Einträge mit dem Tag ‘Sorge-Arbeit’


Bezahlte Reproduktion: Politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiter_innen

10. März 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 12 von 16 der Serie Ökonomie_Kritik

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Emilia Roig, die mit uns ihre Eindrücke eines Workshops aus dem vergangenen Jahr teilt. In diesem ging es um politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiterinnen im Care-Sektor. Wir veröffentlichen diesen Beitrag anlässlich der heute und morgen stattfindenden Tagung „Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme der Care-Migration“, auf der Emilia als Referentin vertreten ist. Leider kommt die Tagung ohne Beteiligung der Menschen aus, um die es geht: migrierte Pfleger_innen und Pflegebedürftige. In diesem Zusammenhang weisen wir außerdem auf die Care Revolution Konferenz in Berlin hin, die dieses Wochenende stattfindet.

Emilia wrote this article in English, so please scroll down for the English version!

Am 9. November 2013 organisierten die Gruppe Respect und die Gender-AG von Attac einen Workshop mit dem Titel „Do you want to build a fairer world, but don’t know how?“ [deutsch: Möchtest du eine gerechtere Welt aufbauen, aber du weißt nicht wie?].
Im Flyer war es als ein „Workshop von und für Frauen, die arbeiten“ angekündigt. Im Rahmen des Workshops tauschten sich Frauen, die so genannte reproduktive Arbeit – Reinigen, Kinderbetreuung und Altenpflege – ausüben, über ihre Erfahrungen aus, suchten nach Handlungsstrategien und entwickelten Lösungen. Der Workshop war in drei Gruppendiskussionen aufgeteilt: die erste eröffnete einen Raum, um mögliche Alternativen zu Reproduktionsarbeit für Frauen mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus zu reflektieren; die zweite Diskussion sollte nach Lösungen für eine bessere Organisation von Kinderbetreuung und häuslichen Reinigungstätigkeiten suchen; und die dritte hatte das Ziel über politische Kämpfe von Arbeiter_innen, die von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen betroffen sind, zu sprechen.

Diese Diskussionsräume waren mit Kreativität, Selbstreflektion, politischem Aktivismus und Visionen gefüllt. Es ging nicht darum zu jammern oder die eigene Frustration in die Gruppe zu tragen. Stattdessen wurden Viktimisierung und Selbstmitleid in Austausch, Solidarität und Empowerment verwandelt. Ideen, Fragen und Kommentare strömten aus allen Richtungen auf spanisch (castellano), englisch, französisch und deutsch, entweder als direkte Redebeiträge oder als Übersetzungen. Frauen aus Peru, Chile, Ecuador, Kenia, Benin und weiteren Ländern haben seit einigen Jahren über gemeinsame Erfahrungen eine Community aufgebaut. Women in Exile, eine selbstorganisierte Gruppe von Flüchtlingsfrauen in Brandenburg-Berlin mit einem Fokus auf die spezifischen Themen von asylsuchenden Frauen und Flüchtlingsfrauen in Deutschland, teilten ihre Erfolge und Strategien und trugen Hoffnung und Motivation in die Gruppe, die zu politischen Kämpfen arbeitete.

Aufgrund der großen Herausforderungen und Schwierigkeiten für illegalisierte Frauen auf struktureller und institutioneller Ebene und aufgrund ihres ungesicherten Statuses kann politischer Aktivismus überfordernd sein. Restriktive Politiken, diskriminierende Praktiken und unmenschliche Gesetze entmachten sehr und erschweren kontinuierliche und koordinierte Aktionen. Angst vor Abschiebung, einbehaltene Löhne, erniedrigende Arbeits- und Wohnverhältnisse, Machtmissbrauch, Unsichtbarmachung und Rassismus sind die Themen, zu denen politische Aktionen organisiert werden. Das praktische Organisieren von Kinderbetreuung und Reinigungsarbeiten/Putzen wurde ebenfalls diskutiert, die Gruppe stellte die Frage: „wer betreut unsere Kinder und reinigt unser Zuhause, während wir andere Kinder betreuen und das Zuhause von anderen reinigen?“, weil die meisten Frauen im Workshop keinen Zugang zu staatlicher Kinderbetreuung und anderen staatlichen Dienstleistungen haben. Während nach alternativen Lösungen gesucht wurde, schlug die Gruppe vor, ein Rotationssystem zu starten, in dem jede Frau einmal die Verantwortung für einige Kinder übernehmen würde.

Candy*, eine der Teilnehmerinnen, suchte nach einem Ort, wo sie sich mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation und mit ähnlichen Problemen vernetzen konnte. Ihre ständige Angst, ihre Arbeit zu verlieren, produziert belastende Machtdynamiken mit ihren Arbeitgeber_innen, die manchmal ihren Lohn einbehalten oder ihr nur die Hälfte des vereinbarten Betrags zahlen. Um ihre Lebenssituation zu verbessern, wäre eine Lösung, sich Papiere zu beschaffen, wie sie sagt; aber auch, dass sich politischer Aktivismus sich für mehr einsetzen muss als nur für Papiere und bezieht sich dabei auf eine ihrer Freund_innen, die noch immer auf der Arbeit ausgebeutet wird, obwohl sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

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Revolution.

5. Februar 2014 von Lisa
Dieser Text ist Teil 11 von 16 der Serie Ökonomie_Kritik

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Sorge-Arbeit – also sich um Menschen zu kümmern, die Unterstützung benötigen, seien es Kinder, kranke oder alte Menschen – ist grundlegend für menschliches Leben. Trotzdem wird sie gesellschaftlich geringschätzt, abgewertet und meist nicht oder sehr schlecht bezahlt. Im heutigen Kapitalismus findet die Sorge für Menschen nur Berücksichtigung, wenn sie ökonomischen Gewinn bringt. Oft wird die jetzige Situation deswegen als Sorge-Krise bzw. ‚Care-Krise‚ bezeichnet.

Feministische Wissenschaftler_innen wie Gabriele Winkler kritisieren deswegen, dass die aktuelle Familienpolitik im Kern Wirtschaftspolitik sei und fordert seit lange eine Revolution der Sorge-Arbeit. Für Winkler bedeutet die Revolution vor allem den „Ausstieg aus dem Wachstumsfetischismus“, der zu immer größeren sozialen Ungleichheiten führe. Ziel von Politik sollte nicht Profit sein, sondern die Erfüllung gesellschaftlicher Lebensbedürfnisse. Dazu schlägt sie in einem Aufsatz zwei Aspekte vor: 1. Die Kürzung der Erwerbsarbeit mit Lohnausgleich für alle Menschen, Mindestlohn und Existenz sicherndes Grundeinkommen. 2.: Ausbau öffentlicher Bereiche zur Unterstützung von Familien und Sorge-Gemeinschaften; mehr staatliche Dienstleistungen in Gesundheit, Pflege und Bildung; die Aufwertung von Berufsgruppen, die Sorge-Arbeit leisten.

Um weiter über die Möglichkeit von Care-Revolutionen nachzudenken und politische Strategien zu entwickeln findet vom 14.-16. März in Berlin eine Aktionskonferenz mit dem Titel „Care Revolution Her mit dem guten Leben – für alle weltweit!“ statt. Die Konferenz möchte sich mit folgenden Fragen beschäftigen: „Soziale Reproduktion betrifft uns alle – es geht um unser Leben, unseren Alltag: Wie und mit wem wollen wir wohnen? Wie sorgen wir für uns und andere? Wie wollen wir gepflegt werden und wie kann gute Gesundheitsversorgung aussehen? Viele Menschen arbeiten in diesen Bereichen – einige bezahlt, andere unbezahlt. Wir alle sind darauf angewiesen. Wie also können die Lebensverhältnisse so gestaltet werden, dass sie unseren Wünschen und Bedürfnissen entsprechen?“

Ziel der Konferenz ist der Austausch von Perspektiven und Erfahrungen, Vernetzung, die Erhöhung der Sichtbarkeit von Reproduktionsarbeit und die Stärkung bereits bestehender sozialer Kämpfe.

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Winkler, Gabriele (2011): „Care Work als Ausgangspunkt politischen Handelns“. In: Felicita Reuschling/Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien (Hg.), Beyond Re/Production of motherhood?, Berlin: Revolver Publishing, S. 40-46.


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