Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.




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Eintrag geschrieben: Sonntag, 11. Dezember 2016 um 12:25 Uhr unter Gewalt. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. Lea sagt:

    Ich habe in 30 Jahren Lesbenleben zwei mal Gewalt von Frauen an Frauen mitbekommen – zwei mal in 30 Jahren! In beiden Fällen wurde eingeschritten, beide gewalttätigen Frauen hatten im örtlichen feministischen Frauenzentrum Hausverbot.
    Contanze Ohms hat schon 1993 im Querverlag ihr Buch über Gewalt in lesbischen Beziehungen herausgebracht und danach bis heute an dem Thema gearbeitet (http://constance-ohms.de/publikationen/). Das Thema ist und war also schon mindestens 25 Jahre im Bewußtsein und muss es natürlich auch bleiben.
    Aber trotzdem: die neue Studie, die jetzt vor einer Weile rausgekommen ist, ist keinefalls repräsentativ. Und das ist schade.

  2. Lea sagt:

    PS: Sorry, Buch kam bei Orlanda und nicht bei Quer raus.

  3. Nadine sagt:

    Hallo Lea,

    ich habe bereits in zwei verschiedenen Beziehungen Gewalt erlebt – systematisch und so lange, bis ich die Beziehung verlassen habe. Das hat teilweise Jahre gebraucht. Und das sind nur meine Fälle. Ich kenne auch einige aus meinem näheren Umfeld. Nur weil dir Gewalt nicht bekannt ist, heißt das nicht, dass sie nicht passiert. Gewalt in queeren Beziehungen sind keine Einzelfälle oder Ausnahmen. Die Bücher von Constance Ohms kenne ich, reichen mir aber weder als Analyse noch als Handlungsempfehlung. „Die Fremde in mir“ begibt sich gar in Gänze auf Täterinnenperspektive und alle sind Frauen, die selbst Gewalt von Männern ausgehend erlebt haben. Damit wird dann die Gewalt erklärt, die sie ihren Partnerinnen antun. Gewalterfahrungen bedingen sicher Umgänge in Beziehungen, keine Frage. Unhinterfragte Beziehungskonzepte, Normen und Vorstellungen von Liebe und romantischen Beziehungen, Isolation durch ein diskriminierendes Umfeld, etc. sind weitere Faktoren.

    Auf welche Studie beziehst du dich?

  4. Singa sagt:

    Ich musste bei dem Artikel an eine Situation denken, die ich vor Jahren mit einem befreundeten Pärchen erlebt habe, bei dem die eine Partnerin die andere unangenehm bevormundet hat und verbal übergriffig war, auch vor dritten wie mir. Gewalt hat nun einmal viele Gesichter. Das habe ich einige Zeit unkommentiert geschehen lassen, bis mir aufgegangen ist: Bei einer Männer-Frauen-Beziehung hätte ich mich längst eingeschaltet. Hätte ein Mann eine Freundin von mir so behandelt, wäre ich ganz anders an die Decke gegangen. Danach habe ich die beiden angesprochen und das genauso gesagt. Gerne gehört haben sie’s nicht. Zum Glück ist die Chose bald auseinander gegangen.

  5. Lea sagt:

    Ich bin absolut bei Dir diese Gewalt zu benennen und Wege zu finden sie zu überwinden. In der Tat kann es gar nicht genug Sprechen, Literatur und Hilfe für Betroffene und Nichtbetroffene geben.
    Ich dachte Du schreibst über Gewalt unter Lesben da vor kurzem eine Studie durchs Netz gerauscht ist, die Schlagzeilen verursacht hat wie sinngemäß „Gewalt in lesbischen Beziehungen öfters vorhanden als in Heterobeziehungen“.
    Hier z.B.:
    http://www.ggg.at/2016/11/24/lesben-von-gewalt-in-homo-beziehungen-besonders-betroffen/

    Das halte ich für groben Schwachsinn. Die Überschrift steht schon konträr zur Unterschrift. Da Lesben im überwiegenden Teil nicht in Lebenspartnerschaften leben, ist die Überschrift völlige Spekulation.
    Frau könnte auch fragen, neigen Lesben, die in Lebenspartnerschaften leben, eher zu Gewalt als solche, die es nicht tun?

    Dir alles Gute :-)

  6. sojamuesli sagt:

    Super Artikel, sehr gut auf den Punkt gebracht!