Einträge mit dem Tag ‘Theorie’


Frauen als Täterinnen und die Kategorie Gender als Gewaltakt

30. September 2010 von Nadine
Dieser Text ist Teil 45 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Frauen als Täterinnen und Unterstützerinnen eines patriarchal organisierten Gewaltsystems wurden seit Beginn der Frauenbewegung immer wieder benannt, doch selten führte diese Benennung zu einer methodologischen und epistemologischen Veränderung innerhalb feministischer Forschung und Kritik. Unversalisierbar schien die Auffassung, das Patriarchat stelle eine allumfassende ausschließlich von Männern initiierte und ausgeübte Form der Unterdrückung von Frauen dar. Zu tief saßen Trauma und Scham über die Gewaltverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an denen Männer und Frauen im gleichen Maße beteiligt waren, unter denen Männer und Frauen im gleichen Maße litten.

Die Täter-Opfer-Dichotomie begann erst in den 1980er Jahren brüchig zu werden, als kritische Feminist_innen die These der Mittäterinnenschaft nachhaltig innerhalb feministischer Diskurse etablieren konnten und so eine selbstkritische Perspektive auf das Geschlechterverhältnis eröffneten. Christina Thürmer-Rohr trug einen wesentlichen Teil dazu bei, das feministische Selbstbild zu überdenken und feministischer Forschung einen anderen methodologischen Zugang an die Hand zu geben, Herrschafts- und Machtformen zu analysieren und zu hinterfragen.

In „Die unheilbare Pluralität der Welt – von Patriarchatskritik zur Totalitarismusforschung“ fasst Thürmer-Rohr den feministischen Diskurs des 20. Jahrhunderts grob zusammen und erläutert in chronologischer Abfolge politisches Denken und Handeln des Feminismus mit seinen jeweiligen Epistemen in Bezug auf Gewalt, Macht und Herrschaft. Weiter verknüpft sie Erkenntnisse der Totalitarismus- und feministischer Forschung und rekurriert dabei immer wieder auf Hannah Arendt, die Anerkennung von Dialog und Pluralismus forderte und in der Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen ein Mittel gegen totalitäre Bewegungen, Systeme und Denkansätze sah.

Die inhaltliche Nähe zu Arendts Erkenntnissen zu Formen totaler Herrschaft fußt auf Thürmer-Rohrs eigener Biografie: Ihr Vater war in der Zeit des Nationalsozialismus Offizier der Wehrmacht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Thürmer-Rohr sich kritisch mit ihren eigenen traumatischen Erfahrungen und ihrer Rolle als Frau in einem totalitären System, als Familienmitglied eines seiner Unterstützer_innen und dem Funktionieren des Systems selbst auseinander zu setzen. Später wendet sie sich gegen ihren Vater.

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Handlungsräume für Feminismus

6. Januar 2010 von Helga
Dieser Text ist Teil 38 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Cover mit lila-roter Aufschrift: Anne Lenz · Laura Paetau - Feminismen und »Neue Politische Generation«Mit „Feminismen und »Neue Politische Generation«” bringen die Autorinnen Anne Lenz und Laura Paetau ihre gemeinsame Abschlussarbeit als Buch heraus, statt sie im Bibliothekskatalog verstauben zu lassen. Ihnen geht es um die Erforschung aktueller feministischer, politischer Praxis, herauskommen soll dabei ein Handbuch zur Organisierung.

In acht Kapiteln beschreiben sie Handlungsoptionen und Wirkungsfelder verschiedener Aktivist_innen, sowie die dahinter stehenden Theorien. Für das Buch haben Lenz und Paetau Aktivist_innen aus sechs linken Berliner Gruppierungen interviewt, sowie eine Hacktivistin und mit Sabine Hark eine Expertin für feministische Theorie. Die Interviews werden auf verschiedene Aspekte untersucht, u.a.: was bedeutet „feministisch”, was ist die Abgrenzung zu Sexismus und wo greifen Intersektionalitäten? Drei der Interviews werden im Rahmen einer Typologisierung näher ausgewertet, die politischen Stratgien herausgearbeitet und beispielhaft dargestellt.

Neben der Erklärung des Forschungsaufbaus wird auch der theoretische Hintergrund der Neuen Politschen Generation erläutert und auf den Einfluss der Neuen Deutschen Frauenbewegung, der zweiten Welle, eingegangen. Die Kapitel zur Forschung wechseln sich dabei mit denen zur Theorie ab. Ein Leser_innenguide erleichtert die Orientierung und zeigt Möglichkeiten zum Querlesen auf.
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Nach rechts abgebogen

17. Januar 2009 von Barbara

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es eine kurze Meldung über die Tendenz von Frauen und Mädchen, sich der rechtsextremen Szene zuzuwenden. Zugrunde liegen Äußerungen von Simone Richter, Leiterin der bayerischen Projektstelle gegen Rechtsextremismus.

“Frauen und Mädchen sind ein neues Potenzial für die rechtsextreme Szene”, sagte Richter. Die Frau habe in den Köpfen der Neonazis die weiße Rasse zu erhalten. “Es ist für mich unglaublich, dass selbst gebildete Frauen, auch Akademikerinnen, auf uralte Ideologien und Rassetheorien hereinfallen.” Sie ordneten sich bereitwillig martialischen Vorstellungen unter. Die rechtsextreme NPD hat Richter zufolge vor allem Franken im Visier. “Sie knüpft dabei unverhohlen an alte Traditionen der NSDAP an, die in Franken ihre Hochburgen hatte”, so die Leiterin der Projektstelle gegen Rechtsextremismus in der Landeskirche.

“Ich will endlich etwas tun für die Frauen, denn das wird bei uns zu wenig beachtet”, wird eine Frau, die sich zur rechten Szene bekennt, in einem “Rechtsextremismus”-Dossier auf bpd.de zitiert. Dort heißt es auch:

Frauen fangen an die braune Szene zu prägen: Kindererziehung, Schulsysteme, Gesundheit und Ernährung gehören daher auch bei den selbstbewusst auftretenden Anhängerinnen neuer Neonazi-Gruppen zu den bevorzugten weiblichen Themen.

Die Rattenfänger haben also auch die eine oder andere Rättin mit ihrem Flötenspiel gebannt.


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