Einträge mit dem Tag ‘Stella Young’


Rassismus, Scheindebatten und Neujahrsvorsätze – Die Blogschau

10. Januar 2015 von Sabine
Dieser Text ist Teil 270 von 295 der Serie Die Blogschau

„Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere.“ Die verstorbene Aktivistin Stella Young bezeichnete dies als „inspirational porn„, wenn eine Gruppe von Menschen, nämlich Menschen mit Behinderung behinderte Menschen, als Objekt der Inspiration dargestellt würden.

„Tweet, tweet, tweet, wir haben uns alle lieb“:  In diesem Artikel widmet sich Emine dem australischen Hashtag“#I’llRideWithYou“ und erklärt, weshalb der Slogen schon einen Anfangsfehler hatte und weshalb sie keine Toleranz möchte.

In „Entweder Oder“ wird das vermeintliche Dilemma der Zugehörigkeits-Gruppen anhand der vergangenen 31c3-Konferenz beschrieben. Was bedeutet es, sich sowohl autistisch und gender-queer zu verstehen, aber in bestimmten Räumen auf ein „Entweder Oder“ zu stossen?

Neujahrsvorsätze? Reizende Rundungen hat schon einmal eine wichtige Liste für uns – und warum unser Körper unser Hoheitsgebiet sein sollten, vorbereitet.

Rassismus oder Leipziger Tradition? „Schon seit jeher ist Silvester in Leipzig für mich mit Stress verbunden. Zu oft habe ich erlebt, wie rein „zufällig“ Böller und Raketen in meine Richtung geflogen sind.“ Ein Bericht über das jährliche Silvester in Leipzig und warum die eigene Kapunze unter Umständen gefährlich werden kann.

Schleuser_innen, die Menschen auf ungesteuerten Schiffe transportieren, sorgen im EU-Flüchtlingskontext für Empörung und gelten als gewissenlos. Während des Nationalsozialismus wurden Schleuser_innen (im Nachgang) heroisiert, weil sie Menschen retteten. Mehr dazu auf andersdeutsch.

Ein lesenswerter Text von Antje Schrupp über „Männer, die auf Feministinnen starren“.

Neues Jahr, neuer Style-Crush, indeed: Ein tolles Interview mit der modischen Wahlberlinerin JJ auf Queer Vanity.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Das Jahr 2014 – Ein Feministisches Lexikon

19. Dezember 2014 von Charlott

Welche Themen standen auf unserer feministischen Agenda 2014? Welche Ereignisse haben das Jahr geprägt? Welche Personen und ihren Aktivismus haben wir bewundert? Zum Abschluss des Jahres gibt es dieses Mal ein Lexikon. Zu jedem Buchstaben könnte es natürlich noch zig weitere Einträge geben – ergänzt doch eure in den Kommentaren!

A wie Aktivismus, Ausschlüsse und Ablasshandel
Ein Thema, welches sich eigentlich durch jedes Jahr zieht/ ziehen sollte: Wie wollen wir unseren Aktivismus gestalten? Wie können dabei unterschiedliche Positionen bedacht und genutzt werden? Welche Taktiken und Praxen haben sich bewährt? Nadine machte sich darum einmal Gedanken darüber, wer wann auf Podien sitzt, wo Absagen vielleicht Sinn machen und wo nicht (und was das mit unterschiedlichen sozialen Positionierungen zu tun hat) und über Geldspenden als Art der ökonomischen Umverteilung.

B wie #BlackLivesMatter und #BringBackOurGirls
Am 09. August dieses Jahres wurde der Schwarze Jugendliche Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Gegen den Polizisten wurde nicht mal ein Verfahren eingeleitet. Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Einzelfall, sondern es ist ein Beispiel für die anhaltende rassistische Polizeigewalt – die keinerlei Konsequenzen hat. In ihrem Text „Wenn Schwarzer Menschen nicht lächeln…“ verlinkt Sharon eine ganze Reihe von weiteren Beispiel aus den USA und Deutschland. Von Ferguson ausgehend und durch weitere publik werdende Taten (die ebenfalls kaum Konsequenzen nach sich zogen) entwickelte sich in diesem Jahr eine Protestbewegung, die im Internet unter anderem unter dem Hashtag #BlackLivesMatter und auf den Straßen vieler Städte anzufinden war. In Berlin versammelten sich am 29. November Aktivist_innen am Brandenburger Tor, um den Opfern zu Gedenken und darauf zu verweisen, dass es stimmt: #FergusonIsEverywhere, Ferguson (d.h. rassistische Strukturen, die Gewalt legitimieren) sind kein rein us-amerikanisches Phänomen. So wird sich am 07. Januar zum bereits zehnten Mal der Tod von Oury Jalloh jähren. Derzeitig sammelt die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh Geld um ein weiteres Gutachten zur Brand- und Todesursache anfertigen zu können.

Außerdem sollten nicht die 200 Mädchen, die am 14. April in Nigeria entführt wurden, vergessen werden.

C wie Chancengleichheit
Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Teilhabe, Akzeptanz, > Toleranz, Inklusion – ein Wörtersalat, der häufig eher das „gut gemeint“ als das „gut gemacht“ abdeckt, wenn es um die Rechte von Menschen mit Behinderung geht. Hannah hat sich im November die Anhörung des Ausschusses “Arbeit und Soziales” zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen angehört und aufgezeigt, welche Diskussionen rund um das Bundesteilhabegesetz (nicht) geführt werden. Außerdem erklärte sie in einem weiteren Text, was der Begriff Inklusion eigentlich umfassen sollte und wie er häufig stattdessen ausgehöhlt wird.

D wie Diskurspolizei
Sprachdebatten zwischen „Darf man denn hier gar nichts mehr sagen!“ und „Diese Gender-Leute drängen ja immer einen Sprachgebrauch auf!“ begleiteten auch das Jahr 2014. Am prominentesten ist sicher die medial breit geführte „Debatte“ um Lann Hornscheidts Sprachinterventionen. Auf einen öffentlichen Brief von WissenschaftlerInnen antwortete hier Jayrôme mit „Es ist Zeit, Realität als real zu betrachten„. Im Juli hatte außerdem accalmie die Verwendung diskriminierender Begriffe, die Verteidung dieser Praxis und das Umwerten als die echte Diskriminierung (TM) von Begriffen, die sonst unmarkierte Normen benennen, seziert.

E wie Elliot Rodger
Am 23. Mai tötete Elliot Rodger in Isla Vita, Kalifornien, sechs Menschen. Zuvor hatte er in Videos und einer über hundert Seiten langen „Autobiographie“ seine Misogynie verbreitet. In vielen deutschsprachigen Medien wurde die Tat dekontextualisiert und individualisiert. Ich schrieb über die Hintergründe der Tat, wie sie vielleicht verhindert hätte werden können. (mehr …)


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Esther Bejerano, Stella Young, Tayo Onutor – kurz verlinkt

10. Dezember 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 265 von 362 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Die 89jährige Esther Bejerano hat den Holocaust überlebt. Heute tritt sie lesend und singend gegen Rassismus auf.

Konsti Knappe braucht eine Rampe, damit sein Rollstuhl ins Auto geschoben werden kann. Dafür könnt ihr spenden.

Die Heinrich Böll Stiftung hat ein neues Dossier veröffentlicht: Perspektiven und Analysen von Sinti und Roma in Deutschland. In diesem gibt es beispielsweise einen Beitrag von Tayo Onutor über ihr Erleben als Afro-Sintezza und die „Bitte um Vorstellung„.

Englischsprachige Links

Die australische Disability-Aktivistin, Journalistin und Komödiantin Stella Young ist am Wochenende im Alter von 32 Jahren verstorben. ABC schreibt über ihr Leben und die  Themen, die sie voran gebracht hat.

Fat rights are reproductive rights„, stellt Ali Thompson fest und führt im Text aus, wie dicke_fette Personen mit schlechter medizinischer Versorgung (von Vorsorge, über die Wirkung von hormoneller Verhütung etc.) konfrontriert sind, bei Adoptionen als unpassendere Kandidaten gelten und schneller als schlechte Eltern kategorisiert werden.

Am 6. Dezember vor 25 Jahren wurden 14 Frauen an der École Polytechnique de Montréal erschossen. Ms. Magazine erinnert an die Opfer. Und Bitchmagazine verweist insbesondere auf die Tatmotive sowie den Ausruf „You’re all a of bunch of feminists! And I hate feminists!“ des Täters und verlinkt eine Dokumentation.

Diskussionen rund um #BlackLivesMatter und Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen sind häufig sehr zentriert auf Männer. Princess Harmony Rodriguez fragt darum bei BlackGirlDangeroursWhose Lives Matter?: Trans Women of Color and Police Violence“ und Danielle Stevens gibt auf Elixher unter „Ain’t I a Human?: Ferguson and the Neglect of Black Women, Femmes, and Girls“ konkrete Hinweise zur Neuausrichtung der Debatte.

Termin in Berlin

12.Dezember: Sister-Wellness. Ein Themen- und Austauschabend für und von Schwarzen Frauen*InterTrans und Frauen*InterTrans of Color, zu Wellness als Selbstermächtigung und Widerstand. Mit Noah Sow, Diana Hartmann und Pasquale Virginie Rotter.


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„Ich bin nicht deine Inspiration“ – Zum Tod von Stella Young

9. Dezember 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 43 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Am Wochenende verstarb überraschend die australische Komikerin, Autorin, Journalistin und Aktivistin Stella Young im Alter von 32 Jahren. Jahrelang setzte sie sich für die Rechte behinderter Menschen ein und stieß überhaupt Diskussionen zum neu Denken und Sprechen über Behinderungen an. In öffentlichen Diskussionen machte sie sich stark für offensive Selbstbezeichnungen, das Hinterfragen von Barrieren und woher diese Barrieren kommen sowie der Art und Weise, wie behinderte Menschen gesellschaftlich betrachtet werden. „Mitleid steht unseren Rechten im Weg“, stellte sie fest.

Einer ihrer bekanntesten Vorträge wurde erst in diesem Jahr im April aufgenommen, da sprach sie bei der Veranstaltung TedxSydney und machte deutlich: „Ich bin nicht deine Inspiration.“ Millionfach wurde das Video bisher aufgerufen und ihre Analyse zu den allgegenwärtigen „inspirierenden Bildern“ behinderter Menschen geteilt:

For lots of us, disabled people are not our teachers or our doctors or our manicurists. We’re not real people. We are there to inspire. And in fact, I am sitting on this stage looking like I do in this wheelchair, and you are probably kind of expecting me to inspire you. Right?

[…]

And these [inspirational] images [shared via social media], there are lots of them out there, they are what we call inspiration porn. And I use the term porn deliberately, because they objectify one group of people for the benefit of another group of people. So in this case, we’re objectifying disabled people for the benefit of nondisabled people. The purpose of these images is to inspire you, to motivate you, so that we can look at them and think, „Well, however bad my life is, it could be worse. I could be that person.“*

Eine eindrückliche Zusammenstellung der Gedanken von Stella Young ist ihr Brief an ihr zukünftiges 80-jähriges Ich, welcher erst vor ein paar Wochen online publiziert wurde. In diesem beschreibt sie die gesellschaftlichen Hürden und die Veränderungen ihres eigenen Denkprozesses, wie sie selbst lernte sich neu als behinderten Menschen zu verstehen. Young hebt hervor, wie sie beispielsweise aktiv ver_lernte, gerade als behinderte Frau sich immer wieder für ihre öffentliche Raumeinnahme, ja für ihre Existenz, irgendwie zu entschuldigen. Weiter wendet sie sich an sich und fragt:

Remember those days back before you came out as a disabled woman? You used to spend a lot of energy on ‚passing‘. Pretending you were just like everyone else, that you didn’t need any ’special treatment‘, that your life experience didn’t mean anything in particular. It certainly didn’t make you different from other people. Difference, as you knew it then, was a terrible thing. I used to think of myself in terms of who I’d be if I didn’t have this pesky old disability.

Then, at seventeen, something shifted. To borrow from Janis Ian, I learned the truth at seventeen.

That I was not wrong for the world I live in. The world I live in was not yet right for me.

Stella Young hat aktiv auf so vielen Ebenen daran gearbeitet, die Welt ein kleines wenig „richtiger“ zu gestalten und hat viele Aktivist_innen angeregt (und nicht inspiriert im Sinne von Inspirationsporno!) sich kritisch mit Behinderungen, Rhetoriken und den eigenen Positionen auseinaderzusetzen.

Weitere Artikel:

* Übersetzung Zitat 1: Für viele von uns sind behinderte Menschen nicht unsere Lehrer_innen, nicht unsere Ärzt_innen, nicht unsere Nagelpfleger_innen. Wir sind keine wirklichen Menschen. Wir sind da um zu inspirieren. Und tatsächlich  sitze ich hier auf dieser Bühne in meinem Rollstuhl, so wie ich eben ausseh, und Sie erwarten wahrscheinlich, dass ich Sie jetzt inspiriere. Richtig? […] Und all diese [inspierenden] Bilder [, die über soziale Medien geteilt werden] , von denen es so viele gibt, nennen wir Inspirationsporno. Ich benutze den Begriff Porno mit Absicht, da diese Bilder eine Gruppe von Menschen objektifizieren zugunsten einer anderen Gruppe von Menschen. In diesem Fall werden behinderte Menschen objektifiziert zugunsten nicht behinderter Menschen. Der Sinn solcher Bilder ist es Sie zu inspirieren, Sie zu motivieren, so dass wir sie angucken können und denken: „Okay, egal wie schlimm mein Leben ist, es könnte schlimmer sein. Ich könnte diese Person sein.“

Übersetzung Zitat 2: Erinnerst du dich an die Zeit vor deinem „Coming out“ als behinderte Frau? Du verwandtst eine ganze Menge Energie aufs „passen“. So zu tun als wärst du einfach wie alle anderen, als bräuchtest du keinerlei „Sonderbehandlungen“, als würde deine Lebenswirklichkeit nichts besonderes bedeuten. Auf jedenfall unterschied sie dich nicht von anderen Menschen. Differenz/ Unterschied, so wie du es kanntest, war etwas furchtbares. Ich dachte gewöhnlich an mich selbst, so wie ich sei, wenn ich nicht diese verteufelte Behinderung hätte.
Dann mit 17 veränderte sich etwas. Um es mit Janis Ian zu sagen: Ich lernte die Wahrheit mit 17.
Dass nicht ich falsch war für die Welt, in der ich lebe. Sondern dass die Welt, in der ich lebe, noch nicht richtig für mich ist.


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