Einträge mit dem Tag ‘Sexismus’


Nur ein Wort

31. Juli 2014 von accalmie

Da muss man doch drüber stehen. Nein, wirklich, es ist doch nur ein Wort. Es ist doch gar nicht so gemeint, und damals (TM) war es ganz normal, Menschen so bezeichnen – da hat sich niemand etwas dabei gedacht. Sag es einfach mal ganz oft hintereinander, dann wirst du sehen, wie dieser Ausdruck an Bedeutung verliert. Man kann auch echt überreagieren. Das muss man im historischen Kontext sehen. Auch Kinderliteratur ist Literatur. Irgendwas mit Zensur und Political-Correctness-Terror. Diese Fokussierung auf Sprache und Kultur verschleiert das eigentlich Wichtige in der Debatte. Immer diese Emotionalität dieser Minderheiten. Man kann sich auch über alles aufregen. Wenn das das geringste Problem ist, dann ist doch eigentlich alles gut. Ich habe das als Kind auch gesagt/gelesen, und bin trotzdem kein_e Rassist_in geworden. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem OK. Es ist doch nur ein Wort.

So, wie du “Hete” sagst, klingt das total abwertend. “Hetero” ist ein Schimpfwort bei dir. So wird das nichts mit der Gleichberechtigung. Wir sind doch alle Menschen, warum müssen wir das dann so herausstellen mit diesem Wort? “Kartoffeln” ist aber ein pejorativer Terminus. Ich bin auch gegen Nationalismus, aber ich finde es unfreundlich, wenn weiße Deutsche als “Kartoffeln” bezeichnet werden. Das schert auch alle über den gleichen Kamm. OK, Diskriminierung wird durch solche Bezeichnungen nicht vorgenommen, weil das Machtgefälle anders ausfällt – aber es muss trotzdem nicht sein. Lächle mal mehr dabei, wenn du schon “Hete” sagen willst. Ich sehe schon, du magst ohne Provokationen nicht auskommen – na dann, viel Spaß weiterhin mit diesem Aktivismus der Randgruppen. Mein_e Freund_in X ist auch Y und findet Z trotzdem nicht OK. Unterlasse dieses Wort.

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© drinks machine: alphabet street

Die De­bat­ten ver­lau­fen er­müdend ähn­lich. Sei es Ras­sis­mus in Kin­der­bü­chern, Hetero­­norma­­tivi­­tät, die den All­tag durch­dringt oder Nationa­lis­mus und “Schland” – ver­meint­liche “Min­der­hei­ten” be­reits sprach­lich als abweichend zu markieren ist eine akzepta­ble Pra­xis; der Wi­der­stand da­ge­gen ist lächer­lich. Sprach­­li­che Mar­­kier­­ungen des “An­deren” sind zu­­läs­sig – sie sind ja auch nicht bö­se ge­­meint. Wenn “das Andere” aber die Nor­­ma­­li­­tät der ver­­meint­­li­­chen Mehr­­heit in Fra­­ge stellt und deren un­­be­­nan­­nte Iden­ti­­tä­ten (und jenen zu­­grun­­de lie­­gen­­de Macht­ver­­hält­­nis­­se) be­­nen­nt: Ze­ter und Mor­­dio! Dann ist ein Wort auf ei­n­mal nicht mehr nur ein Wort, son­­dern ei­ne Be­­lei­­di­­gung, gar eine Agen­­da. Dann sind auf einmal die Ge­füh­le der Be­trof­fenen nicht mehr nur Ge­jammer, son­dern ein legi­ti­mer Ein­wand. Dann ist sich die un­be­nan­nte, selbst­stili­sier­te Uni­ver­sali­tät ihrer unmarkierten Selbstverständlichkeit selbst gar nicht mehr so sicher und re-etabliert sich besonders laut. Und dann ist es sogar egal, dass Diskriminierung kein individueller Akt jenseits gesellschaftlicher Strukturen und Machtgefälle ist – die persönlichen Befindlichkeiten derjenigen, die es nicht ertragen können, nur ein einziges Mal nicht in einer als Mehrheit stilisierten Gruppe unidentifiziert zu leben, haben Vorrang vor jedweder Analyse. Da kommt er, der Diskriminierungsneid: eine Mischung aus Aufmerksamkeitsgeheische und der Unfähigkeit es nur einmal aushalten zu können, sich in irgendeiner community aussen vor wähnen zu müssen – ein Zustand, den von Rassismus, Sexismus, Heterosexismus und anderen Diskriminierungsformen Betroffene zwangsweise leben. Selbst in die Reaktionen auf und Kompensationen für systematische Diskriminierung muss man sich hineindrängen, alles andere wäre ja Diskriminierung. Wir sind doch alle Menschen. Der gute Wille zählt.

Was in den Debatten um vermeintlich einfache, unbedeutende Worte tatsächlich “zum Ausdruck” kommt, sind strukturelle Machtverhältnisse, die sich in die tiefsten, persönlichen Ebenen verzweigen. Die mentale Gymnastik, die kognitive Dissonanz, die zur Schau gestellt werden, wenn einerseits zum Beispiel N* als “nur ein Wort” verteidigt oder abgetan wird, und gleichzeitig Wut und Ungläubigkeit herrscht, tatsächlich als “Hete” bezeichnet zu werden in Debatten um Heterosexismus und Heteronormativität, ist das Anschauungsmaterial für jene. Das Wort gehört zum Machtverhältnis. Es ist nicht der einzige, aber ein bedeutsamer Teil dessen. Das Wort spiegelt das Machtverhältnis wider. Das Wort reproduziert das Machtverhältnis. Und die Empörung, nicht als “Kartoffel” oder “Hete” bezeichnet werden zu wollen – und zwar von niemandem, nirgendwo, niemals – illustriert, um wen (und was) es in solchen Auseinandersetzungen wirklich geht.


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Bücher, Bewegungsarbeit und das Bewerten von Essverhalten – kurz verlinkt

31. Juli 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 244 von 244 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

Bücherfans aufgepasst: Ab September bietet das Spinnboden Lesbenarchiv in Berlin einen Lesekreis zu Büchern aus den Bereichen Belletristik und Kriminalliteratur an (für Lesben, Bisexuelle und Trans*).

Support your local activists: Die ISD-Vorstandsfrau Jamie Schearer ist neue Bewegungsarbeiterin.

Es gibt einen Aufruf zur dritten Ausgabe des Zines rund um Asexualität “Wer A sagt, muss nicht B sagen” – mit dem Schwerpunkt Liebe in Freund_innenschaften und Fürsorge jenseits sexueller_romantischer Beziehungen.

Englischsprachige Beiträge

Nicht alle können entspannt in der Öffentlichkeit essen. Virgie Tovar schreibt über Food Policing (das wertende Kommentieren und Reglementieren von Essverhalten) als Form von Street Harassment.

Sexismus und Misogynie in der Technikbranche – bei Wired berichtet Issie Lapowsky von ihren Erlebnissen (und dem dahinterstehenden System).

Antifeministische Watch-Blogs haben den einzigen Sinn, bloggende Feminist_innen zu belästigen, einzuschüchtern und letztlich zum Schweigen zu bringen (notfalls auch mit persönlichen Drohungen). Bei Shakesville illustriert Melissa McEwan einen besonders hartnäckigen Fall.

Termine

Das Ladyfest Berlin findet statt vom 1. bis 3. August, Infos findet Ihr hier.

Der MAD Tresen im faq in Berlin findet statt, und zwar am 1. August ab 23 Uhr.

Voicing herstories ist ein Projekt für Frauen und Mädchen in Neukölln dass mit verschiedenen Projektarbeiten ein gemeinsames Buch erarbeitet. Vom 18. bis 2. August findet der erste Workshop statt.

Im September startet die Queerulant_in-Lesetour: Hier findet Ihr alle Stationen.


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So grölen die Deutschen: Warum Nationalismus nicht harmlos ist.

29. Juli 2014 von Gastautor_in

Sandra Charlotte Reichert (*1979) wohnt seit 1986 mit Pausen in Berlin. Da sie seit ihrer Kindheit schreibt und an die Macht von Worten und Sprache glaubt, gibt sie bis heute gern und ungefragt ihren Senf dazu. Bevorzugt dann, wenn BiedermeierMenschen unter dem Deckmantel von Redefreiheit ihr rassistisches Öl nebst hetero-sexistischen Streichhölzern auspacken, um einmal mehr ihr Kartoffelsüppchen auf dem Feuer von Nationalismus zu köcheln. Aufgrund von SprachLeidenSchaft, Englisch- und Amerikanistik-Studium sowie neuseeländischen Auslandsaufenthalten, erzählt, dichtet und denkt sie auf Deutsch und Englisch. Dieser Beitrag ist ein Crosspost von Sandras Blog.

Kreuzberger Kiezkneipe; meine Kreuzberger Stamm-Kiezkneipe; Nachts, halb zwei. Der Barmann, zwei Frauen, eine davon deutsche Kartoffel (ich). Zwei Kartoffelmänner, die irgendwann befinden, sie müssten zum zweiten Mal am Abend den viel diskutierten, völlig bescheuerten Herrenfußballnationalelf-Deutschlandsong anstimmen. Dabei äffen sie nicht nur bekannte Zeilen nach; sie wiederholen – zu meinem besonderen Missmut – die gebückte Haltung versus der vermeintlich geraden: Brust raus, Rücken gestreckt. Erhaben ist jedoch rein gar nichts daran. Doch diesmal sag ich was. „Jungs es reicht jetz, einmal is zuviel, zweimal geht gar nicht. Schluss jetz.“ Die Reaktion: Eine Mischung aus Gelächter und den Worten „Political Correctness Scheiße“, „Ne Studierte“, „Bist du hier die Tresenqueen oder was?!“ und anderer Mist. Allerdings ohne mich dabei anzuschauen. Feige sind sie nämlich, diese Herren. Laut aber feige auf eine Art, die mir den Magen umdreht und Wut und Übelkeit in mir erzeugt; auch weil ich weiß, was diese Feigheit möglich macht.

Der erste Satz, der dann tatsächlich direkt in meine Richtung geht, ist dieser: „Wir sind Weltmeister, darauf wird man ja wohl stolz sein dürfen.“ Dabei schaut der Sprechende, als hätte er tatsächlich etwas dazu beigetragen. Als erwarte er Dank und Anerkennung für seine Leistung. „Wenn mann sonst nix hat,“ ist meine Antwort. Wieder höhnisches Gelächter, und weitere Sätze deutschen Nationalstolzes. Darauf ich: „Jaja, die deutsche Herrenrasse singt wieder.“ Der Barmann wirft ein, dass nun „alle ihre Aggressionen sein lassen sollten,“ schaut dabei aber vor allem in meine Richtung. Die Herren fühlen sich bestätigt. Einer von ihnen steht auf, und bevor er zur Toilette geht ruft er laut in den Saal: „Deutschland über alles!“ Nun werde ich wieder laut: „Was für ne Nazikacke!“ Grinsend verpisst er sich, und sein Kollege will er mir erzählen, dass ich keine Ahnung hätte wovon ich rede und lieber den Mund halten sollte. Woraufhin ich ihn frage ob er ernsthaft behaupten möchte, dass der Spruch seines Begleiters nix mit Nazideutschland zu tun hätte. Er rudert zurück und versteckt sich hinter dem Verweis darauf, dass er diesen Satz ja nicht gesagt hätte, was der Barmann bestätigt. Nun erinnere ich ihn daran, dass er bis eben noch darüber und dazu gegrinst und sich gut amüsiert hätte. Frage, wie es mit Konsequenz und Konsistenz wäre. Wieder dummes Gegrinse und Worte, die wohl mich meinen, die er aber seinem Drink erzählt. Schließlich gehen beide. Doch bevor sie endlich die Bar verlassen, der erste bereits vor der Tür ist, der zweite noch die Klinke in der Hand hält macht dieser nochmal deutlich, wie distanziert er vom Ausruf seines Kollegen ist. Er guckt kurz in meine Richtung und sagt dann: „Zwangssterilisation“. Mit diesem Wort nimmt er den Schritt aus der Tür. Meinen Ausruf „F*** Dich!“ hört er sicher, erspart mir aber weiteren Dreck. Bis dahin war der Tag schön.

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Ablasshandel oder solidarische Handlung? Über Umverteilung mittels Geldspenden

17. Juli 2014 von Nadine

Alok Vaid-Menon hat vor kurzem einen sehr lesenswerten Artikel über Spenden als politische Handlung geschrieben. In seinem_ihrem Artikel geht es vor allen Dingen um Geldspenden an politische Graswurzel-Organisationen, die ressourcenarme queere Trans* of Color in ihrer Arbeit zentralisieren, also den immer miteinander verschränkten Kämpfen gegen Rassismus, Klassismus und Sexismus ihr Handeln widmen. Die Arbeit dieser Organisationen ist fundamental wichtig, da sie einem rassistischen, sexistischen und kapitalistischen System vor allem jene Menschen fokussieren, die nicht auf staatliche Unterstützung hoffen können, da sie (auch) von staatlicher Seite Repressionen und Gewalt ausgesetzt sind. Mainstream LGBT-Organisationen und Vereine sind hauptsächlich an “Gleichstellung” mit einer hetero_sexistischen und weißen Norm interessiert und verlagern öfter ihre Schwerpunkte ins Ausland. Damit nähren sie die stereotype Vorstellung, dass es “anderswo” Homophobie zu bekämpfen und westlich-europäische Grundwerte zu verteidigen und den “undemokratischen Anderen” vorzuzeigen gilt. Dabei geraten die Ursachen und spezifischen gesellschaftlichen Kontexte ehemals kolonisierter Staaten und die noch immer hohe ökonomische Einflussnahme westlicher Industrienationen – also ehemaliger Kolonialmächte – aus dem Blick, ebenso das rassistisch wie kapitalistisch motivierte Interesse, mit einem Pseudokampf für die Gleichberechtigung von z.B. Lesben und Schwulen Ausbeutung, Gewalt und Krieg in diesen Staaten zu rechtfertigen.

Ebenso vernachlässigt wird in diesem Zusammenhang Rassismus und Hetero_Sexismus innerhalb der eigenen Staatsgrenzen bishin zu rassistischen Kampagnen eben dieser LGBT-Organisationen, die damit einen vermeintlich unvereinbaren Gegensatz zwischen queer und of Color kreieren oder mal nebenbei die eigene lesbischwule Involviertheit in staatliche Verbrechen der NS-Vergangenheit unter den Tisch kehren. Kurz: der Staat hat ein hohes Interesse daran, besonders jene LGBT-Organisationen mit infrastrukturellen Mitteln auszustatten, die gesellschaftliche Normen (wie weiß_deutsch oder heterosexuell) nicht in Frage stellen, sondern sich an ihnen orientieren.

Vaid-Menon hat in ihrem_seinen Artikel allerdings nicht nur die staatliche Seite im Blick mit seiner_ihrer Kritik, sondern auch Aktivist_innen, die zwar die Anliegen der Graswurzel-Organisationen unterstützen, jedoch bisher nur ideell und weniger bis gar nicht finanziell. An sie appelliert sie_er, eigene ökonomische Privilegiertheit und sozialen Status in das eigene politische Handeln einzubeziehen und Geld zu spenden. Es kann nicht nur um Anerkennung und Repräsentation von politischer Arbeit gehen, Umverteilung muss stärker in den Blick gerückt werden.

Ich bin die meiste Zeit in Berlin politisch aktiv und halte mich viel in den hiesigen queer_feministischen Kontexten auf. Kontexte, die auch die Arbeit von Mainstream-LGBT-Organisationen oft genug kritisieren. Ich bekomme trotzdem selbstverständlich nur ausschnittweise Debatten mit, die hier geführt werden, z.B. wenn mal wieder Kritik an den rassistischen Ausschlüssen oder intransparent arbeitenden Strukturen dieser Kontexte geübt wird. Im vergangenen Frühling und Sommer gab es einige für mich wahrnehmbarere Auseinandersetzungen mit diesen Kritiken und Umverteilung/Spenden an antirassistische Organisationen waren ebenfalls Teil dieser Auseinandersetzungen. Ich habe mitbekommen, dass Spenden kritisch diskutiert wurden, weil die Umverteilung von Geld an antirassistische Projekte mittels Soli-Partys, Geld spenden, das von Veranstaltungen über ist auch an “Entwicklungshilfe”-Diskurse anschlussfähig ist, weiße sich damit von ihrer Verantwortung “freikaufen” wollen, Ablasshandel etc. Im Gegenzug habe ich es auch schon erlebt, dass auf Antira-Soli-Partys kaum ein Euro über ist für die Spendenbox oder den Eintritt, allerdings mehrere für Alkohol.

Obwohl ich die Kritik, die auch von PoC an einer ausruhenden Spenden-Mentalität geäußert wurde, teile, halte ich jeden Euro für prekäre politische Arbeit, die nicht auf etablierte (staatliche) Fundraising-Strukturen zurückgreifen kann, für wichtig. Egal von wem und mit welcher Intention. Anders als bei “Entwicklungshilfe”-Non-Profit- und -Nichtregierungsorganisationen (kurz: NPO oder NGO), die mit kolonialrassistischen und paternalistischen Spendenaktionen das schlechte Gewissen der weißen (Bürgerlichen) anticken wollen und bekannt ist, dass das Geld dieser Non-Profits und NGOs eher in die eigene Tasche, denn in sinnvolle Unterstützung fließt (siehe NGO industrial complex), sprechen wir bei alternativen/herrschaftskritischen Polit-Kontexten von illegalisierten Projekten und/oder Projekten, die aufgrund ihrer politischen Haltung und Arbeit nicht für (staatliche) Fördertöpfe in frage kommen, weil Kompromisshaltung und Anbiederung schlicht im Widerspruch zu ihrer Arbeit steht.

Auch bei Berliner Projekten, die vom Senat gefördert werden, ist zu verzeichnen, dass eher die personell und finanziell gut aufgestellt sind, die ihren Schwerpunkt nicht in mehrdimensional ausgerichteter Antigewalt- und Antidiskriminierungs- arbeit haben, während andere Senats- und staatlich geförderte Projekte, die Wert darauf legen mit ihrer emanzipatorischen Arbeit nicht an anderen Stellen Diskriminierung fortzuschreiben, zusehen müssen, wie sie überhaupt ihre Arbeit tun können. Geldspenden sind auch bei diesen Organisationen wichtig, um die Eigenmittel zu erhalten/erhöhen, damit überhaupt Gelder in bestimmter Höhe von staatlicher Seite beantragt werden können.

Insofern halte ich es für Luxus und wenig praktikabel erstmal unter uns weißen zu diskutieren, ob Spenden an unterstützenswerte Organisationen, Vereine und Projekte dem weißen Gönnertum zuträglich sind, das eigene Gewissen erleichtern oder sonst wie problematisch im Hinblick auf die Reproduktion von white supremacy (weißer Überlegenheit) sind. Es geht schließlich auch nicht um ein Entweder (spenden) – Oder (anders unterstützen). Solidarische Handlungen sollten im besten Falle auf mehreren Ebenen erfolgen, angefangen bei eigener Weiterbildung oder Übernahme von Tätigkeiten, die keine repräsentativen Zwecke haben (infrastrukturelle, organisatorische arbeiten im Hintergrund, für die in diesem fall weiße keine öffentliche Anerkennung erhalten).

Doch nicht nur Vereine und Organisationen sind mit Geld unterstützenswert, auch die Arbeit von einzelnen Aktivist_innen ist es. Crowdfunding-Plattformen bieten neben direkten Überweisungen z.B. eine Möglichkeit konkrete Projekte und Kampagnen mit Geld zur Realisierung zu bringen. Einfach Augen und Ohren offenhalten, dank sozialer Medien und eigener Netzwerke kommt einer_m selten an Spendenanfragen vorbei.

Es ist bekannt, dass die weiß-dominierten queer_feministischen Kontexte hier in Berlin zwar nicht reich sind, sich jedoch selten kritisch mit Klassen-, Geld-, Eigentums- und Besitzverhältnissen beschäftigen, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass zwar Ressourcen zur Verfügung stehen, diese jedoch nicht oft geteilt werden wollen, wenn sie nicht der Befriedigung eigener Bedürfnisse dienen. Klassismus in queer_feministischen Kontexten is a thing, vor allen Dingen dann, wenn Personen permanenter struktureller Gewalt (z.B. Rassismus) ausgesetzt sind und damit der Zugang zu Ressourcen beschränkt wird, die für die meisten weißen wie mich selbstverständlich sind, z.B. Anspruch auf staatliche Sozialleistungen.

Auch dass häufig Energie und andere Ressourcen auf die Organisation gut besuchter Partyreihen und anderen Konsumveranstaltungen verwendet werden kann, könnte ein Marker dafür sein, wer mehr als andere in der Lage ist, über die eigene Ressourcenverteilung selbst zu entscheiden und politische Arbeit im Sinne der eigenen Bedürfnisse zu tun.

Zu guter Letzt: Alok Vaid-Menon beschäftigt sich in dem verlinkten Text auch mit der Frage, wie theoretisieren und diskutieren _über_ etwas mit praktischen Konsequenzen zusammenhängen sollte:

“[...] I’ve always had the financial security to discuss political theory in the abstract, without facing the material consequences of these ideas. In these spaces ‘radical’ is less about your actual impact (ability to redistribute capital and resources) and more about the quality and ambition of your argument”

“Ich habe immer die finanzielle Sicherheit gehabt, um politische Theorie im Abstrakten zu diskutieren, ohne mich den materiellen Konsequenzen dieser Ideen zuwenden zu müssen. In diesen Kontexten geht es bei “radikal” weniger um den tatsächlichen Einfluss (Möglichkeit, Kapital und Ressourcen umzuverteilen) und mehr um die Qualität und die Zielrichtung des eigenen Arguments”


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Pink stinkt nicht, ihr Lauchs!

19. Juni 2014 von Gastautor_in

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic und twittert unter @sassyheng. Ihre Kritik an der Organisation Pinkstinks veröffentlichen wir hier erneut mit freundlicher Genehmigung. (übrigens: Falls der Text bei euch GIF-Alarm auslöst, findet ihr hier eine Anleitung, um diese zu deaktivieren)

Wenige Phänomene sind so polarisierend wie Pinkstinks. Maximal die Frage, ob Käse Dessert sein darf, kann hier mithalten. Während letzteres eine Sache des Geschmacks ist, ist Pinkstinks für mich eine Frage der Logik. Es ist ja bei vielen Sachen so, dass sie auf dem ersten Blick so richtig geilomeilo und amazing sind, bei sich beim genaueren Nachdenken aber als superproblematisch und uncool erweisen.

Ich weiß immer gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich erklären soll, dass Pinkstinks eher nicht so geilomeil ist. Vielleicht versuche ich es mal so:

You must be shitting me with that name of yours

Allein der Name ist so problematisch, dass ich mich frage, wie sich als Feminist_innen bezeichnende Menschen unter diesem Titel einen Kampf führen können. Es erschließt sich mir nicht. (Und ich bin nicht diejenige, die Gender Studies studiert hat.) Was impliziert der Name denn?
Der Name wertet Femininität ab und macht queere Kämpfe unsichtbar beziehungsweise stellt sie als irrelevant dar. Die Kampagne existiert in keinem sozialen Vakuum, sondern in einer Soziokultur, in der Pink_Rosa für Femininität, Frauen*, Homosexualität, Optimismus, Spaß, Kindlichkeit und Sexualität an sich steht. Der Slogan “Pink stinks!” diskreditiert all dies. So funktioniert Semiotik. So funktioniert Sprache.

“Aber gemeint ist ja ‘Pink für alle!’ “

Es schert mich nicht, was eigentlich gemeint ist. Ich kann auch, sagen wir, “Deutschland ist Beste” auf meine Fahne schreiben und dann erzählen, dass es kein Patriotismus mit Referenz auf irgendwelche ehemaligen Strophen der Nationalhymne sei, sondern dass ich damit nationalkritisch unterwegs bin und meine tatsächliche Message “No borders, no nations and who the fuck is Deutschland anyway!” ist. Allerdings zweifle ich an der Glaubwürdigkeit dieses Projekts. Weil es nach Kackscheisze klingt.

Wenn Pinkstinks wirklich vorhätte, Femininität aufzuwerten – und zwar für alle Geschlechter -, dann würden sie nicht diesen Namen wählen. Stellen wir uns bitte dieses Szenario vor: Kind spaziert auf der Straße herum und liest auf einem Sticker “Pinkstinks”. Was passiert nun? Geht das Kind an sein iMac und liest sich die Homepage der Kampagne durch? Oder internalisiert es diese problematische Implikation/Message und reproduziert diese im Alltag, zum Beispiel in Form von Tussi-Bashing an der Schule?

Andere Eltern, andere Ressourcen

Der Vorschlag, Eltern könnten mit ihren Kindern über das Thema sprechen, kann nur an privilegierte Familien gerichtet sein. Faktoren wie Sprache, digitale Kompetenzen, thematisches Vorwissen und Zeit stellen für einige Eltern(teile) Barrieren dar, sich mit Pinkstinks auseinanderzusetzen. Ich kann natürlich nicht für alle Familien sprechen, aber meine Eltern wären damals nicht (und wären es heute auch nicht) in der Lage gewesen. Und das aus allen der genannten Gründe.
Selbst, wenn sie mit Stevie Schmiedel auf einer Wellenlänge wären, sind sogenannte geschlechtsneutrale Dinge (sowohl Kleidung als auch Spielzeug, Schreibmaterial, Bettwäsche… alles, eben) in der Regel teurer und nicht überall erhältlich. Generell ist es ein Privileg, (insbesondere Klein-)Kinderkleidung kaufen zu können. Wer da auch noch auf die korrekteren Exemplare zurückgreifen kann, dem sage ich mit Blick auf Wohlstand gern Mashallah.

Klassengesellschaft from begin

Nicht erst in der Schule, sondern schon in der Kindergruppe könnten in Zukunft Klassenhierarchien aufgebaut werden. Die Kinder aus akademischen_Middle-Class-Familien wären mondän in sogenannten neutralen Farben gekleidet, der Rest in pinken Billo-Outfits. (Ich find’s übrigens immer wieder bezaubernd, wie geschlechtsneutral in der Regel immer stereotypisch männlich-kodierte Farben und Dinge meint. Mir fehlt da bisschen das gyn in androgyn. Aber das nur gemütlich am Rande.)

Vorangetrieben wird auch der Androzentrismus. Femininitätsfeindlichkeit hat Unsichtbarmachung feminin-kodierter und trotzdem badass konnotierter Eigenschaften zur Folge. Dazu gehört auch das Shaming von Femininität. Das war schon immer so. In meiner Grundschulklasse wurde übrigens das Mädchen mit dem pinken Barbierucksack gemobbt wegen ihrer Mädchenhaftigkeit gemobbt, nicht die coolen, toughen Girls mit blauen Delfinrucksäcken und Cola-Lollies. Und wer hat sich von denen ist jetzt badass? Das Barbierucksack-Grrrl definitiv. (Zu den anderen habe ich keinen Kontakt, so idk.) Aber auch diese Anekdote erzähle ich casually nebenher.

Role-models my ass

Wer wird eigentlich durch Pinkstinks repräsentiert und wer nicht? Die Rubrik Role Model des Monats, in der monatlich weibliche Vorbilder portraitiert werden, habe ich mir ein bisschen genauer angeschaut.
Zu sehen sind vorwiegend weiße Frauen, lediglich eine einzige könnte eine Woman of Color sein. Zufall? Ich glaube nicht an Zufall. Es wird ja nicht so schwer sein, wenigstens, sagen wir, Beyoncé als weiteres Idol vorzustellen. Oder Alicia Keys. Oder Sharon Otoo. Und wie sieht es eigentlich mit Trans*-Personen aus? Und warum sind alle schlank und normschön?

Diese sehr einseitige Repräsentation schafft weitere Ausschlüsse im Gesamtkontext der Kampagne. Wie kann ich mich als feminines, dickes_fettes (eventuell Trans-)Mädchen of Color mit nicht-akademischen Eltern jemals mit Pinkstinks identifizieren?

Ich frage mich auch, warum die Leute von Pinkstinks denken, Tavi Gavinson würde irgendwie in ihr Konzept passen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Tavi, und genau deshalb ist es mir ein Rätsel, inwiefern sie ein Vorbild im Sinne von Pinkstinks ist: Im Alter von 11 Jahren gefärbte Haare, Mode als Hauptinteresse, durchgehende Zelebration von Grrrl Culture – wäre sie damals nicht der fleischgewordene Alptraum für Pinkstinks gewesen? (Aber auch hier: Modeblogger_innen gibt es mit so unterschiedlichen Körpern, warum schafft nur dieser den Status als Vorbild?)

Whitie-Verein

Am peinlichsten finde ich allerdings, dass auf der Website unkritisch zu rassistischen Praktiken wie Cultural Appropriation unkritisch ermutigt wird. Dass eine weiße Person sich American Tribal Style Bellydance aneignet und sich in Toffelz-Tradition einen Kulturmischmasch gönnt, scheint für das Pinkstinks-Team nicht problematisch zu sein. Ich kann ihnen aber versichern, dass es für diverse People of Color offensive as fuck ist.

Vor weiteren rassistischen No-Gos wird kein Halt gemacht. Stellt euch vor, eine weiße Person würde den Begriff “Gender Apartheid” nutzen, dafür kritisiert werden und keine Verantwortung für ihre Handlung übernehmen, sondern den Spaß so stehen lassen. Dass Akademiker_innen vermeintlich kritischen Œvres nicht verstehen (wollen), dass Rassismus-Analogien in jedem Fall unangebracht sind, wird für mich immer ein Mysterium bleiben. (Ebenfalls die Frage, inwiefern genderspezifisches Marketing mit systematischen Unterdrückungsmechanismen wie der Rassentrennung in Südafrika zusammenhängt.)

Vielleicht liegt es daran, dass die feministische Praxis “Check your privilege!” noch nicht bei den Superpro-Feminist_innen von Pinkstinks angekommen ist.

Body-diversity? AS IF.

Stellt euch vor, eine Kampagne würde alle möglichen Körpergrößen loben, aber ihre Shirts nur bis Größe L anbieten. Klingt nach Realsatire, oder? Zumindest alle ökologisch fairen Kleidungsstücke. Und weil bio cooler ist, können die uncoolen (dicken_fetten) Leute sich nur die Spreadshirt-Sachen holen. That’s life, I guess.

Nicht überall ist Pink sexistisch konnotiert. In queer_feministischer Sub- und Popkultur wurde die Farbe längst subvertiert, Aneignungsprozesse haben schon in den 1990ern angefangen. Generell sind queer_feministische Strategien radikal und effektiv, das Reclaimen ist eine von ihnen. Warum gibt Pinkstinks keine Credits an diese Kämpfe, sondern macht sie unsichtbar?

Für mich passt die Asymmetrie im Konzept von Pinkstinks auch nicht ganz in die feministische Praxis hinein. Erwachsene unterhalten sich mit Erwachsenen über Kinder. Rieche ich da Adultismus? Probably yes! (@Antiprodukt hat über Pinkstinks Adultismus gegenüber Femen eine schöne Analyse geschrieben. Auch die Reproduktion von Sexismen schlug Pinkstinks gemütlich in die Runde. Der Beitrag ist mit einem Passwort geschützt, aber vielleicht bekommt ihr es über Twitter. Bezogen wird sich auf diesen Blogeintrag von Stevie Schmiedel.) Außerdem: Problematische, misogyne_ heterosexistische Tendenzen werden verstärkt und unter dem Deckmantel vermeintlichen Feminismus legitimisiert.

Ich bin nicht die erste, die sich mit Pinkstinks aus diversen Gründen nicht solidarisieren kann_will. Auf Shehadistan gibt es diesen sehr treffend geschriebenen, polemischen Artikel. Er ist so super, dass ich am liebsten alles zitieren möchte und mir zusätzlich wünsche, Nadia wäre meine große Schwester. Ihr könnt ihn aber auch einfach dort lesen, als Appetizer (als ob es für diesen Blog einen Appetizer bräuchte, lbr) nur diesen Absatz:

Was an Pinkstinks verärgert ist nämlich, dass sie eine der Initiativen ist, die einerseits anscheinend Grundstrukturen des Sexismus anscheinend nicht wirklich aufdecken und verstehen will, sich andererseits aber zur großen Mutterorganisation antisexistischer Arbeit (aller aller Zeiten!) inszeniert, und damit nicht unwesentlich zur Unsichtbarmachung von Aktivist_innen beiträgt.Was ebenfalls nervt (aber wohl nicht verwundern sollte), ist, dass regelmäßig Errungenschaften (zum Beispiel: Feminismus ohne Cis-Männer) kleinerer aktivistischer Zusammenschlüsse und Einzelpersonen von Pinkstinks als “adsurdums” abgewatscht werden.

In selbigen Text wird auch das Typenproblem von Pinkstinks angesprochen und auseinandergenommen. Wer als feministischer Verein Fördergelder in Gehälter an Cis-Männer steckt, muss meiner Meinung nach wirklich starke Nerven haben, aber vielleicht ist es nur meine misandristische Ader, die gerade stark schlägt.

Am Anfang war ich auch noch auf der Seite von Pinkstinks. Ich war motiviert und uninformiert. Das ist bei Pinkstinks-Anhänger_innen nichts Unübliches. Aber wer in der Lage ist, sich die Pinkstinks-Homepage anzuschauen, kann auch ein paar Klicks weiter surfen oder sich generell Gedanken darüber machen, wem mit der Kampagne Raum geschaffen wird (Spoiler: weißen, akademischen, sozial privilegierten Familien, Cis-Männern, Heten, androzentrischen Subkulturen, Femme-Basher_innen, Wannabe-moralischen-Instanzen und, let’s face it, normschönen Körpern) und wem nicht (Spoiler: allen anderen).

Vermutlich habe ich einige Fails von Pinkstinks übersehen, das macht nichts, ich bin müde, habe PMS und schwitze, ich möchte mich jetzt gerne mit spaßigen Dingen beschäftigen, zu denen gehört diese Angelegenheit nicht. Die Aversion, die ich aufgrund der aufgelisteten Dinge gegen Pinkstinks pflege, ist so groß und vielschichtig, dass ich nicht nur meine Solidarität verweigere, sondern alle Fans bis ins Unermessliche judge. Nicht alles, was anschlussfähig ist, muss auch cool sein. Und wer nicht einsehen möchte, dass der Mangel an Intersektionalität einfach scheiße ist, kann zwar chillen, aber nicht mit mir.


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Herren einsperren, Hard Femme und Menstruation

1. Juni 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 247 von 254 der Serie Die Blogschau

Heng schreibt über ihre Prozesse auf dem langen Weg von “female to female” und kommt  zu dem vorläufigen Ergebnis: “ich [kann] fett, feminin, queer, tough, cool, radikal, stark und schön sein [...], und zwar alles gleichzeitig.

Ihdl kramt einen fünf Jahre alten Blogeintrag über den “Herrentag/Männertag” aka Christi Himmelfahrt mit einer neuen Ergänzung wieder raus. Es geht um einen Flyer, der fordert, dass Typen an dem Tag zu Hause bleiben müssen, um den öffentlichen Raum zu einem Schutzraum umzufunktionieren.

Hannah C. Rosenblatt findet: Menstruation matters. Deshalb beschreibt sie ihre Erfahrungen mit Mooncups, Stoffeinlagen und freiem Bluten.

Auf Fembooks ist eine Rezension zu Daima. Images of Women of Colour in Germany erschienen.


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Conchita Wurst, Inklusionsmärchen und alternative Umgänge mit Kritik – die Blogschau

24. Mai 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 246 von 254 der Serie Die Blogschau

Jayrôme toleriert Eurovision Song Contest Gewinnerin Conchita Wurst nicht und begründet ausführlich, warum.

Queer_Einsteigen hat einen Aufruf zum Erhalt der MONAliesA Frauenbibliothek in Halle Leipzig veröffentlicht. Die Einrichtung musste Ende letzten Jahres wegen finanzieller Schwierigkeiten ihren Betrieb einstellen. Es wird um Spenden gebeten, um die personelle und finanzielle Infrastruktur wieder herzustellen.

Jay schreibt im Virtual Retreat Center über alternative Umgänge mit Kritik jenseits von Zurückweisung und Selbstabwertung.

Anna Heger erklärt in einem neuen Minicomic, was ein Barcamp ist. Der Comic ist anlässlich des bald stattfindenden FemCamps in Wien entstanden.

“Ich will nicht in eine Gesellschaft inkludiert werden, die mich in seine Mitte lässt, weil sie in mir etwas sieht, was sie nutzen kann und mir ebenjenen Platz nur im Tausch anbietet”, argumentiert Hannah C. Rosenblatt, wenn es um Inklusion und Behinderung geht und kritisiert damit die Verwertungslogiken hinter vielen (vorgeblichen) Antidiskriminierungspolitiken.

Vor einer Woche schrieb ich einen sehr persönlichen Text zum Internationalen Tag gegen Homo- und Trans*diskriminierung (IDAHOT) auf meinem privaten Blog.


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Wie viele Schlagzeugerinnen kennst du?

20. Mai 2014 von Magda

Als ich 14 Jahre alt war, stand ich das erste Mal auf einer Bühne. Vor Aufregung verknotete ich das ganze Konzert lang meine Hände ineinander; etwas, was ich heute noch tue, wenn ich nervös bin. Neben einem erwachsenen Band­leiter waren wir sechs junge Musikerinnen auf der Bühne, einige von uns lernten erst seit wenigen Monaten ihr Instrument. Mit zitternder Kopf­stimme, einer Handvoll Akkorden und fast experimentell anmutenden Tempo­wechseln rumpelten wir uns durch unser erstes Konzert.

© Totally Stressed, 2009.

© Totally Stressed, 2009.

Das war vor ziemlich genau 13 Jahren. Ich wuchs im Ostteil Berlins auf und verbrachte fortan sehr viel Zeit im Jugendclub Linse, der meiner Band einen Probe­raum und in den Folge­jahren dutzende Auftritts­möglich­keiten zur Verfügung stellte. Rockmusik, Metal, ein bisschen Hip Hop und Punk tönten aus den Proberäumen unserer (meist männlichen) Musiker­kollegen. Ehe wir uns selbst eine Band­beschreibung zulegten, waren wir „die Mädchenband“ und unsere Musikrichtung wurde als „Mädchenrock“ beschrieben. Wenige Jahre später über­nahmen wir diese Zu­schreibungen selbst und nannten unseren Musikstil „Female Art Rock“. In den männlich-dominierten Bereichen, in denen wir einen Groß­teil unserer Jugend verbrachten, lernten wir schnell, dass Geschlecht – vor allen Dingen von jenen, die von einer cis-männlichen Norm abweichen – irgendwie immer eine Rolle spielte, ob wir wollten oder nicht.

„Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“

Eine kleine Aus­wahl an Sprüchen gefällig, die viele Musikerinnen hören?*

  • „Das ist hier kein Kaffeekränzchen“ – der genervte Ton­techniker, weil der Soundcheck mal etwas länger dauert.
  • „Hier musst du dein Kabel reinstecken“ – irgendein Musiker zur Bassistin, die eigentlich genau weiß, wohin sie das Kabel in ihren eigenen Bass-Amp stecken muss.
  • „Oh cool, du bist in einer Band? Singst du?“ – irgendein Musiker, der sein Musiker-Dasein nie hinterfragen muss, aber automatisch annimmt, dass eine Frau singt. Obwohl sie Schlag­zeugerin oder Gitarristin ist.
  • „Warte, ich trage das“ – ein hilfs­bereiter Musiker, der nur Musikerinnen (nicht anderen Musikern) seine Hilfe anbietet und sich vielleicht nicht vorstellen kann, dass wir seit Jahren unsere eigene Technik tragen.
  • „Sorry, aber eigentlich dürfen hier nur Band­mitglieder in den Backstage“ – das letzte Mal habe ich das auf einem Festival vor ungefähr einem Jahr gehört (Hallo, 2013!), auf dem ich mit meiner Band spielte. Ich konnte ja unmöglich Musikerin sein und wurde wohl für einen Fan der Band gehalten.
  • „Für eine Mädchenband seid ihr ganz gut“ – Klassiker. Hundertmal gehört.

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“Americanah”: Chimamanda Adichie in Berlin

19. Mai 2014 von der Mädchenmannschaft

Am vergangenen Freitag stellte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ihren aktuellen Roman, “Americanah”, der nun ins Deutsche übersetzt wurde, in der Kulturbrauerei Berlin vor. Die Lesung stieß auf großes Interesse und wir, accalmie und Charlott, konnten uns glücklich schätzen Tickets ergattert zu haben.

Die Journalistin Susanne Weingarten moderierte das Panel und übersetzte Adichies Aussagen aus dem Englischen. Adichie trug nach einer Einleitung von Weingarten kurz die ersten Seiten des Romans vor, und wurde dann im Wechsel zu Lesungen von Passagen aus der deutschen Übersetzung Americanahs durch Anna Thalbach zu ihrem Werdegang, literarischem Wirken und politischen Positionen interviewt.

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Angesichts der Vielzahl von Literaturwissenschaftler_innen und antirassistischer Aktivist_innen im Publikum stellte sich recht früh die Frage, warum nicht eine_r jener angefragt worden war für die Moderation. Während Adichie und die Lesung von Americanah für Begeisterung sorgten, konnte Weingarten nicht nur mehrere Namen nicht aussprechen (womit sie den Rest des Abends kokettierte), sondern fand es auch sinnvoll, Adichie als “Modeikone” vorzustellen, als eine Person, die “eigentlich zu jung” sei, um solche Bücher schreiben zu können, und fragte gleich, welche Anekdoten der Schwarzen Protagonistin Americanahs denn alle aus dem Leben der Autorin stammten. Diese “Verwechslung” von Lyrischem Ich und Autor_in passiert häufig, jedoch auffällig oft bei nicht-weißen, nicht-männlichen Autor_innen; denn obwohl biographische Bezüge bei Literaturanalysen sonst belächelt bis verpönt werden, sind jene bei nicht-weißen, nicht-männlichen Autor_innen wohl eine der Grundannahmen.

Adichie antwortete, dass ihr Leben nicht das der Protagonistin sei, sondern viel “langweiliger” – gab dann aber ein Erfahrungsbeispiel zu Rassismus, das nicht im Buch vorkam: nämlich die Reaktion eines Professors während ihres Studiums in den USA, der in einem Seminar fragte, wer diesen – den besten – Aufsatz geschrieben habe, und als sie sich meldete, sehr überrascht aussah; ein Hinweis darauf, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass eine Schwarze Autorin besser schreiben könnte als ihre weißen Kommiliton_innen. (mehr …)


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Tagungsberichte und die Kündigung der Hebammen – die Blogschau

12. April 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 242 von 254 der Serie Die Blogschau

Dangerbananas war auf der korientation-Feier in Berlin, und wenn Ihr wissen wollt wie es da war könnt Ihr alles hier nachlesen.

Hannah war auf bei der Tagung “Wir sind Viele – Opfer ritualisierter Gewalt und organisierter Pädokriminalität” und hat sich die Arbeit gemacht, detailliert und sehr lesenswert in mehreren Teilen den Tagungsbesuch zu dokumentieren. Insgesamt gibt es elf Teile, wir verlinken auf Teil 9. Sehr lesenswert, Triggerwarnung angesichts der Thematik natürlich obligatorisch.

Darum, welche Zusammenhänge es zwischen Rassismus, Nationalismus, Sexismus und dem Hass gegen Lesben und Schwule gibt, ging es in der letzten Woche auf Women in Exile.

Auf Afrika Akzent wird Each One Teach One (EOTO) e.V., ein Schwarzes Bildungsprojekt, das Literatur und andere Medien von Menschen afrikanischer Herkunft vorstellt und Wissen im intergenerationalen Dialog vermittelt, vorgestellt.

techno candy hat einen Text mit wichtiger Kritik über die neue Partyreihe in Berlin geschrieben, die wir letzte Woche in der Blogschau verlinkt haben.

Die Kündigung der Hebammen hat begonnen: Ein Zwischenruf mit Aufruf zur Demo ist bei zockt.com erschienen.

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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