Einträge mit dem Tag ‘Widerstand’


Sie ist eine ganz besondere Perle

8. Dezember 2011 von Kübra
Dieser Text ist Teil 26 von 35 der Serie Das Wort zum Freitag

März 2011, Tunis in Tunesien. Amina steht im Publikum am Mikrofon und stellt François Hollande, dem französischen Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten, eine Frage. Er ist an diesem Abend eingeladen, um über Demokratie zu sprechen. Holland unterbricht sie. “Entschuldigen Sie, Mademoiselle”, sagt er zu Amina, “Sie sprechen wirklich sehr gut Französisch.” Hollande lächelt. Amina nicht mehr. “Danke, Sie aber auch”, entgegnet sie. Gelächter im Saal.

“Übrigens, wissen Sie, warum ich so gut Französisch spreche? Weil ihr Land mein Land kolonialisiert habt. Jetzt sitzen Sie hier und wollen uns Demokratie lehren? Wann haben Ihre Leute zuletzt für Demokratie gekämpft und Blut gelassen? Vor über 200 Jahren? Mein Land vor drei Monaten. Also erzählen Sie uns nichts von Demokratie!”

Amina und ich lachen. “Das hast du wirklich so gesagt?”, frage ich. “Ja!”, sagt Amina schulterzuckend und zieht noch einmal an ihrer Zigarette. Dann schnippt sie den Aschenstummel in den Totenschädel aus Ton und lehnt sich grinsend zurück auf ihr Bett. Wir haben uns über Freunde kennengelernt und auf Anhieb verstanden. Meinen letzten Abend in Tunesien verbringe ich deshalb bei ihr und ihren Eltern.

Seit Stunden schon diskutieren und erzählen wir einander. Eigentlich wollten wir noch raus auf eine Demonstration von Aminas Freunden, aber wir blasen alles ab und reden weiter. Unsere Zeit ist begrenzt. Wir sind zwar beide im selben Alter, könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Sie ist Tänzerin und Schauspielerin. Keine Haut-und-Knochen-Frau, sondern eine frauliche, starke. Ihre kurzen, braunen Haare sind hinter die gepiercten Ohren geklemmt. Sie hat ein strahlendes Lächeln, gewinnend und selbstbewusst. Sie weiß, was sie will im Leben. Und was sie nicht will.

Vor ein paar Monaten hat sie ihren ägyptischen Freund verlassen, einen berühmten und erfolgreichen Regisseur, 20 Jahre älter als sie. Ihr Traummann. “Aber manchmal, wenn Träume wahr werden, merkt man, dass man ihnen noch nicht gewachsen ist.” Drei Monate nach der Trennung hat er eine Freundin von Amina geheiratet. Sie rief ihn an: “Wehe dir, du machst das, um dich bei mir zu rächen. Sie ist eine Perle, respektiere sie. Nicht du hast ihr einen Gefallen getan, sondern sie dir.”

Nach der Hochzeit ist Amina die erste Person, die das Paar anruft. Sie weinte damals. “Ich dachte, ich weine, weil der Mann, den ich liebe, jemand anderen heiratet. Aber heute weiß ich: Ich weinte, weil es dort in Ägypten zwei wunderbare Menschen gibt, die mich lieben und schätzen.”

Amina ruht sich nicht auf ihrem Status aus. Sie, die Agnostikerin, schimpft wild auf ihre radikalen säkularistischen Freunde, ihre blinde Liebe für den Westen und verteidigt Muslime. Ebenso schimpft sie auf radikale Muslime, die blinde Liebe für die Regeln und die fehlende Spiritualität – und verteidigt dort ihre säkularen Freunde. Amina macht sich Feinde. Doch sie scheut keinen Schmerz. Sie entscheidet sich und lebt mit den Konsequenzen.

Dann sprechen wir wieder über die Liebe. Amina zündet sich eine neue Zigarette an. Es wird ein langer Abend.

Dieser Text ist in der taz als Kolumne veröffentlicht worden.


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Die Sehnsucht einer Unnahbaren

23. Juni 2011 von Kübra
Dieser Text ist Teil 16 von 35 der Serie Das Wort zum Freitag

Lamees klappt ihren iPad auf und tippt ein bisschen herum. Ihre langen Fingernägel klackern. Das Make-up sitzt perfekt, das Tuch ist festlich um den Kopf ge­schwun­gen. Sie geht stolz und gerade, hat ein freundliches, aber bestimmtes, ein herzliches und gleichzeitig distanziertes Auftreten. Sobald wir den Konferenzsaal verlassen, setzt sie ihre große Sonnenbrille auf. Unnahbar.

Wir sind in Washington auf einer Konferenz. Blogger und Aktivisten aus zwanzig Ländern sind geladen. Lamees kommt aus Bahrain. Dort war sie bis vor den Pro­testen eine der beliebtesten Journalistinnen des Landes. Man lud sie zu festlichen Staatsanlässen und schicken Galas ein. Ihre spitzzüngigen und kritischen Kommentare waren beliebt in dem kleinen Golfstaat. Lamees war Vorbild vieler Frauen, den Jugendlichen war sie eine Stimme. Alles änderte sich schlagartig, als sie sich für die falsche Seite einsetzte: für die protestierenden Bahrainer auf der Straße.

Lamees sitzt vor mir im Bus. Sie ist still, nachdenklich. Der Platz neben ihr ist leer. Sie setzt sich neben niemanden, niemand setzt sich neben sie. Ich kann meinen Blick nicht von ihr lassen. Möchte mich zu ihr setzen, mit ihr sprechen.

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Von einer Fischerin, einer Biochemikerin und italienischen Widerstandskämpferinnen

1. September 2010 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 52 von 153 der Serie Kurz notiert

Wenn Frau ihrem Ärger Luft macht, läuft das natürlich direkt wieder unter „Bitch-Tirade”. Spiegel Online verwendet tatsächlich eine Handvoll Absätze über Drew Barrymores „Ausraster” gegenüber einer Journalistin, von der sie nervtötend hartnäckig zu ihrer Drogenvergangenheit befragt worden war.

Eine ungewöhnliche 16-Jährige stellt The Independent vor: Madeleine Kulab ist die einzige Fischerin im Gaza-Streifen. Weil ihr Vater nicht mehr arbeiten kann und ihre Mutter zu wenig Geld verdient, wirft sie nun jeden Abend mit ihren jüngeren Geschwistern die Netze aus und holt sie morgens wieder ein.

Was ist feministische Wissenschaftskritik und welche Rolle spielt Feminismus in der Wissenschaft? Diesen Fragen geht science.OFR.at im Interview mit der Biochemikerin Margarete Mauer nach.

Akimbo hält eine Checkliste bereit, was jede_r Einzelne machen kann, um sicherzustellen, dass die Rechte von Transgendern geachtetet werden. Ganz oben mit dabei: Bewußt darauf zu achten, dass die eigenen Netzwerke, Organisationen etc. nicht diskriminieren.

„Frauenschikane“ oder berechtige journalistische Recherchen – darüber wird in Dänemark angesichts von Vorwürfen gegen zwei hochrangige Politikerinnen debattiert. Vielleicht ja auch beides …

Im Juli ernannte der malayische Premierminister Najib Razak die beiden ersten Syariah-Richterinnen. Da das Syariah-Recht auf der Scharia beruht und vor allem familiäre Angelegenheiten wie Scheidungen und Erbe regelt, erhofften sich viele Frauen ein Ende der bisher häufig unfairen und langsamen Urteile. Doch erstmal will nun ein Kommittee von 20 Syariah-Richtern entscheiden, welche Fälle ihre Kolleginnen überhaupt bearbeiten dürfen, so altmuslimah.

In der Türkei ist das erste kurdische schwul-lesbische Magazin erschienen, berichtet queer.de Die anonymen Herausgeber_innen wollen damit die Meinung von Konservativen widerlegen, unter Kurd_innen gäbe es keine Homosexuellen.

Doku-Tipp: Bandite.

The documentary Bandite gives back to the history of the Italian Resistance, the women support at the liberation fight as expression of parity and equality between gender, a crucial moment in which the women exit from their historical role of mothers, housewife and wife and assume thatone of criminal, clandestine, partisan.


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Iranische Aktivistin Seifi: Bloggen gegen das Regime

21. April 2010 von Magda

Farnaz Seifi ist seit Jahren in der iranischen Frauenbewegung aktiv, Übersetzerin und Bloggerin. Sie hat für mehrere Tageszeitungen und feministische Webseiten im Iran gearbeitet und ist Mitbegründerin von Zanestan, dem ersten feministischen Online-Magazin im Iran. Seifi thematisiert die geschlechtlichen Dimensionen der Verfassung und die sexistische Doppelstandards Doppelmoral innerhalb der iranischen Gesellschaft. Weil die traditionellen Medien im Iran einer starken Zensur unterworfen sind, ist das Internet für viele Aktivist_innen zum einzigen alternativen Medium geworden, welches die Veröffentlichungsverbote der iranischen Regierung (zumindest teilweise) umgehen mag.

Nachdem Mahmud Ahmadinedschad vor fünf Jahren zum 6. Präsident der Islamischen Republik Iran gewählt wurde, hat sich die Lage der Widerständler_innen innerhalb des Landes verschärft. So wurde die älteste feministische Publikation Zanan Magazine nach 16jähriger Laufzeit 2008 von Ahmadinedschad verboten. Überwachung, Arbeits- und Studierverbote sind Teil der iranischen Realität, ebenso Verhaftungen wegen Verdacht auf Regimekritik. So wurde Seifi 2007 am Flughafen auf dem Weg zu einem Internet-Workshop in Indien verhaftet und verbrachte zwei Tage im Gefängnis. Auch ihr geplantes Master-Studium der Gender Studies wurde von den iranischen Autoritäten nicht genehmigt. Seit drei Jahren lebt Seifi nun in den Niederlanden, da ihr die Einreise nach Teheran wegen “oppositionellen Tätigkeiten” untersagt ist.

Im Rahmen der re:publica 2010 sprach die 28-jährige im Interview mit Spreeblick über die Frauenbewegung im Iran, Zensur im Netz und Repressionen gegenüber regimekritischen Iraner_innen.

Spreeblick: Der Iran hat eine sehr lebhafte Frauenrechtsbewegung, in der du dich engagiert hast…

Seifi: Ja! Der Iran ist eines der Länder im Nahen Osten mit einer sehr starken Frauenbewegung, es ist wirklich eine wichtige Sache. Wie viele andere soziale Bewegungen steht sie unter großem Druck. Aktuell haben sie zwei große Kampagnen am laufen. Eine davon ist die „One Million Signatures Campaign“ für die Änderung diskriminierender Gesetze gegen Frauen im Iran. (…) Die andere Kampagne ist die Kampagne gegen Steinigungen, die immer noch im iranischen Recht existieren. Sie sind auch sehr aktiv und stehen unter großem Druck, ihre Webseite wird zensiert und einige von ihnen hatten keine andere Wahl, als das Land zu verlassen.

Interviews mit Seifi hat auch das Küchenradio geführt, beginnend ab Minute 2:30, ebenso wie der Bayrische Rundfunk: “Bloggen gegen das Regime”.


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Wer war… Sophie Scholl?

22. Februar 2010 von Magda
Dieser Text ist Teil 8 von 31 der Serie Wer war eigentlich …

Sophie Scholl wurde am 9. Mai 1921 geboren und heute vor 67 Jahren ermordet. Sie kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Teil der Widerstandsgruppe “Weiße Rose” gegen den Nationalsozialismus.

Quelle: www.aworldtowin.net

Aufgewachsen mit vier Geschwistern trat die künstlerisch begabte Sophie mit zwölf Jahren anfangs noch euphorisch dem “Bund deutscher Mädel” bei. Bald wendete sie sich jedoch von der Hitlerjugend ab, u.a. beeinflußt von ihrem Vater, der der Propaganda Hitlers kritisch gegenüber stand.

Im Juni 1942 nahm Scholl ihr Studium der Biologie und Philosophie in München auf und begann, sich auf Grund ihres gewachsenen politischen Interesses anfangs zum Unmut ihres Bruders Hans Scholl in der “Weißen Rose” zu engagieren.

Kern der “Weißen Rose” waren neben den Geschwistern Scholl noch drei weitere Münchner Studierende – Willi Graf, Christof Probst und Alexander Schmorell – und ihr Mentor und Professor Kurt Huber. Sie verteilten in den Jahren 1942/43 sechs Flugblätter und initiierten mehrere Aktionen gegen das NS-Regime. Die Flugblätter riefen zum Widerstand gegen die Politik Hitlers auf und forderten das Ende des Massenmordes.

Bei der Verteilung des sechsten Flugblatts wurden die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität beobachtet und verhaftet. Vier Tage später wurden beide zum Tode verurteilt und am gleichen Tag hingerichtet.

Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) kann man Auszüge der Verhörprotokolle von Sophie Scholl nachlesen. Das Flugblatt #5 finder ihr hier.

Sophie Scholl wurde 22 Jahre alt.


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