Einträge mit dem Tag ‘Sexarbeit’


Sexarbeit und Feminismus

1. Oktober 2009 von Susanne
Dieser Text ist Teil 17 von 103 der Serie WWW Girls

In jeder Folge der WWW Girls stellen wir euch eine Bloggerin und ihr Weblog vor. Heute:

SINAMORE6.blogspot.com

Wie heißt du?
Sina.

Seit wann bloggst du?
Seit Anfang August 2009, also erst seit kurzem.

(c) Frl. Zucker, fraeuleinzucker.blogspot.com

Warum hast du damit angefangen?
Als ich anfing als Escort zu arbeiten, begann ich mich gleichzeitig stärker für Feminismus und die Rechte von SexarbeiterInnen zu interessieren. Ich habe mich schon immer als Feministin identifiziert, hatte mich jedoch nie tiefer mit dem Thema auseinandergesetzt – es war einfach selbstverständlich. Als ich mehr darüber zu lesen begann, war ich deshalb ziemlich schockiert zu erfahren, wie einige Feministinnen über Prostituierte sprechen, mit allen Mitteln versuchen, Vorurteile aufrechtzuerhalten, ohne die Ansichten der direkt Betroffenen im Mindesten zu respektieren. Auf der anderen Seite entdeckte ich viele interessante Blogs von Personen, welche mein „Feminismus-Ideal“ teilten. Einige Zeit las ich mit, dann beschloss ich selbst ein Teil dieser spannenden Blogsphäre zu werden, meine Erlebnisse und Gedanken der Welt mitzuteilen, oder immerhin der deutschsprachigen Welt.

Worüber schreibst du?
Über alles Mögliche, was mir in den Sinn kommt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf gesellschaftlichen/feministischen Themen, der kritischen Beurteilung darüber, wie SexarbeiterInnen in den Medien und von Interessengruppen dargestellt werden, sowie meinen eigenen Erfahrungen aus dem besagten Gewerbe.

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:
Ohne das Internet würde mein Leben ziemlich anders aussehen. Ich arbeite über das Internet, informiere mich und kommuniziere darüber. Ich empfinde es als eine große Bereicherung.

Wovon braucht das Internet mehr?
Datensicherheit. Respekt und sachliche Diskussionen. Aufgrund der fehlenden Sprechintonation und der Beständigkeit des einmal Geschrieben ist es einfach, etwas falsch zu verstehen und Sachen hineinzuinterpretieren. Da entstehen schnell Missverständnisse. Entspanntheit und das Verzichten auf böswilligen Interpretationen würde vielen gut tun, sowohl im Internet als auch im „realen“ Leben.

Frauen im Web haben…
die Macht, die Welt zu verändern! (Genauso wie die Männer auch.)

Deine tägliche Web-Lektüre:
Waking Vixen und Spiegel Online.


Facebook | |


Die schmutzige Antwort

25. September 2009 von Helga

Der Postfeminismus hat keine Meinung zu Flatrate-Bordellen

Den heute gängigen Vorwurf gegenüber der Jugend, Gleichgültigkeit, wiederholte vor einiger Zeit Ursula März in der Zeit. Im Gegensatz zu früher würden die heutigen “Postfeministinnen 30 plus” die schmutzigen Themen aussparen. Lange habe ich darüber nachgedacht, vielleicht haben wir zu wenig darüber gesagt, dabei ist es am Ende klar: Ein Ziel des Feminismus ist es, dass alle Menschen ihr Leben frei gestalten können. Auch und gerade, wenn es um Sex geht.

Zunächst bleibt festzuhalten: Menschenhandel und Zwangsprostitution sind menschenverachtend. Der deutsche Umgang mit den Opfern von Zwangsprostitution leider auch: Für sie gibt es wenig Hilfe, die meisten werden abgeschoben. Ob es in ihrer Heimat sicher ist oder sie gleich wieder verschleppt werden, eine Zukunft als Ausgestoßene droht – egal. Erst schauen wir weg und dann wollen wir sie nur schnell wieder loswerden.

Vom freien Willen kann auch keine Rede sein, wenn Frauen Prostitution als letzten Ausweg sehen, Geld zu verdienen. Es ist vielmehr ein Armutszeugnis von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft, dass es heute noch dazu kommt.

Schließlich gibt es sie: Menschen, die sich freiwillig dazu entschließen, sexuelle Dienstleistungen anzubieten. Doch um die ging es in der Debatte um die Flatrate-Bordelle niemals. Sie schalteten Anzeigen, dass sie wirklich freiwillig dort arbeiteten, gestürmt wurden die Pussy-Clubs dennoch – mit hanebüchenen Begründungen, die später wieder zurückgezogen wurden. Statt auf die Forderungen nach rechtlicher Sicherheit beim Bordellbau einzugehen und die Diskriminierungen bei Versicherungen zu beenden, führt man in Deutschland lieber Razzien durch.

Doch bei allen Problemen sind wir heute deutlich weiter als in den siebziger Jahren, über die Legalisierung der Prostitution hinaus. Im Internet gibt es jede Menge Blogs von Sexarbeiter_innen und Blogkollektive wie http://www.harlots-parlour.com. Für viele sicherlich erstaunlich, aber es soll sogar Feministinnen unter ihnen geben. Dass viele nur unter Pseudonym bloggen (müssen) zeugt wieder von den Problemen. Denn erführen ihre Nachbarn davon, wäre gesellschaftliche Ausgrenzung die Folge. Wer eben noch ein normaler Mensch war, scheint durch seine Arbeit den Anspruch auf einen würde- und respektvollen Umgang, menschlichen Umgang, zu verlieren.

Bevor es also zur nächsten Debatte über Bordelle und ihre Angestellten kommt, sollten wir mit ihnen reden. Und damit das erfüllen, was selbstverständlich sein sollte: Sie als Menschen wahrzunehmen.

PS: In der Jungle World habe ich den einzigen Artikel gefunden, in dem das passiert.


Facebook | |


Ohne Glanz und Glamour

26. Mai 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 2 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Katrin hat ja vor ein paar Wochen schon auf die Ausstellung „Ohne Glanz und Glamour – Prostitution und Frauenhandel im Zeitalter der Globalisierung” hingewiesen, die ich mir letzte Woche dann auch angesehen habe:

Die Ausstellung findet im „Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche“ in Berlin statt. Das Frauenzentrum ist sehr interessant, es ist in einer normalen Altbauwohnung untergebracht, man hat mehr das Gefühl, jemanden zu besuchen, denn zu einer öffentlichen Ausstellung zu gehen. Es gibt eine Küche, zwei Büros, einen Meditationsraum und zwei große Konferenzzimmer, in denen die Ausstellung stattfindet. Hier hängen rundum verschiedene Informationstafeln mit sehr eindrücklichen Texten und Bildern. Es beginnt mit einer allgemeinen Darstellung von Prostitution, geht weiter über Menschenhändler, Schleuser und Zwangsprostitution bis zur Beantwortung der Frage „Was tun?“. Besonders gefallen hat mir die Tatsache, dass explizit die Freier angesprochen wurden. Und zwar nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit einem Appell an ihre Verantwortung. Freier tragen Verantwortung und sie werden ermutigt, der Polizei einen (anonymen) Hinweis zu geben, wenn sie Zwangsprostitution vermuten. Durch den Mut einiger Freier konnten so in der Vergangenheit schon zahlreiche Frauen befreit werden.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Während ich so lese, kommen mir die Gedanken, die ich früher oder später immer habe, wenn ich mit dem Thema Prostitution konfrontiert bin. Ich hatte sie an der Reeperbahn, ich habe sie, wenn ich in Berlin durch die Oranienburger Straße laufe, ich habe sie, wenn ich Dokumentationen über Bordelle sehe und ich habe sie in dieser Ausstellung. Ich denke darüber nach, wie mächtig Sex ist. Und ich frage mich, wie Sex so wichtig sein kann, welches Gewaltpotential er in sich trägt und wie er Menschen dazu verleitet, anderen gar Unmenschliches anzutun.

Ich würde gerne wissen, warum der Sex dieses Potential fast nur bei Männern entfaltet. Warum fast nur Männer vergewaltigen. Liegt es an der körperlichen Überlegenheit? Würden Frauen auch vergewaltigen, wenn sie könnten? Würden Frauen zu männlichen Huren gehen? Würde der Sex im Leben von Frauen den gleichen Stellenwert einnehmen, wie er ihn im Leben mancher Männer hat, wenn wir ihn leichter bekommen könnten?

Ich habe gern Sex, er macht Spaß und ist definitiv ein guter Zeitvertreib, vielleicht der beste. Aber der Gedanke, dass ich ein Anrecht darauf haben sollte, dass ich, wenn ich keinen bekomme, Geld dafür bezahlen würde, ihn zu kriegen, ihn mir vielleicht auch mit Gewalt nehmen würde, der ist mir absolut fremd. Ich weiß, dass das auch vielen, vielleicht den meisten Männern so geht, aber es scheint trotzdem so zu sein, dass Sex, das Anrecht auf Sex, für Männer meist eine größere Rolle spielt als für Frauen.

Ist das nur die Sozialisation? Oder einfach die Tatsache, dass sie es eben können? Oder beides?

Gibt es darauf überhaupt eine Antwort?


Facebook | |



Anzeige