Einträge mit dem Tag ‘Solidarität’


Die Feministische Feuerwehr

9. September 2014 von accalmie

Fast jede Woche ist es wieder soweit: Ein Artikel, ein Buch, ein Video erscheint, in dem betont wird, wie schrecklich Feminist_innen seien und wie sehr der Mann von Heute (TM), nein, die Menschheit unter ihnen leide. Der eiserne Vorhang der Sexismuskritik drohe den Spass zu bremsen, und irgendjemand muss sich wieder sehr darüber empören, dass andere Menschen Misogynie anprangern, und mahnt daher gleich mal schreiend zu postfeministischer Gelassenheit, bis die femifaschistische Diskurspolizei der Gender-Weltverschwörung brutale Konsequenzen zieht durch ein erstes side eye.

Menschen verdienen ihr Geld mit solchen Publikationen, während auf viele jener, …nun ja…, Ergüsse dann feministische Aktivist_innen in ihrer Freizeit mit lakonischen Kommentaren bis detaillierten Widerlegungen reagieren – zum Beispiel auf Blogs oder bei Twitter. Da hier selten neue Argumente ausgetauscht werden, sind die Debatten zunehmend müßig: was gegen Machtgefälle (und damit einhergehend eben nicht “herrschaftsfreie” Kommunikation) eher selten hilft, ist der zwanglose Zwang des besseren Arguments (…und dafür sind Betroffene ja auch viel zu subjektiv, nech…).

Das hindert viele jedoch nicht daran, Aktivist_innen konstant dazu aufzufordern, sich zum Beispiel der Widerlegung sexistischer oder rassistischer Texte zu widmen, während andere erst einmal abwarten möchten (wenngleich vielleicht wohlwollend nickend). Seien es obsessiv gesetzte Pingbacks oder konstante Lektüre-“Tipps” von allies (Verbündeten): offenbar herrscht die kuriose Annahme vor, dass es so etwas wie eine Freiwillige Feministische Feuerwehr gäbe. Jene wird gerufen, wenn erneut die antifeministische Argumentationsschablone zum Einsatz kam und die Feministische Feuerwehr nun das Sexismusinferno löschen soll.

© sage_solar

© sage_solar

Jede Wo­che er­rei­chen mich Hin­wei­se auf sol­che Brand­her­de – manch­mal kom­men­tar­los oder zur Kennt­nis­nahme ge­schickt, manch­mal mit der ex­pli­zi­ten Auf­for­der­ung, da doch et­was “da­ge­gen” zu machen. Ich bin im­mer wie­der ver­wun­dert über die­se un­auf­ge­for­der­ten Nach­rich­ten. Ei­ner­seits fin­de ich es toll, dass Leu­ten be­wusst ist, dass und wie Sexis­mus, Rassis­mus, Hetero­sexis­mus, … ge­sell­schaft­lich ver­an­kert sind und (auch) in den Me­dien re­pro­du­ziert wer­den. Es ist manchmal auch als Kom­pli­ment ge­meint, Men­schen, die sich des öfteren unter an­derem auf Blogs zu -istischen Fails äussern, zu fra­gen, ob sie dieses oder jenes Bei­spiel ge­nau­er ana­ly­sieren kön­nten. Viel­leicht gibt es bei man­chen allies auch Be­den­ken, sich sonst “vor­zu­drän­gen”.

Das Problem dabei ist jedoch, dass viele denken, dass zum Beispiel Antisexismus grundsätzlich die exklusive oder zumindest primäre Aufgabe von Frauen sei, und das rund um die Uhr. Dazu kommt noch, dass manche vielleicht meinen, Feminist_innen hätten täglich nichts Besseres zu tun, als auf akribische Sexismus-Spurensuche zu gehen, und man sie mit dem neuesten Beispiel überraschen und darin unterstützen könnte, endlich wieder etwas gefunden zu haben, anhand dessen man Sexismus aufzeigen kann. Aber hier kommt der Knaller: Aktivist_innen gehen nicht auf die Suche nach Diskriminierung. Diskriminierung holt Menschen ein, täglich; sie strukturiert diese Gesellschaft. Die neuesten -istischen Spitzen bekommt man durchaus mit, ob man möchte oder nicht – und sollte das mal nicht der Fall sein, ist es zumeist sowieso besser so. Wie gesagt: Neu ist an Sexismus oder Rassismus nichts.

Manchmal treffe ich die persönliche Entscheidung mich nicht zum Beispiel X zu äussern, da ich entweder keine Zeit, Lust oder Nerven dazu habe, immer wieder die deckungsgleiche Debatte zu führen und mich dabei zwangsweise geballter Ladungen hocherfreuten Sexismus’ und Rassismus’ aussetzen zu sollen. Dann ungefragt dazu aufgefordert zu werden, sich doch Texte, Plakate oder Serien anzugucken, um diese dann auseinanderzunehmen (oder, noch besser, gleich Zitate geschickt zu bekommen), ist daher nicht nur unsolidarisch, sondern macht einer_einem das Leben nicht leichter – ganz im Gegenteil. Für “Haste nich’ gesehen?” / “Kannste das glauben?” / “Schreib doch mal was dazu, der_die hat X gesagt!”-Spam gibt es von mir meist keine Kekse, sondern ein genervtes Augenrollen. Das ist besonders dann der Fall, wenn “allies” sich selbst nicht äussern wollen, um es sich entweder nicht mit bestimmten Cliquen zu verscherzen oder dem grundsätzlich anstehenden Backlash zu jeder (zum Beispiel) antisexistischen oder antirassistischen Äußerung selbst zu entgehen.

Sich gegen Sexismus zu engagieren ist aber kein Service, der nach Bedarf konsumiert werden kann. Es gibt keine Feministische Feuerwehr, deren Aufgabe es ist, auf Abruf bereitzustehen, wenn andere an ihre Grenzen stossen. Hinter den Blogs und Nicknames und Avataren stehen Personen. Man kann sich auch selbst informieren und sogar eigene Projekte starten. Jeder_jedem ally sei daher gesagt: feel free to step in anytime / schalte dich jederzeit gerne selbst ein; Unterstützung lebt von ihrer Praxis.


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informatives. die kulturhete

15. Juli 2014 von Gastautor_in

Crosspost von Techno Candy mit freundlicher Genehmigung. Frederik twittert auch!

kulturhete, die. Hetero oder hetera der/die in kulturarbeitenden milieus auftritt und sich durch den beruf des/der kulturarbeiter/in sowie durch biokonsum von selbstkritischer positionierungsdenkleistung sowie privilegienaufarbeitung befreit glaubt.

allgemeines

Die k. muss nicht weiß sein, ist es jedoch häufig. In vielen fällen kommt fehlender blick für die eigene weiße, europäische positionierung zu ihren vielfältigen attributen hinzu. Die k. interessiert sich für geschichten, die das weiße subjekt ins zentrum stellen und ihm zur deutungsmacht verhelfen, sie liebt es, weiße frauen und nicht-heten sowie nicht-weiße charaktere unterschiedlicher geschlechter und sexualitäten in witzfiguren zu formen und begeistert sich für unterdrückung stützende diskurse. Diskurse sind wichtiger als menschen, tiere und lebensrealitäten. Die k. definiert diskurse wie folgt: Ein diskurs ist a) etwas, das foucault geschrieben hat und das von der k. richtig gut verstanden wurde b) etwas, das ihre artverwandten, die linken typen, manchmal beim bier besprechen c) etwas, das in einem artikel der alnatura-kundenzeitung steht oder schonmal stand.

körper

Der körper der k. ist meist ein cis körper. Viele k. müssen sich nicht über funktion oder bedeutung ihres körpers bewusst werden, daher erleben sie schauspielunterricht nicht als zweigeschlechtliche zurichtung. Sie sprechen gern und detailgenau über menschliche fortpflanzung und teilen ungefragt mit wann sie dieser mit anderen k. gemeinsam nachgegangen sind und welche ergebnisse zu erwarten sind. Beliebt ist außerdem, sich gegenseitig mit informationen zu diät- und fitnessprogrammen sowie kritischem feedback zu normabweichenden körper(funktione)n zur schaffung und erhaltung der ciskörper zu verhelfen.

religion

Die meisten k. glauben an die errungenschaften der aufklärung und schrecken nicht dafür zurück die menschenrechte zur gewaltvollen verteidigung ihrer öden meinungen heranzuholen. Regelmäßig schrecken sie davor zurück, aufklärung und menschenrechte kritisch zu googlen oder zu hinterfragen.

auftreten

Die k. hat geschmacklich viele überschneidungen mit stilvorgebenden hipstern, wartet aber 6-10 monate, bis sie sich deren vorschläge aneignet und paart sie gekonnt mit staubigen huldigungen deutscher alter männer (marx, kant, goethe, kinksi).

arbeitsmoral

die k. liebt arbeit und hasst geld. Sie wird selten angemessen bezahlt und trägt ihre armut mit stolz. Sie arbeitet hart an sinnlosen projekten und wendet unermüdlich aussichtslose perspektiven an (s. Religion). Die k. tut alles, um sich von anderen prekarisierten klassen abzugrenzen, will aber gleichzeitig auch nicht zur mittelklasse gehören. Sie kämpft, je nach herkunft, um die anerkennung der mittelklasse oder will den eigenen mittelklasse-stallgeruch um jeden preis verlieren. Wie auch immer sich der persönliche kampf gestaltet, bleibt die mittelklasse der bezugrahmen. Wird der bezugsrahmen sichtbar gemacht, reagiert die k. mit dem gesichtsausdruck eines müden paarhufers.

legitimierung

Kritischem hass oder anderen reflektionsangeboten begegnet die k. mit unterschiedlichen strategien. Entweder nimmt sie alle kritik an und verstaut sie dann in der hintersten schublade ihres denksystems, um sie nie wieder hervorzuholen, oder so kontert sie mit der oben beschriebenen selsbtpositionierung als künstler/in, die von definition aus von allem betroffen ist und den schutz der meinungsfreiheit genießt. Meinungsfreiheit gilt insbesondere für meinungen, die niemanden interessieren, niemandem weiterhelfen oder allen, außer anderen kulturheten, wurstegal sind.

gefahren

solidarität ist von dieser gruppe nicht zu erwarten. Auch hier fühlt sich die k. aufgrund ihrer beschäftigung mit griechischen tragödienstoffen, der stellvertreteridentifikation mit christoph schlingensief sowie ehrgefühlen angesichts der eigenen prekarität, von der pflicht zu solidarischen handlungen und leistungen befreit. Weil die k. ihre eigene existenz als politisches arbeiten begreift, wird jeder atemzug zur politischen handlung und daher werden konkrete hilfreiche oder stützende aktivitäten als überflüssig abgelehnt. Die k. sieht konkrete politische arbeit als unironische dopplung an und wendet sich mit gerümpfter nase von jener ab.


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Privilegien nutzen statt Verantwortung abgeben: Über Ausschlüsse in Räumen und auf Podien

11. Februar 2014 von Nadine

Letzte Woche hat Mia McKenzie einen tollen Text über produktive Umgänge mit eigenen Privilegien auf Black Girl Dangerous veröffentlicht. Was Punkt 2 (“Just don’t go” – deutsch: geh einfach nicht hin) betrifft, habe ich auch andere Erfahrungen gemacht und wähle teilweise andere Umgänge, die an die Verantwortung von vielen appellieren: Sich aus Räumen zurückzuziehen oder Events nicht zu besuchen, die für andere diskriminierend sind oder Ausschlüsse produzieren, kann eine (zu) einfache Lösung sein für alle, die Zugang zu diesen Räumen und Events haben. Ich versuche mich einerseits an den Kritiken und ggf. darin enthaltenen Forderungen zu orientieren und je nach dem nach zusätzlichen Interventions-Möglichkeiten zu suchen, bspw. in Kontakt mit Organisator_innen und Veranstalter_innen zu treten. Da die meisten diskriminierenden Raumstrukturen sehr normalisiert sind, fällt mein Wegbleiben oft nicht als “Kritik” auf, auch “angekündigt” in Form einer Mitteilung oder mittels Weitertragen der Kritik an die Verantwortlichen nicht. Kollektive Verweigerung wäre ein probates Mittel, allerdings habe ich das noch nie erlebt, gerade, wenn es sich um beliebte Szeneorte oder -events handelt. Was in der Konsequenz aber auch nicht bedeutet, dass mein Wegbleiben nicht auch als wertvolle Unterstützung angesehen werden kann.

Wer spricht worüber?

Wenn ich irgendwo zum Sprechen eingeladen bin, versuche ich verschiedene Perspektiven unterzubringen und nicht nur die, die mir in meiner sozialen Position am nächsten sind. Allerdings mit wechselnden Erkenntnissen: Nur wenige haben Lust, sich auf Unbekanntes oder Unbequemes einzulassen und nur wenige (wollen) verstehen, dass das eigene Wohlbefinden in/auf “emanzipatorischen” Gruppen/Räumen/Events oft ein Marker von bereits erfolgten Ausschlüssen ist, weil Themensetzung und Personen zur eigenen Lebensrealität und eigenen Bedürfnissen passen. Teilweise wird sogar passiv-aggressiv reagiert, wenn mein Publikum nicht das von ihnen erwartete “jetzt erzähle ich euch eure kollektive Lebensgeschichte”-Narrativ vorgesetzt bekommt.

Zusätzlich ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, warum eine_r zu welchen Sachen zum Sprechen eingeladen wird und nicht andere Expert_innen. Auch hier gibt es neben dem Weiterreichen des eigenen Platzes (wichtig für mich ist dabei die Frage: “wem mute ich welche Räume zu?”) oder einer mit konstruktiver Kritik versehenen Absage, vieles, was zu überlegen ist. Gerade, wenn es um die Besetzung und inhaltliche Ausrichtung eines Panels geht. Habe ich Möglichkeiten meine Kritik vorzubringen, zu intervenieren oder soll meine Anwesenheit selbst schon als Killjoy (Spaßbremse) herhalten, deren Kritik nur dazu da ist, zu polarisieren und die dann vielleicht gar nicht ankommt?

Die “guten” weißen

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Was sind queer-feministische caring* Communities?

21. Januar 2014 von Gastautor_in

Jay ist Antigewalt-Aktivist_in und Mitarbeiter_in bei LesMigraS, dem Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.. Jay arbeitet seit mehreren Jahren zum Umgang mit Gewalt in queer-feministischen Kontexten und schreibt im Virtual Retreat Center zu self-care, Unterstützungsarbeit und kollektivem Empowerment. Im folgenden Text, den Jay für ein englischsprachiges Zine zu “self-love and self-care” geschrieben und für uns ins Deutsche rückübersetzt hat, geht es um Fragen von kollektivem Zusammenleben, Solidarität und Verbündetsein sowie die Gestaltung von Räumen, die von möglichst vielen als Zufluchts- und Wohlfühlorte wahrgenommen werden können.

* Die verschiedenen Bedeutungsebenen, die für mich in dem englischen Verb “to care” stecken, lassen sich für mich schlecht in einem einzigen deutschen Wort einfangen. Deswegen hab ich mich für den englischen Begriff entschieden und werde verschiedene Nuancen im Text anbieten. To care bedeutet für mich Anteilnehmen, sich für Themen und Menschen interessieren, einander zugeneigt und zugetan sein, füreinander sorgen.

Auf einem Workshop des Northwest Networks (Seattle, USA) wurde ich gefragt, warum ich Antigewalt-Aktivist_in geworden bin. Zu der Antwort, die ich gefunden habe, hab ich ein ambivalentes Verhältnis: Ich will anderen die Unterstützung geben, die mir selbst gefehlt hat, als ich Gewalt erfahren habe. Nach den Antworten der anderen Teilnehmer_innen urteilend war ich nicht die einzige, die aufgrund solcher Erfahrungen mit feministischer Antigewaltarbeit begonnen hat.

Aus dieser Erfahrung ergeben sich einige Fragen für mich: Wie sorge ich für mich selbst, während ich für andere sorge? Inwiefern bin ich davon abhängig, andere zu unterstützen, um in mir selbst ein Loch zu füllen? Gehe ich von Ähnlichkeiten zwischen mir und anderen aus, damit ich meine Erfahrungen mit_teilen kann? Wie gehe ich mit meinen Privilegien um und mit Situationen, in dene ich Diskriminierungsverhältnisse reproduziere?

Wenn ich über diese Fragen nachdenke, merke ich, dass ich daran interessiert bin, queer-feministische caring Communities aufzubauen, in denen das Interesse an queer-feministischen Themen und die Zuneigung füreinander und für sich selbst als wechselseitig und verbunden wahrgenommen werden. Mich mit diesen Fragen zu beschäftigen fühlt sich bereits für mich nach einem Perspektivwechsel an. Dabei gibt es auch eine Stimme in mir, die sagt, dass ich mir nicht den Luxus leisten kann, mich für caring Communities zu interessieren, weil es andere Dinge zu tun gibt – in hetero_sexistische Kackscheiße intervenieren, die Welt retten. Häufig fühlt es sich so an, als wäre die einzige Option, jeden Tag aufs Neue auf diskriminierende Sachen zu reagieren und es gibt so vieles, worauf reagiert werden müsste. Dieses Reagieren kann sehr leicht die ganze Energie verbrauchen und die Ergebnisse sind meistens unbefriedigend.

Caring als Luxus und Notwendigkeit

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Girl Power, Genitalien und viele bunte Smarties – kurz verlinkt

16. Januar 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 218 von 246 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links:

Im vergangenen Jahr vermutlich einer der Konsens-Ohrwürmer schlechthin: “I love it” von Icona Pop. “Elektropop mit einer Ladung Girl Power, genauso sollte er aussehen”, findet Hengame Yaghoobifarah in der taz.

Während “die Situation” der Hebammen noch seitens der Regierung aufgrund des hohen Protestes jetzt aber wirklich mal “beobachtet” wird, verschlechtert sie sich zusehends dramatisch: “Ab Juli soll die Haftpflichtversicherung der Geburtshelferinnen wieder einmal steigen: um 20 Prozent. Für die meisten ist das existenzbedrohend“, so die Freie Presse.

Smartiegate neu aufgewärmt: “Die Frage, ob die “Pille danach” künftig rezeptfrei abgegeben werden darf, zählt zu den Streitfragen der großen Koalition“, weiß RP Online. Und die schokoladene Facepalme der Woche geht hiermit an Jens Spahn.

Stellenausschreibung: Die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt sucht “eine/n Mitarbeiter/in Presse/Öffentlichkeitsarbeit”!

Termin: Am 23. Januar ab 18:00 hält Kübra Gümüsay in Duisburg einen Vortrag über “Inklusion & Intersektionalität im feministischen Netz! Ist Feminismus nur für privilegierte weiße Akademikerinnen?” Hier geht’s zum Facebook-Event.

englischsprachige Links:

Für die Zeitschrift Elle schrieb Janet Mock über die Genitalienfixiertheit, die Cis-Personen im Umgang mit Trans* Menschen oft an den Tag legen, über Entmenschlichung, und über die transformative Kraft, die mit Solidarität und Sisterhood einher geht.

Twitter_innen aufgepasst: Unter dem Hashtag #lifeofamuslimfeminist finden sich seit ein paar Tagen viele Erfahrungen, Rants oder Reflexionen muslimischer Feministinnen, die oftmals an viele Fronten gleichzeitig kämpfen müssen.

Golda Poretsky analysiert bei Body Love Wellness die Frage, warum “übergewichtige” Kinder so ein großes Thema sind und antwortet: weil das so viel einfacher ist, als über Kinderarmut zu sprechen.

Ms Afropolitan kritisiert die eindimensionale Darstellung von Winnie Mandela im Film “Long Walk To Freedom”, der neuen Biographie über Nelson Mandela.

The Advocate berichtet mit Fotos von der Einweihung des ersten israelischen Mahnmals für diejenigen, die von den Nazis wegen ihrer “sexuellen Orientierung” und Geschlechtsidentität verfolgt wurden, in Tel Aviv.

CeCe McDonald wurde kürzlich aus der Haft entlassen – warum sie dennoch nicht automatisch frei ist, erläutert Prison Culture.


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Trübe Toiletten, traurige Väter, tolle Leggings – die Blogschau

16. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 226 von 255 der Serie Die Blogschau

“Es gibt hier keine trennung von kunst und leben oder lebensrealität” – einen Bericht über das No Border Musical gibt es bei Candy Techno.

Mansplaining, Derailing und übergriffiges Verhalten sind besonders bitter, wenn sie aus dem eigenen vertrauten und sich als verbündet verstehenden Umfeld kommen, weiß Literalschaden, und wünscht sich: Überdenkt eure Solidaritäten!

Wenn Neue Väter Diskriminierungsneid und Privilegienschaulaufen mit struktureller Benachteiligung verwechseln, fließen manchmal TränenAntiprodukt wischt sie auf.  A++ Ranting reicht ebenfalls ein Taschentuch. Und einen Nachtrag, um Missverständnissen vorzubeugen.

Außerdem erklärt A++ Ranting, was gemeint ist mit der Aussage: Sachlichkeit ist ein Privileg.

Im Sitzen pinkeln ist nicht nur putzbedarfverringernd, sondern gerade deshalb herrschaftskritische Politik, weiß Laufmoos.

Leggings sind entgegen anderslautenden Gemunkels sehr wohl Hosen – und zwar ganz tolle, findet Heng.

w_ortfindungen fragt sich: Wohin geht eigentlich all meine Wut, wenn ich gelernt habe, sie maximal gegen mich selbst zu richten?

Am 11. November 2013 hat die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V. sowie mehrere Einzelpersonen Strafanzeige wegen Totschlag oder Mord gegen unbekannte Polizeibeamte gestellt.

Die AG FAK (Feministisch.Aktionsbereit.Kritisch.) ruft auf: Keine Plattform für menschenverachtende Ideologien! Die für den 23.11. geplante Konferenz COMPACT  verunmöglichen!

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Schönheitsnormen, klassistische Vorurteile und Asylpolitik, die tötet – kurz notiert

8. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 207 von 246 der Serie Kurz notiert

In den vergangenen Tagen haben sich allerhand spannende Linktipps angesammelt – daher gibt es diese Woche “Kurz notiert” gleich zweimal. Hier Teil 1.

Beiträge auf Deutsch

Am 3. Oktober feierten die Deutschen sich selbst, redeten von fallenden Mauern und offenen Grenzen. Am selben Tag starben hunderte Geflüchtete an einer anderen, nach wie vor tödlichen Grenze; der Küste von Lampedusa. Das Ganze war jedoch kein Unglück, sondern die Folge europäischer Asylpolitik, die maßgeblich von Deutschland vorangetrieben wird. “Für die meisten bedeutet die Freude über den Fall der deutschen Mauer eben nicht eine wirkliche Kritik an Grenzen, die Menschen an ihrer Bewegungsfreiheit verhindern. Es geht ihnen nur um deutsche Bewegungsfreiheit “, schreibt derFreitag.

Einen Tag später hat die taz den Geflüchteten Emad Hassan, der seit dem Lybienkrieg in Tunesien festsitzt, interviewt. Im Mittelpunkt des Interviews standen die Risiken der Flucht. Emad Hassan gab, auf den Tod der Geflüchteten vor Lampedusa angesprochen, eine ernüchterte Antwort: “Man kommt an einen Punkt, an dem man sich blockiert fühlt, es gibt keine Zukunft, nichts, was man ein Leben nennen könnte, kein Vorwärts, kein Zurück. […] Man weiß, dass man ein 80-zu-20-Risiko hat zu sterben. Das ist fast wie Selbstmord, ja, das ist dann auch klar, aber wenn man nichts mehr zu verlieren hat, ist es egal. […] Entweder geht es weiter, oder man stirbt eben”.

Die Pussy Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa ist eine Woche nach Beginn ihres Hungerstreiks aufgrund der miserablen Haftbedingungen in ein Krankenhaus verlegt worden. Kontakt zu Außenwelt wird ihr dort bisher verwehrt.

Obwohl Migration im Grunde genommen ein historischer Normalzustand ist, ist sie immer wieder hart umkämpft. Warum das so ist, wie Kämpfe um Migration derzeit gestaltet sind und welchen Einfluss die Kämpfe von Migrant*innen auf Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitiken haben, analysiert die aktuelle Ausgabe von kritisch lesen.

Kinder von Nichtakademiker*innen studieren viel seltener als Kinder von Akademiker*innen, selbst dann, wenn sie eine Hochschulzugangsberechtigung (zB das Abitur) erworben haben. Und nicht nur hier zeigen sich Unterschiede: Akademikerkinder wählen Prestigefächer wie Medizin und Jura, auch Psychologie, so die Sozialerhebung. Aufsteiger wählen eher Soziale Arbeit oder ein Lehramtsstudium. Nach dem Bachelor verzichten Nichtakademikerkinder wesentlich häufiger auf den Master. Nach dem Master verzichten Nichtakademikerkinder wesentlich häufiger auf eine Promotion”. Woran das liegen könnte und was es für Ansätze gibt, das zu verändern, überlegt die taz.

Beiträge auf Englisch 

Menschen, die andere auf ihre schlechte Grammatik hinweisen, betreiben damit vorallem eines: klassistisches Silencing. Besser ist: kritisieren was Leute sagen, aber nicht wie sie es sagen.

Kennt ihr diese Fotos und Memes, die irgendwo im Internet kursieren und oftmals viele Likes und Lacher bekommen, weil darauf eine Person abgebildet ist, die nicht den gängigen Schönheitsnormen entspricht? Caitlin Saida hat erlebt, wie es sich anfühlt, genau diese Person zu sein. Und wie sehr es hilft, wenn Leute sich solidarisch zeigen. Seitdem weigert sie sich nicht nur, über derartige Bilder zu lachen, sondern weist auch Freund*innen immer wieder darauf hin: wieso findest du das lustig?

Polayamorie und alles ist gut? Leider nicht, schreibt BLACK GIRL DANGEROUS, denn auch polyamoröse Beziehungen sind nicht zwangsläufig frei von Hierarchien und Gewalt. Deshalb zählt sie neun Dinge auf, die häufig schief laufen.

For Harriet hat eine Liste mit 25 englischsprachigen Büchern zusammengestellt, die für Schwarze Mädchen empowernd sein können.

Der Zugang zu gesunder Ernährung ist keine Frage der Privilegien, sondern eine der Cleverness, lautet ein weit verbreitetes klassistisches Vorurteil. Was an dieser Annahme alles grundlegend falsch ist und warum sie in der Regel von Leuten hervorgebracht wird, die in jeglicher Hinsicht klassistisch privilegiert sind, erklärt poor as folk.

Migration und Flucht sei kein feministisches Thema, bekommt Red Lights Politics immer wieder zu hören. Warum das nicht stimmt und in welcher Weise sich das auch am Beispiel der Geflüchteten zeigt, die vor der Küste Lampedusas ums Leben gekommen sind, erklärt sie auf ihrem Blog.

Termine

The Ruthless Woods sind auf Tour! Die Daten findet ihr hier.

Am 11. Oktober treffen sich ARGE Dicke Weiber in Wien.

Trans*Schwimmen in Berlin: Der Sonntags-Club e.V in Kooperation mit Seitenwechsel e.V. und der Unterstützung von Lambda-BB e.V. können erstmal für 3x Trans*schwimmen in Berlin anbieten. Der erste Termin war schon, die nächsten beiden sind am 26. Oktober und 30. November jeweils 14-16 Uhr im Bearwaldbad, Baerwaldstraße 64-67, 10961 Berlin. Der Eintritt kostet 4,50€ für die 2 Stunden, ein ehrenamtliche_r Ansprechpartner_in ist zugegen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Um diese Angebot in Zukunft aufrecht erhalten zu können, benötigen die Organisator_innen eine konstante Nutzung der Schwimmhalle mit mindestens 40 Nutzer_innen pro Schwimmen, um mit den Eintrittsgelder die nächsten Hallenzeiten zu buchen.


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Nervige Gleichberechtigung, gläserne Decken, geschlechtsneutrale Menstruationskalender – kurz notiert

3. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 206 von 246 der Serie Kurz notiert

Beiträge auf Deutsch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über eine “Studie: Jeden vierten Mann nervt Gleichberechtigung“. Eine repräsentative Umfrage bei mir hingegen hat ergeben: Mich nervt jeder vierte Mann (konservative Schätzung).

Außerdem vermeldet die Süddeutsche: “Uni Potsdam führt weibliche Sammelbegriffe ein“. Die Begründung für diese Neuerung ist allerdings ziemlich mies.

Bei arte Yourope gab es kürzlich einen (leider nicht ohne sexistische Re_produktionen auskommenden) Beitrag über Sexismus im Alltag. Welche_r heute morgen um 1:45 die Wiederholung nicht anschauen konnte, aber trotzdem interessiert ist: Der Beitrag befindet sich derzeit noch in der arte-Mediathek.

“Ein lesbischer, poetischer, erotischer Roman voller Intrigen und intimer Details” – das neue Buch “Küss mich, Libussa” von Sophie Strohmeier. Auf youtube gibt es den Buchtrailer.

Ein Forschungsteam aus der Schweiz untersucht die Geschlechterungleichheiten in Ausbildungs- und Berufsverläufen.  Ein Befund:  “Krankenpfleger und Kapitäninnen sind weiterhin eine Rarität”. Ein Interview dazu mit Andrea Maihofer, Forscherin und Leiterin des Zentrum Gender Studies, und Sandra Hupka-Brunner, Forscherin am Institut für Soziologie in Basel, gibt es hier.

“Wir wissen alle, dass Gletscher schneller schmelzen als Frauen in Führungspositionen kommen” – auch im Journalismus. Bei dieStandard erklären Expert_innen wie Vina Yun, u.a. Redakteurin der an.schläge, was sich ändern muss.

Die Stadt Nürnberg hat letzten Sonntag den 10. Internationalen Menschenrechtspreis an Kasha Jacqueline Nabagesera verliehen. Sie setzt sich “für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen in Uganda” ein.

Im Tagesspiegel erzählt ein 15jähriger Berliner, wie Alltagsrassismus seit jeher sein Leben begleitet: “Afrodeutsche stehen in Berlin immer unter Verdacht”.

Im vergangenen Winter haben wir in mehreren Beiträgen über die Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren” berichtet. Nun ist das gleichnamige Buch erschienen. Es beleuchtet die Zusammenhänge zwischen aktuellen ökonomischen Entwicklungen und privaten Lebensbedingungen aus feministischer Perspektive. Übrigens: Auf der Infoseite zum Buch gibt’s auch ein Video.

Beiträge auf Englisch

Gegen Genitalverstümmelungen an Kindern: Die Gründer_innen von zwischengeschlecht.org rufen anlässlich eines anstehenden internationalen Ärzt_innenkonkress in Berlin zu Aktionen auf.

Hier kann man eine Petition an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon unterzeichnen, die den weltweiten Zugang zu sicheren und legalen Abtreibungen fordert. Initiatorin ist die Kampagne My Body is Mine.

In einem Interview wurde die Musikerin Janelle Monaé nach ihrer “sexuellen Orientierung” befragt. Was sie antwortete, ist in diesem Video zu sehen, welches sich bei Colorlines findet.

Was sich aus der bisher umfangreichsten UN-Studie über Vergewaltigung lernen lässt, fasst Tara Culp-Ressler auf Thinkprogress zusammen. Der Punkt der faktischen Straflosigkeit gilt übrigens genauso wie die anderen auch für “hier”.

Über Fluch und Segen staatlicher Förderung berichten kanadische Aktivistinnen, die eine Datenbank zur Dokumentation von Morden an indigenen Frauen ins Leben gerufen haben.

Discipline and Anarchy fragt: Brauchen soziale Bewegungen ein mainstreamgerechtes Image? Und liefert eine überzeugende Antwort gleich mit.

Für alle die Android-Devices nutzen, gibt es nun eine geschlechtsneutrale Menstruationskalender-App. Die Entwicklung einer IOS-Version (für iPhones) soll demnächst per Crowdfunding angegangen werden.

Im Sommer wurde in Tiflis die erste georgischsprachige Produktion von Eve Enslers “The Vagina Monologues” aufgeführt. Im New Statesman berichten Beteiligte von den lokalen Kontroversen um das Theaterstück.

Das bitch magazine hat JD Samson interviewt, ehemaliges Mitglied von Le Tigre und nun bei der Band MEN.

Warum sie das Wort “Ally” (Verbündete_r) künftig nicht mehr verwenden wird, erklärt Mia McKenzie von Black Girl Dangerous:  “Taten zählen. Etiketten zählen nicht.”

Kelly Rose Pflug-Back beschreibt bei The Feminist Wire, warum sexuelle Befriedigung kein zuverlässiger Gradmesser für “sexuelle Befreiung” ist [Content note: grafische Selbstverletzungsfantasien].

Muslimah Media Watch fragt: Wie sieht eigentlich eine Terroristin aus?

Weitgehend unbeachtet von globalwestlichen feministischen Bewegungen erlangen in afrikanischen Ländern immer mehr Frauen einflussreiche Positionen, schreibt Minna Salami im Guardian.

Ebenfalls im Guardian: Lauren Mayberry, Sängerin der Band CHVRCHES, über ihren Umgang mit Online-Misogynie.

Der Modedesigner Rick Owens erhielt für die Präsentation seiner kommenden Frühjahrkollektion  ziemlich viel Jubel aus progressiven Kreisen. Tamara Winfrey Harris fragt bei Racialicious: Zu recht?

Termine in Basel, Berlin, Dortmund, Frankfurt/Main, Hüll, Karlsruhe, Wien: (mehr …)


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Speak up or walk out? (Teil 2 von 2)

10. September 2013 von Gastautor_in

Dieser Beitrag ist Teil 2 unseres Gastbeitrags von Claudus , der erste Teil ist gestern hier erschienen. Der Autor (cis, hetero, weiß, disabled) wohnt derzeit in Bayern, ist seit einigen Jahren queer-feministisch aktiv, schreibt gelegentlich Texte oder hält Vorträge zu Themen rund um Gender und Social Justice.

Sich mit den LGBT-Aktivist*Innen in Russland verbünden – nur wie?

[Hinweis: Ich werde im weiteren Verlauf dieses Beitrags die inklusivere Abkürzung LGBTQI verwenden, in den meisten Artikeln ist jedoch entweder von Lesbian and Gay, homosexual oder LGBT die Rede.]

Was wäre also zu tun und was bedeutet es auf die Betroffenen so zu hören, dass man nicht das eigene Verständnis aufdrückt, aber auch nicht inaktiv zusieht? Hier gibt es durchaus russische Aktivist*Innen, die sich offen für einen Boykott der Winterolympiade oder „alles Russischen“ aussprechen, so bspw. eine Gruppe in einem bei Queernations veröffentlichten Brief oder in einem Beitrag von Nancy Goldstein zusammengefasst. Allerdings widersprechen anderem wie das Russian LGBT Network, einer der größten Interessenverbände dieser Art, deutlich den Boykottvorhaben. Sie veröffentlichten unlängst ein ausführliches Statement zu dieser Frage. Neben dem Verweis auf den Fakt, dass Olympiaboykott in der Vergangenheit selten von Erfolg gekrönt war und weder die Boykotte der 1980er Olympiade in Moskau, noch derer 1984 in Los Angeles oder 1968 in Mexiko City groß etwas bewegt hätte, geschweige denn als relevant erinnert würden, sprechen sie sich deutlich gegen einen Boykott aus. Anstatt die Spiele zu boykottieren, so das Statement, wäre es eine einmalige Chance nach Sochi zu kommen und dort, vor Ort deutlich Stellung zu beziehen. Anstelle von Nicht-Olympia also die Hoffnung, die Spiele in eine große Pride Parade zu verwandeln oder zumindest die internationale Aufmerksamkeit zu nutzen, um russische LGBTQI-Aktivist*Innen sichtbarer zu machen.

Natalia Anatova, eine Bloggerin aus Russland, zeichnet sogar ein wesentlich düsteres Bild. Neben dem Hinweis, dass scheinbar in Russland „sexuelle Minoritäten“ der gebräuchlichere Begriff ist, setzt sie sich offen mit der Frage auseinander, inwiefern die russische Regierung wirklich als homophob zu bezeichnen ist, bzw. ob und wie westliche Interventionen wirksam sind bzw. sein können. Russland, so ihr Argument, hat keineswegs eine dezidiert homophobe Regierung, vielmehr ginge es Putin und Konsorten darum, zum einen innere Missstände zu übertünchen, zum anderen im Wesentlichen darum, sich als starke, das Zepter in der Hand haltende Macht zu präsentieren. Der „Westen“ wird hierbei von vielen Menschen in Russland als Feindbild beschworen, nachdem die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Ende der Sowjetunion nicht die erhoffte allgemeine Verbesserung nach sich zog. Homophobie ist hierbei nicht ausschließlich ein Kurs der Regierung, sondern weit Bestandteil eines Alltagsverständnisses. Offen Widerstand zu zeigen gefährdet die prekäre Sicherheit des „Zumindest wissen wir, wie unsere Gesellschaft funktioniert“, wohingegen sich in Gesellschaft „normal“ zu verhalten bedeutet staatlichen Sanktionen zu entgehen. Aktivismus, wie etwa Pride Parades, stellen diesen „normalen“ Status Quo in Frage und wird daher als bedrohlich empfunden, so die Analyse Anna Arutunyans:

Und das zeigt einen zugrundeliegenden Konservatismus, dem es nicht um Gott und Waffen geht, sondern um etas tieferes, einzigartigeres: das tief-sitzende, vermutlich erlernte, Mistrauen gegenüber Provokationen und Konflikt innerhalb der russischen Bevölkerung. Es gibt einen Grund für dieses Mistrauen: Die Russ*Innen wissen, wie ihre Gesellschaft und ihre Regierung funktioniert und das man durch Kopf zu hoch zu halten und Krawall anfangen riskiert zerstört zu werden.

Wenn die Regierung diese dann als „westliche Intervention“ stigmatisieren kann und sich über homophobe Gesetzgebung noch deutlicher als starke Kraft ins Bild setzen kann und damit zumindest bei den 42% der russischen Bevölkerung, die Homosexualität gerne bestraft sähe, Sympathie sammeln kann, dann wird ein Boykott daran nichts ändern. Bedauerlicherweise, so Anatovas Fazit, können Menschen im Westen vor diesem Hintergrund wenig tun, außer die Geschehnisse in Russland weiter verfolgen und sie ermahnt Verbündete, nicht zu sehr auf symbolische Politiken zu setzen, wenn russische Aktivist*Innen selbst in der Form des Widerstands sehr divers sind und nicht geschlossen hinter offen inszenierten Veranstaltungen stehen.

Die eine, gute und richtige Lösung bieten diese Perspektiven für aussenstehende Aktivist*Innen nicht. Will man sich nach den verschiedenen Stimmen der russischen Aktivist*Innen richten, bleibt – ähnlich wie zuvor – die Bandbreite von Nichtintervention bis zum Boykott erhalten. Was allerdings all diesen Beiträgen gemein ist, ist die eine zugrunde liegende Bitte: Handelt gegen Homophobie, seid solidarisch, aber bleibt aufmerksam denjenigen Forderungen der Betroffenen gegenüber. Wer also aktiv werden möchte, sollte eventuell den direkten Kontakt zu entsprechenden Aktivist*Innen suchen und mit diesen klären, ob und wie ein Kiss-In, ein Boykott, eine Soliparty oder andere Formen des Protestes gestaltet sein sollten. Ein erstes Feedback zu einigen Kampagnen gab es unlängst in Form der Kampagne „From Russia With Love“, bei der sich russische LGBTQI für Solidarität aus aller Welt bedankten.


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Speak up or walk out? (Teil 1 von 2)

9. September 2013 von Gastautor_in

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Claudus! Der Autor (cis, hetero, weiß, disabled) wohnt derzeit in Bayern, ist seit einigen Jahren queer-feministisch aktiv, schreibt gelegentlich Texte oder hält Vorträge zu Themen rund um Gender und Social Justice.

Sich mit den LGBT-Aktivist*Innen in Russland verbünden – nur wie?

[Hinweis: Ich werde im weiteren Verlauf dieses Beitrags die inklusivere Abkürzung LGBTQI verwenden, in den meisten Artikeln ist jedoch entweder von Lesbian and Gay, homosexual oder LGBT die Rede.]

Die aktuellen Ereignisse in Russland bedürfen wohl kaum einer Zusammenfassung, zumindest LGBTQI-Nachrichtendienste und –medien berichten seit Wochen über die Entwicklungen rund um das jüngst erlassene Gesetz gegen „Homosexuelle Propaganda“, nach dem bereits eine offen getragene Regenbogenflagge schwere Repressionen nach sich zieht. Auch die eindringlichen Bilder von Gewalt gegen LGBTQI-Menschen, die wie im Fall rechtsradikaler Übergriffe und Morde entweder von staatlicher Seite nicht verhindert wird oder aber durch russische Polizei und Sondereinheiten direkt vom Staat ausgeht, sprechen für sich. Eine gute, aber deutlich mit Triggerwarnung für Homophobie und Gewalt zu versehende Zusammenfassung findet sich hier. Umso weniger erstaunt es, dass in der internationalen LGBTQI-Community nicht diskutiert wird, ob etwas sondern vielmehr was getan werden sollte, um den russischen Verhältnissen die Stirn zu bieten und die dort lebenden LGBTQI zu unterstützen. Die viele Fallstricke spannen sich irgendwo zwischen „Lieber gar nicht einmischen, weil man nicht selbst betroffen ist“ und „Anderen die eigenen Vorstellungen von Aktivismus aufrdrücken“.

Was aber bedeutet es in diesem konkreten Fall aktiv zu werden, ohne dabei paternalistisch zu werden? (mehr …)


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