Wer’s braucht
Tuesday, September 30th, 2008 von Barbara
Sexy Titten-Mauspad und sexy Titten-Maus. Über feministing.com

Sexy Titten-Mauspad und sexy Titten-Maus. Über feministing.com
Die olympischen Spiele interessieren mich, wie alle anderen Profisportwettbewerbe außer Fussball, praktisch nicht. Was ich aber zugegebenermaßen immer wieder gerne gesehen habe, ist: Turnen. Spezifisch, Frauenturnen. Das liegt zum einen an diversen biografischen Anteilen. Zum anderen bereitet es mir, und vermutlich der großen Gemeinschaft der Turnfans auch, vor allem ästhetische Freude, leichten, geschmeidigen Menschen dabei zu zusehen, wie sie wahnsinnig anspruchsvolle Tricks vollziehen, und absolute Körperbeherrschung dabei zeigen.
Das Problem ist leider: Der internationale Frauenturnsport ist wahrscheinlich eine der brutalsten Disziplinen überhaupt. Die Anmut, welche die jungen Damen am Stufenbarren und auf dem Boden an den Tag legen, entsteht nur unter extremem Druck und steinhartem Training. Wer das Thema ein bisschen verfolgt hat, hat vermutlich schon von den Dressuranstalten des chinesischen Kaders gehört; aber auch in den USA oder Russland geht es Turnerinnen körperlich nicht viel besser.
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He Kexin ist vermutlich erst 14, turnt aber bei den olympischen Spielen.
Während Männer eigentlich erst nach der Pubertät anfangen können, auszutrainieren, endet eine Turnerkarriere für die meisten Frauen mit: 20. Die Journalistin Diane Francis bezeichnet den professionellen Turnsport als Kindesmissbrauch. Sie schreibt, dass eine Turnerinnenausbildung bei Mädchen im Alter von fünf, sechs Jahren beginnt und ab diesem Zeitpunkt ein geradezu gewalttätiger Kampf gegen die Pubertät sei. Wenn so eine Turnerin dann durch ist, hat sie nicht nur keine Zukunft im Sport, sondern auch einen kaputten Körper. Doch um die Punktzahlen zu erreichen, sind Niedrigstgewicht und Kinderformen nunmal nötig - bei den Männern geht es viel mehr um die Kraft, also, um ein erwachsenes Attribut.
Während sich die Beweise verdichten, dass China mindestens ein 14-jähriges Mädchen aufgestellt hat (die Altersuntergrenze ist 16) und Jacques Rogge vom IOC dazu nur mit den Achseln zuckt, offenbart sich der Turnsport als ein weiteres Gebiet, auf dem Mädchenkörper geschunden werden. Natürlich ist Hochleistungssport fast immer gesundheitsschädlich, das beschränkt sich nicht auf Turnerinnen und schon gar nicht auf Frauen. Und gerade die US-Turnerinnen werden ja nicht versklavt oder zu ihrem Glück gezwungen. Aber die Tatsache, dass schon kleine Mädchen in diese Maschinerie kommen, ihren Körper nicht erlaubt wird, sich zu entwickeln, und sie dann, sobald sie erwachsen sind, ausgespuckt werden - das offebart doch eine frappierende Missachtung des weiblichen Körpers. Zu fragen ist, wieso die Turnregeln eigentlich nicht an ein halbwegs natürliches Frauenkörperbild angepasst werden können? Und wieso ein weiteres riesiges, profitables System auf der Zerstörung weiblicher Körper aufgebaut werden kann, in einem Bereich der angeblich irgendwann mal etwas mit Fairness und Chancengleichheit zu tun hatte. Aber, stimmt: Wir sind ja bei den Olympischen Spielen und das ist nun mal die wichtigste Plattform für das Turnen.
Schade, denn Turnen ist ein so schöner Sport. Doch letztlich ist es bei diesen Bedingungen so, dass wer sich das gern ansieht, genau so gut voller Freude und ganz bewusst Produkte aus Kinderarbeit kaufen kann.
Saudi-Arabien, Land des Öls, der Klimaanlagen (Riad hat den 20.-höchsten Kohlenstoffdioxidausstoß der Welt) und der Avantgarde in Sachen Tschador. Du bist immer wieder gut für eine charmante Nachricht, diesmal in Kombination:
In der südwestlichen saudischen Provinz Jizan ist ein Mitglied der religiösen Polizeiwegen Polygamie verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, sechs Frauen geheiratet zu haben, drei Landsleute und drei Yemenitinnen. Der 56-jährige streitet die Vorwürfe ab und gibt an, er habe sich scheiden lassen, von zwei der Frauen. Damit wäre er dann wieder am legalen Limit. Vier Frauen auf einen Mann, das ist die Obergrenze in Saudi-Arabien. Muss reichen.
In weiteren Nachrichten:
Männer in der saudischen Hauptstadt Riad dürfen seit neustem keine Haustiere mehr besitzen. Als Grund für die Verordnung wurden schändliche Versuche männlicher Hundebesitzer, mit Frauen und Kindern in Kontakt zu treten, angegeben. Jedes Tier, ob angeleint oder nicht, wird in Verwahrung genommen.
Die Verordnung gilt nicht für Frauen. Na, was. Dürfen Saudi-Araberinnen nun bald vom Führerschein träumen?
In der Serie “Der Kommentar” veröffentlichen wir ab sofort eure Gedanken zu einem Thema eurer Wahl. Den Anfang macht Ani K., die über unerwünschte Anmachen in der Disco schreibt:
Ich geh gern tanzen. Samstagabends hüpfe ich meist bis fünf Uhr morgens zu irgendwelchen Beats herum. Dass da auch andere auf der Tanzfläche sind, kriege ich meist gar nicht mehr richtig mit. Da ich aber rein optisch schnell als Frau erkennbar bin, wird mir die Tatsache, hier nicht allein zu sein, allerdings häufig recht aufdringlich ins Bewusstsein gerufen. Eine Disko ist nun mal ein Ort der Anmache, des Kennenlernens und auch des Körperkontaktes – in dieser Reihenfolge kann das alles beim Tanzen passieren.
Ich bin allerdings immer davon ausgegangen, dass Menschen von vorne zunächst doch interessanter sind als von hinten. Das scheinen manche anders zu sehen. Während meines letzten Diskobesuchs wurde mein Tanzen plötzlich von der Empfindung unterbrochen, ich hätte etwas am Po kleben. Ziemlich schnell war klar, dass es sich dabei um die Leistengegend eines mir unbekannten Diskobesuchers handelte, die, meiner Hüfte folgend, treu jede meiner Bewegungen mitmachte. Der zu der Leiste Gehörende legte dann alsbald zwecks Ausbalancierung seine Hände aus meine Oberschenkel. Mittlerweile hatte ich zunehmend das Gefühl, hier würde eine Art Analverkehr in Klamotten simuliert, wobei mir der anale Part zugedacht schien. Zufälligerweise wurde ich in diesem Moment sehr durstig, entwand mich der Umklammerung des mittlerweile eher (leicht neben dem Rhythmus) bum… als Tanzenden und ging etwas trinken. Dass ich in den restlichen 3 ½ Stunden in dieser Disko noch genau viermal etwas (und zwar immer wieder einen anderen Unbekannten) am Po kleben hatte, finde ich merkwürdig.
Ich tanze gerne, allein, aber auch zu zweit, und ich habe absolut nichts gegen sexy tanzen, sexy sein oder Sex überhaupt, in welcher Position und mit wem auch immer. Ich lasse mich gerne anmachen und würde mir wünschen, öfter mal den Mut zu haben, jemanden anzumachen.
Aber vielleicht möchte ich ja bei potenziellen (sexy) Tanzpartnern erst mal wenigstens wissen, wie sie aussehen; zumindest spontan sympathisch finden möchte ich Menschen doch, bevor sie mir unerwartet (und oft auch unerwünscht) buchstäblich in den Allerwertesten kriechen.
Beschwere ich mich jedoch über diese „Anmachtechnik“, sage ich nur ein Wort darüber, um mehr zu tun als mich immer nur flink der „Penetration“ zu entziehen, ernte ich bloß ein müdes „Dann zieh dir halt nicht so einen kurzen Rock an“.
Nach der Disko-Nacht fragte mich mein Vater: „Na, waren hübsche Jungs da? Haben euch viele angesprochen?“ Tja. Natürlich waren hübsche Jungs da! Wenn sie uns bloß mal angesprochen hätten!
ANI K.
Dir brennt auch ein Thema auf den Nägeln? Schreib einen Kommentar an: mannschaftspost(at)web.de
Vorletzte Woche sah ich auf Arte eine sehr gute und erschütternde Reportage über Mädchen und Frauen in Indien. Jetzt ist die Dokumentation auch endlich online zu sehen. Sie zeigt die ganze Komplexität des Themas: dass weibliche Föten abgetrieben werden, weil nach indischem Recht Frauen nicht erben können. Stattdessen steigen die Erwartungen an die Mitgift einer Braut mittlerweile ins Unermessliche. Und je weniger Frauen es in Indien gibt, desto weniger Mitspracherechte haben sie auch.
Organisationen wie Save A Girl Child kämpfen dagegen an, dass Mädchen in der indischen Gesellschaft so missachtet werden. Sie filmen mit versteckter Kamera in Abtreibungskliniken. Sie unterstützen Frauen, wenn diese ihre Tochter nicht abtreiben. Sie bringen Ärzte vor Gericht, die neugeborene Mädchen auf Geheiß der Eltern “verschwinden” lassen. Sie veranstalten Geburtsfeste auch für Mädchen, obwohl diese normalerweise nur bei der Geburt eines Jungen stattfinden.
(Foto über Arte)

Sie ist überall: Bei Maischberger hat sie diskutiert (wovon u. a. Spiegel Online und die FAZ berichteten), Spiegel Online hat über sie geschrieben und in der Taz war sie auch schon zweimal („Keine ist so krass wie ich“, 2006 und „Ich stehe für vaginale Selbstbestimmung“ 2008). Niemand kommt mehr so richtig an der eigenwilligen Erscheinung der Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray vorbei, die für sich proklamiert, sie vertrete eine neue Art von Emanzipation. „Ich stehe für vaginale Selbstbestimmung,“ ist der Titel des Taz-Interviews vom 1 April. Dabei ist es oft etwas schwierig, zwischen all den Provokationen herauszulesen, was sie wirklich will. Ein bisschen aggressiv kommt sie manchmal rüber:
“Ich habe viel Wut in meiner Möse, und die muss ich rauslassen.“
Doch was steckt hinter solchen Songs wie „Ich hasse dich!“, in dem Jeannette Biedermann und Sarah Connor ihr Fett wegkriegen?
“Die zwei sind oberflächliche Musterfrauen, die ich verachte. Die achten darauf, wie sie reden, wie sie singen, die verhalten sich oberflächlich. Sarah Connor ist unerträglich. Die beiden haben sich doch hochgeschlafen. Ich ertrage diese oberflächliche Gesellschaft nicht.”
Nicht wirklich sympathisch, oder?
Wenn man die Lady Bitch Ray erfassen will, muss man weiter ausholen. Denn im Gegensatz zu Rappern wie Frauenarzt oder King Orgasmus One, die Pornorap berühmt und berüchtigt gemacht haben, hat sie Abitur und sogar ein abgeschlossenes Studium in Germanistik. Ihre Magisterarbeit hatte das Thema „Jugendsprache anhand der Darstellung der Jugendkultur Hiphop“ und wurde wegen ihrer ausgesprochen guten Qualität und vor allem Aktualität in einer Anthologie im Brockmeyer-Universitätsverlag veröffentlicht. Aber: Eine Germanistin, die mit Wörtern wie „Möse“, „Ficken“, „Fotze“ und „Schwänze“ inflationär umgeht, ist einfach nur irritierend. Eine Frau, die irgendwie aus sämtlichen Rahmen purzelt.
Der Ehemann von Sarah Connor, Marc Terenzi, wird dann mal aben als Schwuchtel betitelt und die Taz fragt:
“Das ist ganz schön homophob, was?”
Doch in eben solche Raster (”wer Schwuchtel sagt, ist homophob“) lässt sich Frau Sahin nicht pressen.
“Weil ich Schwuchtel sage? Im Rapkontext ist es ein gängiger Begriff. Ich habe natürlich nichts gegen Schwule, mein Friseur ist schwul. Ich will Marc Terenzi aber einfach niedermachen.“
Sie weiß wovon sie spricht, darüber hat sie ihre Magisterarbeit geschrieben.
Doch in die Köpfe so mancher JournalistInnen (und LeserInnen) will das nicht reingehen. Sie regen sich auf, sie machen sich lustig, sie schütteln ihre Köpfe. Da wird die Lady Bitch Ray mal zu ernst, dann wieder zu wenig ernst genommen. Denn sie ist nicht nur angetreten, um für „vaginale Selbstbestimmung“ zu kämpfen, sie sagt im Taz-Interview auch:
“Mir ist es wichtig, dass das Opferbild der Türkin geändert wird. Ich mache das krasse Gegenteil davon, was von einer Türkin erwartet wird.“
Ob ihr das mit mit Vulgärsprache und körperlich dargestellter Provokation wohl gelingt?
Wahrlich, eine harte Nuss, diese Lady einzuordnen, angesichts so vieler Chiffren, künstlerischer Schnörkel, kühl kalkulierten Provokationen, politisch und sozial komplizierten Hintergründen und psychologischen Selbstzeugnissen wie „ich habe zwar eine Profilneurose und bin Narzisstin …” Als FeministIn kann und muss man einige „Techniken“ dieser Frau kritisieren. Sexuelle Reize werden derart penetrant in den Vordergrund gestellt, dass man sich zwischen Abstoßung und Faszination hin- und hergerissen fühlt. Außerdem bleibt die Frage nach dem Effekt: Kann dies wirklich ein Beitrag zu mehr Geschlechterdemokratie sein? Braucht es dafür nicht ein bisschen mehr Ernst? Ein bisschen mehr “Haltung statt Posen”? Zudem sind die Botschaften oft sehr widersprüchlich – Feminismus paart sich bei Sahin mit heftigen Rollenklischees, wie in den „10 Geboten des Vagina Styles“:
“Du hast einen Grund zu feiern: Du hast eine Möse und du bist eine Frau, die weiß, was sie will.”
- Daumen hoch! Aber dann wieder:
“Wenn du Geld verdienst, sei dir nicht zu geizig für Kosmetika, Klamotten und Highheels, das ist ne clevere Anlage. Dein Körper ist dein Kapital, Baby.”
Puh.
(Dank an Kathrin und Timo für die Links.)

Frauenfeindlicher geht es kaum: das “Bitchcruiser”-Fahrrad, das wie einige andere Sachen den weiblichen Körper einfach mal hoppla-hopp zum Ding degradiert. Zum Kotzen.
Über Feministing
Uargh, hier langt eine gutgemeinte Werbung mal so richtig ordentlich daneben:

Text: Wenn du in einem jungen Mädchen mehr siehst, brauchst du Hilfe. Wenn du über 18 bist und Sex mit einer Minderjährigen hast, ist das gesetzlich eine Vergewaltigung.
Eine US-amerikanische Agentur, die sich gegen Gewalt in Familien einsetzt, will hiermit Kindesmissbrauch verhindern. Fragt sich nur, ob eine Werbung, die kleine Mädchen in einen sexuellen Kontext bringt, da so hilfreich ist. Zumal, wie sämtliche Kommentare im Netz betonen, das Konzept vorne und hinten nicht passt: Päderasten sehen kleine Mädchen ja nicht als erwachsene Frauen, sondern fetischisieren sie für das was sie sind: Kinder. Mal ganz abgesehen davon, dass es einfach stinkt, wenn mit sexy Bildern Gewaltprävention betrieben werden soll. Man kann nur hoffen, dass diese Werbung nicht gedruckt wird.
Über Jezebel
Wie wir gestern kurz berichteten, hat die 38-jährige Versicherungsspezialistin Sule Eisele ihren Arbeitgeber verklagt, weil der ihren Job neu besetzte, nachdem sie ankündigte, in den gesetzlich geschützten Mutterschutz zu gehen. Wir haben Sie gebeten, uns von ihrem Fall zu erzählen:
Wie geht es Ihnen momentan und wie ist der Stand Ihres Arbeitsverhältnisses?
Ich bin wütend, traurig, genervt, müde, gedemütigt. Aber auch kampfbereit und mit erhobenem Haupt. Ich bin es mir und meiner Familie schuldig. Und ich bin es auch den anderen Opfern schuldig, die keine Kraft zum Widerstand spüren. Mein Arbeitsverhältnis ist unklar. Ich bin noch bei der R+V angestellt, kann seit meiner Rückkehr vom Mutterschutz nicht arbeiten, da meine EDV nicht freigeschaltet ist und ich nicht zu meiner alten Diensstelle darf und auch nicht zur Neuen, die man mir aber auch nicht zuweisen durfte. Ich werde seit der Rückkehr aus dem Mutterschutz dafür bezahlt, dass ich nicht zur Arbeit gehe. Wie soll man sich da fühlen? Ist Mutterwerden eine ansteckende Krankheit?
War Ihnen klar, dass Sie einen Präzedenzfall schaffen, wenn Sie Ihren Arbeitgeber verklagen?
Davon können Sie ausgehen! Mein erster Rechtsanwalt sagte: “Es gibt keine Präzendenzfälle, also lassen wir die Finger davon.” Aber: Wie soll es unter solchen Umständen jemals zu Präzedenzfällen kommen? Ich will das Ganze eigentlich nicht. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich habe am Beispiel von Kolleginnen gesehen, wie der “normale Weg” geht. Die “Stille Kündigung”, die dich dazu bringt, eine lächerliche Abfindung als Erfolg zu werten und dann ohne Arbeit dazustehen. Das ist keine Lösung.
Hatten Sie Angst? Was hat Sie motiviert, das durchzuziehen?
Ich habe jetzt noch Angst. Und diese Angst werde ich wohl auch nicht mehr ablegen. Mich hat der Rückhalt meiner Familie, insbesondere meines Mannes geholfen. Für meine Familie steige ich in den Ring, gegen wen es auch immer sein muss. Nicht weil ich will. Aber ich lasse uns nicht einfach so in Hartz 4 abschieben. Ich habe ein Magister in Germanistik, eine “Ausbildung” als Versicherungsfachfrau, Erfahrung im Vertrieb, eine Zusatzausbildung als Spezialistin für Personenversicherungen. Das alles soll umsonst gewesen sein, nur weil ich mit 38 Jahren das Glück hatte, ein Kind zu bekommen?
Wie ist momentan der Kontakt zur R+V, zu Kollegen und Ihren (Ex-) Chefs?
Kein Kontakt! Ich gehe davon aus, dass sie immer noch davon ausgehen, dass ich genervt Elternzeit beantragen werde und sie im Nachhinein ihr Handeln legitimieren können.
Was wollen Sie den Frauen da draußen sagen, die in eine ähnliche Situation wie Sie geraten?
Zuerst einmal, dass wir Frauen solidarisch sein sollten. Ich habe zu häufig gehört: “Was willst du eigentlich? Wir werden doch alle schickaniert und wenn wir uns wehren, ergeht es uns schlecht.” Dann gibt es auch noch die, die jetzt Kommentare in der SZ schreiben. “Ich wurde doch auch gemobbt, und mir gab keiner was. Warum soll die soviel Geld kriegen?” Ist es so schwer zu kapieren, dass mein Fall auch anderen Frauen helfen kann? Dass wir solange diskriminiert werden, bis wir uns wehren? Hätte “Lieschen Müller” vor einem Jahr erfolgreich und medienwirksam geklagt - und ich bin mir sicher, dass es genug diskriminierte “Lieschen Müllers” gibt - dann hätte ich nicht klagen müssen. Dann hätte mein Vorgesetzter nicht einmal daran gedacht, so etwas abzuziehen. Alleine steht man das Ganze aber nicht durch. Davon bin ich überzeugt. Wir Frauen brauchen Netzwerke und wir brauchen solidarische Unterstützung. Und Mut, der nicht aus der Verzweiflung geboren ist! Wenn uns schon die großen Fische schlucken - sorgen wir für eine schwere Verdauung!
Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe (jetzt auch online), dass es eine erste Klage gegen einen Arbeitgeber wegen Geschlechterdiskriminierung gibt. Die 38-jährige Sule Eisele war bis 2007 beim Versicherer R&V angestellt. Ende 2006 informierte sie ihren Chef über ihre Schwangerschaft und bat um drei Monate Mutterschutz - Erziehungszeit wollte sie nicht in Anspruch nehmen, da ihr kranker Mann zuhause die Kinder betreut. Trotzdem wurde ihr an ihrem letzten Tag ihr Nachfolger vorgestellt, die Hochschwangere erlitt einen Nervenzusammenbruch.
Einige Monate später sprache Eisele noch einmal mit ihrem Chef und bestand darauf, wieder in das Unternehmen einzusteigen. Er bot ihr jedoch nur einen vergleichsweise schlechteren Job an. Außerdem sperrte er ihren E-Mail-Account und versagte ihr eine anstehende Schulung. Sule Eisele entschloss sich, ihren Arbeitgeber, die R&V, zu verklagen: auf 500.000 Euro.
Das ist die erste Klage seit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes 2006. Demnach darf niemand wegen seines Geschlechts, Herkunft, Religionszugehörigkeit oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Der Fall wird Vorbildfunktion haben für zukünftige Schadensersatz-Urteile und -Summen. Die Anwälte von Sule Eisele haben die Klagesumme absichtlich so hoch gesetzt, da zum Beispiel EU-Vorgaben ausdrücklich eine abschreckende Wirkung der Strafe vorsehen. Und mit einer halben Million wäre die R&V noch gut bedient: In Amerika wurden 2005 einer Brokerin 29,3 Millionen Dollar wegen Diskriminierung zugesprochen, deren Chef sie eine “alte, hässliche Frau” nannte.
Auf jeden Fall ist der Mut der Sule Eisele zu bewundern, denn wer seinen Arbeitgeber verklagt, kann sich damit durchaus die gesamte weitere Karriere verbauen. Und anders als in den USA gibt es in Deutschland keine ausgeprägte Klagefreudigkeit. Aber gewinnt sie den Fall, werden sich Arbeitgeber in Zukunft zweimal überlegen, eine Hochschwangere vor die Tür zu setzen. Wirklich bewundernswert mutig!