Einträge mit dem Tag ‘Trauer’


Ein gutes Leben, ein würdiges Sterben und ganz viel dazwischen – unsere Links der Woche

6. September 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 326 von 337 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Herzlichen Glückwunsch an Saraya Gomis! Sie ist Studienrätin und unterrichtet Französisch, Geschichte und Darstellendes Spiel an der Ernst-Reuter-Schule in Wedding. Sie ist nun Antidiskriminierungsbeauftragte für Schulen in der Senatsbildungsverwaltung in Berlin.

„Ich kann die Meinung anderer nicht ändern (…), aber ich weigere mich zu glauben, dass mein Körper das Problem ist.“ schreibt frenziskaa auf der Webseite von Arge Dicke Weiber über Dickenhass online.

Let’s get medical: „Wer hat Angst vor Hormonen?“ fragt Tove beim Missy Magazine.

bluespunk schreibt über Mobbingerfahrungen in der Schule und den impliziten Druck auf feministischen Veranstaltungen, dass sich alle wohlfühlen sollen: „Wohlfühlen will gelernt sein, ich hab es nicht gelernt.

Magda und Ragni haben einen aktuellen Fettcast aufgenommen – ein Podcast, der sich mit dicker Politik und Alltag beschäftigt. Dieses Mal geht es um „Sommer, Sonne, Bauch raus?

Der Blog justdisabled ist nun schon über sechs Monate jung – herzlichen Glückwunsch!

Schon eine Weile her, aber immer noch lesenswert: „Absage ans Jobcenter Pankow – Warum ich bei der feierlichen Eröffnung der Jugendberufsagentur keinen „künstlerischen Beitrag“ leisten werde.“ von Franz Brötchen.

Hatice Ince schrieb auf bento.de über den Tod ihres Vaters und ihren Umgang damit.

Francis Seeck schreibt beim Care Revolution Netzwerk darüber, dass neben dem Kampf für ein gutes Leben „auch die Bedingungen unter denen Menschen sterben und trauern“ Thema einer Care Revolution sein sollten.

Am 17. September marschieren wieder rechte Abtreibungsgegner/innen durch Berlin. Macht euch bereit für die Gegenproteste!

„Marsch für das Leben“? What the fuck! from bes domni on Vimeo.

Englischsprachige Links

Vor wenigen Wochen hat das Afropunk Festival in Brooklyn stattgefunden, auf wearyourvoicemag.com gibt es tolle fett-positive Bilder.

Die US-amerikanische Schauspielerin Laverne Cox würdigt ihre Idole Tina Turner und Beyoncé mit einer wirklich schönen Aktion.

Termine in Berlin, Frankfurt/Main und Karlsruhe 

10. September in Berlin: Ab 19 Uhr startet die One World Poetry Night (facebook-Link) moderiert und gehostet durch Stefanie-Lahya Aukongo.

16. September in Frankfurt/Main: „Voll Fett!“ Sensibilisierungsworkshop und Ideenwerkstatt für Fachkräfte der sozialen Arbeit von Magda Albrecht

17. September in Berlin: behindert und verrückt feiern.

17. September in Berlin: queerfeministische und antifaschistische Demo gegen den so genannten „Marsch für das Leben“. Auch in diesem Jahr rufen das What The Fuck Bündnis sowie das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zu Demonstrationen auf.

23. bis 25. September in Karlsruhe: Lady*fest Karlsruhe.

01.10. in Berlin: „Voll Fett!“ Sensibilisierungsworkshop und Ideenwerkstatt für Fachkräfte der sozialen Arbeit von Magda Albrecht

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Clean Eating, #TeamGinaLisa und jüdisches Leben in Berlin – kurz verlinkt

10. August 2016 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 323 von 337 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Hengameh Yaghoobifarah war am Montag beim weiteren Prozesstag um Gina-Lisa Lohfink, dort sagte einer der Täter aus und der Bericht beim Missy Magazine macht (leider natürlich nicht überraschend) wütend.

Der Bundesgerichtshofes hat einen Antrag auf einen Geschlechtseintrag als „inter/divers“ abgelehnt. Die Kampagnengruppe Dritte Option, die das Verfahren inhaltlich vorbereitet und während der bisherigen Dauer begleitet hat, schreibt in einer Presseerklärung zu dem Fall.

Bei der Trans*Inter*Tagung in München haben 40 Menschen, die sich als nichtbinär oder genderqueer verstehen, Forderungen an Gesellschaft, Medizin und Politik zusammengetragen. Die Ergebnisse dieses ersten Brainstormings hat der Trans Recht e.V. veröffentlich. (Link zu PDF)

In der ZEIT interviewt Mareice Kaiser die Bestatterin Lea Gscheidel. Sie sprechen über den Umgang mit Trauer und Tod, Vertrauen und Seifenblasen.

„Deutschland vermisst jüdische Kultur? Hier sind wir und so denken wir. Ein Gruppenporträt der Dritten Generation, der Enkel von Holocaustüberlebenden in Berlin„, schreibt Mirna Funk ebenfalls bei der ZEIT.

Teresa Buecker hat bei Edition F mit der Fotografin Kirsten Becken über ihr Mutter-Tochter Kunstprojekt zu Schizophrenie „Seeing Her Ghosts – Art Book Project“ gesprochen.

englischsprachige Links

Großartiges Video bei KQED: Die Musikerinnen Michelle Gonzales (frühere Drummerin von Spitboy) und Christine Tupou (Try the Pie) essen Tacos und sprechen über ihre Erfahrungen als Frauen of Colour in der weiß-männlich dominierten Punkszene.

New study finds men are often their own favourite experts on any given subject“ – Eine Überschrift, die quasi alles sagt und hier sicher wenige überrascht. In der Studie ging es um das Zitierverhalten von Wissenschaftler_innen.

Gleich zwei wichtige neue Texte von Flavia Dzodan gibt es bei Medium: Zum einen schreibt sie über „Clean Eating and Dirty Women„, zum anderen geht es in „My feminism will be capitalist, appropriative and bullshit merchandise“ um die kommerzielle Verwertung ihres wahrscheinlich berühmtesten Zitats „My feminism will be intersectional or it will be bullshit.“.

Termine in Berlin, Leipzig und Münster

12. bis 14. August in Münster: Es findet ein queer_feministisches Sommercamp mit Vorträgen, Workshops, Musik und vielem mehr statt.

13. August in Berlin: Um 13 Uhr beginnt die Demonstration zu #NiUnaMenos. (FB-Link) Auf deutsch schrieb Stefany hier über die Hintergründe.

Ab dem 15. August in Leipzig: Los geht es beim Sidekick Leipzig e.V. – Feministisches Thai-/Kickboxen und Selbstbehauptung! Geflüchtete FrauenTransInter können dort kostenfrei trainieren. (FB-Link)

22. August in Münster: Hengameh Yaghoobifarah spricht ab 19 Uhr über die „Abwertung von Femininität in queeren Kontexten„. (FB-Link)

23. August in Berlin: Ab 17 Uhr beginnt das III. M*straßen-Umbenennungsfest. (FB-Link)

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Vom Trauern und Liebe(n)

19. November 2015 von Sharon

Ich liebe eine Frau, eine Schwester, die nicht mehr am Leben ist.
Sie ist plötzlich und unerwarteterweise im Sommer 2014 verstorben. Es ist immer noch unglaublich. Das ist die Art von Frau; würdest du sie kennen, könntest du es dir auch nicht vorstellen, dass sie nicht mehr lebend unter uns ist.

Ich liebe sie noch, denn die Vorstellung, dass ich diesen Satz im Präteritum formulieren soll, kommt mir immer noch nicht über die Fingerspitzen. Mein Alltag verkrafte ich nur, weil ich ihr Schweigen mir so zurechtgebastelt habe: Sie ist noch da, sie hat nur schon wieder ihre Handy (wie eine andere sehr enge Freundin von ihr das nennt) „zwangsverschenkt“.

Sehr sehr oft seit letztem Sommer hätte ich gern ihren Rat gehabt, ihre tatkräftige Unterstützung oder einfach zusammen mit ihr gelacht. Sie fehlt mir wirklich sehr. Ich glaube, sie hätte mir einiges an Schmerz sparen können. Ich glaube, sie versteht mich wirklich sehr gut – besser eventuell, als ich mich selber besser verstehe.

Nun sehe ich mich mit dem Thema Tod noch einmal konfrontiert. Ja. Wegen der Anschläge. Ja, die in Paris. Ja, ich weiß…

Ich habe alle schlauen Artikel zum Thema gelesen (oder vielleicht nur die meisten). Ich habe selbst kritische Gedanken meinem Sohn gegenüber formuliert, weil er einen französische-Fahne-Filter über sein Profilbild veröffentlicht hat. Die Argumente dagegen leuchten mir wirklich alle ein. Dennoch: ich habe Angst. Er hat Angst. Und wir wissen beide wie es ist, eine Person zu verlieren, die wir lieben. Eine Person, die gegangen ist, ohne dass wir uns von ihr verabschieden konnten.

„Es gibt Leute, die sowas blöd finden. Ich erzähle dir das, weil du sonst immer so kritisch bist,“ sagte ich ihm, als wir zwei Tagen nach den Anschlägen wegen seines Profilbilds telefoniert haben.
„Jetzt ist nicht die Zeit kritisch zu sein, mum“ sagte er. Wir telefonieren weiter. Seine Freunde treffen sich sehr oft. Feiern Parties. Sind ständig unterwegs. Haben neulich einen aus ihrem Freundeskreis in noch ungeklärten Umständen verloren. Sie haben alle Angst. Ein Bombenangriff könnte natürlich auch in Berlin passieren. Sie könnten die nächsten sein. Er will sich solidarisch zeigen. Es geht gerade nicht um Politik und Hashtags, sondern um Trauer und Liebe.

Ja, und ich habe auch Angst. Ständig.

Denn, jedes Mal wenn ich mich von meinen Kindern verabschiede, könnte es das letzte Mal gewesen sein. Und es geht mir nicht erst seit Freitag so. Paris ist aber besonders. Eigentlich nicht, weil Paris näher dran ist. Und nicht, weil es sich um weiße, westliche Opfern geht (was natürlich sowieso nicht ausschließlich der Fall ist), sondern weil die Ereignisse in Paris, die Verhältnisse für uns Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland – wieder mal – sehr deutlich machen.

Syrien wird augenblicklich zerbombt. Diese Tatsache ist anscheinend so selbstverständlich, es gibt nicht mal in unseren Medien eine Debatte darüber. Nicht-Christliche Menschen auf der Flucht lassen sich wohl am besten taufen. Menschen, die Hijabs tragen, sollten besser auf U-Bahn Gleisen mit dem Rücken zur Wand stehen. Schwarze Menschen und People of Color – besonders die, die Muslim_innen sind, oder als solche durchgehen könnten, sind gerade in der Klemme, wie ich das sehe. Auf der einen Seite könnten sie genau so Opfer von irgendwelche Terroristen-Attacken in Größstädten werden, wie weiße Menschen auch (so viel ich weiß, gab es letzten Freitag wirklich keine WhatsApp Nachricht von ISIS an in Paris lebende Muslim_innen, die deutlich gemacht hat, sie sollten lieber zu Hause bleiben) und auf der anderen Seite werden wir von AfD- und PEGIDA-Sympantisanten u.a. noch bedrohlicher gemacht, als wir es ohnehin schon vorher gemacht wurden.

Darum denke ich im Stillen darüber nach, was könnte helfen?

Was braucht es, damit Menschen, die aus Syrien flüchten, nicht erst einmal beweisen müssen, dass sie keine Terrorist_innen sind, bevor wir, die in relativer Sicherheit leben, sie mit Empathie und Solidarität begegnen?

Was braucht es, damit Menschen, die schon seit Jahren hier in Lagern leben, oder gegen Residenzpflicht und Abschiebungen kämpfen, auch ein wenig von unserer #Willkommenskultur-Aufmerksamkeit geschenkt bekommen?

Was braucht es, damit ich nicht einfach weghöre, wenn ich antimuslimische Aussagen oder Beleidigungen mitkriege?

Was braucht es, damit wir alle gegenseitig weniger Angst voreinander haben, aber vor allem: weniger Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit, ja unserer eigenen Sterblichkeit, haben?

Ich schließe die Augen und denke an meine Freundin.

Es ist fast einundhalb Jahre her, seitdem ich nur noch mit ihr in Träumen kommuniziere.  Der Schmerz ist noch genauso groß. Ich gehe stark davon aus, dass alle – egal in welcher Stadt sie wohnen – alle, denen eine solche Person fehlen, auch erstmal mit Schmerz beschäftigt sind. Ich weiß, was dieser Schmerz mit mir gemacht hat.

In diesen letzten Monaten hatte ich selbst sehr mit Wut zu tun. Ich bin unsensibel gewesen. Ich habe selbst anderen für mich wichtigen Menschen unrecht getan und weh getan. Und das mehrmals. Es ist schmerzhaft diese Seite von mir zu sehen, zu erkennen und zu akzeptieren. Aber es ist enorm wichtig. Ich weiß, warum ich (gerade) so bin wie ich bin. Und ich weiß, dass es Zeit braucht, damit ich wieder so etwas wie eine Balance finde. Ich schätze es sehr, dass mir diese Zeit geschenkt wird. Ich weiß, dass ich geliebt werde.

Allmählich wird es ein wenig ruhiger um mich herum und in meinem Körper. Ich stelle Verbindungen zu den Ereignissen und den widersprüchlichen Emotionen her. Sie gehören ja alle dazu. Sie sind alle ich.

Ich habe noch immer keine klare Antworten auf meine vielen Fragen. Aber im Ansatz schlage ich vorsichtig vor…vielleicht müssen wir einfach erstmal still sein. Und vielleicht brauchen wir einfach Zeit zum Trauern. Und einander, und uns selber, bedingungslos zu lieben.


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Nazi-Drill im Kindercamp, kein Raum für Trauer – kurz verlinkt

5. November 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 300 von 337 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Heidi Benneckenstein stammt aus einer Familie von treuen Nazis, als Kind wurde sie in geheimen Lagern gedrillt. Ihre früheren Kameraden zündeln heute bei NPD und Pegida. Heidi Benneckenstein hat sich anders entschieden und stieg aus. Eine Reportage der ZEIT berichtet über ihren Werdegang und Nazi-Strukturen in Deutschland (Hinweis: Der Beitrag enthält rassistische Begriffe.)

Das Bielefelder Magazin weird wird dieser Tage 8 – genauso wie übrigens die Mädchenmannschaft, juchu! Zu diesem Anlass erschien eine Jubiläumsausgabe. Happy Birthday!

In DieStandard schreibt Brigitte Theissl über Fat Aktivismus im deutschsprachigen Raum – mit dabei sind auch Hengameh und Magda sowie die in Wien lebende Künstlerin Julischka Stengele.

Dr. Yasemin Shooman ist Historikerin und leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums Berlin und verantwortet dabei die Programme »Migration und Diversität« sowie das Jüdisch-Islamische Forum der Akademie. Auf ufuq.de kann mensch ihren Kommentar zur Diskussion um das Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Dienst lesen: “Mein Kopf gehört mir.”

Englischsprachige Links

Nach dem Tod einer nahen Person erwartet das Umfeld oft ein „schnelles Vorankommen“, ein Weiterleben. Kiran Sidhu spricht im The Guardian über den Tod ihrer Mutter: „Our inability to talk about death has left us ill-equipped to talk about grief.“

Das neue kanadische Kabinett wurde vorgestellt und es besteht aus 15 Ministern und 15 Ministerinnen. Huffington Post stellt die Ministerinnen vor, u.a. Jody Wilson-Raybould, die erste indigene Justizministerin Kanadas.

Termine in Berlin, Bremen, Karslruhe, Recklinghausen:

7. November, Berlin: Veranstaltung zu Repressionen von Aktivist_innen, die an den Gegenprotesten zum „Marsch für das Leben“ teilgenommen haben.

Ebenfalls 7. November, Recklinghausen: Feminismus im Pott feiert Geburtstag und sammelt gleichzeitig Spenden für gute Zwecke.

Am 8. November in Karlsruhe: Vortrag des Vereins „Dritte Option“ , der aktuell für einen dritten Geschlechtseintrag „inter/divers“ klagt. Die Veranstaltung in Karlsruhe wird von 20 bis 22 Uhr live im  Querfunk übertragen.

14. und 15. November, Bremen: Workshop zu „Was tun gegen rassistische Polizeikontrollen?“ für Zeug_innen und (potenziell) Betroffene von rassistischen Kontrollen (Facebook-Link)

16. November, BerlinStolpersteinverlegung (PDF) im Gedenken an Elli Smula (1914–1943). Die Berliner Straßenbahnschaffnerin Elli Smula wurde 1940 als lesbisch denunziert, verhaftet und ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1943 ermordet wurde.

26. November, Berlin: Buchpremiere von AnouchK Ibacka Valiente (Hg.) „Vertrauen, Kraft & Widerstand. Kurze Texte von Audre Lorde“ in der Begine, gelesen von Anges Lampkin, Schauspielerin.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Über Verlust und Trauer – Bücher und Zines zu Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde

23. Juni 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 104 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. Im ersten Teil, der gestern erschien, beschrieb sie Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern. In diesem Teil geht es um konkrete Empfehlungen für Bücher, Blogartikel, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde.

Gestern schrieb ich, dass es gerade in Trauerphasen sehr wichtig ist, genau in sich hinein zu fühlen, welche Unterstützung (z.B. in Form von Büchern, Freund_innen, Trauergruppen, Therapie…) sich gut anfühlt oder nicht. Es ist total OK, die Trauergruppe nach zwei Sitzungen zu verlassen, weil du dich nicht wohl fühlst. Oder den Kontakt mit einigen Mitmenschen zu verringern, die deinen Schmerz nicht verstehen. Gerade in so einer schweren Zeit ist es enorm wichtig auf sich zu hören. In diesem Text stelle ich zwei Bücher und zwei Zines vor, die mir sehr geholfen haben. Es kann sein, dass diese für dich wenig hilfreich sind. Deshalb liste ich weiter unten weitere Bücher, (Blog)Artikel und Videos auf, die mich begleitet haben, auch wenn ich persönlich nicht alles empfehlen würde – vielleicht ist es für dich kraftspendend.

Zwei Bücher von Chris Paul möchte ich vorstellen, weil sie sehr viele Ressourcen beinhalten, zum Beispiel Übungen und Listen mit Beratungsangeboten. Chris Paul, die selbst ihre Partnerin durch Suizid verloren hat, ist Trauerbegleiterin und Autorin. Sie hat viele Bücher und Aufsätze geschrieben und bietet Seminare und Fortbildungen an.

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“, Goldmann, 2012, 3. Auflage

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“In diesem Buch thematisiert Chris Paul die Vielfalt der Gefühle und Trauerreaktionen von Menschen, die einen nahen Menschen durch Suizid verloren haben. Suizid – oder wie Paul es nennt: Selbsttötung – sei die „am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft“. Während in der Trauerforschung noch häufig Bezug auf recht starre und linear gedachte Trauerphasen-Modelle genommen wird, spricht Paul eher von „Aufgaben des Trauerns“, die sie anhand von Zeitabschnitten („Die ersten Stunden“, „Die ersten Tage und Wochen“, „Das erste Jahr“ und „Trauerjahre/Lebensjahre“) vorstellt. Paul geht also nicht davon aus, dass in bestimmten Zeitabschnitten ganz bestimmte Gefühle stattfinden oder es ein klares Ende von Trauerprozessen gibt, wenn bestimmte Phasen durchlaufen sind. Vielmehr glaubt sie, dass jeder Zeitabschnitt eine Vielzahl an Gefühlen mit sich bringen kann und folgende vier Aufgaben immer wieder bewältigt werden (mal schneller, mal langsamer): 1. Die Wirklichkeit des Todes begreifen; 2. Die Vielfalt der Gefühle durchleben; 3. Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten und 4. Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Ein Extrakapitel befasst sich außerdem mit Kindern und Jugendlichen als Trauernde nach einem Suizid. Zwischendrin finden sich immer wieder Übungen, die mensch relativ leicht in den Alltag einbauen kann und die helfen können, sich zu entspannen, zu erinnern oder zu reflektieren.

Ich finde das Buch unglaublich gut, weil es ehrlich und leicht verständlich auf viele Themen eingeht, die überlebende Angehörige oftmals beschäftigen: Trauer, Wut, Schuldgefühle, Angst, Suizidgedanken, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, aber auch bürokratische und finanzielle Hürden unmittelbar nach dem Suizid. Besonders das Kapitel zu Schuld (und deren Funktion) war für mich ein wichtiger Perspektivwechsel. Kurz nimmt Paul auch Bezug darauf, wie Angehörige von Menschen, die von gesellschaftlichen Normen abweichen (z.B. in Bezug auf Begehren, Hautfarbe, Gesundheitszustand), häufig verstärkt Ausgrenzung und Stigmatisierung erleben, weil der Suizid der Person manchmal dafür genutzt wird, Vorurteile über bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu stärken (z.B., dass Depression automatisch Suizid nach sich zieht). Hier wäre mein einziger Kritikpunkt, dass das Thema sehr kurz kommt und ich gerne mehr dazu gelesen hätte. (mehr …)


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Über Verlust und Trauer

22. Juni 2015 von Gastautor_in

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. In diesem Text geht es um Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern sowie um den Umgang mit Trauer und Trauernden (auch in queer-feministischen Kontexten). In einem zweiten Teil werden Bücher, Blogtexte, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde vorgestellt.

wolken

Ich habe mich in meinem Leben schon sehr oft mit Tod und Verlust auseinander setzen müssen. Als ich 13 war, verstarb meine Großmutter. Zusammen mit meiner Mutter und meinem Vater war sie eine zentrale Bezugsperson für mich, weil sie meine Geschwister und mich mit aufzog. Kurz nach meinem 15. Geburtstag verstarb mein Vater. Die Erlebnisse auf der Intensivstation, der Verlust zweier so wichtiger Menschen und die Trauer meiner Mutter, die innerhalb weniger Jahre ihren Mann und ihre Mutter verlor, brannten sich tief in mir ein, aber ein Sprechen darüber war kaum möglich. Meine Freundinnen waren mit sich und ihren eigenen Problemen beschäftigt. Schule und die alltäglichen Sorgen einer 15-jährigen rückten auch bei mir schnell wieder in den Vordergrund. Von Außen betrachtet kam ich sehr gut klar, abends weinte ich mein Tagebuch voll. Die Jahre vergingen, die Erinnerungen an die schmerzliche Zeit ließen nach. Ich begann auch zu vergessen. An viele Erlebnisse und Gefühle, über die ich heute in meinen Tagebüchern lese, kann ich mich nicht oder nur noch vage erinnern. An die Beerdigung meines Vaters habe ich eigentlich keine Erinnerung. Verdrängung war meine beste Freundin. Ich denke aber nicht, dass es mir permanent schlecht ging oder ich etwas unterdrücken musste, was eigentlich unbedingt raus gehörte. Verdrängungsmechanismen sind (auch) Strategien, um weiter (gut) durchs Leben zu kommen. Gefühle bahnen sich manchmal erst ihren Weg, wenn Raum und Zeit dafür da sind. Und als 15jährige gab es für mich diesen Raum nicht. Es macht mich heute zwar traurig, dass die Möglichkeit zum Trauern und Erinnern nicht da war, aber ich sehe auch, welche Funktionen es für mich hatte: Ich musste und konnte so weiterleben. Und einige meiner Träume erfüllen (zum Beispiel ins Ausland gehen).

Anfang des letzten Jahres verstarb plötzlich meine Mutter. Sie hatte keinen Lebensmut mehr, unternahm nichts gegen ihren Tod. Mir fällt es schwer, in Worte zu fassen, was das für mein Leben bedeutet_e. Es gibt für mich nur noch ein „Davor“ und ein „Danach“. Ich glaube, dass der Tod meiner Mutter der fundamentalste und grausamste Einschnitt meines Lebens war. Da ich zu der Zeit bereits regelmäßig eine Therapeutin aufsuchte, führte für mich kein Weg an einer intensiven Auseinandersetzung vorbei. Ich blicke heute auf die letzten eineinhalb Jahre zurück und stelle fest, dass ich in einer Phase bin, in der ich mich von der intensiven Trauer, der Schlaf- und Kraftlosigkeit ein wenig erhole. Ich kann wieder durchschlafen, bin konzentrierter und nicht mehr permanent müde. Ich weine nicht mehr täglich, die wasserfeste Mascara kann immer öfter gegen wasserlösliche eingetauscht werden. Ab und zu bin ich wieder spontan und manchmal sind gesellige Runden für mich auch wieder mit Spaß verbunden. Reden über meine Gefühle fällt weiterhin schwer, aufschreiben hilft sehr.

Was bleibt, ist die Erfahrung, dass Trauer nicht „einfach mal da“ ist und dann wieder geht. Und schon gar nicht nach einem Jahr abgeschlossen und vergessen ist. Trauer hat mein Leben sehr fundamental um_strukturiert. Ich musste mich mit ihr arrangieren, weil sie wahrscheinlich sehr lange, vielleicht mein ganzes Leben lang, mit mir bleiben wird. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Ich atme viel und ich wachse an und mit mir.

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Andere Perspektiven auf den Muttertag, Kritiken an kultureller Aneignung und aufwühlende Transitionserfahrungen – die Blogschau

16. Mai 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 278 von 295 der Serie Die Blogschau

Anna Dushime schreibt auf Buzzfeed, was es bedeutet, den eigenen Vater im Völkermord zu verlieren. Er wurde 1994 Opfer des Genozids an den Tutsi in Rwanda.

Auf nopsyko findet ihr einen kurzen Informationstext zur Anforderung und Einsichtnahme in die Behandlungsakten von vergangenen Psychiatrieaufenthalten.

Antipsychiatrische und pathologisierungskritische Perspektiven auf einem Vortrag und in einem Workshop? Steinmädchen ist buchbar!

Vergangene Woche war „Muttertag“. Schwarzrund ruft zum Feiern der Leerstelle auf, Maja Schwarz findet, dass die Muttertagsfrage ein Minenfeld ist und beim Gemischtwahnlädchen geht es um Tod und Verlust.

Auf umstandslos schreibt Anna Lisa über das Fotografieren von Kindern, die entweder während einer Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

Angela Davis und Gina Dent sind derzeit in Berlin zu Gast, sprachen mit Aktivist_innen u.a. über den aktuellen Stand der Geflüchtetenproteste. Auf Schwarzrund gibt es einen Bericht zu einem Community-Workshop in der Werkstatt der Kulturen, an dem Davis und Dent teilgenommen haben.

Auf dem Blog des Berliner Theatertreffens sprechen fünf Kulturschaffende über Interventionen in rassistische Strukturen des deutschen Theaters.

Mode und Selbstdarstellung als Empowerment-Tools ist Thema bei Les Flâneurs.

Riot Trrrans* schreibt über seine Transitionserfahrungen der letzten Jahre und fragt sich, warum es vor allem für andere so schwer bleibt, Selbstbestimmung anzuerkennen.

In Frage stellen: Musik beschäftigt sich dieses Mal mit musik_kulturellen Aneignungen, welche Dimensionen Aneignungshandlungen haben können, welche Kritiken und Interventionsmöglichkeiten es gibt.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Quotenfragen, feministische Sexualkunde und das eigene Herz – die Blogschau

12. Juli 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 255 von 295 der Serie Die Blogschau

Über die Zusammenhänge von „Essstörungen“, sexistischen Verhältnissen, Pathologisierung, Veganismus und die Möglichkeiten des Umgangs mit Betroffenen in und außerhalb der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung erschien ein sehr lesenswerter Text auf Antispe Dresden.

Über nervige Fragen zur Fauenquote und Zahlen schrieb Anne Schüssler: „Was Sie schon immer über Frauenzählen wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten“.

Der Kaiserin ihre neuen Kleider: reizende Rundungen präsentiert ein neues Layout.

Asaekante plädiert für zeitgemäßen Sexualkundeunterricht und gegen die Tabuisierung von Sexualität, die oftmals mit sexistisch-patriarchaler R*pe-Culture einhergeht. Auf Das Ende des Sex wurde zudem eine Solidaritätserklärung für die Wissenschaftlerin Elisabeth Tuider veröffentlicht, die seit Anfang Juli einem Shitstorm ausgesetzt ist, nachdem medial ihre Ansätze für Sexualkunde diskutiert wurden.

Wie in Zeiten der Trauer im sozialen Nahfeld aus Fat Shaming auf einmal die Konstruktion von „tröstendem Essen“ und „Körper als Schutzschild“ hervorgeht – riotmango hat sich darüber gewundert.

Auf umstandslos. wurden Wörter rund um Schwangerschaft und Feminismus gesammelt und mit entprechenden Verlinkungen versehen.

lightsneeze hat ein sehr schönes Gedicht veröffentlicht: mein herz gehört mir.

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