Einträge mit dem Tag ‘Sauereien’


Ungarns neue ZensorInnen

3. Januar 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 3 von 17 der Serie Im Osten nichts Neues?
Youtube-Capture Annamária Szalai bei einer Pressekonferenz

Youtube-Capture Annamária Szalai

In den letzten Wochen haben Ungarns neue Mediengesetze in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit für Aufregung gesorgt. Der rechtspopulistische Ministerpräsident Viktor Orbán, der das Land seit April mit einer Zweidrittelmehrheit regiert, zeigt sich von den Protesten wenig beeindruckt: „Nicht im Traum“ denke er daran, die Gesetze zu ändern. Offensichtlich nimmt Orbán die internationalen Drohungen nicht ernst – und hat wahrscheinlich Recht. Denn die europäische Reaktion ist nicht nur schwach, sie kommt auch sehr spät.

Was das Parlament in Budapest im Dezember verabschiedete war nur der letzte Teil eines beispiellosen allumfassenden Gesetzespakets, das öffentlich-rechtliche sowie private Radio- und Fernsehsender, Zeitungen und Internetportale praktisch unter die Kontrolle der Regierung stellt. Die neue Aufsichtsbehörde wurde schon im August gegründet, mit einem Vorstand, dem sogenannten „Medienrat“, der ausschließlich mit nationalkonservativen Anhängern der Regierungspartei Fidesz besetzt ist.

Die Zensurbehörde darf ab dem 1. Januar 2011 jede Medieninstitution mit hohen Geldstrafen belegen, wenn ihr die Berichterstattung nicht ausgewogen erscheint, aber auch, wenn sie das „öffentliche Interesse“ oder die „öffentlichen Sittlichkeit“ verletzt sieht. Die Direktorin der Behörde, Annamária Szalai, wurde von Orbán hochpersönlich ernannt – auf neun Jahre. Der Höhepunkt ihrer journalistischen Karriere hat Szalai in den frühen 1990er Jahren erreicht: Damals war sie Chefredakteurin bei dem Provinz-Pornoblatt „Miami Press“ in ihrer Heimatstadt Zalaegerszeg. Heute kritisiert sie die Medienschilderungen von Sex und Gewalt natürlich und tritt für öffentlichen Anstand ein.

Titel von Miami Press


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Mein Körper und die tschechischen Behörden

20. Dezember 2010 von Silviu
Dieser Text ist Teil 2 von 17 der Serie Im Osten nichts Neues?

Menschen, die aus ihren Ländern flüchten, weil sie aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen sexuellen Orientierung Verfolgungen oder sogar den Tod fürchten müssen, sollten am besten die Tschechische Republik meiden. Denn die Behörden in der Heimat Franz Kafkas prüfen gerne genau den Grund des Asylantrags, indem sie dem/der AntragstellerIn Hetero-Pornofilme vorspielen und dabei den Blutfluss im Penis oder in der Vagina messen. Gegen die Proteste der EU verteidigen die tschechischen Bürokraten ihre atemberaubende Neugier: Der Test sei freiwillig und diene nur als letztes Mittel der Feststellung der sexuellen Orientierung.

Also, abgeschoben und eventuell erhängt werden, oder lieber die Hose runterlassen? Wie die meisten – vor diese tolle Alternative gestellten – AsylbewerberInnen entscheiden, lässt sich leicht raten, wie die Spiegel-Geschichte zwei iranischer Jungen zeigt. Wie groß der psychologische Druck in einer solchen Situation ist, und was die ersten europäischen Eindrücke der AntragstellerInnen sind, können wir uns vorstellen. Hinzu kommt, dass die AntragsstellerInnen meistens keine Ahnung von ihren Rechten haben, um sich den Tests zu verweigern. Die Genauigkeit der Methode als empirischer Test lässt ebenso wenig Zweifel an der Intelligenz und Vernunft der Beamten vom tschechischen Innenministerium wie die Annahme, dass nur „echte Homosexuelle“, und nicht etwa bisexuelle oder vermeintlich Homosexuelle tatsächlich verfolgt werden können.

Merkwürdig ist auch die Geschichte der Tests. Die erste Version war nur für Männer geeignet und wurde in den 1950er Jahren ausgerechnet in der stalinistischen Tschechoslowakei erfunden, mit dem Zweck, „falsche Schwule“ zu identifizieren, die angeblich versuchten, unter dem Vorwand der sexuellen Orientierung den Wehrdienst zu umgehen. Später wurden neuere Versionen der Tests entwickelt, die den Blutdruck nicht nur im Penis, sondern auch in der Vagina messen können. Nicht nur der Körper der Militärverweigerer bot damals den tschechischen Ärzten und Bürokraten eine Oberfläche für ihre medizinisch-politischen Interventionen. Die Sterilisierung von Roma-Frauen fing ebenfalls unter dem Staatssozialismus an und ging nach der Wende weiter. Die letzten bekannten Fälle aus 2007 haben die tschechische Regierung zwar dazu bewegt, sich offiziell zu entschuldigen, Reparationsgeld wurde aber noch nicht bezahlt .


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Die ultimative Anleitung für Stereotypen-Bullshit

16. Dezember 2010 von Verena
Dieser Text ist Teil 44 von 54 der Serie In Bildern: Das denkt die Welt

Unsere Leserin Julia ist bei Tchibo über die Buch-Reihe “So macht man das! Das ultimative Anleitungsbuch” gestolpert.

Gruselig, was sich so alles zwischen Kaffeebohnen versteckt

Jawohl – gestolpert, denn, wie sie mit Recht auf Empörung schreibt, solche Bücher schaffen bei all denen Abhilfe, die das richtige Frau- oder Mannsein noch nicht drauf haben…

Die Grundaussage: Die rosa-herzige Damenwelt wünscht sich nichts sehnlicher, als sich zu stylen und fit zu halten (gerne mittels Kamelreiten), damit sie letzten Endes als heiratswert befunden wird. In der kühlblauen Technikwelt der Herren hingegen dreht sich alles darum, in Helden- und Player-Manier das riskante Leben zu meistern (Lawinen! Hitzewellen!) und mittels Zimmern von Baumhäusern oder Basteln von Kartoffeluhren Eindruck zu schinden.


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Nicht weiblich genug für die Rolle der Ballkönigin

13. Oktober 2010 von Helga

Vor kurzem berichteten wir über den Transmann Oak, der nicht Homecoming King an seiner US-High School werden durfte. Ein ähnliches Problem hat Andy Moreno. Die 18-Jährige wurde von Freund_innen als Homecoming Queen der North Dallas High School vorgeschlagen und erfuhr dann prompt von der Schulleitung, sie solle doch lieber versuchen, Homecoming King zu werden. Da es im Schuldistrikt von Dallas keine Vorgaben gibt, welche Bedingungen die angehenden Ballköniginnen erfüllen müssen, liegt die Entscheidung allein bei der Schulleiterin. Über ihre Auswahlkriterien hüllt sie aber leider den Mantel des Schweigens – außer Moreno wollte sich gegenüber der Presse niemand zu dem Thema äußern:

Nachdenklich stimmt auch, dass Moreno erklärt, sich extra unauffällig verhalten zu haben und jedem Ärger aus dem Weg gegangen zu sein, um nicht in das Klischee der „schwierigen Transgender“ zu fallen.


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Transgender Teen darf nicht “Homecoming King” sein

1. Oktober 2010 von Magda

Der 17jährige Transmann Oak besucht die Mona Shores High School im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan. Als die jährliche Wahl zum Homecoming King bzw. zur Homecoming Queen ansteht, mobilisiert der beliebte Teenager seine Mitschüler_innen per Facebook und kann so die meisten Stimmen für sich gewinnen. Die Krone darf Oak sich trotzdem nicht aufsetzen: Als er zur Schuldirektorin gerufen wird, teilt sie ihm mit, dass alle seine Stimmzettel für ungültig erklärt werden, weil er nicht als Junge sondern noch als Mädchen in der Schule gemeldet ist. Die Krone wird an den Zweitplatzierten weitergereicht.

Mal abgesehen vom Sinn oder Unsinn von Beliebtheitswahlen an US-amerikanischen High Schools demonstriert dieses Beispiel anschaulich, wie sehr die eindeutige Zuordnung zum “männlichen” oder “weiblichen Geschlecht” (bzw. was viele mit “Männlichkeit” und “Weiblichkeit” assoziieren) – und zwar nicht nur im Verhalten und Aussehen, sondern auch auf dem Papier – Voraussetzung für solche Wahlen sind. Auch wird hier deutlich, wie starr und unflexibel dieses System gleichzeitig ist: Ein Wechsel von weiblicher zu männlicher Geschlechtsidentität oder vice versa ist einfach nicht vorgesehen, geschweige denn Uneindeutigkeit in Bezug auf Geschlecht.

Um ein Zeichen gegen Transphobie und die Ausgrenzung von Transgenders zu setzen, tragen Oaks Mitschüler_innen heute in der Schule T-Shirts mit der Aufschrift “Oak is my King”. Auf der gleichnamigen Facebook-Seite bekunden sie ihre Solidarität mit Oak und sammeln Spenden für seine geplante Operation.

[Danke an Anna für den Link, via advocate.com]


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Du willst eine Gehaltserhöhung? Dann wasch den Intimbereich!

27. August 2010 von Helga
Dieser Text ist Teil 41 von 54 der Serie In Bildern: Das denkt die Welt
Anzeige aus dem Women's Day Magazine für summer's eve – Unter der Überschrift Confidence at Work: How to ask for a raise kommt als erster Tip, den Tag mit einer Dusche zu beginnen, inklusive Intimwaschlotion, sowie eine Packung Intimwaschtücher für zwischendurch einzupacken

Bild über Daily Kos - Draufklicken zur Großansicht

Eine Anzeige für summer’s eve erklärt im Women’s Day Magazine worauf frau achten sollte, wenn sie eine Gehaltserhöhung will. Das Wichtigste:

1: It should start with your usual routine and all the things you do to feel your best, including showering with Summer's Eve® Feminine Wash or throwing a packet of Summer's Eve® Feminine Cleansing Cloth into your bag for a quick freshness pick-me-up during the day.

Bild über Daily Kos

Ja liebe Ladies, für die berufliche Karriere ist ein frisch duftender Intimbereich das A und O (via twitter.com/ju_les).


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Polanski-Entschuldigungen und kein Ende

15. Juli 2010 von Helga

Fast schon ein wenig heimlich, mitten im weltweiten WM-Trubel, hat die Schweiz den Hausarrest für Roman Polanski aufgehoben. So berichtete die Tagesschau:

Zur Begründung teilte das Justizministerium mit, man habe nicht abschließend klären können, ob Polanski eine ihm 1977 auferlegte Strafe nicht bereits verbüßt habe.

Dass er der 13-Jährigen damals Alkohol und Drogen gab und sie anschließend vergewaltigte, dies zugab und schuldig gesprochen wurde, hat sich anscheinend rumgesprochen. Trotzdem wurde von Stars, Sternchen und Kommentator_innen unzählige Male sein Promibonus bemüht und das so offen wie sonst selten. Ungeachtet auch der Tatsache, dass Strafverfolgung heute nicht mehr auf dem Racheprinzip basiert, kann es darüberhinaus die Tagesschau nicht lassen, wiederholt zu bemerken:

Opfer forderte mehrfach Einstellung des Verfahrens […] Die Frau äußerte inzwischen mehrmals den Wunsch, das Verfahren solle eingestellt werden.

In einem Kommentar bei der taz setzt sich Kirsten Reinhardt mit diesem und den weiteren Euphemismen auseinander, die im Zusammenhang mit Roman Polanski gern verwendet werden:

[…] bleiben wir bei der Formulierung des “Sichvergehens”. Haben Sie dabei nicht auch einen kleinen Jungen im Kopf, der mit dem Finger in der Marmelade in der Speisekammer steht? Klingt das nicht wie ein Kavaliersdelikt? Ein kleines “Vergehen” eben?

[Achtung: Die Kommentare enthalten teilweise explizite Beschreibungen.]


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Militär, Google, Elterngeld, Caster Semenya, Rosa Taxis, UN Women, Bäuche und Anne Frank als Comic

8. Juli 2010 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 85 von 138 der Serie Kurz notiert

In Österreich haben die Hälfte der Frauen, die seit 1998 im Bundesheer aufgenommen wurden, den Dienst quittiert. DieStandard.at berichtet

Mögliche Gründe dafür sind das dreifach höhere Mobbingrisiko, dem Soldatinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen ausgesetzt sind und die “maskulinen” Werte beim Militär, die (unbewusst) die Ablehnung von Frauen fördern.

Der Jahreszeitenverlag strukturiert seine Redaktionen um, berichtet die taz. Dabei müssen vor allem Alleinerziehende, Mütter in Elternzeit und Behinderte gehen – dabei richten sich die meisten der Zeitschriften an Frauen und Familien.

Partner_innen in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften haben in den USA eine Steuer zu tragen, die für verheiratete heterosexuelle Personen nicht anfällt. Laut FAZ zahlt Google diese Steuer für seine homosexuellen Mitarbeiter_innen.

Spiegel berichtet, wie Besserverdienende das Elterngeld für Langzeiturlaube nutzen, während das Elterngeld Hartz-IV-Familien vom schwarz-gelben Sparpaket künftig gestrichen wird.

Die United Nations Vollversammlung beschloss am Freitagabend in New York, ein neues Ressort zur Unterstützung von Frauenpolitik einzurichten. Die neue Einheit, die aus vier kleineren Organisationen zusammengschloßen wird, heißt UN Women.

Wie der internationale Leichtathletikverband IAAF entschied, darf die Weltmeisterin über 800 m, Caster Semenya, nach einjähriger Sperre nun wieder starten – “als Frau” bei den Frauen.

Die Anne-Frank-Stiftung reagiert auf “veränderte Lesegewohnheiten bei Kindern und Jugendlichen” und veröffentlicht die Lebensgeschichte von Anne Frank nun auch als Comic.

Jessica Valenti von feministing ist schwanger und genervt von “gut gemeinten” Ratschlägen und Bauchgrabscher_innen.

Eine interessante Dokumentation namens “Die Rosa Taxis von Dubai” findet ihr auf ARTE.

Auf Dubais Straßen sieht man immer häufiger rosafarbene Taxis mit weiblichen Fahrern. Dass Frauen hinter dem Steuer von nicht für rein private Fahrten genutzten Fahrzeugen sitzen, ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine echte Revolution – und gleichzeitig eine große Errungenschaft für islamische Frauen.


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Doktorspiele im Mutterleib

5. Juli 2010 von Helga

Warum erst an kleinen Babies im Intimbereich herumdoktoren, wenn man bereits während der Schwangerschaft eingreifen kann? So lässt sich die Intention zweier Forscher_innen beschreiben, die seit längerem Schwangeren Medikamente verabreichen, um deren Auswirkungen an Neugeborenen zu testen. Betroffen sind Embyros, bei denen das Adrenogenitale Syndrom (CAH) vermutet wird. Bei dieser genetisch bedingten Krankheit ist die Hormonbildung, vor allem von Kortisol, gestört. Darüberhinaus kann es bei Jungen zur frühzeitigen Pubertätsentwicklung kommen, während Mädchen „vermännlichte” äußere Geschlechtsorgane besitzen, also eine vergrößerte Klitoris. Frühzeitige Hormonersatztherapie ermöglicht den Betroffenen heutzutage allerdings ein beschwerdefreies Leben, auch wenn die Hormone lebenslang genommen werden müssen.

Um den Mädchen mit vergrößerter Klitoris nun die möglichen psychischen Probleme zu ersparen, sowie die Folgen späterer „Klitorisreduktionen”, wird werdenden Müttern schon während der Schwangerschaft das Medikament Dexamethasone verabreicht. Ein Steroid, das eigentlich bei Entzündungs- und Autoimmunkrankheiten eingesetzt wird. Es verhindert einige der Symptome von CAH, vor allem die Vermännlichung weiblicher Embryos. Die weiteren, teilweise lebensgefährlichen Hormonprobleme werden allerdings nicht beeinflußt und die lebenslangen Hormongaben nach der Geburt bleiben weiter nötig. Die einzige Studie, die sich bisher mit den möglichen Nebenwirkungen beschäftigt hat, fand dafür noch Anzeichen leichter geistiger Behinderungen. Mit nur 26 Teilnehmerinnen sind die Ergebnisse jedoch nur begrenzt aussagekräftig.

Trotzdem bekommen Schwangere das Mittel, wenn die Möglichkeit besteht, dass das Ungeborene an CAH leiden könnte. Dabei ist der frühzeitige Einsatz wichtig. Genetische Untersuchungen sind allerdings erst später möglich, so dass im Zweifel völlig gesunde Embryos unnötigen Steroidgaben ausgetzt werden, ebenso Jungen, bei denen diese pränatale Behandlung nicht sinnvoll ist.

Alice Dreger und Ellen K. Feder, die bereits die operativen Klitorisverkleinerungen an jungen Mädchen kritisierten, weisen abermals daraufhin, dass die meisten weiteren Studien und Untersuchungen nie von Institutional Review Boards (IRB) auf ihre ethischen Implikationen untersucht und die Eltern über mögliche Nebenwirkungen nicht aufgeklärt werden. Überhaupt: Dass Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsorganen psychische Probleme bekommen, ist nicht bewiesen. Stattdessen geht es eher um elterliche Ängste und ärztliche Normvorstellungen. Welche das genau sind verraten die Forscher_innen Maria New und Heino Meyer-Bahlburg in ihren Veröffentlichungstiteln. (weiterlesen …)


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Weiblich, Kind und Karriere? Haha.

1. Juli 2010 von Helga

Anfang der Woche fand ich bei der FAZ einen Artikel über den Wandel von Krankenhäusern und Universitäten, wenn es um Teilzeitarbeit geht. Die Zukunft der Medizin sei weiblich hieß es, schließlich steigt seit Jahren der Anteil der Medizinstudentinnen. Doch diese bekommen Babies und daher sei es dringend nötig, sich auf die sich verändernden Anforderungen der Mitarbeiter_innen einzustellen. Nicht zu unterschätzen seien natürlich auch die Vorteile:

Dass sich das auch lohnt, zeigt die Prognos-Studie „Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen“ im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau hat anhand der Untersuchungsergebnisse erklären können, warum die Fluktuation von 34 Prozent Ende der siebziger Jahre auf 8 Prozent bis 2004 sinken konnte: Wegen vieler Teilzeitangebote schon während der Elternzeit und auch danach kehrten fast alle jungen Eltern zum Krankenhaus zurück. Überbrückungs- und Wiedereingliederungskosten fielen weg, das Krankenhaus machte sogar mit seiner Kindertagesstätte einen Gewinn von 82.000 Euro.

Dies ist übrigens fast der einzige Absatz, der von jungen Eltern spricht, ansonsten dreht es sich um Frauen, Mütter, Ärztinnen. Kinderbetreuung wird weiterhin als Frauenproblem gesehen, dabei wollen junge Väter sich heutzutage ebenfalls um ihre Kinder kümmern. Ein weiterer Artikel auf SpiegelOnline demonstriert aber leider, dass Kinderbetreuung weiter an den Müttern hängt, für die das gleichzeitig das Karriere-Ende bedeutet. Die Vorteile von Teilzeitstellen, Kinderbetreuung und Mitarbeiter_innenloyalität scheinen sich in allen anderen Branchen noch nicht herumgesprochen zu haben. Aus den Horrorstories:

Im Herbst 2006 kam dann unser zweites Kind zur Welt. Jetzt wurde es deutlich kritischer. Mehrfach habe ich Aussagen gehört wie: ‘Na, mit zwei Kindern wirst Du ja wohl nicht mehr arbeiten, oder?’ Und: ‘Das wird ja jetzt viel komplizierter für dich zu koordinieren. Geht das überhaupt?’

Manchmal scheint es sogar zuviel verlangt, wenn frau noch Geld für ihre Arbeit möchte.

Nach meinen ersten Erfahrungen bei der Job-Suche verstehe ich, warum sich Frauen so viel bieten lassen, wenn sie erstmal eine Teilzeitstelle ergattert haben: Die Vertragsbedingungen waren teilweise grotesk. So bot mir eine Agentur ein Gehalt an, das hochgerechnet auf eine Vollzeitstelle geringer war als der Tariflohn eines Auszubildenden.

Es ist das Jahr 2010 aber der Stand unserer Familienfreundlichkeit und Gleichstellung scheint noch in 1950 festzuhängen.


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