Einträge mit dem Tag ‘Vergewaltigungsmythen’


Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

10. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 122 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

________

* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].


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Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.

11. Februar 2015 von Gastautor_in

Das Steinmädchen bloggt auf Identitätskritik an gegen Patriarchat und Psychiatrie. Das Freundlichsein hat sie schon eine Weile aufgegeben und findet Gewalt klar zu benennen einen ziemlich guten Ansatz. Dieser Artikel ist ein Crosspost.

Aktuell wird viel über die Veränderung des Strafrechts im Bezug auf sexualisierte Gewalt debattiert. Gut. Es wird sicherlich Zeit, dass Deutsche sich mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass ein Nein ein Nein ist. Klingt ziemlich simpel, scheint in diesem Land jedoch ein großes Problem zu sein, grundlegende Rechte anzuerkennen. Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, solange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln hergestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.

Die Bilder, die es im Internet gibt, sind auch die Bilder in unseren Köpfen. Sie kommen harmlos daher, sind scheinbar nur dazu da, einen Text ansprechender zu gestalten. Dabei sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, von dem, was sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung bedeutet, tief verankert.

Wie, wo und wann finden Vergewaltigungen statt?

Unsere Gesellschaft bringt uns immer wieder bei: Gefährlich sind Unterführungen und besonders Parks.

3-Sat Sendung Scobel, Januar 2015.

3-Sat Sendung Scobel, Januar 2015.

Natürlich immer nur nachts. Also wenn ich um fünf nach Hause komme, ist das gefährlich, wenn ich aber um die Zeit zur Arbeit gehe, ist es morgens, und morgens ist nicht gefährlich. Gar nicht so leicht, das alles zu verstehen. Nachts alleine im Dunkeln durch den Wald? Geht gar nicht! Beleuchtete Parks? Schon besser! Das ist ein Konzept, das mir noch nie einleuchten wollte. Im Dunkeln bin ich doch gar nicht sichtbar und fühle mich viel wohler. Aber Vergewaltigungsmythen sind nicht logisch. Sonst würden auf den Bildern auch nicht Parkbänke und Schummerlicht im Dunkeln zu sehen sein, sondern Wohnungstüren.

Heimwegtelefon, Screenshot Juni 2014

Heimwegtelefon, Screenshot Juni 2014

Geschlossene Räume müssten auf den Bildern sein und der liebende Boyfriend. Aber unsere Gesellschaft lehrt uns immer wieder: Nur das Fremde ist gefährlich. Andere Bilder würden sich nicht so gut verkaufen, sie würden zu tief reingreifen in unsere patriarchale und rassistische Gesellschaftsstruktur. Es ist Teil einer Männerfantasie, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, Teil einer Fantasie, in der im nur der Andere ein Täter sein kann, in der sexualisierte Gewalt ihre eigene Frauen, ihren Besitz angreift. Das kann natürlich nur im Außen passieren.

So sind (vergewaltige) Frauen™

Eine Frau, die vergewaltigt wird, ist immer sehr feminin dargestellt. Sie entspricht den gesellschaftlichen, heteronormativen Vorstellungen von Weiblichkeit. Sie ist jung und schlank, hat keine sichtbaren körperlichen Einschränkungen, meist lange Haare und ist niemals androgyn, burschikos, gar trans – nichts an ihr stellt Weiblichkeitskonzepte in Frage. Das sind in diesen Bildern Frauen, bei denen sich vorgestellt werden kann, dass sie vergewaltigt werden. Hässlichkeit und Abweichung von Geschlechtsvorstellungen wirkt in diesen Bildern letztendlich als Gegenbild – geschützt vor Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt durch Abnormitäten. Dass dies mit der Realität nichts zu tun hat, hindert nicht daran, diese Bilder immer wieder zu verbreiten. Denn sie sind Teil einer Männerfantasie, in der Vergewaltigung immer etwas Erotisches hat und das würde gestört werden, wenn deutlich werden würde, wer alles vergewaltigt wird.

Bild zu Artikel auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung zur EU-Studie März 2014

Bild zu Artikel auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung zur EU-Studie März 2014

Auch die Haltung vergewaltigter Frauen ist nach diesen Bildern immer eindeutig: Zusammengekauert, mit den Armen die Beine umschlungen. (Habt ihr das mal probiert? Es ist keine so einfache Position! Ich schwöre, mit ein paar Fettfalten dazwischen funktioniert das zusammenkauern einfach nicht mehr.) Immer wieder werden diese Bilder reproduziert.

Screenshot taz, Januar 2015

Screenshot taz, Januar 2015

Das Gesicht der Frauen bleibt fast immer unsichtbar, ihre Augen sind bedeckt von Händen – oder der ganze Kopf ist gebeugt. Oft sind es eben auch die Bilder wie oben, der Blick des Mannes und Täters wird zur Blickrichtung auf die Frauen, die Bilder zeigen Männerfantasien. In den Bildern wir eins immer und immer wieder klar: Die Frau ist in sich passiv.

Screenshot Kreiszeitung, Feburar 2013.

Screenshot Kreiszeitung, Feburar 2013.

Wenn das Wehren erfolgreich ist, wird dies in der Zeitung nicht so kommuniziert. Die Frau bleibt Opfer. Es ist, als könnte sie nichts anderes sein. Selbst wenn ein Täter in die Flucht geschlagen wird, er bleibt das Subjekt, sie flieht. Er bleibt immer Subjekt, sie Objekt. Es wäre leicht zu schreiben: Frau schlägt Vergewaltiger in die Flucht. Aber das ist nicht der Text, nicht das Bild. Ihr passiert, er tut. Manchmal kommt die Tat in den Fokus. Niemals ist es ihr Blick, der zählt.

Glaubhaftigkeit ist lebendig schwer zu erreichen

Es ist kein Wunder, dass in unserer Gesellschaft Vergewaltigung nicht verurteilt wird, wenn das die Bilder sind, die davon gepredigt werden, immer und immer wieder. Man kann noch so oft rufen: Vergewaltigern auf’s Maul, denn es gibt doch keine Täter. Vergewaltiger können dank dieser Bilder sagen: Das bin nicht ich, ich habe nicht in einer Unterführung gestanden und bin brutal über ein Frau hergefallen. Das war halt eine Freundin, die es eigentlich ja auch wollte.

Dank dieser Bilder können Betroffene sich keinen Glauben schenken. Es war ja nicht wie auf den Bildern. Also kann es nicht echt gewesen sein. Denn wahrhaft glaubhaft kann eine Vergewaltigung nur sein, wenn alle Mythen erfüllt werden, der Täter in rassistische Schemata passt, massive Verletzungen vorliegen – und am besten tödlich geendet hat. Denn wenn es im eigenen Zimmer war, wenn sich nicht „genug gewehrt“ ™ wurde, dann muss sie es ja doch gewollt haben. Der Tod bietet die Gewissheit, dass sie es wirklich nicht gewollt hat. Vorher bleiben immer diese Zweifel, ob die Frau es nicht doch gewollt hat, die Tat herbeigeführt, provoziert hat. Eine seltsame Vorstellung, kombiniert mit der Vorstellung der absoluten Passivität gibt es hier eine Männeropferfantasie, die Hure, das Monster, die alle Männer ihrer Kontrolle beraubt.

Da der gesamte Diskurs mehr von Männerfantasien geprägt ist als von Realitäten, ist es kein Wunder, dass Vergewaltigung nicht verurteilt wird. Diese Bilder, die täglich in Berichten zu sehen sind, halten diese Mythen aufrecht, sie sind Teil der Fantasien.

Zum Weiterlesen


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Gratis-Entwicklungshilfe, goldene Facepalmen und siruptriefende Pfannkuchen – die Blogschau

11. Januar 2014 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 234 von 295 der Serie Die Blogschau

„Wir sind gekommen, um euch eine helfende Hand zu reichen und kostenlos Nachhilfe zu geben, man könnte es auch Entwicklungshilfe nennen“- das Bündnis Mind The Trap intervenierte eindrucksvoll bei einer fragwürdigen Tagung über Zugangsbarrieren zu Kulturproduktionen. Es gibt auch ein Video von der Aktion zu sehen.

Rambling Rose wagt die Prognose: „Der Trend zur Definitionshoheit weisser (Medien-)mac_h_ker hält an. Sie wollen auch 2014 entscheiden, was rassistisch und/oder sexistisch ist.“ Ganz vorne mit dabei in Sachen Nichtrassismus und -sexismus: Comedy mit natürlich besten Absichten.

In der TV-Talkshow Beckmann ging es vorgestern unter dem Titel “Was ist schon normal? Leben mit behinderten Menschen” um Inklusion. Während und nach der Sendung wurde heftig auf Twitter über die Gäste und Inhalte diskutiert. Die Leidmedien haben ein paar Meinungen zusammengetragen.

mara vom Futblog erzählt darüber, wie anders in ihrem Umfeld mit der Liebesbeziehung ihres Bruders umgegangen wird als mit ihren eigenen: „heute weiss ich, dass meine sexualität kein thema war weil es etwas ungewisses ist, etwas womit sie keine erfahrung haben, weil ich schlicht und ergreifend nicht heterosexuell bin.“

Warum „sich jetzt einmal alle (egal welcher Sexualpräferenz) in einer Schlange anstellen und die güldene Facepalme an Norbert Blüm überreichen“ dürfen, sagt C. Rosenblatt beim Ein Blog von Vielen.

„‚Wenn unsere Kinder homosexuell werden, sterben wir alle aus” ist das neue “wenn die Erde keine Scheibe mehr ist, fallen wir alle runter‘.“- Fabienne Vesper über #idpet und das Klima, in dem diese Petition stattfindet.

„Danke, dass ich deine Wichsvorlage sein darf, nicht wahr?“ – Naekubi hat sich mit den Rassisten und Sexisten von Amy & Pink rumgeschlagen. Auf dass ihr die Löffel niemals ausgehen mögen!

Bei Don’t degrade Debs, darling! berichtet die Auorin: „Es ist nun über 6 Monate her, dass ich bei der Polizei meine Anzeige gemacht habe. Seit dem warte ich. Ich bin geübt, aber nicht besonders gut im Warten und ich merke, wie dieses scheinbare EsGeschiehtNichts an mir nagt.

Steinmädchen betrachtet das neue Projekt Heimwegtelefon kritisch: „Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.“

Katrin erklärt in ihrem Blog Reizende Rundungen zunächst in englischer, dann in deutscher Sprache, warum in der Aufforderung, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen, oftmals eine Riesenportion Fatshaming enthalten ist: „Denn ja, natürlich sollte man niemals nur nach dem Aussehen beurteilen, weder wegen dem Stil, den Haaren, den Klamotten oder dem Körper eines Menschen. Aber, und hier kommt ein sehr großes aber, man sollte das nicht nur nicht tun, weil sich unter dem „hässlichen“ ein schönes Inneres verbergen könnte. Sondern man sollte das generell nicht tun, egal was man darunter zu erwarten hat!“

Warum Jay vom Virtual Rereat Center einen Sonntag im Monat in der Küche verbringt und einen haufen zusätzliche Teller angeschafft hat: „Ich lade eine Runde feministischer Spaßverderber_innen ein, um gemeinsam Spaß haben zu können. Wir achten gemeinsam darauf, eine Stimmung zu schaffen, mit der sich alle wohl fühlen, statt von anderen als diejenigen wahrgenommen zu werden, die schlechte Stimmung verbreiten. Wir versuchen füreinander Platz zu schaffen, um miteinander Platz nehmen zu können.“

„Abseits von cismännlichem Technik-Expertenmackertum Probleme mit Rechnern, Computern, Maschinen bequatschen, Erfahrungen austauschen, Fragen beantworten und die sprichwörtliche “Hilfe zur Selbsthilfe” anbieten“ – das gibt’s am 17.1. und ab dann jeden dritten Freitag im Monat, erzählt riot_nrrrd. Denn dann findet bei TrIQ (Glogauerstraße 19, Hinterhof, 10999 Berlin) eine Computersprechstunde für alle interessierten Trans*, Inter*, Lesben und Frauen* statt.

Und auch das hier bitte schon mal fett im Kalender anmarkern: Am 19. Januar 2014 im FAQ Infoladen (barrierearm), ab 15:30: Vortrag und Spoken Word der Aktivist*innengruppe FatUp!

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Mitten drin im Mainstreamdiskurs – Medienberichte zu Falschanschuldigungen

30. Mai 2013 von Gastautor_in

[Inhalt: Im Text geht es um sexualisierte Gewalt und deren Verharmlosung durch Medien. V*rg*w*lt*g*ng wird wiederholt ausgeschrieben.]

Unsere Gastautorin Sarah Lempp ist Redakteurin bei „ak – analyse & kritik“.

„Vorgetäuschte Vergewaltigung“ – schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate prangte eine solche Schlagzeile auf der Süddeutschen Zeitung vom 22. Mai und warb damit für eine Reportage auf der prominenten Seite 3. Unter dem Titel „Geschichten aus dem Odenwald“ ging es dort um eine Lehrerin, die behauptete, von einem Kollegen vergewaltigt worden zu sein. Der Mann wurde verurteilt und saß seine Strafe ab, doch dann wurde das Verfahren nochmals aufgerollt und der Lehrer freigesprochen, weil ernsthafte Zweifel an der Geschichte der Frau aufkamen. Eine besondere Tragik bekam der Fall noch dadurch, dass der Beschuldigte ein Jahr nach dem Freispruch an einem Herzinfarkt starb – na, wenn das mal keine interessante Story ist!

Mir verdarb der Artikel allerdings schon beim Frühstück die Lust auf die Zeitungslektüre – zeichnete er doch mal wieder das klassische Bild der bösartigen Frau, die ihren männlichen Kollegen/Freunden/Verwandten schaden will, indem sie „einen auf Vergewaltigungsopfer macht“. Okay, die SZ ist kein ausgesprochen kritisches Blatt, aber doch eine der wenigen verbliebenen seriöseren Zeitungen in Deutschland, von denen ich mir einen anderen Umgang mit dem Thema erhoffen würde. Denn es mag solche Fälle immer mal wieder geben, aber sie sind eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu den tatsächlich stattgefundenen Vergewaltigungen. Indem die SZ Berichten über behauptete Vergewaltigungen so prominente Plätze einräumt, stimmt sie in den Mainstreamdiskurs ein, demzufolge Männer an jeder Ecke damit rechnen müssten, fälschlich als Vergewaltiger beschuldigt zu werden. Damit tritt sie gleichzeitig die vielen realen Betroffenen von Vergewaltigung mit Füßen – von denen sich sowieso nur eine Minderheit „traut“, die Tat anzuzeigen.

So werden in Deutschland laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2004 jedes Jahr zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen polizeilich angezeigt, wobei davon ausgegangen wird, dass nur ca. fünf Prozent aller vergewaltigten Frauen dies auch anzeigen. Von den gemeldeten Vergewaltigungen werden nur ca. 13 Prozent gerichtlich verurteilt. Und auch jenseits solcher Statistiken gibt es zahllose Belege dafür, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland viel weiter verbreitet ist als allgemein angenommen und dass Betroffene es sehr schwer haben, Gehör zu finden. Leser_innen der Mädchenmannschaft wird mensch dies kaum erklären müssen, aber das ist gemeint, wenn feministische Aktivist_innen von einer „rape culture“ sprechen – einer tief verankerten gesellschaftlichen Kultur, in der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt verharmlost werden, in der ein „Nein“ auch mal ein „Ja“ sein kann und in der den Tätern mehr Glauben geschenkt wird als den Betroffenen.

Die bekanntesten Beispiele aus dem letzten Jahr sind die Fälle Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange, die von den Medien schnell zu Opfern geltungs- und rachsüchtiger Frauen stilisiert wurden. Mit ähnlich wenig Solidarität können Betroffene auch in weniger prominenten Fällen rechnen, wie es etwa die Kampagne „Ich hab’ nicht angezeigt“ im vergangenen Jahr deutlich machte. Diese sammelte Aussagen von Betroffenen sexualisierter Gewalt darüber, warum sie die Straftaten nicht angezeigt haben.

Solchen Personen Raum auf Seite 3 zu geben, wäre so viel angemessener, als der gängigen Behauptung Munition zu liefern, Falschbeschuldigungen seien „ein Massenphänomen geworden“ (Kachelmann). Vielleicht helfen ja Leser_innen-Briefe der SZ-Redaktion ein wenig auf die Sprünge: forum@sueddeutsche.de.


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Bedingungsloses Grundeinkommen, heimlicher Abbau einer Gedenkstätte für Sinti und Roma – kurz verlinkt

22. Mai 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 197 von 340 der Serie Kurz notiert

Aus Protest gegen die Homo-Ehe hat sich ein Nazi in Frankreich öffentlich erschossen.

Die Empörung nimmt ab, der Rassismus nicht. Auf jetzt.de erzählen fünf Studierende von ihren alltäglichen Rassismuserfahrungen.

Auf Colorlines kritisiert Schauspielerin Lucy Liu die Rollenvergabe nach rassifizierten Kriterien. (englisch)

David Jay porträtiert auf The Scar Project Brustkrebs-Überlebende. (englisch)

In Wiesbaden lässt eine Schule eine Gedenkstätte für Sinti und Roma still und heimlich abbauen. Nach Protesten wird behauptet, sie habe nie existiert, schreibt die taz.

Unterstützer_innenInfo hat ein neues Heft herausgebracht. In „Kompass“ geht es um Mythen und Realität im Bezug auf sexualisierte Gewalt.

DieStandard.at hat ein Interview mit Ina Praetorius zur Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen geführt.

Sharon Dodua Otoo schreibt im Nachgang zum taz-Panel über Aktivismus und Ally sein. (englisch)

Die Süddeutsche hat Geschlechterforscherin Melanie Groß zu Geschlechterrollen, dem Barbie Dream House in Berlin und der Farbe Pink interviewt.

Red No. 3 nimmt sich der typischen Aussage an, die (auch) Feminist_innen oft als „Kritik“ zu hören bekommen: „Du möchtest nur mit Menschen reden, mit denen du einer Meinung bist„. (englisch)

Nachdem eine Jobcenter-Mitarbeiterin einen Mann trotz schwerwiegender Herzerkrankung zur Arbeit gezwungen hatte und dieser daraufhin einen Herzstillstand erlitt, droht ihr nun eine Strafanzeige.

Neonazi-Experte Bernd Wagner bestätigt bei einem Gespräch anlässlich des NSU-Prozesses in der Heinrich-Böll-Stiftung: Rassismus ist in deutschen Behörden strukturell verankert.

Seit in München der NSU-Prozess läuft, sind mehrere Einrichtungen Zielscheibe von Einschüchterungsversuchen vermutlich aus der rechten Szene geworden. Besonders heftig traf es eine Rechtsanwaltskanzlei, die vor Gericht die Angehörige eines Mordopfers vertritt, so sueddeutsche.de.

Die EU-Grundrechteagentur veröffentlichte am vergangenen Freitag, dem Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie Ergebnisse ihrer Online-Befragung, an der 93.000 Menschen teilnahmen: Gewalt, Isolation und Angst gehören zum Alltag vieler LGBT.

Raise Our Story teilt Erfahrungen von Menschen, die im Kindes- und Jugendlichenalter als sogenannte „undokumentierte Einwander_innen“ in die USA einreisten.

In Irland soll die rigide Gesetzgebung zu Abtreibungen reformiert werden. Frei entscheiden dürfen Schwangere weiterhin nicht, schreibt die Jungle World.

Nadine hat mit der taz über das Buch „queer_feminismus. label & lebensrealität“ gesprochen, das sie zusammen mit Leah Bretz geschrieben hat.

Termine in Aachen, Berlin, Braunschweig, Düsseldorf, Hamburg, Kiel und Wien findet ihr nach dem Klick:  (mehr …)


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Erlebnisse im TV, im Internet und in der Drogerie – die Blogschau

3. November 2012 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 182 von 295 der Serie Die Blogschau

Christine Olderdissen guckte Tatort und ärgert sich über das dort verbreitete verquere Weltwissen über lesbische Liebesbeziehungen – kein Ausrutscher, sondern alte Tradition.

Brandneu hingegen: das Institut für Klassismusforschung.

Melanie hat einen Hollaback!-Workshop besucht und berichtet für die Femgeeks von ihren Eindrücken.

Das Steinmädchen erzählt über ihre bisherigen Erfahrungen mit Netzfeminismus, die Bedeutung von Solidarität und macht der Mädchenmannschaft eine kleine wundervolle Liebeserklärung. Hach! Außerdem war sie vergangenen Mittwoch bei den Protesten gegen die Opferindustrie-Propaganda der Kachelmanns dabei. Bonus: ein kommentierter Medienspiegel!

Im Missy-Interview erzählt Sarah Diehl von ihrem gerade erschienen Roman Eskimo Limon 9.

Melanie erlebt hingegen sprachlos machendes in der Kassenschlange.

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Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er „Nein ich will keinen Sex“ versteht!

14. September 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 52 von 59 der Serie Meine Meinung

[Hinweise zum Inhalt: sexualisierte Gewalt und Ver­ge­walti­gungs­ent­schuldi­gungen]

„Man kann schließlich von keinem Mann erwarten, dass er ‚Nein ich will keinen Sex‘ versteht!“ Mehr fällt einer dieser Tage nicht ein, wenn sie die Geschichte des Frei­spruchs in Marl liest, bzw. der Bericht­er­stattung danach. Ein bereits durch Ver­ge­waltigungs­ent­schuldigungen auf­ge­fallener Recht­sanwalt und Blogger bestätigt, dass ein Gewalt­täter vom Vorwurf der Ver­ge­waltigung frei­ge­sprochen werden muss. Weil die Betroffene „nur“ „Nein, ich will nicht“ sagte, sich aber nicht „genug“ gewehrt hat. Und auch der Spiegel lässt den Anwalt des 15-Jährigen Mädchens erzählen, in einem Rechtsstaat habe das Gericht so entscheiden müssen. Denn der §177 des Strafgesetzbuches be­sagt:

„Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,

2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder

3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheits­strafe nicht unter einem Jahr bestraft.“

Dies, so der Anwalt, seien „objektive Kriterien“, ohne die „kaum bewiesen werden könne, ob eine Frau die Wahrheit sagt, wenn sie von dem Ge­schlechts­verkehr als Ver­ge­waltigung berichtet.“ Kotztüten raus, die Frauen als ständigen Lügnerinnen. Was für eine „objektive“ Definition von Gewalt und Drohungen haben wir hier eigentlich? Zählt da verbale Gewalt? Wie explizit müssen Drohungen sein? Ist „der Typ hat schon mal eine Frau verprügelt“ keine un­miss­verständliche Botschaft an alle anderen Frauen, die sich aus welchen Gründen auch immer, in seiner Nähe be­finden? Und dann der unsägliche Quatsch der „Schutz­losigkeit“. Die Betroffene hätte ja schreien können und war deshalb nicht „schutzlos“.

Doch ob es etwas bringt, sich zu wehren, oder im Gegenteil die Gewalt eskalieren lässt, ist für Betroffene schwer einzuschätzen. Immerhin geht es bei Ver­ge­walti­gungen nicht um Sex, sondern Macht­ausübung. Außer­dem, so erinnert die Emma, ist „Nichtstun“ eine völlig normale Reaktion. Noch schlimmer ist da nur noch die Angst besagten Bloggers, jeder ein­ver­nehm­liche Sex könne in eine Vergewaltigung umgedeutet werden. Weil ein „Nein“ so furchtbar schwer zu verstehen ist und alle Frauen Betroffenen lügen. Ist Eure Kotztüte auch schon so voll?

An dieser Stelle kann ich nur noch einmal die Lektüre des Interviews mit der Junior­professorin Ulrike Lembke empfehlen. Sie fordert, dass sich nur noch qualifizierte Kräfte mit Sexualdelikten beschäftigen, ansonsten würden Urteile vor allem mit „Ver­ge­waltigungs­mythen, Geschlechter­stereo­typen, opfer­be­schul­di­gen­dem All­tags­wissen, täter­ent­lastenden Gewalt­konstruk­tionen [und] der Ignoranz von Er­kennt­nissen der Trauma­forschung“ gefällt. Dies führe zu faktischer Straflosigkeit von sexualisierten Gewalt­delikten. Dieses Urteil ist leider das beste Beispiel für den traurigen Zustand unseres „Rechts­staates“.


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Samstagabendbeat gegen den „Kampf gegen Frauen“

25. August 2012 von Helga

Was ist denn jetzt eigentlich eine „richtige“ Vergewaltigung? Diese Frage stellen sich in den USA und auch in Deutschland immer mehr Menschen. Taylor Ferrera beantwortet es endlich! (Songtext unten nach dem Klick)

Die CoochWatch wehrt sich gegen die Schließung von Krankenhäusern in Virginia und fordert vom Gouverneurskandidaten Ken Cuccinelli „Hände weg“. Der definitiv bessere Ohrwurm als „Call me maybe“, von dem sie leider neben der Melodie auch das crazy übernommen haben. (Für den Songtext die Untertitel anstellen, das kleine Rechteck neben dem Zahnrad)

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Gute Vorbilder und Widerstand, der sich nicht unterkriegen lässt – kurz verlinkt

22. August 2012 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 171 von 340 der Serie Kurz notiert

Im Nono Verlag ist ein neues Buch erschienen. Es trägt den Titel „Trans*_Homo. Differenzen, Allianzen, Widersprüche“ und ist ein Begleitbuch zu einer Ausstellung, die von August bis November 2012 im Schwulen Museum in Berlin zu sehen sein wird.

Eine Nachricht, die wütend macht: Da in den letzten Jahren mehr Frauen als Männer Abschlüsse an iranischen Universitäten gemacht haben, sollen dort ab dem kommenden Jahr über 70 Bachelorstudiengänge nur noch für Männer zugänglich sein, berichtet dieStandard.at.

Der US-amerikanische Republikaner und Abtreibungsgegner Todd Akin hat mit bizarren Aussagen über Vergewaltigungen für Entrüstung gesorgt. (Hier gilt eine Triggerwarnung: Verharmlosung von sexualisierter Gewalt.) Jessica Valenti hat passende Reaktionen dazu zusammengestellt. Kate Clancy hat dazu noch etwas „wirkliche“ Wissenschaft zu Schwangerschaften nach Vergewaltigungen.

Nerdy Feminist hat darüber reflektiert, dass dicke Charaktere in Kinderserien und -filmen so gut wie immer negativ besetzt sind, und Kinder dadurch schon früh an Fatshaming heran geführt werden.

Trotz der Verurteilung zu zwei Jahren Lagerhaft lassen sich Pussy Riot nicht unterkriegen. Weitere Mitglieder der Band haben am Wochenende ein Lied zu dem Urteil ins Internet gestellt:

Apropos Pussy Riot: Die New York Times wirft die Frage auf, weshalb Pussy Riot in der „westlichen“ Berichterstattung eigentlich so gut wegkommen, obwohl sie gegen Dinge protestieren, die auch im „Westen“ noch zum Alltag gehören.

Die Herrenpflegeproduktmarke Axe macht wieder die Art von Werbung, die wir von ihr kennen (und kein bisschen lieben).

Die ARD wirft einen Blick in die Zeit um 1900. Die Ausstellung „Der Gelbe Schein“ behandelt Frauenhandel, Zwangsprostitution und Sexarbeit aus wirtschaftlicher Not zu dieser Zeit.

Jezebel berichtet anhand eines Interviews mit Rihanna, wie kompliziert die Gefühle von Personen sein können, die Gewalt in Beziehungen erleben mussten – und rät dazu, dass wir besser hinhören sollten, auch wenn uns das Gesagte vielleicht nicht immer gefällt.

Noch etwas Schönes zum Schluss: Weil sein fünfjähriger Sohn gerne Kleider und Röcke trägt, und damit in der Süddeutschen Provinz relativ allein darsteht, hat Nils Pickert beschlossen, sich ihm anzuschließen um ein gutes Vorbild für sein Kind darzustellen. Bitte mehr davon!

Terminhinweis für morgen, den 23. August. In Kiel ist Tag der Offenen Tür beim Frauennotruf.


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Reden über die Dunkelziffer – Die Auswertung von #ichhabnichtangezeigt

1. August 2012 von Viruletta

Für den Beitrag inklusive der darin enthaltenen Links gilt eine TRIGGERWARNUNG.

Vor einiger Zeit haben wir über den Start der Kampagne #ichhabnichtangezeigt berichtet. Vom 1. Mai bis zum 15. Juni hatten Betroffene von sexualisierter Gewalt dort die Chance, anonym über Twitter, Facebook, den Kampagnenblog oder ein Kontaktformular Gründe offen zu legen, die sie davon abgehalten haben, nach der Tat Anzeige zu erstatten. Auf diese Weise sind 1.105 Statements zu­sammen­ge­kommen, die nun ausgewertet (PDF) worden sind. (mehr …)


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