Einträge mit dem Tag ‘Terror’


Der freundliche, einzelgängerische Terrorist. Wenn weiße Männer morden.

30. November 2015 von Charlott

In Colorado Springs tötete am Freitag ein Mann drei Menschen und verletzte neun weitere in einer Planned Parenthood Klinik. Eine Tat, die sich einreiht in eine Geschichte von Angriffen gegen Personen und Organisationen, die Abtreibungen vornehmen oder Menschen bei diesen unterstützen. Eine Tat die zum einen im Zusammenhang der konkreten Kampagne gegen Planned Parenthood, welche seit Monaten läuft, zu sehen ist und auch im allgemeinen Kontext all jener Rhetoriken, Gesetzgebungen und Debatten, die Abtreibungen verdammen und Körper, die nicht cis-männlich sind, regulieren wollen. (Und dies ist natürlich auch kein us-amerikanisches Phänomen.)

In Online-Auseinandersetzungen rund um die Morde wurde wieder einmal deutlich, was „Pro Life“/ „Lebensschutz“ eigentlich bedeutet. Es ist eine Ideologie, in der ein Fötus sehr viel wert hat, die austragende Person hingegegen gar keinen, aber darüber hinaus auch wiederum hingenommen wird, wenn schwangere Personen (und ihre Föten) bei Angriffen auf Abtreibungskliniken sterben. Es geht nicht um Kinder (von denen sechs allein durch dieses Attentat ein Elternteil verloren), sondern um Kontrolle.

Und in der medialen Darstellung? Da schrieb die New York Times in einem langen Portrait zum Täter, er sei ein „sanfter umherziehender Einzelgänger, der hin und wieder gewaltätig gegenüber Frauen und Nachbar_innen, die er kannte, wurde“. Und auch wenn das „sanft“ (gentle) mittlerweile aus dem Text herausredigiert wurde, so bleibt die Grundtendenz doch erhalten: (Wieder einmal) wird ein weißer männlicher Attentäter stärker „vermenschlicht“ als dies sogar bei Schwarzen Opfern von Gewalt üblich ist.

Das Einzelgänger-Narrativ ist eines, welches Journalist_innen und Politiker_innen mit Vorliebe herauskramen, wenn es um die Einschätzung von Attentaten ausgeführt von weißen, christlich-säkularen Männern geht. Und dies ist nicht nur ein Erzählung, die eine Lebensgeschichte des Täters zentriert, welche eventuell sogar nich Mitleid erregen soll, sondern vor allem eine, die die Tat außerhalb von Machtverhältnissen und größeren Zusammenhängen rückt. Getötet hat dann eine Person, die keineswegs beeinflusst wurde von sexistischen/ rassistischen/ etc. Denkmustern und Teil einer größeren Gruppe mit eben solchen Vorstellungen ist, sondern eine Person, die „eigensinnig“ ist, vielleicht etwas „verwirrt“. Diese Ausflüche, zu denen auch gehört, dass bei solchen Taten die Motive zumeist als unklar beschrieben werden, tragen zu eben jenem gesellschaftlichen Klima bei, in dem solche Morde ausgeführt werden.

Zum Weiterlesen bei der Mädchenmannschaft:
Utøya. Drei Jahre. (Charlott)
Alle* Leben sind gleichwertig: Ein Notizzettel voller Gedanken (Hengameh)
Ein deutsches Drama (accalmie)
Terroranschlag: Was das Patriarchat versäumt hat (Nadia)
Einzelfall Elliot Rodger. Oder: Wieder sexistisch motivierte Morde. (Charlott)


Facebook | |


Fashionweek, nationalistischer Rap und reproduktive Rechte – kurz verlinkt

21. Januar 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 269 von 362 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge
Tick Tick Boom haben eine Broschüre über „deutsch-patriotischen Rap“, Nationalismus, Hetero_Sexismus und Kapitalismus-Verherrlichung veröffentlicht, die nicht nur informieren, sondern auch zu eigenem Aktivismus anregen möchte.

Der Frankfurter Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan spricht in der Jüdischen Allgemeinen über die mangelnde Solidarität mit #JeSuisJuif.

„‚Je suis Charlie‘ und die Folgen: Warum ich kein Satiriker mehr bin“, schreibt Oliver Maria Schmitt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Einen kritischen Beitrag zur Fashion Week, zur Plus Size Messe Curvy Is Sexy und zur mangelnden Körpervielfalt auf den Laufstegen gibt es beim Deutschlandfunk.

Es gibt eine neue politische Gruppe in Berlin [Korrektur: nicht nur Berlin, Treffen sind bundesweit geplant, siehe Kommentar] : Black Quiltbag*, die sich im Rahmen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) gegründet hat. Die Gruppe richtet sich an Schwarze Menschen, die sich folgenden oder ähnlichen Identitäten bzw. Konzepten zugehörig fühlen: Queer /Questioning, Undefined /Undecided, Inter, Lesbisch, Trans*, Bi, Asexual, Gay/Genderqueer.

„Behinderte Menschen haben es in Deutschland extrem schwer, Gynäkolog[_innen]en zu finden. Ganze fünf Spezialangebote gibt es bundesweit„, berichtet Spiegel Online.

Beim Tagesspiegel zeigt man sich überrascht, dass Lutz Bachmann, einer der führenden Pegida-Organisator_innen, tatsächlich Rassist ist.

Englischsprachige Beiträge

Im Ebony Magazine berichtet Tasha Fierce über ihren Schwangerschaftsabbruch, im Kontext von Anti-Abtreibungskampagnen, die sich in den USA besonders an Schwarze Communities wenden.

HerZimbabwe analysiert die negativen Vorannahmen geforderter „Ehrbarkeit/Seriosität“ für den Aktivismus simbabweischer Frauen und den aktivismuseinschränkenden Effekt einer solchen Politik.

Der US-Senator und Schwarze Bürger_innenrechtsaktivist John Lewis kommentierte in der Los Angeles Times sowohl den Film als auch Kritiken an „Selma“. Er selbst war an der Organisation und Durchführung der Protestmärsche beteiligt.

Die Technik_Kultur-Kritikerin Shanley Kane thematisierte Sexismus und Misogynie in der Linux-Community. Von den angsteinflössenden Reaktionen darauf berichtet sie hier.

Termine in Berlin, Kiel, Köln, Lüneburg

Berlin, 29.01. – 30.01. 2015: „Susan Sontag Revisited“ – ein Symposium am ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry zu Sontags kulturell-politischen Wirken. Alle Vorträge werden auf Deutsch und Englisch zugänglich sein. (Facebook-Link)

Kiel, für Kurzentschlossene, da heute Abend um 19:30 Uhr: „Schau, eine Frau schießt!“ – Jüdischer Widerstand in Osteuropa“, ein Vortrag und anschließende Diskussion im Literaturhaus Schleswig-Holstein.

Köln, 22.01. 2015, 18:00 Uhr: Der Ausländerlesekreis Köln und #SchauHin laden zu dem Story Salon „Afro & Hijab: Voll das Politkum?!“ ein. (Facebook-Link)

Lüneburg: Save the Date: lady*fest Lüneburg! vom 6. – 8. März 2015.


Facebook | |


Terroranschlag: Was das Patriarchat versäumt hat

9. Januar 2015 von Nadia

Sehr ernstgemeinte Satire, mit Disclaimer: Ich habe mal einen Text aus der ZEIT von Jochen Bittner, der mich so gar nicht überzeugt hat, umgeschrieben. Ich schlage nämlich die folgende Textvariante vor:

Die Differenzierung zwischen Cis-Männlichkeit und cis-männlicher Gewalt war nie falsch, aber unvollständig. Angesichts cis-männlicher Attentate müssen moderate Cis-Männer ihre Lehre hinterfragen.

Nach all den Terror-Schocks, Kriegseinsätzen und militaristischer Gewalt (z.B. durch Drohnenflüge), misogynen Gewalttaten und der weitreichenden Glorifizierung von Gewalt als cis-männliches Qualitätsmerkmal gilt das Differenzierungsgebot: Wir müssen trennen zwischen den netten Cis-Männern und cis-männlicher Gewalt. Es wird auch jetzt, nach dem Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo, wieder eingefordert werden – wenn sich der Verdacht auf cis-männliche Täterschaft bestätigt (wovon heute auszugehen ist).

Die Differenzierung zwischen Cis-Männlichkeit und cis-männlicher Gewalt war nie falsch. Aber sie war unvollständig. Mit der Entlastung der moderaten Mehrheit aller Cis-Männer hätte viel früher auch eine Forderung einhergehen sollen, nämlich jene, dass die Cis-Männlichkeit sich selbst darüber erforscht, welche Inhalte, welche patriarchalen Macht- und Gewaltstrukturen, welche geistigen Verkrustungen und welche Anachronismen selbst moderater Cis-Männlichkeits-Lesarten es sein könnten, die junge Cis-Männer irgendwann Menschen mit Waffen niedermetzeln lässt. Denn so falsch es ist, Cis-Männlichkeit mit cis-männlicher Gewalt gleichzusetzen, genau so falsch ist es, jede Verbindung zwischen ihnen zu leugnen.

In dieser weithin unterschlagenen Debatte, in der Angst vor einer begründeten Kritik am Patriarchat in Parlamenten, Redaktionen und Universitäten (etc.), liegt das vielleicht größte Versäumnis auch der Terrorprävention der vergangenen anderthalb Jahrzehnte – sei es nun angesichts der schrecklichen Attentate, die Anders Breivik in Norwegen verübte, bis hin zu den fürchterlichen Anschlägen von Paris in dieser Woche. Es war ein Versäumnis aus dem Optimismus heraus, dass die Verursacher von cis-männlicher Gewalt auf Dauer schon isoliert und marginalisiert würden, wenn die moderate Cis-Männlichkeitsmitte stabil und unterstützt bleibt.

Dieses Wunschergebnis ist aber nicht eingetreten. Die cis-männliche Bewegung ist im Gegenteil stärker geworden, sowohl national wie international. Typisch cis-männliche Gewalt, so wie sie sich vor allem als physische Kraft entfaltet, hat nicht nur Länder erobert, sondern auch die Popkultur, und es ist eben keine Fantasiemacht, auf die ein Großteil der cis-männlichen Personen ihre Gewalttaten stützt, sondern eine nicht von der Hand zu weisende Tatsache, dass vor allem physische Gewalt oft ein cis-männliches Spezialgebiet ist (und zwar universell und global).

Genau dies ist aber die Zumutung, die der Cis-Männlichkeit auferlegt werden muss, wenn sie wirklich zu einem Teil der Überwindung von Gewaltstrukturen werden will. Und sie müsste mindestens soweit reichen, die eigene Verantwortung einzugestehen. Diese Zumutung hätte viel früher formuliert werden müssen. Es nützt nichts, Lessings Ringparabel hochzuhalten, wenn am Ende nur der Vortragende tolerant bleibt. (Zwar sind nicht alle Cis-Männer Terroristen, aber fast immer ist es so, dass Terroristen Cis-Männer sind.)

Was genau würde die Zumutung der Aufklärung für die Cis-Männlichkeit bedeuten? Neben der Verwirklichung von unzweifelhafter Gleichberechtigung (es gibt sie in patriarchalisch organisierten Gesellschaften nicht) gilt vor allem eins: den Abschied vom Patriarchat als Weltordnungsidee.

Die Vorstellung, dass die Welt vor allem auch dann friedlich wäre, wenn die Welt nicht mehr durch patriarchale Gewalt- und Ungleichheitsverhältnisse bestimmt würde, ist eben nicht radikal, sondern unabdingbar. Man kann diesen Anspruch als historisch abtun. Genauso gut kann man ihn aber zur politischen Kampfansage gegen männliche Gewalt aufpumpen – und genau das sollte immer und immer wieder geschehen. Um es deutlich zu sagen: Cis-Männlichkeit, auch moderate, ist noch immer zu oft eine Rutschbahn in die Entfremdung von einer Lebensweise, die eine Abkehr von Gewalt und emanzipatorische Bewegung anstrebt.

Es sind diese gefährlich unhinterfragten Tiefenströmungen einer kulturellen Ausformung, an denen Kritik an Cis-Männlichkeit ansetzen darf und muss, sowohl von innen wie von außen. Bis dahin wird die Trennung von Cis-Männlichkeit und cis-männlicher Gewalt das bleiben, was sie viel zu lange war: ein beschwichtigendes Mantra.

Der Text erschien zuerst auf Shehadistan.


Facebook | |



Anzeige