Vor drei Jahren gründete Andreas Becker in Berlin den gemeinnützigen Frauen-Nothilfeverein „Hatun & Can“. Der Verein heißt nach der 2005 ermordeten Hatun Sürücü und ihrem Sohn Can und hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen in Krisensituationen zu helfen. Die Hilfe gilt besonders Mädchen, die zwangsverheiratet werden sollen, und Frauen, die misshandelt wurden. Sie sollen auf schnellem und unbürokratischem Weg die Möglichkeit einer neuen Existenz in Sicherheit bekommen. Im Interview spricht Becker, 1. Vorsitzender und Vereinsgründer von Hatun & Can e.V., über die aktuelle Situation und über die tägliche Arbeit des Vereins.
Andreas Becker sagt: Wir haben nach wie vor fünf bis zehn Anfragen pro Tag, in denen Frauen und Mädchen bundesweit um Hilfe bitten. Wir haben das mal für das Jahr 2008 zusammengezählt, insgesamt kamen da schon um die 1.200 Anfragen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern.
Wer meldet sich bei Ihnen?
Unterschiedlich; teilweise die betroffenen Frauen und Mädchen selbst, teilweise auch Leute, die davon erfahren haben. Kürzlich etwa meldete sich eine Ärztin aus München, die von einem jungen Mädchen sprach, die zwangsverheiratet werden sollte. Die Ärztin hatte zwei Schusswunden in den Beinen des Mädchens behandelt und bat um Hilfe. Über einen Bekannten konnte das Mädchen gerettet werden.
Wie kann man sich eine „Rettung“ vorstellen?
Wir nehmen Kontakt mit dem Mädchen oder der Frau auf; prüfen Aufenthaltsstatus und Alter – ist sie unter 18, arbeiten wir mit dem Jugendamt zusammen – und versuchen, sie zuerst in eine Schutzwohnung und dann an einen Ort, der 250 bis 300 km entfernt von ihrem Heimatort liegt, zu bringen.
Was, wenn es schnell gehen muss – wie ist die Zusammenarbeit mit der Polizei?
In Berlin sehr gut. Vor kurzem wurden zwei 18-Jährige, die vor ihrer Zwangsverheiratung vergewaltigt wurden, am Flughafen von der Kriminalpolizei aus den Fängen eines Mannes gerettet. Der Mann kam in U-Haft; die jungen Frauen haben wir sofort in ein anderes Bundesland gebracht.
Der Verein finanziert sich über Spenden. Wer finanzielle Hilfe leisten möchte, kann das hier machen:
Hatun und Can e.V.
Berliner Sparkasse
BLZ: 100 500 00
Konto: 660 303 7333