Einträge mit dem Tag ‘Rassismus’


Die Blogschau – Mythos “Wir sind alle gleich”

4. April 2015 von Sabine
Dieser Text ist Teil 272 von 273 der Serie Die Blogschau

Eine Schulleiterin sagt zu einer minderjährigen Schülerin: “Betül, hast du alles wunderbar gemacht. Wir müssen aber über dein Sche*ß-Kopftuch reden.” Betül berichtet anhand ihrer Schulbiographie eindrücklich wie “Emanzipation” und “Unterdrückung” identitär bzw. auswechselbar werden etwa vom Ausschluss vom Schulaustausch in Paris bis hin zum subtilen Zwang mit der Schulklasse nach Spanien zu reisen.

Keine Umstände bereiten zu wollen, die Sorge Raum einzunehmen, versuchen unsichtbar zu werden, um bloß nicht aufzufallen. Ein nachdenklicher Text über die Verkörperung sexistischer Strukturen und Raumpolitiken, zwischen Reproduktion dieser und den Widerständen.

Es gibt eine neue Initiative für Bildungs”aufsteiger”. Bildung ist nicht schlecht, problematisch ist vielmehr der Mythos, der darum kreiert wird nämlich, dass es jede_r nach “oben” schaffen könne, wenn er_sie nur wolle. Diese Kritik an der vermeintlich meritokratischen Gesellschaft ist nicht neu, allerdings wirkt diese laut Clara Rosa im Kontext mit der neuen Initiative “Klückskinder” doch etwas schärfer nach. Bei Klückskinder sollen ehemalige “Heimkinder” als Mentoren für Heimkinder fungieren und ihnen ein positives Vorbild werden, wenn es nur so einfach wäre.

Aufruf und Ankündigung zugleich: Die Queerulant_innen sind an einer neuen, spannenden Ausgabe zu  “Trans* und Elternschaft” und benötigen Zuschüsse für die Druckkosten.

Warum ich aufgehört habe über “Women in Tech” zu bloggen, beschreibt das Dilemma zwischen Zuschreibungen, Erwartungen und dem eigenen well-being, aber auch den Komplex “women in tech” und die Abgrenzungen zum “Karrierefeminismus”.

 

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


Facebook | |


Ein Tag gegen Rassismus – Fünf Fragen, Fünf Antworten

20. März 2015 von Sharon

Für alle, die sich einfach kurz mal einen Überblick verschaffen wollen :-)

1. Warum gibt es den Internationalen Tag gegen Rassismus?

Bei einer friedlichen Demonstration von ca. 20.000 Personen gegen die diskriminierenden Passgesetze des damaligen Apartheid-Regimes wurden am 21. März 1960 69 Personen (darunter 8 Frauen und 10 Kinder) in Sharpville (Südafrika) von der Polizei erschossen. 180 wurden verletzt. Seit 1966 wird jedes Jahr am 21. März, durch einen Beschluss der Vereinten Nationen, dem Internationalen Tag für die Beseitigung der rassistischen Diskriminierung* gedacht.

2. Gibt es überhaupt Rassismus in Deutschland?

LOL :-)

(Oder war das eine ernstgemeinte Frage?)

3. Was passiert denn am 21. März dieses Jahr in Deutschland?

Well, auch in Deutschland gibt es sogar inzwischen Internationalen WOCHEN gegen Rassismus!!! Und wir sind schon mitten drin: dieses Jahr finden sie nämlich 16.-29. März 2015 statt.

In Berlin findet u.a. diesen Samstag (21 März) einige Events statt, organisiert von der Kampagne “My Right is Your Right“. Die Demonstration fängt um 13:00 am Spreewaldplatz (Kreuzberg) an.

4. Und was kann ich tun, wenn der Tag bzw. die Wochen vorbei sind?

Rassismus geht uns alle** an. Es lohnt sich wirklich, sich mit den Erscheinungsformen und Folgen von Rassismus auseinanderzusetzen. Erst dann ist es überhaupt möglich Rassismus effektiv entgegenzutreten.

Meine ganz persönliche “top ten” an Weiterbildungs- bzw. Empowerment-Empfehlungen (in Deutschland):

  • ADEFRA e.V. (Empowerment für Schwarze Frauen in Deutschland, Generation ADEFRA Stammtisch findet jeden dritten Freitag im Monat statt – offen für Schwarze Frauen)
  • Black Diaspora School (Ein Empowerment Projekt für Schwarzen Jugendlichen von der in Berlin basierten Bibliothek “Each One Teach One e.V.” )
  • Der Braune Mob e.V. (Empowerment, Medienanalyse und Bildung für Schwarze Menschen und weitere People of Color in Deutschland)
  • IniRromnja (Ein Zusammenschluss von Berliner Roma-und-Sinti-Frauen)
  • Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V. (Empowerment für Schwarze Menschen in Deutschland)
  • Institute für diskriminierungsfreie Bildung (Fortbildungen für Lehrkräfte zu diskriminierungsfreier und rassismuskritischer Bildungsarbeit)
  • Korientation e.V. (Ein kulturpolitisches Netzwerk von Asiatischen Deutschen und Asiaten und Asiatinnen mit dem Lebensschwerpunkt Deutschland)
  • LesMigraS  (Beratung und Unterstützung für lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen)
  • Phoenix e.V. (Anti-Rassismus Trainings für Weiße, Empowerment Trainings für Rassismuserfahrenen)
  • ReachOut e.V. (Beratungsstelle in Berlin für Opfer rassistische Gewalt)

5. Ich bin wirklich kein Rassist, ab…

Oh, stop! Dieser Artikel ganze Webseite ist nicht für dich. #SeeYa

*Im Original “Rassendiskriminierung.” Ich habe es geändert um deutlich zu machen, dass es keine biologischen Rassen gibt. Wirklich nicht.

**Wer sich nicht involviert sieht, hat vielleicht ein wenig zu viel Privilegiensaft getrunken. Oder ist heftig am Verdrängen. Oder beides.

 


Facebook | |


Interview: „Ein pauschales Kopftuchverbot kann nicht vereinbar sein mit individuellen Grundrechten.“, Teil 2

18. März 2015 von Maria
Dieser Text ist Teil 20 von 20 der Serie Feminismus im Recht

Kürzlich entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass ein pauschales Kopftuchverbot bei Lehrkräften nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Im zweiteiligen Interview erklärt die Juristin und Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Berghahn, die sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema befasst (hier einer ihrer Texte zum Thema), die Hintergründe der Entscheidung und ihre Bedeutung für die Zukunft. Den ersten Teil könnt ihr hier nachlesen.

Was heißt das jetzt für die Praxis? Sollten die Neutralitätsgesetze der Länder neu formuliert werden?

S.B.: Ja, im Prinzip müssen nun alle acht Schulgesetze und die weitergehenden Regelungen in manchen dieser acht Bundesländer überprüft und verändert werden. D.h. es wird zum Teil wieder ein Hauen und Stechen geben in den Landtagen, so wie schon bei der Verabschiedung der Gesetze zwischen 2004 und 2006 gerungen wurde und sich dabei zeigte, dass zumindest in fünf Bundesländern ausschließlich das islamische Kopftuch verboten werden sollte, weswegen man auch so seltsame Ausnahmeklauseln zugunsten von „christlich-abendländischen Werten und Traditionen“ formulierte. Die hat das BVerfG jetzt auch kassiert, d.h. für nichtig erklärt. Schon 2004 hatte das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass diese Ausnahmeklauseln jedenfalls nicht in Bezug auf religiös motivierte Kleidungsstücke zu verstehen seien, weswegen auch der Nonnenhabit oder die jüdische Kippa in baden-württembergischen Schulen nicht getragen werden dürften. Dieses Verbot ist nun wiederum hinfällig geworden, denn der Erste Senat hat grundsätzlich bekräftigt, dass Lehrkräfte ihre persönliche religiöse Zugehörigkeit bekunden dürfen, solange sie nicht aktiv für ihren Glauben werben oder missionieren. Für die Verbotsgesetze von Berlin und Bremen, die solche Ausnahmeklauseln nicht enthalten und stattdessen für ein ernstgemeintes „laizitäres“ Modell eintreten, wird es vermutlich zu einer grundsätzlichen Diskussion kommen, weil hier – ähnlich wie in Frankreich – eine andere Strategie hinter den Verboten steht: Hier geht es darum, Religion generell aus dem öffentlichen Raum der Schule, der Kindertagesstätten, der Gerichte, Verwaltungen und Polizei-Einheiten herauszuhalten. Dem in Deutschland verfassungsrechtlich herrschenden Verständnis von Religion im öffentlichen Bereich, das als „offen“ und „übergreifend“ umschrieben wird, das „Glaubensfreiheit für alle“ und auch im öffentlichen Raum verheißt, entspricht diese Konzeption nicht. Ob es trotzdem zur Einschränkung der individuellen Glaubensfreiheit von Lehrerinnen und anderen öffentlichen Bediensteten zulässig sein darf, das Tragen solcher Bedeckungen oder Symbole aus laizitär-generalpräventiven Gründen – wie etwa in Berlin – zu untersagen, wird sich vermutlich in weiteren Gerichtsverfahren noch herauskristallisieren müssen. Auch die nach dem neuen Urteil verbleibende Frage, wie im Einzelfall eine konkrete Gefahr für die staatliche Neutralität oder den Schulfrieden festzustellen ist und wieviel subjektiven Anteil dabei das Verhalten von Kopftuchträgerinnen und anderen Beteiligten haben muss, um im Einzelfall in ein Kopftuchverbot zu münden, wird noch zu entscheiden sein.

Wichtig war ja außerdem in der Entscheidung, dass christliche Symbole nicht “privilegiert” werden dürfen, wie das das Landesrecht in NRW getan hat. Ist das ein neuer Wind in der Rechtsprechung, hin zu religiöser Pluralität?

S.B.: An sich ist die Klarstellung, dass nur eine konkrete Gefahr für den Schulfrieden oder die staatliche Neutralität als Verbotsgrund für das Kopftuchtragen bei Lehrerinnen in Frage kommt, eine klare Entscheidung für mehr religiöse Pluralität, weil der Freiheitsraum aller Lehrerinnen und öffentlichen Bediensteten größer wird, weil auch die Verdikte gegen andere religiöse Kleidungsstücke oder Symbole wie Kippa, Nonnenhabit oder Kreuz aufgehoben wurden. Jedenfalls solange sie nicht missionarisch und unangemessen in den kommunikativen Berufsalltag eingebracht werden. Andererseits hat das BVerfG damit aber ein Votum gegen eine Ausgrenzung von religiös-identitären Persönlichkeitsäußerungen abgegeben, d.h. die laizitäre Konzeption der Ausgrenzung aller Religion aus der Schule und dem öffentlichen Dienst, wird damit in Frage gestellt.

Sie haben auch den Umgang mit dem Kopftuch in Europa insgesamt erforscht. Zeichnet sich ein Trend ab, ist Deutschland besonders streng?

S.B.: In dem europäischen Forschungsprojekt VEIL (Values, Equality and Differences. Debates about Female Muslim Headscarves in Europe), an dem ich mitgearbeitet habe, haben wir zwischen 2006 und 2009 acht Länder in Europa und ihren Umgang mit der Kopftuchproblematik untersucht (Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Niederlande, Österreich, Türkei). Deutschland war im Hinblick auf die Rechtsgrundlagen zweigeteilt, weil nur in acht von 16 Bundesländern Verbotsgesetze existierten, aber es stimmt schon, Deutschland wurde schwerpunktmäßig zu den eher „prohibitiven“ Staaten gezählt. Ebenfalls prohibitiv stellten sich Frankreich und die Türkei als „laizitäre“ Staaten dar, wobei sich der türkische Umgang mit dem Kopftuch von Schülerinnen, Studentinnen und Lehrerinnen nach dem Ende unseres Projekts merklich gelockert hat. Das kann man aber im Kontext einer einer staatlich verordneten islamischen Religiösität durch die mittlerweile Dauerregierungspartei der AKP unter Erdogan auch kritisch sehen. Eher zum „toleranten“ Umgang neigt man trotz allem in den Niederlanden, Großbritannien und auch in Österreich, obwohl die Staat-Kirche/Religion-Verhältnisse in diesen Staaten durchaus recht verschieden sind. Bei genauem Hinsehen gibt es allerdings nahezu überall Verschärfungen im öffentlichen Ton gegen religiösen Pluralismus, gegen den Islam und das Kopftuch; teilweise wurden Gesetze gegen das Tragen der Burka und des Niqab auf Straßen und Plätzen eingeführt oder angekündigt, so dass die Kategorisierungen in „prohibitiv“ oder „tolerant“ nur eine geringe aktuell-politische Halbwertzeit besitzen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle europäischen Länder als Einwanderungs- teilweise auch Auswanderungsgesellschaften sich schwertun mit religiösem und ethnischem Pluralismus und dass die Geschlechterverhältnisse meist eine primäre Projektionsfläche für das Sortieren nach modern oder rückständig, nach gleichberechtigt oder unterdrückerisch, nach friedlich oder bedrohlich abgeben. Hier wird es für alle Beteiligten noch viel zu lernen geben, was das Differenzierungsvermögen und die Urteilsfähigkeit in Bezug auf normative Regeln im Umgang mit dem „Anderen“ angeht. Klar sollte nach der neuen Leitentscheidung des BVerfG jedenfalls sein, dass ein Kopftuch lediglich ein Stück Stoff ist und als solches keine Gefahr für die deutsche Gesellschaft darstellt.

Literatur: Sabine Berghahn und Petra Rostock (Hg.): Der Stoff, aus dem Konflikte sind. Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Transcript Verlag, Bielefeld 2009. Sowie europäisch vergleichend das VEIL-Projekt: Sieglinde Rosenberger and Birgit Sauer (ed): Politics, Religion and Gender. Framing and regulating the veil. Routledge, London and New York 2012.


Facebook | |


Interview: „Ein pauschales Kopftuchverbot kann nicht vereinbar sein mit individuellen Grundrechten.“, Teil 1

17. März 2015 von Maria
Dieser Text ist Teil 19 von 20 der Serie Feminismus im Recht

Kürzlich entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, dass ein pauschales Kopftuchverbot bei Lehrkräften nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Geklagt hatten zwei Pädagoginnen aus Nordrhein-Westfalen, die sich geweigert hatten, im Schuldienst ein aus religiösen Gründen getragenes Kopftuch bzw. eine als Ersatz dafür getragene Wollmütze abzulegen. Damit verstießen sie gegen § 57 Abs. 4 Satz 1 und 2 SchulG NW, wurden abgemahnt und eine von ihnen wurde sogar gekündigt. Ihre Klagen vor den Arbeitsgerichten waren erfolglos. Einige Bundesländer hatten seit der im Jahr 2003 ergangenen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, in der u.a. eine gesetzliche Grundlage für Kopftuchverbote gefordert wurde, in Schulgesetzen oder weitergehenden sogenannten Neutralitätsgesetzen Verbote für Lehrkräfte und andere öffentliche Amtsträger verankert, religiös konnotierte Kleidungsstücke oder Symbole zu tragen. Im zweiteiligen Interview erklärt die Juristin und Politikwissenschaftlerin Dr. Sabine Berghahn, die sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Thema befasst (hier einer ihrer Texte zum Thema), die Hintergründe der Entscheidung und ihre Bedeutung für die Zukunft.

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen in öffentlichen Schulen nicht vereinbar ist mit dem Grundgesetz. Wie schätzen Sie die Bedeutung dieser Entscheidung ein?

S.B.: Diese Entscheidung ist wichtig und bedeutsam, sie stellt die Rechtslage endlich wieder vom Kopf auf die Füße! Aus liberal-rechtsstaatlicher Sicht war es schon lange klar, woran die Kopftuchverbotsgesetze in acht Bundesländern und die ausführende Praxis kranken, dass nämlich ein pauschales Kopftuchverbot nicht vereinbar sein kann mit individuellen Grundrechten.

Um welche Grundrechte geht es?

Es geht um Glaubens- und Bekenntnisfreiheit (Art. 4 GG), aber auch um die freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 GG) und den Zugang zu qualifizierten Berufen für muslimische Frauen und Mädchen (Art. 12 GG). Das Grundgesetz garantiert zunächst einmal mit jedem Grundrecht einen Freiheitsraum, so dass Einschränkungen einer Rechtfertigung bedürfen. Verbote müssen „verhältnismäßig“ sein und sollten sich aus den Grundrechten anderer Menschen oder dem Schutz überragender Gemeinschaftsgüter begründen lassen, das gilt insbesondere, wenn es im Wortlaut des Grundrechts keinen „Gesetzesvorbehalt“ gibt („Das Nähere regeln die Gesetze usw.“) wie bei der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit des Art. 4 GG.

Woran wird festgemacht, was entgegenstehen könnte?

S.B.: Eine Einschränkung, d.h. ein Eingriff in die jeweilige Freiheit, z.B. des Bekenntnisses, muss auch im konkreten Einzelfall verhältnismäßig sein. Insofern kommt es beim Kopftuch immer darauf an, ob die einzelne Lehrerin oder Sozialarbeiterin mit ihrer Kopfbedeckung – in dem einen Fall aus NRW war das eine rosa Wollmütze, die die Sozialarbeiterin als Ersatz für das klassische islamische Kopftuch aufgesetzt hatte – eine problematische und vorwerfbare Wirkung hervorruft, also durch ihr Verhalten eine Gefahr oder Beeinträchtigung für die staatliche Neutralität, den Schulfrieden oder die Glaubensfreiheit anderer Menschen (Schüler/innen) darstellt. Eine abstrakte Gefahr reicht hier nicht aus. Wie sollte sie auch festgestellt werden? Das Kopftuch an sich ist nur ein Stück Stoff, es kann von seinen Trägerinnen in vielfältiger Weise gemeint sein, meist wird es tatsächlich als Befolgung einer religiösen Bedeckungspflicht verstanden. Es wird von der Umwelt in Deutschland aber zum Teil ganz anders interpretiert, wobei anti-islamische oder generell rassistische Ressentiments häufig eine Rolle spielen. Eine objektive Aussage oder Bedeutung des Kopftuchs gibt es dagegen nicht, schon gar keine, die verboten werden müsste und die man der Trägerin auch gegen ihren Willen zuschreiben könnte.

Sie haben in der Vergangenheit argumentiert, das Kopftuchverbot sei (unter anderem) eine Diskriminierung von Frauen. Hat das Bundesverfassungsgericht dazu etwas gesagt?

S.B.: Die neue Entscheidung sieht im Kopftuchverbot eine der Gleichberechtigung abträgliche Wirkung, dass muslimische Frauen von der qualifizierten Tätigkeit als Pädagoginnen ferngehalten werden, wenn sie darauf bestehen, ein Kopftuch auch im schulischen Alltag zu tragen und man sie deshalb nicht einstellt, sie abmahnt oder sie gar entlässt. Dasselbe gilt natürlich auch für andere qualifizierte Berufe im öffentlichen Dienst, die teilweise in manchen Bundesländern wie etwa Berlin oder Hessen mit Kopftuchverboten belegt sind, wie z.B. höhere Beamtinnen, Richterinnen, Justizangestellte, Polizistinnen oder Erzieherinnen in Kitas. Die Senatsmehrheit sieht hier die Verbotsgesetze „in einem rechtfertigungsbedürftigen Spannungsverhältnis zum Gebot der tatsächlichen Gleichberechtigung von Frauen (Art. 3 Abs. 2 GG)“. Manche Feministinnen zäumen das Pferd von der anderen Seite auf und schreiben dem Kopftuch eine angeblich gleichberechtigungswidrige Symbolik zu, dass nämlich die Trägerinnen der Haarverhüllung Frauen die Unterordnung von Frauen und Mädchen unter Männer und Jungen für richtig halten und auf diese Weise propagieren. Das trifft jedoch in dieser Pauschalität empirisch nicht zu, schon gar nicht für die Lehrerinnen, Referendarinnen, Studentinnen oder sonstigen Berufstätigen, die freiwillig das Kleidungsstück tragen und mit häufig sehr selbstbewussten und egalitären Einstellungen ihr Outfit begründen.

(mehr …)


Facebook | |


Trollfragen, Frauenquote, Impfdebatten – kurz verlinkt

11. März 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 268 von 274 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Beiträge

In den FAQus seines Blogs Trollbar hat Ali Schwarzer “eine Sammlung der häufigsten Fragen und Einwände von Trollen und die passenden Antworten darauf” zusammen gestellt.

Auf Mein Augenschmaus kritisert Jule die Darstellung von Gehörlosigkeit und Gebärdensprache in Filmen und fragt sich, warum fast immer hörende Schauspieler_innen eingesetzt werden, um gehörlose Personen zu spielen.

Sohra, die sich selber als “impfkritische Impfbefürwörterin” bezeichnet, schreibt auf Tofufamily.de ihre gesammelte Gedanken zum Thema Impfen mit einem besonderen Fokus auf die aktuellen Masern-Debatte.

Das Quotengesetz ist vergangene Woche im Bundestag verabschiedet worden. Die einen wollen es am liebsten gar nicht haben, den anderen geht es nicht weit genug. Die taz fasst die unterschiedlichen Positionen zusammen. Das Quotengesetz hat eine lange Geschichte. Auf Zeit Online gibt es die Historie des Gesetzgebungsverfahrens oder besser gesagt des “Gesetzwünschungsverfahrens” anhand einiger Zitate aus der deutschsprachigen Presse der letzten 20 Jahre.

Der Quer-Verlag hat mit Saideh Saadat-Lendle, der Leiterin des Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereichs LesMigraS der Berliner Lesbenberatung über ihre Zeit im Untergrund, ihre Flucht nach Deutschland, Rassismus in den hiesigen LGBT*-Szenen und die Arbeit bei LesMigraS gesprochen.

Die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V. in Berlin Kreuzberg hat eine Spendenaktion gestartet, um die Bewohner_innen der Gerhardt-Hauptmann-Schule zu unterstützen, die gemeinsam rechtlich gegen die Räumungsanordnung vorgehen. Um die dabei entstehenden Anwalts- und Gerichtskosten zu decken braucht es Geld und eure Unterstützung ist gefragt

Englischsprachige Beiträge

Bereits im vergangegen Jahr gepostet, jetzt erst entdeckt: Die “Toppa Top 10: Reggae/Dancehall’s Greatest Lady Deejays” bei Large Up.

Marie Claire stellt Basketball-Coach Becky Hammon vor – erste Frau überhaupt, die in einer der populärsten US-amerikanischen Sportarten ein Erstliga-Männerteam trainiert.

David Shih stellt in seinem Blogeintrag “What happened to white privilege” die These auf, dass sich weiße nicht mit ihren Privilegien, sondern kritisch mit weißer Vorherrschaft (white supremacy) und den daraus folgenden Konsequenzen beschäftigen sollten, um Widerstand gegen Rassismus zu leisten. Shih übt in seinem Text Kritik an der Konzeption von Privilegien, weißer Selbstzentrierung und dem liberalen Gedanken, dass alle(tm) das gleiche(tm) wollen.

Termine in Berlin, Köln und Leipzig

Köln: 17. März, “Inklusion im Fernsehen – Neue Perspektiven auf Behinderung” heißt die Tagung für Medienmacher_innen, Journalisten_innen und Medienpolitiker_innen, bei der es um die Repräsentation behindert werdender Menschen im Fernsehen geht. Mit dabei: “Sozialhelden e.V.” und “die medienanstalten” – Eintritt kostenlos

Berlin: 18. März, Kurz-Input von Magda Albrecht im Rahmen der Veranstaltung “Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht” zum Internationalen Frauenkampftag im Berliner Abgeordnetenhaus u.a. mit Evrim Sommer (Frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE Berlin) und Prof. Dr. Ulrike Busch (Landesvorsitzende von pro familia).

Berlin: 21. März, Spreewaldplatz, Demonstration am Globalen Tag gegen Rassismus.

Leipzig: 16.-26. April, Filmfestival GEGENkino im UT Connewitz, Luru-Kino, in der Schaubühne Lindenfels und im Institut fuer Zukunft. Hier geht’s zur Pressemitteilung (PDF), die über das Kinoprogramm und weitere Events informiert (PDF).


Facebook | |


Frauenkampftag, Germany’s Next Top Model und Punk – die Blogschau

7. März 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 270 von 273 der Serie Die Blogschau

Die trans*geniale f_antifa ruft zum Inter*- und Trans*-Block auf der Demonstration zum Frauenkampftag in Berlin auf und kritisiert die mangelnde Intersektionalität des Demonstrationsaufrufs des Organisationsbündnisses. Treffpunkt des Inter*- und Trans*-Blocks sowie des Sexarbeiter_innen-Blocks ist morgen, 8. März, an der Ecke Rosa-Luxemburg-Str. / Hirtenstr. (vor dem Kino Babylon), um 13 Uhr.

Die Stiftung Zurückgeben (Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft) gab ihre Stipendiatinnen des Jahres 2015 bekannt, deren Projekte mit insgesamt 30.000 Euro gefördert werden.

Noah Sow plädiert für mehr Kontinuität und gegen vermeidbare Unterbrechungen in der Community-Arbeit.

10 Jahre Germany’s Next TopmodelCandy Techno schreibt über die “Lieblingsorgie des Neoliberalismus (= Castingshow)”, Paris Teilnahme, Cisnormativität und Empowerment.

Ein Fest queerer Femininitäten: In Wien fand die Veranstaltung “Purrr! _Femme!-ance!: Queer Feminities in Action” statt – Sugarbox berichtet.

Punk ist nicht nur was für heterosexuelle, weiße Typen - In_Frage_Stellen: Musik stellt den Comic von Suzy X vor.

Genderfail analysiert die “Hart aber fair”-Sendung zum Thema “Gender Mainstreaming” und resümiert, dass die Ausgabe “eine Machtdemonstration par excellence und ein Tiefpunkt des Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen” war.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) fordert Gesetzgeber_innen in Bund und Ländern zur Streichung des Begriffs “Rasse” aus dem Grundgesetz, den Landesverfassungen und allen Gesetzestexten auf.

Die Bundesagentur für Arbeit plant offenbar, soziale Medien mithilfe eines Social Media Monitoring-Programms auszuwerten und so die Aktivitäten von bestimmten Personen, die zum Beispiel Kritik an Hartz IV oder der Bundesagentur üben, gezielt verfolgen und potenziell sanktionieren zu können. Christel T.’s Blog analysiert dieses Vorhaben und bereits vergangene Vorfälle.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


Facebook | |


Handeln gegen Antisemitismus, armutsgefährdete Frauen, Diskriminierung im Musikbiz – kurz verlinkt

5. März 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 1 von 274 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Die Amadeu-Antonio-Stiftung hat ein aktuelles Lagebild zu Antisemitismus in Deutschland veröffentlicht. Eine Zusammenfassung sowie das ausführliche Lagebild mit Handlungsvorschlägen findet ihr hier.

Maiki* hat eine Liste mit den Female MCs, die sich bei der III: RAPutation beworben haben, angelegt.

“Vor 130 Jahren ging die Berliner “Kongo-Konferenz” zu Ende. Sie war der Auftakt für die koloniale Eroberung Afrikas. Die damals willkürlich auf dem Reißbrett gezogenen Grenzen prägen den Kontinent bis heute“, schreibt die deutsche Welle (DW).

Jede elfte Frau gilt als armutsgefährdet. Dies sei der Fall, da der Anteil von Teilzeitarbeit stark ansteigt (unter anderem aufgrund der andauernden Verantwortung für care-Arbeit) und selbst Frauen mit Vollzeit-Jobs nicht genügend verdienen – so die Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage.

Englischsprachige Links

Vergangene Woche verstarb Leonard Nimoy. The Militant Baker erinnert (auch) an seinen weniger bekannten body acceptance-Aktivismus durch Fotografie.

Elon James White von This Week in Blackness fasst in einem Storify noch einmal Grundlegendes zu den schon lange andauernden Debatten um “Toxic Twitter” zusammen.

Bekannte Musikproduzentinnen sind aus Gründen eher rar –  wodurch sich das ändern könnte, dazu geben 13 profilierte Produzentinnen ihre Antworten bei The Fader (leider eingeleitet mit einer überflüssigen “Genitalien”-Bemerkung).

Bei Frauen werden Herzinfarkte seltener erkannt und oft nicht direkt richtig behandelt, erläutert ein Artikel auf npr.

Besonders wichtig angesichts des bevorstehenden Frauenkampftages: ein neuer Cartoon von Trouble X:

 Termine in Berlin und Leipzig

Am 11. März in Berlin, 17 Uhr, Lesbenberatung (Kulmer Str. 20a), findet die Veranstaltung “Release: Das ‘Safer Sex Handbuch stellt sich vor” statt. Der Eintritt ist frei und “open for alle genders”.

Am 19. März in Berlin, 18 Uhr, beim Interkulturellen Frauenzentrum S.U.S.I, findet die Auftaktveranstaltung der neuen Workshop-Reihe “Widerstandsbewegungen von Geflüchteten Frauen* in Berlin und Deutschland: Information – Austausch – Vernetzung – Empowerment” statt. Die Workshop-Reihe wird von Frauenkreise, S.U.S.I., dem Migrationsrat Berlin-Brandenburg und Krik TV organisiert und umfasst mehrere Veranstaltungen bis Juni. Weitere Infos zu dieser und den kommenden Veranstaltungen findet ihr hier (PDF).

Vom 7. bis 10. April findet in Grillensee (in der Nähe von Leipzig) ein Seminar statt, bei dem sowohl von Referent_innen als auch in Workshops die “Schnittfläche von Sexarbeit und Feminismus” kennengelernt, diskutiert und weiterentwickelt werden soll.


Facebook | |


Tolerante Heten, weißer Terror und das Atomwaffenpotenzial von Trans* – die Blogschau

21. Februar 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 269 von 273 der Serie Die Blogschau

Conservatory Girl hat einen Tipp für heiße Tage und aufgeriebene Oberschenkelinnenseiten.

“Als dicker/fetter Mensch braucht es viel Kraft und Mut Dickendiskriminierung, Dickenhass, Spott, Hohn und Ausgrenzung zu begegnen. Es braucht mehr Courage damit wir Dicken, das Leben mit Freude genießen können. Aber all dies braucht es nicht weil wir dick oder fett sind”, schreibt Melanie auf dem Blog der Arge Dicke Weiber.

Kulturelle Aneignung und rassistische Stereotype haben auch im Fasching oder Karneval Hochkonjunktur. Ringelmiez gibt eine Argumentationshilfe, warum nicht nur Eltern bei der Kostümwahl für ihre Kinder diskriminierungssensibel agieren sollten.

Der Zaunfink wendet sich an tolerante Heten, die sich zwar stets bemühen, letztlich doch an vielen entscheidenen Stellen scheitern mit ihrer Solidarität.

“Ich möchte Politiker*innen und Medienmacher*innen fragen: Was macht ihr gegen euren Terror, den ihr mit euren unreflektierten Reden und Beiträgen in diese Gesellschaften gesät habt? Wann fangt ihr an uns Rede und Antwort zu stehen?” – Diaspora Reflektionen mit einem eindringlichen Beitrag über die rassistischen Morde der vergangenen Monate und den Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft.

Trans* Personen seien wie nukleare Waffen, hatte Papst Franziskus neulich behauptet. Für Pussy Bear Anlass genug für einen Comic.

Hannah C. Rosenblatt schreibt über die Ungleichwertigkeit von Gefühlen, wenn es um die Wahrnehmung und Beschreibung von Gewalterfahrungen geht.

Musikerinnen des Teeny Music Treff
in Berlin haben einen Song geschrieben und ein Video dazu produziert.


Eine Gruppe von Queer_Trans*_Black_People_of_Color
(QTBPOC) plant für Juli 2015 ein dreitägiges Fest von und für QTBPOC und sucht noch Mitstreiter_innen.

Die trans*geniale f_antifa ruft zu einem Inter- und Trans*-Block auf der Demo zum Frauenkampftag in Berlin auf.

Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung ruft zusammen mit der Frauenkampftag – AG sexuelle Selbstbestimmung, Berlin Irish Pro Choice Solidarity und Feminismos 15M Berlin für den 7. März zu einem bundesweiten Vorbereitungs- und Vernetzungstreffen auf. Es geht um die Vorbereitung der Gegenaktionen der christlichen Fundamentalisten und Abtreibungsgegner, die jährlich im September in Berlin aufmarschieren.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


Facebook | |


Panik, Pegida und Pressefreiheit

14. Februar 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 5 von 6 der Serie Die Emanzipation der Banane

Nicht nur Nationen entwerfen sich einen Gründungsmythos – auch Familien geben sich eine Erzählung, die erklären soll, wie wir wurden, was wir sind. Ich fragte meine Eltern, warum sie nach dem Vietnamkrieg das Land verließen. Ihre Antwort: Freiheit, genauer gesagt Religions- und Meinungsfreiheit. Glauben zu dürfen, was man will, und vor allem das sagen zu dürfen, was man will, ohne Repressalien vom Staat fürchten zu müssen. Diese Freiheit ist der Dreh- und Angelpunkt für die Existenz meiner Familie. Es übersteigt alle anderen Argumente – nicht die physische Not oder die Zerstörungen waren in ihren Augen Gründe, warum wir als “Fremde” in Deutschland lebten. Der Gedanke, dass Freiheit ein hohes Gut ist, das es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt, ging mir ins Blut über. Die freie Meinungsäußerung ist Gold wert. Doch in den letzten Wochen bekam ich Zweifel.

Der Grund hat einen prägnanten Namen: PEGIDA. Auch diese Strömung gab sich eine Erzählung, die ihre Existenz erklären soll. Sie eint der Glaube, dass AsylantInnen, Refugees und besonders Menschen muslimischen Glaubens an dem Untergang ihres geliebten Abendlandes schuld seien. Diese Menschen schlossen sich über soziale Medien zusammen, weil sie eine diffuse Angst empfanden vor – wovor? Vor dem eigenen gefühlten Abstieg, zu kurz zu kommen, Verlierer zu werden in einem System des neoliberalen Kapitalismus mit seinem eisigen Wind aus sozialer Kälte. Doch anstatt das System infrage zu stellen, tun sie etwas viel Einfacheres: Sich einen Sündenbock suchen, der schwächer ist als sie. Dabei sind es die Gebildeten, denen es verhältnismäßig gut geht, die bei PEGIDA mitmachen.

Nun haben diese PEGIDA-Menschen ebenfalls Recht auf ihren Glauben und auf die Äußerung ihrer Meinung durch Demonstrationen, Reden und Facebook-Posts. Dieses Recht besagt, dass jede/r seine/ihre Meinung sagen darf, ohne dass der Staat das verbieten dürfte. Aber warum bekomme ich jeden Tag einen Anflug von Panik, wenn ich die PEGIDA-Aussagen in den Nachrichten verfolge? Vermutlich weil diese Aufmärsche keine reine Meinungsäußerung, sondern Macht-Demonstrationen sind. Oder einfacher gesagt: Rassismus. Ohne tausendjährige Geister beschwören zu wollen, aber bei Aufmärschen gegen Menschen einer bestimmten Glaubenszugehörigkeit in Deutschland wird mir schlecht.

Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit will man “denen”, den Nicht-Abendländischen zeigen, wo ihr Platz ist: nicht in Deutschland. Die Angriffe auf nicht-deutsch aussehende Menschen am Rande dieser Macht-Demonstrationen, der an Komplizenschaft grenzende Unwillen der Polizei dort: Das waren Terrorakte, kaum anders als die des NSU. Sie wollen Angst verbreiten unter Menschen nicht-deutscher Wurzeln, damit die am besten abreisen oder gar nicht hierher kommen. Vielleicht geht es PEGIDA-AnhängerInnen genau darum: Das gute Gefühl, an der Speerspitze einer “neuen” Bewegung zu stehen, die eigene Wirkmächtigkeit spüren und jemandem – irgendjemandem – überlegen zu sein. Dass sie sich der selben Denkmuster wie die Ewiggestrigen bedienen, ist ihnen entweder nicht bewusst, oder es ist gewollt. Egal, was es ist – es ist ein Grund zur Sorge.

Ich will meinen Eltern glauben, dass die Freiheit des Denkens und Glaubens bedeutsame Werte sind, die auch ich hochhalten und verteidigen soll. Dazu gehört, diesen PEGIDA-Menschen ihre Meinung und ihre Demos zu lassen, mag ich sie noch so dumm und beschissen finden. Auch das Gesetz zieht die Grenze, wenn die Meinungsäußerung zur Hetze wird. Ist PEGIDA schon bei der Volksverhetzung angekommen? Gewalttätig sind sie bereits, wie man kürzlich in Leipzig sehen konnte. Die Demonstrationen sind vor allem als offene Drohung gegen Menschen wie mich und diejenigen, die anders erscheinen. Ich bin mir sicher, dass einige der AnhängerInnen das so verstanden wissen wollen.

Mein einziger Trost ist, dass viele Menschen das Recht der Pressefreiheit dazu nutzen, sich dem entgegen zu stellen. Sie schreiben und reden dagegen, sie gehen für ein offenes Deutschland auf die Straße. Mir bleibt nichts anderes übrig als das Beste zu hoffen, mit dem Schlimmsten zu rechnen und an manchen Tagen mich zu Hause zu verkriechen.

Für alle, denen das mit Zensur und freier Meinungsäußerung noch nicht ganz klar ist, hier zwei hilfreiche Links (leider auf Englisch):

https://stoptalk.wordpress.com/2013/01/18/on-censorship/

http://xkcd.com/1357/


Facebook | |


Alle* Leben sind gleichwertig: Ein Notizzettel voller Gedanken

13. Februar 2015 von Hengameh

(*Die Leben von Personen of Color und Schwarzen Menschen ausgeschlossen.)

Es ist gerade mal zwei Monate her, da feierten der 23-jährige Zahnmedizinstudent Deah Shaddy Barakat und die 21-jährige Yusor Mohammad Abu-Salha, die dieses Jahr das gleiche wie ihr Mann studieren wollte, ihre Hochzeit. Vor 2 Tagen wurden sie in ihrem eigenen Zuhause von dem 46-jährigen, sich als Atheist bezeichnenden, weißen Craig Stephen Hicks erschossen. Auch Yusors Schwester Razan, 19 Jahre alt, wurde ermordet.

Wo bleiben die Solidaritätsbekundungen, Schlagzeilen und Kundgebungen, wenn die Opfer eines Attentats nicht weiß sind? Ist es, weil doch nicht alle Leben gleichwertig sind? Ist es, weil muslimische Tote nichts Bahnbrechendes für die Welt sind? Wo bleiben die Zuschreibungen von Terror, Fundamentalismus und Unterdrückung, wenn die Täter_innen nicht muslimisch sind? Ist es, weil ein weißer Typ einfach ein eigenartiger Einzelgänger sein kann, der seinen Scheiß nicht mehr unter Kontrolle hatte und ausrasten musste? Einfach so? Einfach aus Gründen?

Wo bleiben die Distanzierungen aller Atheist_innen oder gar weißer Personen, wenn eine Person „ihresgleichen“ unschuldigen Personen brutal das Leben nimmt? Ist es, weil es eine zu allgemeine Gruppe ist, die viele Nischen hat und nicht über einen Kamm geschert werden kann? Ist es, weil sie doch überhaupt nichts mit dieser Tat zu tun hatten, schließlich haben sie nichts gegen den Islam™, im Gegenteil, alle Religionen sind gleich und einen Türkeiurlaub haben sie auch schon mal gehabt, also come on, bisschen weit hergeholt dieser Vergleich, denkst du nicht?

Denkst du schon? Denkst du doch? Denkst du es ist systematisch? Denkst du nicht, es ist Zufall? Denkst du, sein Atheismus hatte überhaupt was mit dem Tatmotiv zu Tun? Ein Mensch ist doch schließlich mehr als sein Glaube. Ein Mensch ist viel vielschichtiger als eine Glaubenszugehörigkeit. Die Schichten eines Menschen sind viel mehr, als du glaubst. Das hat nichts mit einander zu tun. Vielleicht hat es auch einfach nur zufällig diese drei Personen muslimischen Glaubens getroffen. Bestimmt hätten es auch andere sein können. Bestimmt! Hundert Pro! Alle Leben sind gleichwertig, alle Leben sind gleich viel wert. #AllLivesMatter, nicht nur Schwarze! Oder weiße!

Aber wenn alle Leben gleichwertig sind, warum habe ich das Gefühl, dass es scheißegal ist, ob meine Schwestern, meine Brüder, meine nicht-binär identifizierten Glaubensgefährt_innen, meine Schwester, meine Mutter, ich, wir alle, dass es der Welt scheißegal ist, ob wir leben oder nicht, weil wir sowieso nur da sind, um den Sozialstaat abzuzocken (gibt ja auch voll viel zu holen, ne?), Terroranschläge zu planen und weißen Personen Angst zu machen – zum Beispiel, indem sie unsere Namen nicht aussprechen können oder indem sie stets die Islamisierung des Abendlandes hinterfragen müssen.

All ihre Angehörigen, Biografien, Chancen, Träume, Ängste, Leben mussten sie zurücklassen. Was bleibt ist eine gelinde gesagt unbefriedigende Berichterstattung und Perzeption der Tat. Was bleibt, sind die Anzeichen dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Rassismen wie anti-muslimischer und anti-Schwarzer Rassismus zur Normalität gehören, in der eben nicht alle Leben gleichwertig sind, in der alle negativen Zuschreibungen marginalisierten Gruppen angeklebt werden und Personen aus der Mehrheitsgesellschaft mit Gräueltaten einfach so davonkommen.

Die Familie und die Angehörigen der drei Opfer erstellten die Facebook-Seite Our Three Winners, auf der sie ihnen gedenken.

Wer bei #JeSuisCharlie und ähnlichen viralen Netzsolidaritätsbekundungen in erster Reihe dabei war, in diesem Fall aber keine Reaktionen in der Dimension von Profilbildwechsel, Hashtagbeteiligung und Demonstrationsbesuch übrig hat, sollte vielleicht mal über die eigenen Privilegien, Empathie und all die Kritik, die es an benanntem Hashtag gab, nachdenken. Vielleicht merkt er_sie, was hier falsch läuft. Vielleicht bin auch einfach nur ich im falschen Film.


Facebook | |



Anzeige