Einträge mit dem Tag ‘SciFi’


Ein Buch nach dem anderen: Interventionen in Gewaltsituationen und der Women’s Prize for Fiction

7. April 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 127 von 127 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

In Experiences of Intervention Against Violence. An Anthology of Stories (2017), herausgegeben von Carol Hagemann-White und Bianca Grafe, sind Erfahrungberichte von 78 Frauen und Kindern/Jugendliche vereint. Sie alle erzählen von erfahrener Gewalt und wie sie Interventionen zu dieser erlebt haben: Welche Unterstützungsangebote waren zugänglich? Wie haben unterschiedliche Institutionen (nicht) zusammengearbeitet? Was hätten sie sich gewünscht/ bzw. was wünschen sie sich? Die Anthologie ist ein Ergebnis des Forschungsprojekts „Cultural Encounters in Intervention Against Violence“ und bringt zum einen Erfahrungen aus verschiedenen Ländern und damit Unterstützungssystemen (Deutschland, England, Slovenien, Portugal, Wales) zusammen und fokussiert zum anderen insbesondere auf migrierte Frauen oder/ und Frauen, die ethnischen oder kulturellen Minderheiten angehören. Die erlebten Barrieren umfassen damit auch gerade unzureichende Übersetzungen, wenig Verständnis für Rassismus bei Betreuenden etc. Das Buch hat keinen Anspruch darauf eine einzige Lösung für gute Interventionen zu präsentieren oder gar repräsentativ aufzuzeigen, wie Interventionsstrukturen funktionieren. Ziel ist es stattdessen denjenigen, für die eigentlich Interventionen durchgeführt werden, die Möglichkeit zu geben für ihren spezifischen Fall zu erzählen, was ihnen geholfen hat und was nicht. Das Buch selbst bietet keine Analyse der vorliegenden Quellen. Für Menschen aber, die sich dafür interessieren, wie Personen in Gewaltsituationen sinnvoll geholfen werden kann, bietet die Anthologie wichtige Einblicke und Ansatzpunkte. Dabei sollte nur nicht vergessen werden, dass natürlich auch nur bestimmte Personen hier ihre Geschichten erzählen konnten, nämliche solche, die noch Kontakt zu Beratungsstellen hatten. Menschen, die aus dem System „gefallen“ sind, sind somit nicht repräsentiert.
Die Texte sind alle ins Englische übersetzt. Wenn sie nicht auf Englisch im Orginal vorlagen, sind sie auch noch (min) in einer anderen Sprache (Deutsch, Portugiesisch oder Slovenisch) enthalten.

Seit 1996 wird in Großbritannien jährlich der Women’s Prize for Fiction (derzeitig als Baileys‘ Prize) verliehen. Die Auszeichnung geht an englischsprachige Romane von Autorinnen, die jeweils innerhalb der 12 Monate vor der Bekanntgabe der Longlist erschienen sind. Passenderweise wurde die diesjährige Longlist mit 16 Romanen am 8. März vorgestellt. Anfang dieser Woche nun wurde die Shortlist bekanntgegeben. Bis zur Bekanntgabe ist nun noch etwas Zeit (7. Juni), aber ich möchte euch schon einmal ganz kurz meine drei Favouriten von den nun noch sechs im Rennen seienden Bücher vorstellen: Ayọ̀bámi Adébáyọ̀̀s Stay With Me erzählt die Geschichte eines Paares in den 1980er Jahren in Nigeria und ihre verzweifelten Versuche Kinder zu bekommen. Vor dem Hintergrund von Militärputschs und einer insgesamt unsicheren politischen Lage fragt Adébáyọ̀̀, was eigentlich Familie bedeutet, was Elternschaft und wie eine Verhandlung von eigenen Wünschen und sozialen Vorstellungen aussehen kann oder wie sie auch scheitert. In The Dark Circle von Linda Grant erkranken die jüdischen Zwillinge Lenny und Miriam Lynskey Ende der 1940er Jahre an Tuberkulose und werden in ein Sanatorium nach Kent geschickt, welches erst seit kurzem nicht-private Patient_innen aufnimmt. Der Roman ist nicht nur ein Blick auf ein sich wandelndes Gesundheitssystem, sondern fragt auch, was es bedeutet Patient_in zu sein bzw. dazu gemacht zu werden. Madeleine Thiens Do Not Say We Have Nothing verbindete tragische, über mehrere Generationen erzählte Familiengeschichten in China und Nordamerika mit einer narrativen Struktur, die an Musik erinnert – und das nicht von ungefähr, denn die Charaktere, die im Mittelpunkt stehen, haben alle eine ganz besondere Beziehung zum Komponieren und Musikmachen.

Buchnews und -debatten

Erst einmal gute Nachrichten aus dem Mädchenmannschafts-Haus: Sharon Dodua Otoos beide Novellen die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … und Synchronicity sind jetzt in einem sehr schönen gemeinsamen Band beim Fischer Verlag neu aufgelegt. Und im nächsten Jahr wird im Ullstein-Verlag das erste Buch von Magda Albrecht erscheinen: Es geht um Dicksein und Empowerment.

Auch neu erschienen ist FaulenzAs Buch „Support your sisters not your cisters. Über Diskriminierung von trans*Weiblichkeiten„! Illustriert wurde das Buch von Yori Gagarim.

Für das Buchprojekt beHindert und verRückt werden noch Beiträge gesucht. Vorschläge und Beiträge können bis zum 15. Mai eingereicht werden.

Fatma Aydemirs Debüt-Roman Ellbogen ist vor kurzem erschienen. Im Interview mit derStandard spricht sie über männlich konnotierte Macht und weibliche Identitätssuche.

Huntress of Diverse Books hat ein neues Projekt begonnen. Sie bespricht (auf Englisch) deutschsprachige Bücher/ Bücher aus Deutschland von und über marginalisierte Menschen. Die ersten Besprechungen sind auch schon da: Deutschland Schwarz Weiss – Noah Sow, Ellbogen – Fatma Aydemir und eingeschrieben – Emily Ngubia Kuria.

Lara bespricht bei den Femgeeks drei Comics: Goldie Vance, i love this part und Auf die Barrikaden!

Teile des Ganzen schreibt über „Femme representation (pet peeves & recommendations)“ (inklusive Buch-Tipps).

Bonnie Nadzam schreibt in ihrem Essay „Experts in the Field“ über Sexismus und sexualisierte Übergriffe im literarischen Feld (also durch Autoren, Verleger, Literatur-Professoren). Bei LitHub antworten elf Autorinnen – von Roxane Gay zu Aimee Bender – auf den Text mit ihren eigenen Einschätzungen und Erfahrungen.

Nüshu war ein Schriftsystem in der Jiangyong Region in China, welches nur von Frauen eingesetzt wurde. Lauren Young schreibt bei Atlas Obscura über die Geschichte und den Kontext des Systems, sowie die Art der Texte, die damit verfasst wurden.

Casey Stepaniuk empfiehlt bei Autostraddle acht queere Sci-Fi-Romane.

In Young Adult Romanen wird häufig die Protagonistin dadurch charakterisiert, dass sie anders als die anderen Mädchen ™ sei. Sharanya Sharma schreibt bei Bookriot „In Defense of „Other Girls“ in YA„.

Auf Natives in America gibt es ein neues Gedicht von Abaki Beck: „Our Blood Pulses Resistance„. Und Early Bird Books veröffentlicht ein neues Gedicht von Sherman Alexie mit dem Titel „Autopsy„: Last night, I dreamed that my passport bled.

Wenn 2017 ein Gedicht wäre, wie würdest du es nennen: 34 Poets Of Color Summarize 2017 In Verse.

Valeria Vitale, Dolly Garland, Jo Thomas, Pear Nuallak und Chinelo Onwualu unterhalten sich bei News & Press from The Future Fire über Protagonistinnen, insbesondere auch WoC, queere, behinderte, andersweitig marginalisierte Frauen und Non-Binary Protagonist_innen.

Decolonizing the future: Kate Heartfield schreibt beim Article Mag über Native American Autor_innen, die SCiFi schreiben.


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Ein Buch nach dem anderen: Magie, SciFi und Dystopien für den Herbst

11. September 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 108 von 127 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Jederzeit gern versinke ich in Büchern, die andere Welten entwerfen, einen Hauch Magie beinhaltet, Märchen- und Sagenfiguren geschickt integrieren. Diese Bücher, die gerade nicht ‚realistisch‘ wirken, schaffen es – im besten Fall – gerade auch durch ihr Ausloten der (un)vorstellbaren Dinge, nur allzu ‚realistische‘ gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und alltägliche Gedanken herumzuwirbeln. Hier nun also als Herbst-Lesetipps einige meiner liebsten Bücher der letzten Wochen, mit magischen, spukigen und außerirdischen Elementen.

IMG_20150730_164600Von Nnedi Okorafor schwärmte ich hier bereits an dieser Stelle, als ich ihr Jugendbuch Akata Witch vorstellte. Doch sie schreibt auch Bücher, die eher an eine ältere Zielgruppe gerichtet sind, in denen es ebenfalls nicht an Magie und anderen außergewöhnlichen Elementen mangelt, so beispielsweise in ihrem dystopischen Roman Who Fears Death (2010, DAW). In einem post-apokalyptischen afrikanischem Schauplatz folgen wir Onyesonwu, einem jungen Mädchen/ junge Frau, die aufgrund ihrer Herkunft sozial geächtet wird, doch nach und nach ihre wahren Kräfte entdeckt. Und nötig ist dies, denn jemand sehr mächtiges versucht sie zu töten. Der Roman ist packend, teils brutal, teils humorvoll, geschrieben, voller wunderbarer und interessanter Charaktere und mit einem spannenden Plot – und behandelt dabei ebenfalls Themen wie Sexismus, sexualisierte Gewalt, FGM, Rassismus und Umweltzerstörungen. Letzten Endes geht es um Freund_innenschaften, weibliche Solidarität, dem Niederringen von Gegner_innen sowie die Kosten, die dies haben kann.

Ganz anders, aber nicht weniger fesselnd ist Okorafors Roman Lagoon (2014, Hodder & Stoughton). An einem Strand von Lagos, Nigeria, treffen eines Nachts eine Meeresbiologin, ein berühmter Ghanaischer Rapper und ein Soldat, der gerade seinem Vorgesetzten einen Fausthieb verpasst hatte, wie durch Zufall aufeinander, nur um dann von einer Welle verschluckt und wieder ausgespuckt zu werden. Nach ihnen tritt eine Schwarze Frau aus den Fluten, doch sie ist keine gewöhnliche Frau, sondern Abgesandte der im Ozean vor Lagos gelandeten Aliens und sie hat eine Nachricht an den nigerianischen Presidenten. So ein Alienbesuch geht natürlich nicht spurlos an einer Stadt vorbei, in Lagos bricht Chaos aus und mittendrin neben unseren Haupt-Protagonist_innen, Studenten, die mit Internet-Scams ihr Geld verdienen, eine LGBT-Gruppe, ein Prediger und eine Fledermaus. Und noch mehr steckt auf diesen 300 Seiten: Es gibt mythische Kreaturen im Meer, eine Straße, die sich selbst der „Bone Collector“ nennt und eine Geschichtenspinnende Spinne. Im Herzen der Geschichte steht eine Alien-„Invasion“, doch unterläuft Okorafor geschickt viele der typischen Darstellungen: Ihre Aliens besitzen keine großartigen Technologien, sie _sind_ Technologie, auch sind sie weder immanent gut oder schlecht, sie sind _Wandel_.

IMG_20150819_175128 In Kirsty Logans A Portable Shelter (2015, Association for Scottish Literary Studies) warten zwei Frauen, Ruth und Liska, auf die Geburt ihres ersten Kindes. Die Zeit nutzen sie um dem Ungeborenen Geschichten zu erzählen, die wichtige Lektionen für’s Leben beinhalten. Ruth erzählt ihre Geschichten tagsüber, während Liska arbeiten ist und Liska flüstert ihre nachts während Ruth schläft. Nur eine Bedingung haben sie sich gegeben: Sie wollen ihrem Kind nur die Wahrheit sagen. Die dreizehn Geschichten, die auf schottische Mythen zurückgreifen, könnten auch einzeln als Kurzgeschichten gelesen werden. Sie werden bevölkert von Meeresmenschen, Wölfen, Hexen, Geistern und dem Zirkus. Die Geschichten sind oftmals Wiederholungen von Geschichten, die andere Personen Ruth oder Liska erzählt haben und unterscheiden sich in Form, Stil und dem Grad wie ‚realistisch‘ sie sind. Aber genau darum geht es auch in diesem wundervollen Band: Was ist real? Was ist Wahrheit? Was macht unsere ganz eigene Wahrheit weniger wertvoll als die angenommene ‚faktische‘ Wahrheit? Der Roman nähert sich Fragen rund um das Erzählen an, den Geschichten, die wir uns erzählen um Dingen Sinn zu geben, den Erzählungen anderer und denen, die wir weiter geben wollen; es geht um die Unmöglichkeit einige Erfahrungen in Worte zu fassen und noch mehr die Unmöglichkeiten einige Geschichten anderer, die deren wichtigste Wahrheiten beinhalten, zu verstehen.

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