Einträge mit dem Tag ‘Rassismus’


Wenn Schwarze Menschen nicht lächeln…

25. November 2014 von Gastautor_in

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe “Witnessed” in der edition assemblage. Sie ist aktives Mitglied in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e.V. Unter dem Namen Ms.Represented bloggt und twittert Sharon ebenfalls.

Liebe Schwarze Menschen,

es ist eine Kleinigkeit, aber offensichtlich bedeutet sie den Unterschied zwischen Leben und Tod: Ihr müsst der Welt zeigen, dass ihr glücklich seid.

Es scheint, dass in (vorwiegend weißen) Ländern, in denen Schwarze Menschen nicht lächeln, oft fälschlicherweise angenommen wird, dass sie teuflische Superkräfte besitzen. Falls sie beispielsweise kleine Jungs sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass sie andere Kinder auf dem Spielplatz anschießen und töten könnten (mit einer Spielzeugpistole). Oder falls sie männliche Teenager sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass sie in einem Radius von einigen Metern um sich herum alle töten könnten mit ihren bloßen Händen (die sie in die Luft halten als Zeichen des Ergebens). Oder falls sie Frauen sind, wird fälschlicherweise angenommen, dass es ihnen möglich ist die Flugbahn einer Kugel mit Willenskraft zu ändern (welche absichtlich in die Wand gefeuert wurde). Nichtlächelnde Schwarze Menschen müssen auf den Boden niedergerungen und außer Gefecht gesetzt werden. Einfach so.

Natürlich sind alle meine Beispiele aus den USA. Aber es gibt auch andere Beispiele näher dran.

In Deutschland bedeutet die Illusion von STSK (Schwarze Teuflische Superkräfte), dass Polizeibeamte schießen, um eine Frau in ihrem ehemaligen Zuhause zu töten, oder auf dem Arbeitsamt. Bei Männern wird angenommen, dass sie so eine Gefahr darstellen, dass sie, selbst wenn sie mit gefesselten Händen und Füßen auf einer feuerresistenten Matratze liegen, direkt eliminiert werden müssen.

Wenn Schwarze Menschen nicht lächeln, gelten sie als unfreundlich, aggressiv und verbreiten Angst. Denk darüber nach. Als eine Schwarze Person in deiner Nähe zeigte, dass sie irgendetwas anderes als vollkommene Zufriedenheit mit der Welt spürt, was war deine emotionale Antwort?

Für mich ist es so: Wenn ich unglücklich bin, erlebe ich nur in den seltensten Fällen bedingungslose Empathie. Und wenn, dann meistens von einer anderen Schwarzen Person.

Und da wir offensichtlich nicht zu jeder Zeit ausschließlich von Schwarzen Menschen umgeben sein können, müssen wir über unsere Optionen nachdenken. Britisch wie ich bin, glaube ich nicht, dass uns ein 24-Stunden-Lächel-Marathon schützen wird. Nun, ich habe keinen besseren Vorschlag als zu sagen, das wir weiterhin auf einander achten sollten und wir sollten auf diesen utopischen Tag hinarbeiten, an dem auch in vorwiegend weißen Gesellschaften jede_r wirklich Menschenrechte hat. Selbst jene, die nicht lächeln.

P.S.:

Liebe Allies,

es ist an der Zeit sich zu steigern – Bitte wirkt der tatsächlichen Gewalt, die Schwarze Menschen jeden Tag in ihren Intraktionen mit weißen Menschen in überwiegend weißen Gesellschaften erleben, entgegen, erkennt und benennt sie.

Des Teufels Advokaten gibt es genug.

 

When Black people don’t smile…

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Rechts gegen Rechts, #shirtstorm, Schnulzen gegen Ebola – kurz verlinkt

19. November 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 256 von 256 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Aktion “Rechts gegen rechts” in Wunsiedel. “Lachen ist Macht”, Gewalt aber auch: Im bisherigen Jahr 2014 wurden in Deutschland bereits mehr Angriffe gegen Geflüchtete verübt als in den beiden Jahren zuvor – und zwar zusammen gerechnet.

Beim kulturradio des RBB kann nun auch online die Sendung “Alltagsrassismus in Deutschland” nachgehört werden, wo unter anderem Sharon Dodua Otoo und Kübra Gümüşay sich zu Wort melden. Es geht es unter anderem um die vermeintlich harmlosen Fragen wie “Woher kommst du wirklich?”, Auswirkungen von politischen Debatten über Asyl, die Kinderbuchdebatte und #schauhin. (Inhaltshinweis: N-Wort ausgesprochen)

“Für mich fehlt dieser Gesellschaft die Bereitschaft, Differenzen stehen zu lassen.”, sagt Lann Hornscheidt in der FAZ in einem Artikel über Sprachformen, Geschlecht und gewaltvolle Reaktionen. (Inhaltshinweis: Reproduktion vieler Hasskommentare, Gewaltandrohungen etc.)

englischsprachige Links

Bei Race Traitor schrieb Tamara K. Nopper einen offenen Brief an “weiße Antirassist_innen” und erklärt, warum diese Selbstbezeichnung ein Widerspruch in sich ist.

Johnetta Elzie berichet bei Ebony über die traumatisierenden Erlebnisse während der fortdauernden Proteste gegen rassistische Polizeigewalt im US-amerikanischen Ferguson, denen die Polizei dort extrem martialisch und gewaltvoll begegnet: “When I close my eyes at night, I see people running from tear gas in their own neighborhood. […] I didn’t expect to go from a peaceful protester trying to attend a vigil for a young teen gunned down, to a modern day freedom rider. But I am prepared to stay the course and fight as long as we must.”

Dr. Matt Taylor, einer der European Space Agency (ESA)-Wissenschaftler_innen des Rosetta-Projekts, löste mit einem sexistischen Hemd, das er zunächst bei der Live-Übertragung der Landung trug, Kritik aus. STEM Women schrieben zum “#shirtstorm” und zu alltäglichem Sexismus in MINT-Bereichen.

“Where Are Our Elders?” – Anlässlich des Todes von Leslie Feinberg fragt sich Sunny Drake, wie viel Platz in aktivistischen Communities eigentlich für ältere und alternde Menschen, für die Vorgänger_innen ist.

Es ist wieder mal so weit: Bob Geldorf hat seine Showbiz-Freund_innen angerufen und rettet jetzt Afrika. Denn was hilft besser gegen Ebola (und alles andere Leid) als Singen und CD-Verkäufe?  Wirklich nichts dazugelernt?, fragt AfricaIsACountry.

Das TIME Magazine lässt über Wörter abstimmen, die für das Jahr 2015 verboten gehören. Mit auf der Liste: Feminismus. Nun haben sie sich entschuldigt (aber auch nichts an der Liste geändert). Bust schreibt über den Vorfall.

Termine in Berlin

Kein Platz für Rassismus – Anti-Geflüchteten-Demos stören in Buch und Berlin-Marzahn:

Vom 26.11. bis 29.11. findet das Festiwalla 2014 statt, eine Programmübersicht findet Ihr hier.

Die MIND THE GAP-Ausstellung mit Arbeiten der Schweizer-Jüdischen Künstlerin Elianna Renner wird am 21.11.2014 eröffnet.

Der Film ID-Without Colors wird am 20.11. um 19 Uhr (OmU) bei Frauenkreise Berlin gezeigt, Choriner Straße 10, 10119 Berlin. Im Anschluss gibt es eine Diskussion.


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Zum Tod von “Transgender Warrior” Leslie Feinberg

18. November 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 41 von 41 der Serie Wer war eigentlich …
Cover von Stone Butch Blues

Quelle: en.wikipedia.org

Nach jahrelangem Kampf gegen verschiedene Krankheiten ist Aktivist_in und Autor_in Leslie Feinberg am Samstag im Alter von 65 Jahren verstorben. Aktivist_in, Partner_in in crime und Wegbegleiterin Minnie Bruce Pratt hat auf Advocate.com einen liebevollen und faktenreichen Nachruf auf Feinbergs Leben und Wirken verfasst.

Leslie Feinberg zählt neben Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson zu einer der tragenden Figuren der us-amerikanischen Trans Liberation und LGBT-Bewegung. Ihr_sein Leben hatte und hat enormen Einfluss auf politische Bewegungen, Theoriebildung, literarisches Schreiben von und über Lesben und Trans* und Aktivist_innen weit über die USA hinaus. Pratt zitiert Feinberg im Nachruf:

In a statement at the end of her life, she said she had “never been in search of a common umbrella identity, or even an umbrella term, that brings together people of oppressed sexes, gender expressions, and sexualities” and added that she believed in the right of self-determination of oppressed individuals, communities, groups, and nations.

Am Ende ihres Lebens sagte sie, sie sei niemals auf der Suche nach einem weit verbreiteten Sammelbegriff für Identitäten gewesen, geschweige denn einem Begriff, der Menschen unterdrückten Genders, Gender Ausdrucksformen oder Sexualitäten zusammenbringt und fügte hinzu, dass sie an das Recht auf Selbstbestimmung von Individuen, Communitys, Gruppen und Nationen glaubt

In diesem Zitat von Feinberg spiegelt sich die Mehrdimensionalität ihrer_seiner politischen Perspektive wieder: Trans*diskriminierung und Hetero_Sexismus kann nicht von Rassismus und Klassenunterdrückung/Klassismus getrennt werden. So sprach sich Feinberg beständig in Reden und Texten gegen Kriege, Militarisierung, Gefängnisse, rassistische Gewalt durch Staat und staatliche Behörden, Diskriminierung im Gesundheitssystem, Ausbeutung von Arbeiter_innen (of Color) und Kapitalismus aus, organisierte mehrere Demonstrationen und Märsche mit, unterstützte aktivistische Gruppen. Zuletzt setzte sich Leslie Feinberg für die Freilassung von CeCe McDonald ein.

Zu Feinbergs bekanntesten Veröffentlichungen zählen die Romane Stone Butch Blues (1984) und Drag King Dreams (2006) sowie die Sachbücher Transgender Liberation: A Movement Whose Time Has Come (1992), Transgender Warriors: Making History (1996) und Trans Liberation: Beyond Pink or Blue (1999).

In der Woche des Trans*(gender) Day of Remembrance hinterlässt Leslie Feinberg viele trauernde Menschen weltweit, deren Leben durch ihr_sein Schaffen und Schreiben inspiriert und geprägt wurde.

weitere Informationen

Die Webseite von Leslie Feinberg wird gerade überarbeitet. Auf dieser wird demnächst Stone Butch Blues anlässlich des 20. Geburtstags des Romans frei zugänglich sein. Komplettiert wird die Veröffentlichung mit einer Slideshow zur Kampagne für die Freilassung von Cece McDonald. Auf Feinbergs anderer Webseite transgenderwarrior.org findet ihr ein ganzes Archiv über Leslies Schaffen, unter anderem eine deutschsprachige Übersetzung von Transgender Liberation von 1992.

Lavender & Red: Feinbergs Artikel im Workers World Magazine zu den Verknüpfungen von sozialistischen und LGBT-Bewegungen

Vortrag von Leslie Feinberg zu Trans(gender) Bewegungen

Sunny Drake hat anlässlich des Todes von Feinberg einen Text geschrieben, der sich um (Zugehörigkeit) von älteren Menschen in politischen Bewegungen dreht (auf englisch).

Termine:

19.11., Berlin: Queer Edge Tresen der trans*genialen f_antifa zum Trans*(gender) Day of Remembrance mit einem Film von Susan Stryker zum Widerstand von Trans* gegen Polizeigewalt vor dem Stonewall Riot.

20.11., Berlin: Veranstaltung von GLADT e.V. und LesMigraS zum TDoR im Südblock mit Performances von Lia La Novia, Julz und Jayrôme C. Robinet.

Beide Veranstaltungen sind kostenfrei und mit einem Rollstuhl zugänglich. Die Veranstaltung im Südblock findet in deutscher und englischer Lautsprache statt. Die Performances werden schriftlich auf eine Wand projiziert. Der Queer Edge Tresen am Mittwoch ist zusätzlich rauch- und drogenfrei.


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Warum ich trotz #HoGeSa heute trotzdem Zug fahren würde

15. November 2014 von Nadia

Als letzte Woche bekannt wurde, dass das Verbot der heutigen Nazi-Demonstration in Hannover keinen Bestand hat, und daraufhin an vielen Stellen Zugwarnungen (insbesondere für PoC und muslimischstämmige Personen) ausgesprochen wurden dachte ich auch zunächst: Keine Zugfahrt am Samstag für mich.

So schön ist es in Zügen der DB nicht immer.

So schön ist es in Zügen der DB nicht immer.

Nun stand ich gestern aber in einem voll gestopften RE Richtung Minden – derselbe, der für heute als (einer von einigen Zügen) unfahrbar gilt, als No-Go-Area, als gefährliche Zone. Hinter mir ein Glatzkopf mit eindeutigem Pulli, Tattoo, Bierflasche in der Hand. Ich nahm ihn erst gar nicht wahr bis ich merkte, dass hinter mir einer hasserfüllt in sein Handy rotzte (“Die asozialste Zugfahrt die ich je erlebt habe, nur Gesocks im Zug!!!”), zwischendurch beherzt rülpste und aggressiv den Schnodder in der Nase hochzog und zwei Dudes (Kanaken-Bros) mir verzweifelt-sarkastisch zuzwinkerten. Den Kopf einmal halb zur Seite gedreht offenbarte sich mir die ganze Pracht des Elends, und ich muss zugeben, fast noch mehr als der Nazi-Sponk im Rücken widerte mich die Vorstellung an dass jemand mir auf die Haare rülpst, und ich stellte mich so gut es eben in dem beengten Zug ging in den nächsten Gang. (mehr …)


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“Kannst du dich an den Tag erinnern, an dem du verstanden hast, dass du von Rassismus profitierst?”

13. November 2014 von Gastautor_in

Jayrôme C. Robinet ist freier Autor und Spoken Word-Künstler. Gender fluid mit Variationshintergrund, weiß, wird in Deutschland meistens als Person of Color gelesen, Akademiker aus einer bildungsbürgertumsfernen Familie und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Auf Jayrômes Blog veröffentlicht er Gedichte, Analysen und Gedanken in schriftlicher und audio_visueller Form in französischer, deutscher und englischer Sprache.

Das nachfolgende Video und der Text – “An allen Ecken” – sind eine Hommage an “Cornered” von Adrian Piper. Mit diesem Installationsprojekt forderte Piper rassistische Blickregime heraus und thematisierte Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Verwandtschaft im Kontext von Rassismus. Die Videos sind aufgrund von Urheberrechten nicht mehr auf Youtube zu finden. Hier könnt ihr eine Transkription von “Cornered” nachlesen.

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25 Jahre Mauerfall: Deutsche Selbstverständlichkeiten

10. November 2014 von Nadine

In der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der DDR-Geschichte, auch in den vergangenen Tagen, wird deutlich: Es sind die immer gleichen Geschichten, die erzählt werden: Staatliche Verfolgung, Überwachung, Repression, Morde, die – zum Glück – mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 und dank einer “friedlichen Revolution” beendet wurden. Die langersehnte deutsche Einheit 1990, ein einig “Volk”. Es kam endlich zusammen, was schon immer zusammengehörte?

Viel wurde getan nach 1989, damit die ehemaligen IMs, SED- und Stasifunktionäre aufgespürt, sanktioniert und ausgegliedert werden konnten. Nicht allen widerfuhr ihre “rechtmäßige” Bestrafung, doch es ist auffällig, mit welchem Nachdruck die gesamtgesellschaftliche Verurteilung des DDR-Regimes bis heute passiert – eine positive Bezugnahme auf die DDR ist tabuisiert. Das Urteil “Unrechtsstaat” ist unwiderruflich. Die Linkspartei muss sich immer wieder legitimieren. Selbst der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin dürfen ihre Bedenken zur Regierungsbildung in Thüringen äußern und damit demokratische Prozesse auf den Prüfstand stellen. Wo die Linke mitregiert, ist die SED nicht weit. Während zeitgleich Koalitionsüberlegungen der CDU mit der rechten AfD okay sind. “Man wird ja wohl noch koalieren dürfen”, gilt eben nicht für die Linke, eine Partei mit SED-Vergangenheit, eine Partei mit sozialistischen Grundsätzen.

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht. Linksradikale Bewegungen werden kriminalisiert und dem Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit und Volkszersetzung ausgesetzt. Während Nazis weiterhin von staatlicher Seite ungehindert marschieren und morden dürfen.

Es verwundert nicht. Es ist die Fortsetzung deutscher Geschichte, die schon immer darum bemüht war, die Errungenschaften sozialer Bewegungen möglichst schnell zu revidieren. Dass sich ein sozialistisches Gesellschaftsmodell auch nach 1945 hierzulande nicht behaupten konnte, geschweige denn in seinem kurzen Bestehen für alle ein besseres Zusammen_Leben ermöglichen konnte, ist nicht nur Folge von globalen gesellschaftspolitischen Machtkämpfen und einem aggressiven Kapitalismus, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die Aktualisierung eines deutschen Bewusstseins, das bis heute von weißen, christlichen, völkisch-nationalistischen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und einem soziopathologischen Begehren nach Obrigkeit und Führung geprägt ist. Dass in den Erzählungen um den 9. November weder die staatlichen verordneten Pogrome 1938, die Verfolgung und Ermordung von Jüd_innen und allen anderen, die zu Nicht-Menschen degradiert wurden, einen dem Mauerfall ebenbürtigen Platz in der Erinnerungsarbeit bekommen, ist nicht nur Folge eines Jubeltaumels über den Zerfall der DDR mit Bier und Bratwurst, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die unhinterfragte und ungebrochene Hervorhebung weißer, deutscher Opfer historischen Unrechts, die die Erzählungen der ehemaligen Vertragsarbeiter_innen aus BRD und DDR, der migratisierten und kolonialisierten Generationen, die hier lebten und leben, den Geflüchteten, die hier leben wollen, systematisch aus deutscher Erinnerungsarbeit ausgeschlossen werden. Hoyerswerda, Solingen, Lichtenhagen, Mölln – bedauerlich für das Ansehen von Deutschland, aber nicht betrauernswert für die Angehörigen, Hinterbliebenen, Vertriebenen. Dass 1884, 1938, 1989, 1991, 1992 und 2014 oft einseitig erinnerte und zusammenhangslose Jahreszahlen bleiben, ist nicht nur Folge kollektiver Geschichtsamnesie, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.


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Problematische Apps und Pick Up-Artists ohne Einreise-Erlaubnis – die Blogschau

8. November 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 261 von 263 der Serie Die Blogschau

Merle schrieb über Feminismus und Anschlussfähigkeit in patriarchalen Strukturen und hielt u.a. fest: “Wer nicht dem entspricht, was als normschön anerkannt wird und die normierten Verhaltensweisen nicht für sich in Anspruch nimmt_ nehmen kann, wird zu einer Randgruppe jenseits des „Sexy-Feminismus“ marginalisiert.”

Ein Text über Armut, Geld und Existenz erschien auf light-inside.

Sehr lesenswert: Auf Zehenspitzen schrieb nochmal über die Reproduktionsdebatte.

Mela antwortete auf Leo Fischers Text zu politischen Nerds und stellte fest: “Der Neid, die Mißgunst und Furcht der Normalen, für die Fischers Artikel stellvertretend steht, taucht nicht von ungefähr gerade jetzt auf. Auch dieser Artikel kann und sollte in Verbindung mit all den anderen Anti-Inklusions-Artikeln gelesen werden, die in den letzten Monaten das Feuilleton überschwemmten.”

Derege Wevelsiep hatte vor zwei Jahren Anzeige gegen die Polizei erstattet, weil er im Rahmen einer Personenüberprüfung gefesselt und geschlagen wurde: Nun gab es eine Verurteilung der Polizisten wegen Körperverletzung. Nachlesen könnt Ihr einiges zum Fall bei Carmen.

Tolles Interview mit den tollen Anti-Corpos über Sexismus in den HC/Punk-Szenen, feministische Bandarbeit, Empowerment durch Musik_Machen und Vernetzung mit anderen Musiker_innen: Hier.

Helga schrieb über “Anmachen, Gewalt, Anspruchsdenken – 1998 und heute”.

Habt Ihr schon von der App Samaritans Radar gehört? Welcome to Shoebox Castle! zeigt auf, was an der App sehr problematisch ist – und warum sie “ein netzfeministisches, netzpolitisches, netzaktivistisches Problem” ist, und zwar “besonders für Personen, die auf Twitter bzw. online häufig zu Zielen von Bedrohungen, Belästigungen, Stalking, etc. werden.”

Außerdem erschien bei Welcome to Shoebox Castle! ein Text über die Kampagne gegen Julien Blanc und “Pick Up Artistry”. Begrüßenswert: Dem Pick Up-Artist und seinem Kollegen wurden bereits die Visa für Australien entzogen; Auftritte, unter anderem in Deutschland und der Schweiz, sind aber nach wie vor geplant. Mehr dazu findet ihr auch bei Twitter unter #takedownjulienblanc.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Zum “Kampf gegen Genderismus”: Die neue LOTTA

7. November 2014 von accalmie
Dieser Text ist Teil 8 von 9 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

LOTTA ist eine antifaschistische Zeitung eines ehrenamtlich arbeitenden Redaktionskollektivs aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen, die alle drei Monate erscheint. Die LOTTA berichtet von Aktivitäten und Hintergründen zur extremen Rechten sowie gesamtgesellschaftlichen Anschlüssen an (extrem) rechte Weltbilder. In der neuesten Ausgabe, die am ersten November erschien, wird der Schwerpunkt auf das Thema “‘Kampf dem Genderismus’ – Antifeminismus als Scharnier zwischen extremer Rechter, Konservativismus und bürgerlichem Mainstream” gelegt. Mehr dazu aus dem Editorial der Ausgabe #57:

Im Kampf gegen einen angeblichen „Genderismus“ sind Allianzen entstanden, die vom konservativen Feuilleton über christlich-fundamentalistische Gruppierungen, die “Alternative für Deutschland” und mit ihr verbundene Netzwerke und die „Neue Rechte“ bis zur Neonazi-Szene reichen. Die Agitationsfelder sind vielfältig, „Frühsexualisierung“, „Väterrechte“, Gender Mainstreaming, Homosexuellen-Ehe sind nur einige prominente Beispiele. Im Internet ist ein breites Netz an Organisationen, Initiativen und Foren entstanden.

Mittlerweile hat sich diese Bewegung auch auf der Straße formiert und zeigt sich bei den jährlichen „1000 Kreuze Märsche“ fundamentalistischer AbtreibungsgegnerInnen in Münster, Berlin, Fulda und München oder den Demonstrationen der “Initiative Besorgte Eltern”. Antifeminismus und eine binäre Geschlechterordnung stellen zum einen die Grundlage konservativer bis extrem rechter, völkischer Weltbilder dar, sind aber darüber hinaus fest im gesellschaftlichen Mainstream verankert. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen zeigen einmal mehr, wie wichtig feministische Positionierung und Praxis sowie deren Verknüpfung zur antifaschistischen Arbeit ist. Also … still loving feminism!

Im sech­zehnseitigen Dossier beleuchtet LOT­TA un­ter an­der­em die ge­schlech­ter­po­li­ti­schen Stand­punk­te der “Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land” (AfD), An­ti­fe­mi­nis­mus der “selbst­er­nan­nten ‘Mas­ku­li­st­en'”, (christ­li­che) Pro­te­ste ge­gen ei­ne “Früh­sexuali­sier­ung von Kin­dern” und die he­te­ro­se­xist­ische Mas­sen­mo­bi­li­sier­ung in Deutsch­land und Frank­reich. Das kom­plet­te In­halts­ver­zeich­nis der No­vem­ber-LOT­TA fin­det ihr hier.

Die LOTTA ist im Buch­han­del er­hält­lich (ISSN: 1865-9632), in Info­lä­den oder per Post, in­dem ihr ei­ne Be­stel­lung per E-Mail an lotta-vertrieb@nadir.org sendet. Es lohnt sich auch, ei­nen Blick in das Ar­chiv der LOTTA zu wer­fen – ei­ni­ge Ar­ti­kel sind on­line ver­füg­bar.


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GDL-Streik: Mobilität für George, Gina & deine Mutter

7. November 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil von 15 der Serie Ökonomie_Kritik

Frederik bloggt auf  Techno Candy und twittert auch.

Die Lokführer_innen streiken, die Fahrgäste drängeln und seufzen, die Medien hetzen und die Bahn-Verantwortlichen lassen eine Schmierenkampagne auf die Leute im Arbeitskampf niederregnen.

Der Streik tut weh, weil die Leute das Gefühl haben, dass sie sich nicht mehr frei bewegen können und in ihrer Mobilität eingeschränkt werden. Ich habe gestern einen Tweet verfasst, der bis jetzt 43 mal retweetet wurde (fame!) (üblicherweise werde ich von meinen großzügigen Follower_innen 0-2 mal retweetet), den ich jetzt noch ein bisschen ausführen will.

Was ist denn eingeschränkte Mobilität?

Eingeschränkte Mobilität, das ist das alltägliche Versagen der Deutschen Bahn. Das sind unendlich steigende Ticketpreise im Nah- und Fernverkehr (bei 19,20 Euro ALG II für den ÖPNV pro Monat), Ausfälle und Verspätungen wegen beschädigter Bahnen und Strecken, ein lückenhaftes Streckennetz, immer mehr geschlossene Bahnhöfe, kaum funktionierender Ersatzverkehr bei Störungen, und das Winterprinzip (Pro Schneeflocke eine gecancelte Fahrt). Das ist die Konsequenz von Privatisierung öffentlicher Güter.

Eingeschränkte Mobilität, das sind die Barrieren, die Leute mit Rollstuhl, Rollator, Krücken vom Reisen abhalten, das sind Zugfahrer_innen, die keine Zeit haben, die Rampe auszufahren, das sind fehlerhafte oder undeutliche Durchsagen, das sind überfüllte, stickige, zu heiße oder zu kalte Wagen. Das ist Ableismus.

Eingeschränkte Mobilität, das sind die inneren EU-Grenzen, die nur für weiße Menschen easy zu überqueren sind, das ist Racial Profiling bei Ticket- und Ausweiskontrollen, das ist Polizeigewalt und rassistische Schikane durch Behörden und Beamte, das sind die äußeren EU-Grenzen, an denen Leute ertrinken, verhungern, verdursten und ermordet werden. Das ist Rassismus.

Eingeschränkte Mobilität, das ist Catcalling auf der Straße, Sexismus am Arbeitsplatz, Rapeculture, Angst haben müssen, wenn mensch alleine nach Hause gehen will, das ist Gewalt und Kontrolle in Beziehungen, das sind Morde und Gewalt an trans Frauen, Queers und Sexarbeiter_innen, das ist die Potenzierung dieser Gewalt für all jene, in deren Lebensrealität Rassismus, Cissexismus und Armut eine Rolle spielen. Das ist Patriarchat.

Eingeschränkte Mobilität, das ist, wenn Feminismus plötzlich heißt, dass einige weiße cis Frauen die Möglichkeit haben, auf Kosten migratisierter, armer Personen unterschiedlichen Genders ähnliche giftige Privilegien abzuräumen wie einige weiße cis Männer sie genießen. Wenn Haushaltsarbeit, Pflegearbeit und Kinderbetreuung als klassische weibliche Arbeiten unterbezahlt und isoliert stattfinden, sodass eine Organisierung der Arbeiter_innen schwierig und ein Streik kaum denkbar wird. Wenn Deutschland das Land ist, in dem die Klassenreise nach “oben” in ganz Europa am schwersten ist (mal abgesehen von der Reise nach Europa). Wenn ganze Stadtviertel entvölkert und neu besiedelt werden, sodass jene, die in den schicken Lofts irgendwas am Computer (Mac!) rumklicken, zur Arbeit mit dem Fahrrad fahren können (green!), und jene, die die Lofts putzen, eineinhalb Stunden in der nun streikenden S-Bahn verbringen müssen, um überhaupt ihren outgesourcten Job antreten zu können (5 Euro!).

Das sind Gründe, die Wut nicht auf die Gewerkschaft der Lokführer_innen oder gar auf die Streikenden selbst abzuladen. Das sind Gründe, die Bahn und alle anderen Unternehmen zu beklauen und zu betrügen. Das sind Gründe, unsere eigene Arbeit zu analysieren und zu verstehen, um dann in den Streik zu treten, welche Arbeit auch immer wir ausführen.


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Lena Dunham, Street Harassment und eine verdeckte Ermittlerin in Hamburgs linken und queeren Szenen – Kurz Verlinkt

6. November 2014 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 1 von 256 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Letzte Woche fand am Brandenburger Tor in Berlin eine Protestaktion gegen das Abtreibungsverbot in Irland anlässlich des zweiten Todestages von Savita Halappanavar (wir berichteten) statt, die in Folge des Abtreibungsverbots starb. Organisiert von Berlin-Irish Pro Choice Solidarity (Facebook-Seite). Bei der Aktion wurden auch Fotos geschossen.

Die Mädchenmannschaft ist offenbar auch einigen Frauen- und GleichstellungsministerInnen und -senatorInnen der Länder ein Begriff. Auf ihrer jährlichen stattfindenden Konferenz hieß es in diesem Jahr zum Thema “Cybergewalt und Cybermobbing” (PDF, unter Seite 36, 4. des Beschlusspapieres): “Bemerkenswert ist, dass sich im Netz selbst verschiedene Gegenbewegungen formiert haben. Besonderer Erwähnung bedarf im deutschsprachigen Raum der Blog Mädchenmannschaft, der Impulse für weitere Initiativen gegeben und sich als Knotenpunkt digitaler feministischer Vernetzung etabliert hat.”

Die “Freeugees” aus Berlin – eine Band aus Geflüchteten, begleitet von einem Filmemacher – suchen einen Proberaum möglichst in Berlin Kreuzberg.

[Inhaltshinweis: Beschreibung sexualisierter Gewalt im Link] Eine Frau wird in ihrem Wohnhaus in München vergewaltigt. Ihre Vermiterin kündigt daraufhin den Mietvertrag, sie hätte schließlich Ärger ins Haus gebracht. Die Süddeutsche berichtet über diesen unglaublichen Fall.

Die Frankfurter Rundschau berichtet über eine LKA-Beamtin, welche sechs Jahre lang als verdeckte Ermittlerin in linken und queeren Kontexten Hamburgs agierte.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) veröffentlichte gemeinsam mit der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) einen Zwischenbericht zur Verhandlung des Falls von Kläger Derege Wevelsiep am 30. Oktober in Frankfurt/Main. Dort geht es um Körperverletzung und “Racial Profiling”. Der nächste Prozesstag ist heute.

Das neue an.schläge-Magazin ist erschienen und die Novemeberausgabe widmet sich im Schwerpunkt dem Thema Geschlecht und Suizid. Einige Texte gibt es wie immer auch online zu lesen, so das Interview zum Themenschwerpunkt mit Soziologin Eva Eichinger, in der sie über Ungleichheiten im Suizid-Diskurs spricht und ein Interview mit LGBT-Aktivistin Elena Kostyuchenko über kritischen Journalismus in Russland.

Das feministische Monatsmagazin Anschläge feiern ihren 30. Geburtstag! Yay! Wir gratulieren ganz herzlich. Anlässlich des Jubiläums interviewte diestandard.at zwei Macherinnen.

In der neuen Ausgabe der Lotta geht es um aktuelle antifeministische Erscheinungsformen und Diskurse.

Englischsprachige Links

Ein kritischer Artikel zu dem Street Harrassment Video von Hollaback!, welches in den letzten Tagen viel in feministischen Kreisen rumging: On Street Harassment And Classic White Dudery. Ebenfalls lesenswert: “What you NEED to know about street harassment“.

Alok Vaid-Menon veröffentlichte auf Return The Gayze das Gedicht “Transmisogyny“.

Eine Erklärung der geflüchteten Frauen in Berlin-Kreuzberg des Internationalen Frauen-Space an Herr Panhoff und Frau Hermann.

Lena Dunham beschreibt in ihrem Buch “Not that kind of girl” den Missbrauch an ihrer Schwester als witzig-provokante Sidenote. Zu der Dunham-Geschichte und darüber, was die Veröffentlichung über Dunhams _jetziges_ Verständnis von consent (Einverständnis) aussagt, schreibt Melissa McEwan auf shakesville.

In den USA gab es vorgestern die Midterm Elections. Autostraddle schreibt über die herben Verluste der Demokraten, aber auch über ein paar gute Dinge, die passiert sind.

Termine

Ab dem 7. November wird Magda in verschiedenen Städten in Deutschland ihren Vortrag “Mein Fett ist Politisch” halten und Fat Empowerment Workshops geben. In Oldenburg am 8. November sind noch Plätze im Workshop frei! Meldet euch unter femref[at]uni-oldenburg.de an.

Am 26. November hält die Selbstorganisation von Geflüchteten, Karawane, einen Vortrag zu flüchtenden Frauen in Bochum.

Ebenfalls in Bochum beginnt heute der Linux/Debian-Kurs für Frauen.


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