Slutwalk – Feminismus mit kurzer Laufzeit
30. Oktober 2012 von NadineDer Artikel ist zuerst in der aktuellen Ausgabe von Analyse & Kritik erschienen
Die weltweite Slutwalk-Bewegung hat seit vergangenem Jahr auch hierzulande große Wellen geschlagen – und ging am Ende doch unter. Eine Spurensuche.
Die Gründungserzählung der Slutwalk-Bewegung hat sich eingebrannt: Ein Polizist erklärt Teilnehmerinnen eines Sicherheitstrainings an einer Universität in Toronto, sie mögen sich bitte nicht wie “Schlampen” kleiden, wenn sie sich nicht sexualisierter Gewalt aussetzen wollen. Wenige Wochen später gehen tausende Menschen in Toronto und danach weltweit auf die Straße um gegen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen zu protestieren.
Der Polizist aus Kanada ist kein tragischer Einzelfall, sexualisierte Gewalt und ihre Verharmlosung bis hin zur Normalisierung sind massenmedial verhandelte Phänomene, wie das aktuelle Spiegel-Interview mit Jörg Kachelmann und seiner Ehefrau zeigt. Es sind Effekte eines patriarchalen wie sexistischen Machtgefälles, welches die Gesellschaft nach wie vor bedingt und formt. Insofern ist es nicht überraschend, dass die Slutwalks international unzählige Nachahmungen fanden.
Eineinhalb Jahre später gibt es die Slutwalks immernoch, allerdings ist die Beteiligung an den Demonstrationen im Vergleich zum vergangenen Jahr stark zurückgegangen, auch die mediale Präsenz des Slutwalks und seinen transportierten Botschaften ist spürbar gesunken. Wer nicht in bestimmten feministischen und frauenpolitischen Kontexten unterwegs ist, hat vielleicht sogar verpasst, dass hierzulande Menschen gegen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsmythen auf die Straße gegangen sind.
Zeitgemäßer feministischer Widerstand?
Die Slutwalks stellen sich in eine radikalfeministische Tradition der Kritik an der patriarchalen Reglementierung weiblicher Körper und Sexualität. Verknüpft wurde diese Tradition mit politischen Ausdrucksweisen des sogenannten “Dritte Welle”-Feminismus, der Erzählungen und erkämpfte Grundsätze aus früheren feministischen Bewegungen aufgreift, einen statischen wie engen Politikbegriff aufbricht und kulturelle Erzeugnisse wie selbstironisierende Performances in die eigene Vermittlungsarbeit einbezieht. Die Riot Grrrl Bewegung, die oft als Beispiel für diesen “Feminismus der dritten Welle” genannt wird und im Zuge derer sich bereits vor 20 Jahren die damalige Bikini Kill Frontfrau Kathleen Hannah das Wort “Slut” auf den Bauch schrieb, um den voyeuristischen Blick auf ihren eigenen Körper umzudrehen, fand sich auch in den Slutwalks wieder. Insofern stehen Slutwalks für zeitgemäßen feministischen Widerstand. Nur was bedeutet diese Aktualität letztendlich? Und zu welchem Preis passiert dieser Widerstand? Die an den Slutwalks geäußerten und nach wie vor bestehenden Kritiken konstatieren nicht viel Positives.
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