Einträge mit dem Tag ‘Tunesien’


Im postrevolutionären Tunesien wird die Rolle der Frau zum Kampfplatz

22. März 2012 von Hannah

Die Tunesierinnen sind stolz auf ihre Gleichberechtigung. „Wir durften früher wählen als die Schweizerinnen“, betont Laila Alphil. Sie ist aktives Parteimitglied der sozialdemokratischen Ettakatol, der drittstärksten Partei in der tunesischen Regierung. Tatsächlich war das postkoloniale Tunesien in Punkto Frauenrechte nicht nur der arabischen Welt, sondern auch manchem Land in Europa voraus. Als Habib Bourguiba 1957 in Tunesien an die Macht kam, schaffte er das auf der Scharia basierende Familienrecht ab, verbot Zwangsehen und Polygamie und schaffte die Gehorsamspflicht gegenüber männlichen Vormündern ab. Frauen durften eine Erwerbsarbeit aufnehmen, ohne ihren Ehemann zu fragen – das war ihnen in Deutschland erst ein Jahr später erlaubt.

Doch jetzt nach der Revolution, die allen mehr Freiheit bringen sollte, fürchten einige um diese über 50 Jahre bewährten Frauenrechte. Aus den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung im Oktober ging die moderat islamistische Ennahda mit 37 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervor. Allerdings musste sie eine Koalition eingehen mit eher linksstehenden Parteien. Sie regiert nun mit der sozialdemokratischen Ettakatol und dem Kongress für die Republik, einer weiteren Mitte-Links Partei.

Einige fürchten, dass die Islamisten die Familiengesetzgebung ändern könnten und damit die Gleichberechtigung von Frauen abschaffen. „Ich bin nicht in den Kugelhagel im Januar gegangen, damit die Polygamie wieder eingeführt wird“, schrieb die Bloggerin Lina Ben Mhenni. Allerdings hat die Ennahda mehrfach betont, dass sie nichts dergleichen vorhaben. Aber Ben Mhenni sagt: „Man kann diesen Leuten nicht trauen.“ Immer wieder machen Ennahda-Abgeordnete Schlagzeilen mit reaktionären Ansichten: Mal behauptet eine Abgeordnete unverheiratete Mütter seien eine Schande, mal fordert ein Abgeordneter, man müsse den Leuten, die jetzt noch Sit-Ins veranstalten, die Hände und Füße abhacken.

Dabei bemüht sich die Ennahda-Führung um ein moderates Image, auf Reisen nach Europa wird der Ministerpräsident Hamadi Jebeli nicht Müde seine Sympathie für das türkische Modell zu bekunden: Die säkulare Verfassung Tunesiens will er nicht anrühren. (mehr …)


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Blick zurück für den Blick nach vorn – Frauen im Mittleren Osten

23. Januar 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 59 von 87 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rotes Buchcover mit einem Bild auf dem ca. 20 Mädchen und junge Frauen zu sehen sind.Mit den Revolutionen in Tunesien und Ägypten vor knapp einem Jahr ist auch eine weitere Frage immer wieder aufgetaucht: Wie steht es um die Frauen in Nordafrika, bzw. dem Mittleren Osten? Das Buch “Women and the Family in the Middle East” beleuchtet historische Entwicklungen, von den zwanziger Jahren bis in die Achtziger. Betrachtet werden zehn Länder, vom Irak über Ägypten bis zum Sudan, sowie die Palästinensischen Autonomiegebiete. Außen vor bleiben die Länder “ohne westlichen Einfluß” und Kolonialzeit, der Jemen und Saudi-Arabien, trotzdem ist dies schon ein weites Feld. Darüberhinaus werden die Themen Familie, Arbeit, Religion, Krieg & Revolutionen, Identität und Gesundheit & Erziehung betrachtet – eine umfassende Analyse gibt es daher nicht.

Stattdessen gleicht das Buch einem Puzzle, in dem sich wissenschaftliche Abhandlungen, persönliche Berichte und Fiktion in Form von Gedichten und Geschichten abwechseln. Die einzelnen Texte sind, so verschieden sie auch sind, stets gut zu lesen und verständlich. Der Versuch, das Buch in einem Rutsch zu lesen, muss an der Vielfalt der Themen allerdings scheitern. Umso mehr Sinn macht es, sich einzelne Texte herauszusuchen und mit dem heutigen Stand zu vergleichen. So wurde etwa in Libyen die radikale Gleichstellung von Männern und Frauen geplant. Dass es dazu niemals kam, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Situation.

The problem with “starting from reality” is that, without a clear policy of change, one tends to get stuck there. (Das Problem mit dem „Beginn in der Realität“ ist, dass man ohne klare Vorgaben zur Veränderung stecken bleibt.) (mehr …)


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Gelöschte Facebook-Freunde und Wut über die Welt – die Blogschau

11. Dezember 2011 von Nadia
Dieser Text ist Teil 139 von 263 der Serie Die Blogschau

Ninia LaGrande lässt ordentlich ab: “Ich möchte, dass du aufstehst und einfach mal darüber nachdenkst, was hier eigentlich abgeht. Halt an.” Selten war Wut schöner.

Um Sexyness und die Auseinandersetzung um die Zeitgemäßheit von Feminismus geht es im Blog von soziologie.de: “Im Geist von Alice – aber mit Make-Up und Mini-Rock. Postfeministische Pirouetten.”

Denkt Ihr manchmal über Euren Energiehaushalt nach? Fehlt Euch beizeiten auch “leider jeglicher ehrgeiz, um alles gleichzeitig gleich gut zu machen: job, familie, freizeit”? Dann seid Ihr bei gluecklichscheitern gut aufgehoben.

Es gibt einen interessanten neuen Alltagswatchblog: THIS IS DISCRIMINATION. Ebenfalls brandneu: Ein Gastblog beim Missy Magazin.

Nicht schön, und auch nicht selten: Sexistische Werbung – in dieser Woche wurden wieder einige besonders ins Auge stechende Fälle von der denkwerkstatt zusammen getragen. Und weil es so absolut nicht-schön ist, hier nochmal Lesestoff zum FSK 16-Fail “Romeos”.

Mittlerweile zum vierten Mal sind Bewerbungen für das Theatertreffen-Blog 2012 möglich, und zwar ab jetzt. Alle Infos gibt es hier.

queernews befasst sich mit den Entwicklungen in Nigeria: Dort soll nun auch gleichgeschlechtliche Zuneigung insgesamt unter Strafe gestellt werden.

Eine kleine und feine eindrucksvolle Bildersammlung aus Tunesien – zusammen gestellt von Kübra im fremdwoertebuch.

Astrophysik gefällig? Wer daran interesseirt ist, sollte sich die fremden Welte von Inga Nielsen mal angucken, zusammengefasst bei scilogs.

Bundestagsabgeordneter Sebastian Edathy hat auf Facebook seine ganz eigenen Methoden, auf Anfragen zu sexistischen Statusmeldungen zu reagieren: Kritisch Fragende einfach aus der Freundesliste löschen. anders deutsch berichtet darüber.

“Eine Anekdote zum Thema: Wow, ein ABC dass XYZ kann” – für alle, die über “Männer hören nicht zu, Frauen können nicht parken” noch nie lachen konnten. Vom piratenkeks.

Bis zum 31.12.2011 werden für ein Internetportal zum Thema Intersektionalität/Interdependenzen Beiträge mit intersektionalen Themenausrichtungen und Formaten gesucht. Alle Infos gibt es hier.


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Ob Ägypten oder Pakistan, Frauen kämpfen für ihre Rechte

23. November 2011 von Helga

Am Dienstag hat in Tunesien die neu gewählte Nationalversammlung ihre Arbeit aufgenommen. Nachdem die islamische Partei Ennahda stärkste Kraft geworden ist, fragen sich viele Frauen, wie es um ihre Rechte in Zukunft bestellt sein könnte. Die New York Times sieht „gemischte Zeichen“, dieStandard.at zeigt sich optimistischer, da die tunesische Frauenbewegung gut organisiert sei.

Nach den jüngsten Protesten gegen das Militärregime, sieht es im benachbarten Ägypten wieder düsterer aus. Unter dem Hashtag #egywomen organisieren sich Ägypterinnen zu Frauenblöcken und menschlichen Schutzschilden auf dem Tahrir­platz, Videos (Triggerwarnung) und Fotos demonstrieren die Gewalt, die derzeit herrscht.

Eine Gruppe ägyptischer Frauen, die ein Plakat hochhalten. Auf arabisch steht: Wir werden Tantawi eine neue Revolution zeigen.

Egywomen mit Schild: Wir werden Tantawi (Vorsitzender der herrschenden Militärrats) eine neue Revolution zeigen. Foto via Twitpic

Vor allem im Westen löste dagegen das Nacktbild der Bloggerin Aliaa Elmahdy Aufregung aus. 40 israelische Frauen zogen sich aus Protest mit aus, allerdings nicht ganz. Selbst die BILD berichtet über Elmahdy – ihr Fall ist inzwischen vor allem ein Lehrstück für die Unfreiheit der Körper westlicher Frauen, wie der Stern zutreffend erläutert. Mit einer anderen ägyptischen Aktivistin hat dieStandard.at gesprochen: Heba Habib ist eine der Gründerinnen von harassmap.org, einem Webprojekt das sexuelle Belästigung sichtbar macht.

Auch im Jemen gibt es weiter Proteste gegen Diktator Saleh. Zuletzt wurde wieder einmal die Gewalt gegen Frauen und Kinder angeprangert, so Bikya Masr. Außerdem solle die Mitgliedschaft des Jemen in der Arabischen Liga eingefroren werden, wie es gerade mit Syrien gemacht wurde.

Ganz anders sieht die Situation der Frauen in Malaysia aus. Dort gibt es inzwischen mehr Studentinnen als Studenten der Islamischen Studien. Mit Zaleha Kamaruddin steht seit kurzem erstmals eine Frau an der Spitze einer islamischen Universität und auch im Fernsehen ist der Trend angekommen. Gleich zwei Sendungen suchen die „muslimische Superpriesterin“ und spiegeln damit auch die immer stärkere Rolle von Frauen im öffentlichen Leben wieder, so die New York Times.

Zum Schluss noch eine direkt skurrile Nachricht: Enthalten SMS Schimpfwörter, sollen sie in Pakistan künftig blockiert werden, aber auch Wörter wie „Periode“, „Vagina“ und „Kondom“, berichtet heise. Ein Ende der Obsession mit weiblichen Körpern fordert daher Kolumnistin Urooj Zia in Pakistan Today. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, scheint die Liste ursprünglich aus den USA zu stammen. Genauer gesagt handelt es sich weitestgehend um ein Plagiat der „1.159 Naughty Words“ (Unanständigen Wörtern) der Football-Liga NFL. Ob die Liste deswegen noch einmal überarbeitet werden soll?


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Von Entführungen bis zur neuen Frauenpartei – wie geht es weiter in Nordafrika?

31. Oktober 2011 von Helga

Ein halbes Jahr liegt der „arabische Frühling“ nun schon zurück – die Ergebnisse reichen von erfolgreich durchgeführten Wahlen bis hin zu immer brutaleren Auseinandersetzungen.

Die schlimmste Nachricht gleich zu Beginn: Der syrische Blogger und Frauenrechtsaktivist Hussein Ghrer ist seit einigen Tagen verschwunden. Wie Christoph Sydow von Alsharq traf ich Hussein im Mai beim Young Media Summit. Seine Befürchtung, verhaftet, eingesperrt und gefoltert zu werden, scheint sich jetzt leider erfüllt zu haben.

In Tunesien wurde vor einer Woche erstmals frei gewählt. Eine „Frauenquote“ zwang die Parteien, die Hälfte ihrer Listen mit Frauen zu besetzen. Herausgekommen sind 49 weibliche von 217 Abgeordneten der verfassungsgebenden Kommission insgesamt. Davon gehören die meisten allerdings der islamischen Partei Ennahda an. Deutschlandradio Kultur geht den möglichen Konsequenzen nach und der Guardian hat drei prominente Abgeordnete porträtiert.

Ex-Diktator Gaddafi ist inzwischen tot, für die libyschen Frauen geht der Kampf aber weiter. DRadio Wissen hat sich mit den Aussichten für die Frauenbewegung beschäftigt. Der Ethnologe Thomas Hüsken sieht „einen steinigen Weg“.

In Ägypten hatte das Militär nach der Revolution Protestiererinnen entwürdigenden „Jungfrauentests“ unterzogen. Nun klagt mit Samira Ibrahim erstmals eine Betroffene das Militär an. Der Global Post hat sie ihre Geschichte erzählt. Aufgrund dieser Erfahrungen sind Aktivistinnen besorgt, wie es nach den Wahlen ab dem 28. November weitergehen könnte. Der „Verband der arabischen Frauen“ hat daher mit einer Reihe weiterer NGO’s eine Frauenpartei gegründet, so derStandard.

Wenig Fortschritte gibt es dagegen im Jemen. Diktator Saleh hält sich weiter an der Macht. Unter den Protestierenden sind auch hier seit Monaten schon Frauen, inzwischen setzen sie deutliche Zeichen. Vergangene Woche verbrannten Aktivistinnen öffentlich ihre Schleier und Kopftücher, so Global Voices.


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Mitlesen und mitmachen – kurz Notiertes in dieser Woche

28. Oktober 2011 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 128 von 257 der Serie Kurz notiert

CNN hat Apple’s neue iPhone-Stimme Siri zum Anlass genommen, Computer­stimmen zu untersuchen. Interessantes Detail: Geht es um autorität-vermittelnde Stimmen, klingen sie meist männlich, assistierende Stimmen dagegen weiblich.

Welche Halloween feiern und sich dazu verkleiden möchte, denke bitte an die goldene Regel: Hauptsache sexy.

Passend zu Halloween und einigen unsäglich rassistischen Kostümen, die wieder auf uns warten werden: Eine Kampagne von “Students Teaching About Racism in Society” (Studierende die über Rassismus in der Gesellschaft aufklären).

Nach der Lingerie Football League (Frauen spielen Football in Unterwäsche, haha, sex sells, und werden dafür nicht mal anständig bezahlt) gibt es jetzt eine Youth Lingerie Football League. Da sind die Mädchen zwar angezogen, sollen aber das lustige Leben in sexy Lingerie trainieren. Worst idea ever, wie jezebel kommentiert und hat mit Sport auch nix zu tun.

Bei xojane beschreibt eine Frau, was in ihr vor sich ging, als der Mann, der sie vor Jahren vergewaltigt hatte,  sie bei facebook fand. Schade nur, dass am Ende der Eindruck erweckt wird, als wäre sie ein bisschen selbst schuld gewesen: Hätte sie doch nur deutlicher gesagt, dass sie das nicht will…! (Danke an David für den Link).

In Österreich wurden vier Abtreibungsgegner_innen wegen Stalkings verurteilt, berichtet dieStandard.

Jamie vom Rookie Mag hat erst spät Bekanntschaft mit Masturbation gemacht. Trotzdem hat sie ein paar Fragen dazu beantwortet, jeweils mit der Anekdote einer Real-Live-Person aufgepeppt. Das hätte auch Cyndi Lauper gefallen:

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Weibliche Tweets, Neu-Delhi-Slutwalk und tunesische Feministinnen – kurz notiert

4. August 2011 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 117 von 257 der Serie Kurz notiert

Mehr Straßen und Plätze nach Frauen benennen! Hier wurden Düsseldorfer_innen befragt, wen sie gern verewigt wissen würden. Den meisten Befragten fiel übrigens spontan immer mehr als eine Person ein.

Mit 75% Sicherheit sagen Forscher_innen jetzt voraus, ob Mann oder Frau einen Tweet abgesetzt haben. Indikatoren: “My husband” und “my yoghurt” verraten Frauen, Biertweets und “my wife” sind Männerdomänen, so die ZEIT. Auf Twitter gab es prompte Reaktionen:

Tweet von @JollySea (Jøël Ådamø): "my yoghurt" "my yoga" "my husband". Und jetzt? bit.ly/o4PlRJ (via @habichthorn @hanhaiwen) - 34 minutes ago via web

Nicht allzu freizügig aber mächtig umstritten: The Star berichtet vom Slutwalk in Neu Delhi. Die Stadt hat die höchste Zahl an Vergewaltigungsanzeigen in Indien – gleichzeitig werden Frauen, die eine Anzeige machen, einem „Fingertest“ unterzogen um zu sehen, ob sie an „Sex gewöhnt sind“.

Wie sieht derzeit die Situation der Frauen und besonders von feministischen Aktivistinnen in Tunesien aus? Steal this Hijab hat nachgefragt.

Quotenfrauen in Vorständen und Aufsichtsräten als “verschlissenes Label”? Anke Domscheit-Berg, Gründerin von fempower.me und ehemalige Direktorin von Microsoft Deutschland dazu im Freitag.

Queer Audio Performance Festival in Berlin: „Empowerment, der Protest gegen Heteronormativität, gegen die Ausgrenzung durch die weiße, enthinderte, heterosexuelle Normalität.“

In der CDU gibt’s Ramba-Zamba: Parteiinterne Reformer_innen wehren sich gegen „verknöchertes Denken“ in Bezug auf die ewiggestrige Diskussion um die Gleichstellung schwuler und lesbischer Partnerschaften mit Hetero-Ehen.

„Lach doch mal wieder und bitte beschwer Dich nicht soviel.“ Diese guten Ratschläge, die Feminist_innen oft genug hören, nimmt Barbara Ehrenreich auseinander:


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Die Liebe zur Gleichheit im neuen Tunesien

5. April 2011 von Gastautor_in

Franca M’hamdi lebt und studiert in Konstanz Literatur-Kunst-­Medien und Gender Studies. Ihre deutsch-tunesischen Eltern brachten sie 1973 in Radolfzell am Boden­see zur Welt, seit 1999 arbeitet sie als Flug­begleiterin. Sie mag Gerechtig­keits­diskurse, Fern­sehserien und Sonnen­baden am See­rheinstrand… Über ersteres schreibt sie seit 2011 auch auf ihrem Blog post_gedanken.

Die Tunesier_innen gaben den Startschuss für die demokratisch-­revolutionären Umwälzungen in der arabischen Welt. Mit dem Umbruch wächst auch die Hoffnung auf die Neu­etablierung und Aus­weitung bereits bestehender Frauen­rechte. Seit der Unabhängigkeit von 1956 sind Polygamie und Verstoßung in Tunesien gesetzlich verboten, es besteht die Möglichkeit einer gericht­lichen Schei­dung auf der Grundlage von Geschlechter­gleichheit. Das Frauen­wahlrecht wurde ebenfalls 1956 eingeführt, seit 1963 war Abtreibung unter be­stimmten Indikationen erlaubt und ist seit 1973 straffrei. Nach offiziellen Angaben werden 99% aller tunesischen Mädchen eingeschult und 50% der Abiturient_innen und Studierenden sind weiblich, während ein Viertel aller Frauen erwerbs­tätig ist (Quelle: taz).

Das ist das frauenrechtliche Erbe der autokraten Herrschschaft von Ben Ali und seinem Vor­gänger Bourguiba. Gleich­berechtigung unter staatlicher Führung war sowohl erwünscht als auch gefördert. Frauen erhielten im Übergang in eine post­koloniale Ge­sellschaft Zu­gang zu Bürger_innen­rechten, Bildung und zum Arbeits­markt. Realpolitsch bedeutete das, dass unabhängige Frauen­organisationen verboten oder über­wacht und unter­drückt wurden. Öffentliche feministische Aktionen waren unmöglich und/oder der Polizei­willkür unterworfen.

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Revolution in jedem Haus

10. März 2011 von Helga

Der folgende Artikel erschien in der letzten Woche in der Jungle World. Doch ausgerechnet am Dienstag, dem Internationalen Frauentag, ausgerechnet auf dem Tahrir-Platz, dem Zeichen der neuen Freiheit, kam es erneut zu einem Massen­übergriff. Die Demonstrantinnen wurden von über 200 Männern angegriffen und sexuell belästigt. Auch die im Artikel vorgestellte Bloggerin Fatma Emam hat bereits darüber geschrieben. Seit Dienstag gibt es bei Amnesty Inter­national auch eine Petition an Führer des Obersten Militärrats, endlich die Frauen an der Zukunft Ägyptens mitzubeteiligen.

Die Bloggerin Zeinobia war skeptisch. Noch am 19. Januar fragte sie auf egyptianchronicles.blogspot.com: »Wird der 25. Januar ein beachtenswerter Tag in unserer Geschichte werden?« Er wurde weit mehr als ein beachtenswerter Tag, inzwischen steht fest, dass der 25. Januar, der »Tag des Zorns«, als Beginn der ägyptischen Revolution in die Geschichte eingehen wird.

Die Geschichte des 25. Januar reicht fast 60 Jahre zurück. Im Jahr 1952 kämpfte die ägyptische Polizei in Ismailia gegen britische Truppen, das Gefecht trug wesentlich dazu bei, dass es ein halbes Jahr später zur Revolution und zur Abschaffung der Monarchie kam. Seitdem war der 25. Januar vor allem der »Tag der Polizei«. Doch vom Ansehen der Polizei ist kaum noch etwas übrig. Der Tod des jungen Ägypters Khaled Said, den zwei Polizisten erschlagen hatten, wurde zum Leitmotiv der geplanten Demonstration. »Wir sind alle Khaled Said« lautete das Motto eines Facebook-Events, zu dem sich Mitte Januar bereits 48 000 Menschen angemeldet hatten.

Ermutigt von den Erfolgen der tunesischen Demokratiebewegung ging die ägyptische Bevölkerung auf die Straße. Angetrieben wurden die Proteste auch von einem Video einer jungen Ägypterin. In einer knapp fünfminütigen selbstgedrehten Ansprache wandte sich Asmaa Mahfouz an ihre Mitmenschen und mahnte die Unterstützung des Protests an. Es gehe nicht um politische Rechte, sondern um etwas noch viel Fun­damentaleres: um Menschenrechte, die es endlich von der korrupten Regierung einzufordern gelte. Wer zu Hause bliebe, sei eine Schande für sich selbst und eine Schande für die Protestbewegung.

Für Fatma Emam ist der Kampf gegen die Diktatur auch ein Kampf der Ägypterinnen gegen das Patriarchat. Auf ihrem Blog »Brownie« beschrieb sie den Konflikt mit ihrer eigenen Familie, die ihre Teilnahme an den Demonstrationen zu verhindern suchte. Doch nicht einmal die Drohung, dass sie nicht wieder nach Haus zurückkehren dürfe, konnte sie aufhalten. Wie ihr erging es auch anderen Frauen, so dass sie schließlich schrieb: »Die Revolution findet nicht nur auf dem Tahrir-Platz statt, sie ist in jedem ägyptischen Haus.«
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Frauen als Motor demokratischen Wandels in Nordafrika

28. Februar 2011 von Franziska

In den letzen Wochen sind Millionen von Menschen in der arabischen Welt für Frei­heit und Demokratie auf die Straßen gegangen, um für ein Ende von Korruption und Will­kür­herr­schaft einzusetzen. Zur Über­raschung manches West­lers sind Frauen ganz vorne mit dabei – jung und alt, verschleiert und un­verschleiert. Sie sind mittlerweile zum Symbol des Auf­standes geworden. Nun ist es wichtig, dass die Stimmen der Frauen in den angestoßenen Trans­formations­prozessen in Ägypten und Tunesien auch gehört werden. In den aktuellen Ver­handlungen domi­nieren jedoch erneut die alten männlichen Eliten. Europa sollte die Be­teiligung der mutigen und engagierten Frauen­bewegungen an den politischen Re­formen in Tunesien und Ägypten unterstützen. Ohne die Gleich­berechtigung der Geschlechter ist ein dauer­hafter demo­kratischer Wandel zu einer wirklich offenen und gerechten Ge­sell­schaft nicht denkbar. Dies war An­lass und Moti­vation einen direkten Aus­tausch zwischen Frauen­recht­lerinnen aus Tunesien, Ägypten und der EU zu initiieren, welcher am 15. Februar 2011 im Euro­päischen Parlament in Straßburg in Ko­operation mit Ana Gomes (Fraktion der Pro­gressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten) mit dem Titel “Women for trans­formation” stattfand. Diskutiert wurden die Rolle und Chancen von Frauen in den Reform­prozessen der beiden Länder, sowie die Mög­lich­keiten für eine konkrete Unter­stützung von Frauen­rechts-Organisationen seitens der EU. Das ganze fand virtuell statt – per live Zu­schaltung und Skype.

Die Teilnehmerinnen unterstrichen, dass gerade im Hinblick auf die bisherige Situ­ation von Frauen die Revolutionen in Tunesien und Ägypten als politischer Be­freiungs­schlag gegen politische Marginalisierung betrachtet werden muss. Frauen sind wichtige Ak­teure im demo­kratischen Trans­formations­prozess, da kaum eine andere ge­sell­schaft­liche Gruppe größeres Inte­resse daran hat, dass sich die Ver­hältnisse tat­sächlich ändern – aber auch daran, dass die bunten Massen­proteste nicht in re­ak­tionären Is­la­mis­mus abgleiten. Eine zentrale Forderung von manchen tunesischen Frauen­organisationen ist daher zum Beispiel eine religiös neutrale Ver­fassung. Außer­dem lenkten die Teil­nehmer­innen die Auf­merk­sam­keit auf den Bedarf einer recht­lichen Gleich­stellung von Mann und Frau in den Ver­fassungs­re­formen, sowie die Einführung von Anti-Dis­kriminierungs­klauseln.

Grundsätzlich gilt, dass die Stellung von Frauen in der Ge­sell­schaft ein Grad­messer für den Erfolg des Trans­formations­prozesses ist. Gleich­zeitig muss jedoch fest­gestellt werden, dass die politischen Akteure, welchen den Reform­prozess aus­handeln, der­zeit allein Männer sind. So ist im ägyptischen Rat für die Ver­fassungs­reform keine Frau zu finden. Die EU sollte daher auch das neue Ge­sicht Nord­afrikas, welches junge Menschen und gerade auch Frauen sind, adressieren. Die Dis­kussions­teil­nehmer­innen forderten deshalb die Europäer im Rahmen der Konferenz dazu auf, eindringlich auf eine politische Beteiligung der Frauen hin­zu­wirken. Kurz­fristig heißt das vor allem: Frauen­organisationen und andere Akteure dabei unter­stützen, um Frauen zur aktiven Teilnahme an den bevorstehenden Wahlen zu ermuntern und sie beim Auf­bau der nötigen Infrastruktur zu unterstützen.

Beratung zu Reformen müsste geschlechtersensibel durchgeführt werden. Eben­so müssen die Europäer darauf hinwirken, dass die neuen, freien Medien nicht wie bisher männlich dominiert werden. Jour­na­list­innen haben viel dazu beizutragen, die Medien der arabischen Welt vom Regierungs­sprach­rohr zu Ab­bildern der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse zu machen. Mittel­fristig sollte die EU die Bildungs- und Berufs­chancen der Frauen zu Prioritäten ihrer Politik gegen­über der Region machen.


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