Tipps für gestresste Aktivist_innen

von Magda
Dieser Text ist Teil 17 von 44 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Virgie Tovar, mit freundlicher Genehmigung von San Francisco Chronicle

Virgie Tovar lebt in San Francisco und ist eine der führenden US-amerikanischen Expert_innen in den Bereichen Diskriminierung von dicken_fetten Menschen und Körper­bilder. Sie ist Heraus­geberin der 2012 erschienenen Anthologie Hot & Heavy: Fierce Fat Girls on Life, Love and Fashion (Seal Press). Im ersten Teil dieses Inter­views sprachen wir über ihr aktuelles Buch und den politischen Back­lash gegen Fat Positivity. In diesem zweiten Teil gibt Virgie viele hilf­reiche Tipps für gestresste (Fat) Aktivist_innen. Das englische Originalinterview findet ihr unten. 

Du erwähntest im ersten Teil des Interviews, dass viele Aktivist_innen bei an­strengenden aktivistischen Kämpfen auf der Strecke bleiben, ins­besondere jene mit weniger Privilegien. Wie kommst du mit dem emotionalen Stress klar? Hast du hilf­reiche Tipps für gestresste (Fat) Aktivist_innen?

Früher habe ich viel Aktivismus gemacht, der sehr anstrengend und stressig für mich war – heute nicht mehr. Ich bin ver­schiedenen Diskriminierungen aus­gesetzt und realisierte, dass ich eine Form des Aktivismus finden muss, die für mich funktioniert, sonst würde ich nicht über­leben. Also hörte ich auf mit Aktivismus, der mir schadete, mich stresste oder wehtat, um mich jenen Formen des Wider­stands zu widmen, die mich wieder aufbauen, mich empowern und mich glück­lich machen. Ich finde die Sicht­barkeit meines Aktivismus sehr stärkend, und nicht anstrengend. Ich denke, dass Menschen sich zu unter­schiedlichen Formen von Wider­stand hin­gezogen fühlen und daraus etwas ziehen können oder eben nicht.

Meine Persönlichkeit passt genau zu dem Aktivismus, den ich tue. Ich rede gerne, bin meinungs­stark und ich liebe Aufmerk­samkeit. Ich fühle mich von Sicht­barkeit regel­recht angezogen und finde das empowernd, gar nicht stressig. Für eine, die früher komplett un­sichtbar sein wollte, weil ich fett bin, ist es für mich heute heilsam, so viel Aufmerk­samkeit zu bekommen. Ich weiß aber, dass die Sicht­barkeit, die mich stärkt, für andere, die ebenfalls von Mehr­fach­diskriminierung betroffen sind, kräfte­zehrend oder gar schädlich sein kann. Und ich weiß ebenso, dass die Fat Bewegung darunter leidet, weil diese Stimmen abwesend sind.

Für gestresste Aktivist_innen habe ich aber ein paar Tipps! 

  1. Mache Aktivismus, der dich stärkt! Falls du Politik liebst, aber total Angst davor hast, aktivistisch tätig zu sein, kann es sein, dass du die Art des Protestes ändern solltest. Klar gibt es immer Tage, an denen du müde und aus­gebrannt bist, aber Aktivismus sollte insgesamt eine freude­bringende und stärkende Praxis sein. Neben deinem Wunsch die Gesell­schaft zu verändern: Was magst du sonst so? Das sollte der Anfangs­punkt für den Aktivismus sein, den du tust. Schreiben ist zum Bei­spiel für mich der Grund morgens aufzustehen. Also entschied ich mich dafür das Schreiben zum größten Teil meiner aktivistischen Praxis zu machen.
  2. Suche dir Menschen, die anders politisch aktiv sind als du! Es gibt so viele Wege, aktivistisch tätig zu sein. Manche mögen Protest­kund­gebungen; andere lieben es sich ordentlich aufzubrezeln und zu glitzern während sie das Patriarchat kritisieren (z.B. Burlesque); wieder andere lieben es zu schreiben oder starteten eine Online-Gruppe. Freunde dich mit Leuten an, die ver­schiedene Formen des Aktivismus leben. Das ist eine wunder­bare Art und Weise Gemein­schaft zu bilden und um deine Ideen was Aktivismus ist heraus­zufordern und zu erweitern.
  3. Glaube nicht an eine Hierarchie von Aktivismus! Diese Hierarchie (die übrigens ziemlich sexistisch, klassistisch und ableistisch ist) suggeriert, dass Organisierung in Gruppen und die gefähr­lichsten/am sichtbarsten Aktionen auch am besten oder effektivsten sind. Aber die effektivste Form von Wider­stand ist genau die, die du gerne machen willst. Wir brauchen eine ganze Fülle an ver­schiedenen Formen von Aktivismus! Ich war zum Beispiel einige Zeit viel in Gruppen aktivistisch tätig, bevor ich realisierte, dass ich in Gruppen dazu tendiere, gar nichts zu sagen aus Angst davor, dass andere nicht sprechen können. Das Ergebnis war, dass ich nie meine Meinung vertrat und der Aktivismus sich dann nie wie „mein Aktivismus“ anfühlte. Alleine zu arbeiten hat mich zu einer produktiveren Aktivistin gemacht.
  4. Selbstfürsorge (self-care) ist wichtig! Besonders jüngere Aktivist_innen lästern oft über Selbst­fürsorge und behaupten, dass das „faul“ wäre und der Bewegung schadet. Nein! Nein! Nein! Ich kann kaum aus­drücken wie sehr Selbst­losigkeit unseren Bewegungen schadet, denn bei sozialem Wandel geht es nicht um Selbst­losigkeit, sondern darum, sich Politiken zu ver­pflichten, die dein Leben so beeinflussen wie du das möchtest.
  5. Du allein: Sei eine Radikale Bewegung! Es gibt sehr viele Menschen, die gerne traditionelle Formen des Protests machen würden, aber das nicht ohne erhebliche persönliche und emotionale Risiken tun können. Wenn du das bist: Bitte fühle dich nicht so als hättest du versagt! Als marginalisierte Menschen – queer, mit Behinderungen, von Rassismus betroffen, Trans*, arm und aus der Arbeiter_innenklasse – dich um dein Wohl­befinden und deine Bedürfnisse zu kümmern ist total radikal und schon ganz schön viel!
  6. Konzentriere dich auf deine Community (und nicht auf diskriminierende Kackbratzen)! Es gibt diese alte Weisheit in radikalen aktivistischen Communites, dass wir nicht weiterkommen, wenn nicht alle mitmachen. Ich stimme dem nicht zu. Ich denke, dass wir kritisch Über­zeugungen hinter­fragen müssen, die uns zwingen große Mengen unserer Energien auf diejenigen zu verwenden, die uns unter­drücken. Viele Bewegungen haben schon viel erreicht, auch wenn die Akteur_innen nicht den Mainstream repräsentierten. Wenn wir so aktivistisch tätig werden, hören wir auch auf uns irgend­wann nur noch auf diejenigen zu konzentrieren, die sich am wenigsten mit unseren Politiken verbunden fühlen. Ich sehe das so oft! Es gibt dieses Argument, dass wenn wir nicht mit allen zusammenarbeiten, wir ja eh’ immer nur die gleichen erreichen. Nun, ich liebe nun mal diese fabel­haften Menschen, die ähnliche Überzeugungen haben wie ich! Beispiels­weise habe ich früher viel Anti­rassismus-Arbeit gemacht, die sich nur darauf konzentrierte, rassistische Weiße zu überzeugen. Ich war die ganze Zeit nur wütend und frustriert. Man sagte mir immer, dass wir ohne die nicht voran­kommen können. Also hab ich’s gemacht. Dann aber verstand ich, dass ich die Menschen, die mir am liebsten waren und die am meisten Liebe, Aufmerk­samkeit und Pflege benötigen, vernach­lässigt hatte, weil ich so darauf konzentriert war, rassistische Weiße zu bilden, was auch wieder rassistische Strukturen reproduzierte. Also fing ich an meine Zeit nicht mehr damit zu verbringen, ignorante Menschen zu „bekehren“, sondern Möglichkeiten für von Rassismus betroffene Menschen zu schaffen, sich zu treffen, Ressourcen und Wissen zu sammeln und sie zu stärken, um sich auf sich und ihre Bedürfnisse zu konzentrieren. Seitdem ist es SUPER! Es ist nun mal so, dass ich sowieso keine Kack­bratzen auf meiner revolutionären Party haben will!

… der dritte und letzte Teil des Interviews wird nächste Woche veröffentlicht. 

++++++++++++++++++++++ENGLISH++++++++++++++++++++++

Virgie Tovar is one of the US‘ leading experts and lecturers in the areas of fat discrimination and body image. After completing a bachelor’s degree in Political Science at the University of California at Berkeley, she went onto complete a master’s degree in Human Sexuality with an emphasis on the intersections of gender, race and body size. She is the editor of Hot & Heavy: Fierce Fat Girls on Life, Love and Fashion (Seal Press, 2012), and has been featured in Bust Magazine, Jezebel, the San Francisco Chronicle, and on the Ricki Lake Show. She lives in San Francisco. This is part two of the interview (check out part one).

In part one of this interview, you mentioned that those exhausting activist struggles sometimes leave activists behind, especially those with less privileges. How do you deal with the emotional stress? Do you have any handy tipps for exhausted (fat) activists?

I used to do activism that was exhausting and stressful for me, but I don’t anymore. I realized that as a person experiencing multiple marginalizations that I had to do activism in a way that worked for me or I would never survive. So, I stopped doing the activism that was harmful/stressful/painful to me and now I dedicate my activism practice to things that nourish me, recharge me, empower me, and make me happy. I find the visibility of my activism nourishing, not stressful. I think everyone feels drawn to the mechanics of activism in a different way, and different forms of activism suit or nourish different people. My personality is suited to the type of activism I do. I’m talkative, opinionated, and I love attention. I am someone who is drawn to visibility and it doesn’t feel stressful – it feels powerful. I think that as someone who used to aspire to complete invisibility because of my fatness, having people focus on me feels really healing most of the time. I know that the visibility that nourishes me can be debilitating and/or harmful to other folks who experience multiple marginalizations, however. And I know that the fat movement has suffered because of their absence.

For stressed-out activists, I do have a few tips!

1. Do Activism that Nourishes You!
If you love being political, but consistently dread activism then there’s a good chance you need to change the kind of activism you’re doing. Yes, there are going to be days when you’re tired and drained, but activism should overall be a practice that is joyful and nourishing. Besides changing society, what do you love to do? This should be the starting point for the kind of activism you do. For example, the idea of writing makes me want to get up in the morning. So I decided to make writing the biggest part of my activism practice.

2. Find People who do Activism a Different Way than you Do!
There are so many ways to do activism. Some people love direct action (e.g., protests); some people love getting dressed up and sparkly while critiquing patriarchy (e.g., burlesque); some people love writing or starting online groups. Become friends with people who do activism in a different way than you do; it is an amazing way to build community and to expand/challenge the way you think about activism.

3. Don’t Buy into the Hierarchy of Activism!
The Hierarchy of Activism (which is pretty sexist, classist and ableist) places group-oriented action and the most dangerous/highly visible actions as the best or most effective. But the most effective form of activism is the kind that you want to do. We need a plethora of activism styles! I used to do group-oriented activism for a long time before I realized that I tend to stay very quiet in group settings because I worry that others aren’t being heard. As a result, I was never speaking up and therefore the activism we did didn’t feel like it was mine. I realized that working alone I was actually a much more prolific and effective activist.

4. Self-care Isn’t for Babies!
I have heard many (especially young) activists decry self-care, stating that it’s lazy and is harming our movements. No! No! No! I can’t emphasize how much selflessness harms our movements. Because real social change isn’t about selflessness – it’s about being committed to politics that will impact your life in a way that you want.

5. Be a Radical Movement of 1!
There are many, many people who want to do more traditional forms of activism but cannot without taking serious personal or emotional risks. If that’s you, please don’t feel like you failed! As marginalized people – queer, disabled, person of color, trans, poor and working class – taking care of you and your needs is totally radical and totally enough!

6. Center Your Community (Not Oppressive Douche Bags)!
There’s an old belief in radical activist movements that we can’t move forward without everyone. Well, I disagree. And I think we need to interrogate any belief that asks us to focus significant energy on our oppressors. Many movements have progressed with the majority of its members not being representative of the mainstream. When we do activism like that we end focusing ALL of our energy on the reluctant few who are the least committed to our political aims. I see this happen all the time! I think there’s this belief that if we don’t work with them then we are just „preaching to the choir.“ Well, I’m in the choir and last time I checked the choir was fabulous! For example, I used to do anti-racism activism that was focused on educating white supremacists. It made me so angry and frustrated all the time. But I was told that we can’t move forward as a movement without them. So I did it. And then I realized that by focusing on white supremacists I had repeated racism and neglected the people who were most important to me and the people who needed the most love, attention and care. So, I started shifting my time away from attempting to „convert“ oppressive people into creating opportunities for people of color to meet up, get resources and skills, and empower them to prioritize themselves and their needs. It has been AMAZING! It turns out that I don’t want assholes at my revolutionary party anyway.

… to be continued.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 26. Juni 2013 um 13:00 Uhr unter Aktivismus, Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Keks sagt:

    Kommt für mich als mehrfach marginalisert genau zur richtigen Zeit! Vielen Dank daher erstmal.
    Ich finde es für jeden Menschen wichtig, dass er auch immer auf die Selbstfürsorge/-liebe achtet, aber gerade für AktivistInnen und eben unterdrückte Menschen ist das lebenswichtig und kann daher nicht oft genug betont werden.
    Bleibt stark – Stay strong! (und wenn ihr schwach werdet, dann lasst euch helfen und kümmert euch erstmal um euch selbst)