Einträge mit dem Tag ‘Wiedervereinigung’


Dossier: Grenzen überwinden? 25 Jahre Wiedervereinigung

6. Oktober 2015 von Charlott

Was gibt es hier zu feiern?

Was gibt es hier zu feiern?

Anfang Oktober feierte sich Deutschland – aufgrund des 25. Jubiläums der ‚Wiedervereinigung‘ in mehrtägigen Jubelveranstaltungen. In Frankfurt am Main wurde so vom 2. bis 4. Oktober zu einem so genannten Bürgerfest unter dem Motto „Grenzen überwinden“, das „die Vielfalt in Deutschland erlebbar“ machen soll, geladen – gleichzeitig wurden allerorts Grenzen geschlossen und Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte werden täglich gemeldet. Weitere Schlagworte zur Party: Deutschland präsentiere sich „modern, vielseitig, aufgeschlossen und tolerant“.

Diesem weiß-deutschen, nationalistischen Erinnerungstaumels und der verzerrten Selbstdarstellung Deutschlands setzen wir bei der Mädchenmannschaft eine Themenwoche entgegegen. Diese findet ihr nun hier noch einmal zusammengefasst im Dossier.


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Das Selbstgespräch brechen: Perspektiven auf Asyl von ehemaligen Geflüchteten

5. Oktober 2015 von Gastautor_in

Elif Kücük ist Photographin und studiert Geschichte im Masterstudiengang an der Freien Universität Berlin. Findet sie auf ihrem Blog http://castorxpollux.com/ und auf Instagram unter @castor__pollux

Sinthujan Varatharajah ist Doktorand in Political Geography am University College London. Findet ihn auf Twitter unter @varathas oder auf Facebook unter Sinthujan Varatharajah.

Folgender Beitrag erschien zuerst auf medium.com. Wir posten ihn hier mit freundlicher Genehmigung.

Elif Kücük & Sinthujan Varatharajah. Photograph: Ngoc Anh Ha

Deutschland wird in der sogenannten “Flüchtlingskrise” innerhalb der Europäischen Union bisweilen eine geradezu vorbildliche Führungsposition zugesprochen. Während andere Staaten mit strukturellem Widerwillen und gar militärischer Gewalt auf die Geflüchteten reagierten, schien Deutschland bis vor kurzem Grenzen und Gewissen für Tausende geöffnet zu haben. Die große Welle der Wohltätigkeit erreicht derzeit öffentliche wie auch private Räume. Die vergangenen Monate werden wohl in Zukunft als “Sommer der Flüchtlinge und der großen Solidarität” in Erinnerung bleiben. Eine vermeintlich wohlverdiente Nostalgie.

Monatelang haben die deutschen Medien ausführlich Entwicklungen und Geschehnisse bezüglich der Geflüchtetenfrage kommentiert. Die meisten dieser Kommentator*Innen waren in der Regel weiße Journalist*Innen, Politiker*Innen, Migrationsforscher*Innen oder freiwillige Helfer*Innen. Die Stimmen von Geflüchteten waren stets eher Randnotizen. In den seltenen Fällen, in denen sie zu Wort kommen durften, wurden diesen nur wenige Zeilen oder bestenfalls Sekunden gewährt. Geflüchtete sollten in ihrer eigenen Narrative vor allem als Bekräftigung des Konsens der Mehrheitsgesellschaft über sie dienen. Sie sind nicht die Erzähler*Innen, sondern das Erzählte.

Flüchtlingslager Burgkunstadt, 1988

Wir als Kinder von ehemaligen politischen Asylsuchenden, die selbst in den 80er und 90er Jahren in deutschen Ayslbewerberheimen gelebt und das System von innen erfahren haben, möchten eine andere, wichtige Perspektive auf diese Debatte liefern. Es ist weder unsere Absicht, als Repräsentant*Innen oder Sprecher*Innen einer als homogen gedachten Gruppe von Menschen mit Asyl- oder Fluchterfahrung zu sprechen, noch maßen wir es uns an, im Namen der heutigen Geflüchteten zu schreiben. Unsere Intention ist es, eine Diskussion über die vorherrschenden Machtverhältnisse innerhalb dieser Debatte anzuregen und die vorhandenen Lücken innerhalb des Diskurses zu benennen.

“Braucht Deutschland Flüchtlinge?”, auf diese Frage versuchten bisweilen die deutschen Medien immer wieder eine Antwort zu geben und versäumten es dabei, diese als profitorientiert und egoistisch zu entlarven. Stattdessen wird mit dem Geburtenrückgang, dem Aussterben von deutschen Städten, dem Arbeitskräftemangel und der Entlastung der Sozialkassen für Zuwanderung argumentiert. Geflüchtete sind also willkommen, da sie nützlich sind, nicht zuletzt als Auszubildende, Fachkräfte und Steuerzahler*Innen. Doch was ist mit den Analphabet*Innen, den Alten und den psychisch und physisch Kranken? Sind diese nun weniger “rettenswert”, weniger willkommen? Steht denn das Asylrecht nicht jeder*m zu, die*er Schutz und Zuflucht sucht? Wie kann denn die Berechtigung eines solchen Grundrechts daran bemessen werden, inwiefern ein Mensch für das jeweils asylbietende Land von Nutzen wäre?

(mehr …)


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Zahnbürsten gegen Frontex und der Kampf für oder gegen den eigenen Körper – die Blogschau

3. Oktober 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 286 von 295 der Serie Die Blogschau

In dieser Woche gab es auf der Mädchenmannschaft anlässlich 25 Jahre Wiedervereinigung die Themenwoche „Grenzen überwinden? 25 Jahre Wiedervereinigung.“ Wir veröffentlichten einen Beitrag über May Ayim mit einem ihrer Gedichte zum wiedervereinten Deutschland, wiesen auf Protestaktionen hin und teilten ein Essay zu 24 Jahre Hoyerswerdaer Pogrome und DDR und Feminismus. Auf unserer Facebookseite und bei Twitter streuen wir außerdem Artikel aus unserem Archiv und lesenswerte Texte anderer Publikationen. Falls ihr selbst bereits differenzierte Texte zu Wende/Mauerfall, Flucht, DDR etc. gelesen/ geschrieben habt, teilt diese doch hier in den Kommentaren.

Diaspora Reflektionen schreibt über das „Retter-Selbstimage Deutschlands“ , genau wie Schwarzrund: Zahnbürsten gegen Frontex.

Das Selbstgespräch brechen: Perspektiven auf Asyl von ehemaligen Geflüchteten“ von Elif Kücük und Sinthujan Varatharajah.

Magda hat für das Online Magazin für Frauen AVIVA das Buch „Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt“ von Eva Barlösius rezensiert.

Ein Audiostück und Text über so genannte Essstörungen, den Kampf mit sich selbst und dem eigenen Körper gibt es auf boytales zu lesen.

Weiter geht es mit dem eigenen Körper bei samchillskörper_grenzen // true queer cyborg.

„I’m stuck and verrückt in fucking Göttingen. Doch die beschissenen Palmen vor dem Bahnhof täuschen auch nicht darüber hinweg, dass es fucking deutsch ist in Kaltland…“ lest weiter auf Und egal, was mal war…

Noah Sow schreibt, und zwar jeden Tag mindestens eine kleine Schreibübung. Kennst du auch welche? Tipps erwünscht!

Außerdem ist gerade #inktober und viele Menschen auf twitter sind kreativ und zeichnen. Da gibt es z.B. den Nicht-Binär-Bär von @ein_maiki, eine farbenreiches Bild von @flausensuppe (#nonbinary) und eine hübsche Eule von der Mädchenmannschaft-Autorin Hannah.

Am 31.10. und 1.11. findet in Berlin ein Barcamp zum Thema Scheitern statt: Odyssey of Failure.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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„Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ – DDR, Feminismus und viel Diskussionsbedarf

3. Oktober 2015 von Charlott

Gespräche (und Texte) über die DDR, Mauerfall und Wendezeit empfinde ich häufig als kaum differenziert und oberflächlich. Wenn dann in dieses Themenfeld noch Feminismus hinzu kommt, dann wird es selten besser: Entweder erlebe ich eine Abwertung von jeglichen DDR-Bezügen oder aber beobachte sehr vereinfachte Rückbezüge auf die DDR. Dabei gebe es doch so vieles zu diskutieren.

Feminismus in Deutschland ist Feminismus in der BRD

Zur tabuisierten positiven Bezugnahme auf die DDR schrieb Nadine an dieser Stelle im letzten Jahr:

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht.

Wenn du versucht deutlich zu machen, dass es durchaus positive Aspekte in der DDR gab, dann ist es mit dem Generalverdacht nicht weit – oder es wird per se eine Naivität unterstellt, als wisse man nichts von Überwachung, Zwang und anderen Mechanismen des DDR-Systems (welche auf der anderen Seite natürlich auch nur in genau diesem zu verorten seien).

Die Abwertung sämtlicher (komplexer) Lebenserfahrungen in der DDR und nach der ‚Wiedervereinigung‘ in den so genannten neuen Bundesländern führt in feministischen Diskursen zu dem meist dazu, dass sie einfach ignoriert werden, bestenfalls zu einer ergänzenden Fußnote. Wenn feministische Themen in einen historischen Kontext gesetzt werden, dann ist dieser zu meist der BRD-Kontext. ‚Feminismus in Deutschland‘ wird gleichgesetzt mit west-deutscher Feminismus-Geschichte (mit ihren weiteren inhärenten Ausschlüssen). Daraus folgen auch Rückbezüge, die mal wieder ein ‚wir‘ konstruieren, wo keines ist. So werden häufig ausschließlich auf Beschlüsse und Proteste zu Abtreibungsgesetzen in der BRD Bezug genommen – und dabei vollkommen außen vorgelassen, dass in der DDR Schwangerschaftsabbrüche in einem bestimmten Rahmen legalisiert waren, es somit zur Lebenserfahrung von Menschen, die in der DDR aufwuchsen/ lebten, gehört, dass sie nach 1990 das Recht verloren. Oder es wird immer wieder herbeizitiert, dass Frauen in Deutschland erst seit 1977 einen Arbeitsplatz ohne Einwilligung des Ehemanns wählen konnten – in der DDR hingegen war ein entsprechendes Gesetz 1950 erlassen worden.

„Klar bin ich Feministin, meine Mutter war schließlich selbstverständlich arbeiten!“

Auf der anderen Seite höre ich jedoch auch stark vereinfachte, vermeintliche Kausalitäten wie „Ich bin Feministin, weil es in der DDR ja so normal war, dass Frauen arbeiten gegangen sind“. Der DDR-Kinderlied-Klassiker „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“ summt im Hintergrund, so als wären Zeilen wie „Ich habe auch ein Puppenkind,/ Das ist so lieb und fein./ Für dieses kann ich ganz allein/ Die richt’ge Mutti sein.“ inexistent. Liefern sie doch gleich einige Annahmen rund um Arbeit mit: Denn auch wenn in der DDR viele Frauen erwerbstätig waren, hieß dies keineswegs, dass beispielsweise Sorgearbeit nicht auch weiterhin klar weiblich konnotiert war. So gab es auch den monatlichen „Hausarbeitstag“ ausschließlich für verheirate Frauen mit mindestens zwei Kindern – heteronormative Normen wurden damit mitnichten durchbrochen, sondern stattdessen zementiert. (Mitteilungen von Lehrer_innen an Erziehungsberechtigte wurden ins so genannte „Muttiheft“ notiert.)

Und was bedeutet eigentlich Zugang zu Erwerbsarbeit in einem Staat, der auch „Arbeitsscheuen-Paragrafen“ hatte? Und wie sah es aus mit Entlohnung und Zugang zu den unterschiedlichen Hierarchiestufen? Gender Pay Gap hätte in jedem Fall auch für die DDR berechnet werden können und Führungspositionen waren ebenfalls zu meist männlich besetzt. Darüber hinaus lässt sich das „Meine Mutter war schon immer arbeiten“-Narrativ auch ganz wunderbar eingliedern in Neoliberalismus und andere Kapitalismus-Affirmationen. Mein Feminismus jedenfalls ist das nicht.

Themen, die bleiben

Gern würde ich (mehr) Texte lesen, die zwischen diesen beiden Extremen Themen rund um DDR und Leben in den neuen Bundesländern verhandeln. Dabei fände ich folgende Aspekte wichtig:

  • westdeutsche Feminismusgeschichte als das markieren, was sie ist: Partikulargeschichte (und dann historische Rückblicke/ Kontextualisierungen wagen, die Ausschlüsse jeglicher Art (und natürlich nicht ausschließlich das in die Fußnotenverbannen von DDR-Ereignissen) versuchen mitzudenken
  • differenzierte Blicke auf DDR-Lebensrealitäten, z.B. auch hinsichtlich von Themen wie Stasi und Geschlecht, Gesetzgebung und tatsächlicher Zugang zu Abtreibungen, Diskriminierungserfahrungen und deren Thematisierbarkeit, widerständige Bewegungen (und deren Wünsche). Ein Beispiel wie so etwas aussehen könnte? Interview mit Peggy Piesche über Lesben in der DDR.
  • kritischer Blick, darauf, was für wen eigentlich die ‚Wiedervereinigung‘ bedeutet hat (Schlagworte auch Abbau Kinderbetreuung im Osten, Arbeitslosigkeit, Rassismus etc.)
  • Überhaupt wünsche ich mir, dass wir häufiger über BRD/DDR (also die Staatssysteme, die Einfluss auf alle Lebensbereiche haben) in feministischen Kontexten diskutieren würden.

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Ausgrenzung, Armut, Abschottung feiern? Protestaktionen zum 3. Oktober

30. September 2015 von accalmie
http://www.grenzenueberwinden.de/#start

http://www.grenzenueberwinden.de/#start

Zum 25. Jahrestag der Wieder­ver­eini­gung am drit­ten Ok­to­ber diesen Jahres schmeisst Deutschland sich selbst eine Party: Das Mot­to der bun­des­weiten Feier in Frank­furt am Main heißt „Gren­zen über­win­den“. An­ge­sichts zum Beispiel der poli­ti­schen Maß­nahmen gegen ge­flüch­tete Men­schen, die ge­plan­te Ver­schär­fung der Asyl­rechts­gesetz­gebung und der de facto wirt­schaft­lichen Sank­tionen gegen Griechen­land ist die Pa­ro­le zy­nisch. Gren­zen über­win­den: Das ist das Ex­klusiv­recht wei­ßer Deut­scher.

„Staat, Nation und Kapital sind zwar vieles, aber ganz sicher kein Grund zu feiern!“, schreibt auch das Bündnis Kritik und Praxis, und ruft gemeinsam mit dem „ums Ganze!“-Bündnis und dem Krisenbündnis Frankfurt zu Gegenaktionen auf:

Für den Griff des Standortes Deutschland nach der Poleposition auf dem Weltmarkt geht die Elite über Leichen und eine ganz große Koalition stimmt ihnen zu. Zwar hat der Einzelne auch hier immer weniger vom Erfolg des deutschen Kapitals, doch die nationalistische Rhetorik samt dem kaputten Stolz darauf, mit dem Exportweltmeister wenigstens den Pass zu teilen, erreicht viele Menschen. Währenddessen will man von den unbezahlten Nazischulden nichts mehr wissen und im ganzen Land brennen wieder Flüchtlingsheime. Die Rückkehr des „hässlichen Deutschen“ konterkariert das Bild des „sanften Hegemons“ in dessen Schatten sich das autoritäre Krisenmanagement in Europa vollzogen hat. […]  Wie gerufen kommt da der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung, an dem der deutsche Staat sich unter dem unverschämten Motto „Grenzen überwinden“ bei den bundesweiten Feiern in Frankfurt/Main mit der Erinnerung an die „friedliche Revolution“ von 1989 als zivilisatorische Kraft inszenieren will. […] Gleichzeitig ist in ganz Europa, aber besonders auch in Deutschland, das Getöse sowohl an den Stammtischen als auch in den Parlamenten groß – und die Losung lautet: Grenzen dicht.“

In Frankfurt am Main finden verschiedene Prostaktionen statt:

Am 2. Oktober findet eine Kundgebung und Demonstration, „Auf die Straße gegen die ‚Einheitsfeierlichkeiten'“ statt – Treffpunkt ist um 19 Uhr am Kaisereck.

Am 3. Oktober lautet das Motto „Keine Party ohne uns! Zusammen die nationalistische Show stören!“ und es werden dezentrale und kreative Aktionen gegen das Einheitsfest stattfinden.

Um 20 Uhr am 3. Oktober findet schließlich eine Diskussion mit dem Titel „Nie wieder Deutschland!“ im DGB Haus statt. Weitere Informationen findet ihr beim Bündnis Kritik und Praxis, dem „ums Ganze!“-Bündnis  und dem Krisenbündnis Frankfurt.

Am 3. Oktober ruft ein breites Bündnis ebenfalls zur Demonstration „Refugees Welcome – 3. Oktober Demo“ in Bremen auf. Weitere Informationen zur Treffpunkt und Route findet ihr auf dessen Facebook-Seite.

Kennt oder plant ihr weitere kritische Aktionen zur Einheitsfeier? Bitte in den Kommentaren ergänzen!


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Eine Feier in weiß. May Ayim zum wiedervereinigten Deutschland.

28. September 2015 von Charlott

das wiedervereinigte deutschland
feiert sich wieder 1990
ohne immigrantInnen flüchtlinge jüdische
und schwarze menschen
es feiert im intimen kreis
es feiert in weiß
doch es ist ein blues in schwarz-weiß
es ist ein blues

(aus: blues in schwarz weiss von May Ayim, erschienem im gleichnamigen Gedicht-Band)

Zur Wiedervereinigung gibt es die immer gleichen Bilder: Menschenmassen, die „Wir sind das Volk“ rufen, fröhliches Steineklopfen an der Berliner Mauer, Staus an Grenzübergängen. Mitgeliefert die Annahme, es wäre ein guter(tm) Bezug auf den Volksbegriff möglich. Ausgeblendet eine ganze Vielzahl von Lebensrealitäten.

Eine andere Perspektive auf diese Zeit lieferte bereits in den 1990ern die Autorin und Aktivistin May Ayim. Ob in Gedichten oder Interviews, sie machte deutlich, wer aus dem Jubel allgemein ausgeschlossen war und wie sich der Alltag nach 1989 in Bezug auf Rassismus änderte. Über diese Themen sprach sie auch 1994 in der WDR-Sendung Frauen-Fragen, welche glücklicherweise online bei Youtube auffindbar ist, und gerade im Kontext der aktuellen Feierlichkeiten noch einmal herausgekramt gehört:

Zunächst habe ich mich erst einmal gefreut. Gleichzeitig war eine ganz komische Stimmung in der Luft. So eine Stimmung von einerseits wird von Brüdern und Schwestern in Ost und West geredet und gleichzeitig wurden die Gesetzgebungen MigrantInnen und Asylsuchende diskutiert und zwar im Hinblick auf Verschärfungen. Und ich hatte das Gefühl, jetzt auf einmal werden Willkommensbotschaften versandt und niemand spricht mehr davon, dass das Boot voll ist in Deutschland, dass wir sowieso schon zu viele sind. Auf einmal ist Platz, aber nur für bestimmte Leute. Und auch in der gesamten Medienlandschaft waren die Bilder immer nur von weißen Deutschen. Und für mich war das zum Teil richtig unheimlich.
Zum ersten Mal in Berlin habe ich auch sehr negative Erfahrungen gemacht, auf der Straße angepöbelt zu werden, komische Sprüche zu hören – auch von Freunden und Freundinnen komische Sprüche zu hören oder Erfahrungen mitgeteilt zu bekommen. Zum Beispiel von einem Freund, der auch aus Ghana kommt, dessen kleiner Bruder wurde 10-jährig aus der Ubahn herausgestoßen, damit einem anderen Platz gemacht werden kann, einem weißen Deutschen. Und einer weißen Freundin von mir, die in der Ubahn saß und ihr afrodeutsches Kind auf dem Schoss hatte, wurde ganz laut gesagt: „Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind ja schon selber mehr als genug.“ Und das war keine Seltenheit.
Ich hatte das Gefühl, plötzlich trauen sich Leute Sachen zu sagen, die sie vorher gedacht haben. Also nicht so, dass jetzt plötzlich Rassismus aufgekommen ist, ich denke der war vorher da, aber plötzlich, war so ein Freiheitsgefühl, dass damit einherging „So jetzt zeigen wir’s dem Rest der Welt“. Mir ist aufgefallen, dass in den Tagen nach dem 9. November, wo unglaublich viele Leute auf der Straße waren, waren ganz viele ImmigrantInnen und Schwarze Deutsche nicht auf der Straße. Und ich erinnere mich, dass ich an der U-Bahn stand, der ganze Bahnsteig war voll von Leuten und ein türkischer Mann sprach mich an: „Jetzt wird es schlimmer für uns.“
Also dieses Jahr 1989/1990 war schon so ein Jahr der Schlüsselerlebnisse, und zwar gerade auch in der Hinsicht, was die gerade begonnene Auseinandersetzung mit Rassismus betrifft. Ich hatte schon das Gefühl, dass sich seit Mitte der 80iger Jahre einiges zum positiven geändert hat.


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Themenwoche: Grenzen überwinden? 25 Jahre Wiedervereinigung

28. September 2015 von Charlott

Bald ist es wieder so weit: Der 3. Oktober, der „Tag der Deutschen Einheit“, steht an. Und da in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum begangen wird, beschränken sich die Feierlichkeiten nicht allein auf Samstag, sondern ziehen sich in alle Richtungen. In Frankfurt am Main wird vom 2. bis 4. Oktober zu einem so genannten Bürgerfest unter dem Motto „Grenzen überwinden“, das „die Vielfalt in Deutschland erlebbar“ machen soll, geladen – gleichzeitig sind allerorts die Grenzen geschlossen und Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte werden täglich gemeldet. Weitere Schlagworte: Deutschland präsentiere sich „modern, vielseitig, aufgeschlossen und tolerant“. Die Jubelseite der Bundesregierung ist betitelt „Einheit und Freiheit“.

Angesichts dieses weiß-deutschen, nationalistischen Erinnerungstaumels und der verzerrten Selbstdarstellung Deutschlands wollen wir bei der Mädchenmannschaft eine Themenwoche entgegensetzen, die sich unter anderem mit Rassismus in und seit der Wendezeit, Protestaktionen zu den angekündigten Feiern, Flucht/Asyl und DDR-Bezügen im aktuellen Feminismus beschäftigt.

Dazu erwarten euch hier auf der Seite neue Artikel. Auf unserer Facebookseite und bei Twitter werden wir zu dem zusätzlich Artikel aus unserem Archiv teilen und tolle Texte anderer Publikationen.

Falls ihr selbst bereits differenzierte Texte zu Wende/Mauerfall, Flucht, DDR etc. gelesen/ geschrieben habt, teilt diese doch hier in den Kommentaren.


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