Sarah Diehl, geboren 1978, ist Dokumentarfilmerin und Autorin (ihr Buch „Brüste kriegen“ wurde 2004 im Verbrecher Verlag veröffentlicht). Sie hat in Eigenregie den Film „Abortion Democracy: Poland/South Africa“ gedreht. Ein Film, der sich einerseits an das Personal in Krankenhäusern wendet, „denn nur wenn diese Menschen Abtreibung als Menschen- und Frauenrecht wahrnehmen, werden Frauen auch Zugang zu einer sicheren Versorgung haben“. Daneben will sie die Politik erreichen, deutschlandweit sowie auf EU-Ebene und bei der UNO, damit die Perspektive der betroffenen Frauen gesehen wird und nicht nur auf einer rein theoretischen Ebene über Schwangerschaftsabbruch spekuliert wird, fern von den einzelnen Schicksalen.
Dein Dokumentarfilm „Abortion Democracy: Poland/South Africa“ ist gerade erschienen. Warum hast du dich auf die Länder Polen und Südafrika beschränkt?
Die beiden Länder stehen exemplarisch dafür, wie unterschiedlich Frauenrechte in einer Demokratie beurteilt werden: Die Solidarnosc-Regierung in Polen hat Anfang der neunziger Jahre Abtreibung fast vollständig illegalisiert, da sie sich somit die Unterstützung der katholischen Kirche sichern wollte. Südafrika hat Abtreibung im Zuge der Reform des Gesundheitssystems nach dem Ende der Apartheid legalisiert, da sie die Ungerechtigkeit und Notwendigkeit gerade für arme Frauen anerkannten.
Das Interessante ist, dass die Zahl der Abtreibungen und der Zugang zu sicheren Eingriffen nicht nur damit zusammenhängen, ob Abtreibungen legal oder illegal sind. In Polen ist es etwa trotz der Strafbarkeit relativ leicht, an eine illegale aber sichere Abtreibung zu kommen: Für ein entsprechend hohes Honorar bieten viele Ärzte – die deshalb auch ein großes Interesse haben, dass Abtreibung illegal bleibt und sich auch öffentlich gegen Abtreibung aussprechen – den Eingriff an. In Südafrika, wo Abtreibungen dagegen offiziell legal sind, haben es Frauen oft schwer, Zugang zu Informationen und sicheren Eingriffen zu bekommen, weil die Mentalität des Gesundheitspersonals nach wie vor konservativ und wertend ist und die Gesundheitsversorgung allgemein sehr schlecht ist.
Bei meiner Recherche habe ich erkannt, dass nur ein fundamentaler Wandel der Einstellung zu Abtreibung und Verhütung sicherstellen kann, dass Frauen tatsächlich die Möglichkeit haben, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden. Wenn Ärzte sich aus moralischen Gründen weigern, den Eingriff durchzuführen oder die Pille herauszugeben, hilft auch eine gesetzliche Legalität des Abbruchs nicht. Außerdem wird Abtreibung oft von politischen Parteien instrumentalisiert, um Wählerstimmen zu bekommen, – das passiert vor allem in Nord- und Südamerika ganz massiv – denn es ist immer leicht sich als „Lebensschützer“ zu inszenieren, wenn man die Perspektive und das Leiden der Frauen verschweigt.
Viele Frauen kommen in deinem Film zu Wort und sprechen vor der Kamera über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Du betonst „the importance to speak out“ – welche Öffentlichkeit hat das Thema Schwangerschaftsabbruch derzeit? Und wie vergleichst du die Öffentlichkeit in Deutschland damit?
Zwar war Abtreibung ein Hauptmotiv für die westliche Frauenbewegung in den sechziger und siebziger Jahren, aber seither ist es relativ still darum geworden. Sogar Anfang der neunziger Jahre, als in Deutschland das Gesetz im Zusammenschluss von Ost- und Westdeutschland zwischen den Parteien neu ausgehandelt wurde, gab es kaum feministische Mobilisierung für eine komplette Legalisierung des Abbruchs. Abtreibung ist hier immer noch illegal aber geduldet, deshalb kann der Zugang dazu willkürlich erschwert werden. Die Zwangsberatung stellt in dem Zusammenhang ein großes organisatorisches Problem gerade im ländlichen Gebiet dar. Außerdem müssen jährlich noch etwa 1300 deutsche Frauen nach Holland reisen, um eine sichere Abtreibung zu bekommen und es gibt auch hier viele Fälle, wo arme und illegalisierte Frauen versuchen, selbst einen Abbruch vorzunehmen, was schlimme gesundheitliche Risiken birgt.
Ich denke, es muss genau im Auge behalten werden, wie sich bereits international vernetzte Abtreibungsgegner auch hier organisieren und versuchen, die Diskurshoheit über Abtreibung zu gewinnen. Gerade wurde ein Urteil des Bundesgerichtshofes gefällt, das besagt, dass ein Arzt einer Abtreibungsklinik als „Tötungsspezialist für ungeborene Kinder“ bezeichnet werden darf. Eine städtische Klinik in Passau stellt Ärzte nur an, wenn diese ein Dokument unterschreiben, das besagt, dass sie niemals Abbrüche vornehmen würden. Gerade wird ein neues Gesetz zur Spätabtreibung verhandelt, das auch Abtreibung allgemein in Frage stellen wird. Und in mehreren deutschen Großstädten gibt es jedes Jahr immer größere Demonstrationen von sogenannten „Lebensschützern“.
Abtreibung ist ja doch ein Evergreen-Thema für Feministinnen. Wie sollte der Schwangerschaftsabbruch deiner Meinung nach geregelt werden?
Leider ist Abtreibung keineswegs ein Evergreenthema für Feministinnen. Auch heute ist das Thema kaum noch präsent, was meiner Vermutung nach zwei Gründe hat:
Erstens fokussieren sich feministische Gruppen oder die Gender Studies entweder auf Identitätspolitik oder auf die Dekonstruktion von Geschlecht. Dabei wurde bisher außer Acht gelassen, dass sich Themen wie Abtreibung oder Verhütung sehr wohl anbieten, Geschlechterkonstruktionen zu hinterfragen. Die Institution der Heterosexualität bezieht ihre natürliche Legitimation vor allem aus der zweigeschlechtlichen Reproduktion. Diese zu unterlaufen, die gesellschaftliche Konstruktion von Mütterlichkeit und Väterlichkeit zu hinterfragen und sich dem ‚natürlichen’ Schicksal durch einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern, sind für die Dekonstruktion der Kategorie Gender sehr hilfreiche Tools. Aber wenn es bei feministischen Themen um sexuelle Selbstbestimmung geht, wird der Schwangerschaftsabbruch da leider oft nicht mehr mitgedacht. Schwangerschaft und Abtreibung werden oft leider als Thema des Second Wave- und des Differenzfeminismus abgehakt. Zudem wird das unter jungen Feminist/innen populärere Queering normalerweise mit der Überschreitung der Geschlechtergrenzen zwischen männlich und weiblich und mit offen zur Schau gestellter sexueller Nonkonformität verbunden – und nicht mit einer heimlichen Verweigerung innerhalb einer Geschlechterrolle.
Zweitens glaube ich, dass Frauen suggeriert wird, dass sie nun besser mal Ruhe geben und vor allem nicht mehr auf das moralische Recht auf den Abbruch beharren sollten, so dass sie sich nicht mehr trauen, ein so tabuisiertes Thema offen anzusprechen und auf die ganzen Probleme der neutralen Informationsbeschaffung, der Organisation und des Zugangs zu Abbrüchen hinzuweisen. Die meisten westlichen Frauen denken eben, sie kriegen schon irgendwie einen Abbruch, wenn sie einen brauchen und wollen sich mit diesem stigmatisierten Thema nicht weiter befassen. Dabei vergessen wir auch gerne unsere Schwestern aus dem Süden, ebenso wie arme, ungebildete und illegalisierte Frauen: Weltweit stirbt laut WHO alle sieben Minuten eine Frau an einem unsicheren, weil illegalen Abbruch. Dies bezeugt nur, wie groß der soziale und ökonomische Druck für Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft ist: Die Frauen riskieren alles dafür. Sexualität lässt sich nicht vollkommen disziplinieren, vor allem nicht wenn die Verantwortung dafür immer noch auf Frauen abgewälzt wird und auch bei gewissenhafter Verhütung kann es zu Pannen kommen. Da Frauen immer der Willkür von Gesundheitspersonal und Politikern ausgesetzt sind, denke ich ist es sogar notwendig ein Recht auf Abtreibung zu formulieren und es endlich aus dem Strafgesetzbuch rauszuholen.
„Abortion Democracy: Poland/South Africa“. Deutschland 2008. Regie: Sarah Diehl. 50 Min. Infos, Bilder und Aufführungstermine unter www.abortion-democracy.de; dort gibt es auch die Möglichkeit, den Film auf DVD zu kaufen.