen.

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