Einträge mit dem Tag ‘Zwangsehe’

Aufstand der Frauen

Monday, November 17th, 2008 von Susanne

Ein schneller TV-Tipp für heute Abend: Um 21.45 Uhr sendet die ARD einen “Report München” zum Thema

Zwangsheirat in Deutschland
Aufstand der türkischen Frauen

Zwischen Januar und Oktober 2008 sind in einer großen deutschen Stadt zehn türkischstämmige Frauen zur Polizei gegangen und haben Strafanzeige gegen ihre Ehemänner erstattet. Eine dieser Aussagen liegt report MÜNCHEN exklusiv vor und ermöglicht uns einen Einblick in das deutsche Leben einer türkischen Zwangsehe. Kein Einzelschicksal, sondern Teil einer wachsenden Gruppe von zwangsverheirateten Frauen aus der Türkei in Deutschland. Nun gehen Frauen an die Öffentlichkeit - und klagen ihre Männer an.

Zum gleichen Thema brachte die Süddeutsche Zeitung in der letzten Woche eine sehr lesenswerte Seite 3: “Gefangen im Unaussprechlichen”.

Zwangsehe per Gesetz verbieten

Sunday, October 26th, 2008 von Susanne

In der aktuelle Ausgabe der Zeit fordert die Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates die deutsche Bundesregierung auf, Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen. Einen Gesetzesentwurf des Bundesrates gibt es schon seit drei Jahren. Nur, dass seitdem nichts passiert ist.

Natürlich verstoßen Zwangsheiraten auch jetzt schon gegen das Gesetz. Sie können als besonders schwerer Fall von Nötigung geahndet werden, gegebenenfalls kommen Verschleppung, Vergewaltigung und andere Straftatbestände hinzu. Doch das spezifische Unrecht, das Mädchen und Frauen mitten in unserem Land angetan wird, wird durch diesen rechtlichen Umweg nicht ausreichend benannt. Ein eigener Straftatbestand würde ein deutliches Zeichen an Täter und Opfer senden, dass die Bundesrepublik diese Menschenrechtsverletzung nicht toleriert. Es wäre ein Signal an die Öffentlichkeit, an Lehrerinnen, Sozialarbeiter und die Polizei und an gut meinende Publizisten, die immer noch von aufgebauschten Einzelfällen reden.

Die Botschaft lautet: Zwangsheirat ist kein Brauch, den die deutsche Gesellschaft als kulturelle Eigenart oder tolerierbares Fehlverhalten von Zuwanderern bestaunen sollte. Zwangsheirat ist eine Menschenrechtsverletzung, die Mädchen und Frauen im Namen von Tradition und Kultur angetan wird. Dieses Unrecht darf das Gesetz nicht nur en passant abhandeln.

Ates sieht das Problem im Justizministerium, in dem anscheinend niemand das Thema auf die Tagesordnung bringen will.

Wer Seyran Ates’ Aufruf unterstützen möchte, kann sich hier direkt an die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries wenden.

Hatun & Can

Thursday, September 11th, 2008 von Barbara

Vor drei Jahren gründete Andreas Becker in Berlin den gemeinnützigen Frauen-Nothilfeverein „Hatun & Can“. Der Verein heißt nach der 2005 ermordeten Hatun Sürücü und ihrem Sohn Can und hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen in Krisensituationen zu helfen. Die Hilfe gilt besonders Mädchen, die zwangsverheiratet werden sollen, und Frauen, die misshandelt wurden. Sie sollen auf schnellem und unbürokratischem Weg die Möglichkeit einer neuen Existenz in Sicherheit bekommen. Im Interview spricht Becker, 1. Vorsitzender und Vereinsgründer von Hatun & Can e.V., über die aktuelle Situation und über die tägliche Arbeit des Vereins.

Andreas Becker sagt: Wir haben nach wie vor fünf bis zehn Anfragen pro Tag, in denen Frauen und Mädchen bundesweit um Hilfe bitten. Wir haben das mal für das Jahr 2008 zusammengezählt, insgesamt kamen da schon um die 1.200 Anfragen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern.

Wer meldet sich bei Ihnen?
Unterschiedlich; teilweise die betroffenen Frauen und Mädchen selbst, teilweise auch Leute, die davon erfahren haben. Kürzlich etwa meldete sich eine Ärztin aus München, die von einem jungen Mädchen sprach, die zwangsverheiratet werden sollte. Die Ärztin hatte zwei Schusswunden in den Beinen des Mädchens behandelt und bat um Hilfe. Über einen Bekannten konnte das Mädchen gerettet werden.

Wie kann man sich eine „Rettung“ vorstellen?
Wir nehmen Kontakt mit dem Mädchen oder der Frau auf; prüfen Aufenthaltsstatus und Alter – ist sie unter 18, arbeiten wir mit dem Jugendamt zusammen – und versuchen, sie zuerst in eine Schutzwohnung und dann an einen Ort, der 250 bis 300 km entfernt von ihrem Heimatort liegt, zu bringen.

Was, wenn es schnell gehen muss – wie ist die Zusammenarbeit mit der Polizei?
In Berlin sehr gut. Vor kurzem wurden zwei 18-Jährige, die vor ihrer Zwangsverheiratung vergewaltigt wurden, am Flughafen von der Kriminalpolizei aus den Fängen eines Mannes gerettet. Der Mann kam in U-Haft; die jungen Frauen haben wir sofort in ein anderes Bundesland gebracht.

Der Verein finanziert sich über Spenden. Wer finanzielle Hilfe leisten möchte, kann das hier machen:
Hatun und Can e.V.
Berliner Sparkasse
BLZ: 100 500 00
Konto: 660 303 7333

Tradition ist nun mal Tradition

Monday, September 1st, 2008 von Susanne

In Pakistans Parlament wird momentan über die “Tradition” der so genannten Ehrenmorde gestritten. Anlass dafür ist ein schrecklicher Vorfall in der südwestpakistanischen Provinz Belutschistan. Die Süddeutsche Zeitung schreibt:

In einem abgelegenen Dorf des Bezirks sind fünf junge Frauen bei lebendigem Leib begraben worden, weil sie angeblich Schande über ihre Familien gebracht hätten. Drei von ihnen waren noch nicht einmal volljährig, zwischen 16 und 18 Jahre alt. Alle fünf hatten ihren Wunsch kundgetan, einen anderen Mann zu heiraten als jeweils jenen, den ihre Familien für sie ausgewählt hatten.

Bewaffnete Männer führten sie auf ein Feld vor dem Dorf, stellten sie in eine Reihe und schossen auf sie. Dann wurden sie in einen Graben geworfen. Sie atmeten noch, als die Männer sie mit Steinen und Erde zudeckten.

Nun wird im Parlament gestritten, denn in Pakistan werden Hunderte Frauen jährlich getötet, weil sie sich gegen eine arrangierte Ehe wehrten oder vergewaltigt wurden, weil sie sich scheiden lassen wollten oder fremdgegangen sind. Die genaue Zahl der getöteten Frauen kennt niemand, denn viele Morde werden nicht gemeldet. Gleich zu Beginn der Parlamentsdebatte meldete sich ein Senator aus Belutschistan zu Wort und sagte:

“Wir sollten dieses Ereignis nicht politisieren und negativ bewerten, das sind jahrhundertealte Traditionen, und ich werde sie auch künftig verteidigen.” Zehri fügte noch an: “Nur wer sich unmoralisch aufführt, braucht sich zu fürchten.” Es brandete Protest auf im Senat. Eine pakistanische Zeitung schrieb danach in ihrem Kommentar: “Die pakistanische Gesellschaft wird noch immer von Männern dominiert; Frauen werden nicht wie Menschen behandelt.”

Der Bericht in der Süddeutschen endet mit dem traurigen, aber vermutlich leider wahren Satz: “In aller Regel aber ebbt die Aufregung über solche Taten nach kurzer Zeit wieder ab.”

Das „Aktionsbündnis Zwangsheirat“: Wirklich „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“?

Tuesday, August 12th, 2008 von Anna

In der FAZ vom 29. Juli findet sich ein interessanter Artikel von Necla Kelek. Kelek ist Sozialwissenschaftlerin und hat 2005 das Buch „Die fremde Braut“ veröffentlicht, in dem sie die These aufstellt, dass islamische Religiosität ein Hindernis für eine gelungene Integration darstellen kann. Unter anderem begründet sie dies mit der Tradition der arrangierten Ehe bzw. Zwangsheirat.

Im FAZ-Artikel kommentiert und kritisiert Kelek nun die Rotterdamer Initiative „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“, die am 15. Juli im Kreuzberg Museum vorgestellt wurde und zugleich Auftaktveranstaltung des „Aktionsbündnis Zwangsheirat“ ist. Unterstützt wird diese von Tariq Ramadan (einem „Vordenker für einen europäischen Islam“) angestoßene Initiative unter anderem vom Berliner Integrationsbeauftragten.

„Hand in Hand gegen Zwangsheirat“ will muslimischen Frauen und Mädchen eine muslimische Beratung in Sachen Zwangsheirat anbieten. Doch während die Unterstützer vor allem erfreut darüber sind, dass das Thema in der „islamischen Community“ nicht mehr tot geschwiegen wird, kritisiert Kelek die Initiative scharf. So gebe es eine muslimische Beratung nur, damit die Frauen, so Kelek, nicht mehr in Frauenhäuser flüchten „und so Allah verloren gehen“:

„Unter dem Motto ‘Gegen Zwangsheirat’ wird also schlicht islamische Eheberatung betrieben. Dabei wird ausdrücklich die arrangierte Ehe als Modell gepriesen, auch wenn eingestanden wird, dass dabei oft Zwang im Spiel ist. (…) Vor Mischehen wird gewarnt: ‘Ein muslimischer Junge kann zwar ein christliches Mädchen heiraten, aber ein muslimisches Mädchen darf nicht einen christlichen Jungen heiraten.’“

Sie kritisiert unter anderem die Definition von Familie, die nicht die klassische Kernfamilie wäre, sondern „der Stamm“. Eine (Zwangs-)heirat ist immer die Verbindung zweier Familiengruppen, die Ehepartner werden entsprechend gewählt:

„Ramadan und seine Schüler versuchen, die Grundrechte und Werte der europäischen Zivilgesellschaft umzudeuten. Sie sprechen dem Einzelnen das Selbstbestimmungsrecht ab, definieren den Menschen als Sozialwesen und nicht als Individuum, befürworten das System der ‘Schamgesellschaft’ mit einem fatalen Ehrbegriff. Nirgendwo in dem Büchlein (Anm. d. A.: die Info-Broschüre des Vereins) wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob er überhaupt heiraten will. ‘Die Familie bildet den Kern der islamischen Gesellschaft, und die Ehe ist im Islam die einzige gestattete Weise, Familien zu gründen.’ Seine eigene Sexualität zu leben, ist nicht statthaft.“

Kelek fordert:

„Die Initiative ist deshalb ein Etikettenschwindel. Es muss der Grundsatz gelten: Ehen von Jugendlichen unter achtzehn Jahren sind grundsätzlich als Zwangsehen zu ächten. Jedem jungen Menschen, der in die Lage kommt, von seinen Eltern gegen seinen Willen verheiratet zu werden, muss der Schutz der Gesellschaft gewährt werden.“

8-Jährige verklagt Vater und Ehemann

Tuesday, April 15th, 2008 von Susanne

Im Jemen ist eine Achtjährige vor Gericht gezogen, um ihren Vater zu verklagen, der sie mit einem 30-Jährigen verheiratet hat. Die kleine Nojoud Muhammed Nasser sei am 2. April allein ins Gericht gekommen, wo sie nach einem Richter fragte, der die Anklage gegen ihren Vater übernehmen würde.

Außerdem bat sie darum, von ihrem 22 Jahre älteren Mann geschieden zu werden und beschuldigte ihn der sexuellen und häuslichen Gewalt. Der Yemen Times erzählte sie, wie es dazu kam, dass sie selbst zum Gericht ging:

“My father beat me and told me that I must marry this man, and if I did not, I would be raped and no law and no sheikh in this country would help me. I refused but I couldn’t stop the marriage. I asked and begged my mother, father, and aunt to help me to get divorced. They answered, ‘We can do nothing. If you want you can go to court by yourself.’ So this is what I have done.”

Die Anwältin Shatha Ali Nasser sagte, sie planten nun, das Mädchen in die NGO Dar Al-Rahama zu bringen, wo sie ein besseres Leben und eine Ausbildung haben könne.