Einträge mit dem Tag ‘Queer’


Nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen verblassen

26. Januar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 124 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek
Sie begann den nächsten Versuch, etwas Neues zu erzählen, mit einer Sprache, die all dem gerecht werden müsste. Oder zumindest versuchen sollte, nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen zu verblassen. (S. 199)

„Biskaya“ ist ein afropolitaner Roman der Berliner Aktivist*in, Performer*in und Autor*in SchwarzRund über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin.

Musik steht im Mittelpunkt der Hauptprotagonistin Tue, eine dreißigjährige queere Schwarze Musikerin, die mit drei Elternteilen aufgewachsen und Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band ist. Mit dieser verbindet sie eine konfliktreiche Hass-Liebe: Die Liebe zur Musik trifft auf unsensible Bandkollegen, die Tue zwar gerne als Aushängeschild sehen, aber ihre politischen Botschaften lieber nicht hören wollen. Zu Schwarz, zu queer darf ein Aushängeschild nicht sein.

Dann ist da noch der fürsorgliche, unendlich sympathische und super-stylische Matthew sowie später auch die jugendliche Sarah (Pronomen: sie oder gar nichts), die Tue stets liebevoll einen Spiegel vor die Augen hält und ihren eigenen Rucksack an Familiengeschichte zu tragen hat. Die beiden stellen die engsten Verbündeten oder Freund_innen oder so etwas wie eine Familie für Tue dar. Genau kann mensch das nicht sagen, denn Tue ist viel für sich allein und hat zuweilen Mühe, zwischen Panikattacken, einem schwierigen Verhältnis zum Essen, einem Klinikaufenthalt, das absehbare Ende der Band sowie erlebter rassistischer und sexualisierter Gewalt Verbindungen zu ihrem sozialen Umfeld aufzubauen. Ihre wichtigste Beziehung pflegt Tue weiterhin zur Musik, zu ihren immer politischer werdenden Texten und ihren vollgekritzelten Zetteln, die sie säckeweise sammelt und wochenlang sortiert, bis sich der Staub zwischen ihren Zehen sammelt.

Ihre Herkunftsfamilie existiert in ihrem Leben nur in Form von Rückblenden, Briefen und Erinnerungen. Referenzpunkt ist das kleine Biskaya, eine eigenständige Schwarze europäische Insel vor der Küste Europas. Blicke in die Vergangenheit geben dem Roman die historische Tiefe und einen Twist am Ende, der die Widersprüchlichkeiten und Tragiken des Lebens aufzeigt. Deutscher Kolonialismus und heteronormative Familienkonstellationen spielen im Roman genau so eine Rolle wie Krisen und Ängste, wobei die Protagonist_innen nur selten belehrend oder moralisierend erscheinen. Es ist Platz für Imperfektion und für gegenseitigen kritischen Austausch.

Messerscharfe Witze, die gleichzeitig Situationen aufdecken und verstörend wirken. Sarkastische Kommentare, die den Nagel auf den Kopf treffen, und oft genug auch zielgenau in die Wunde. Ich weiß nicht, ob ich alle Zwischentöne dieses komplexen Zusammenspiels menschlicher Höhen und Tiefen und allem, was dazwischen liegt, einfangen oder begreifen konnte (das muss mensch auch nicht, um gefesselt zu sein). Ich weiß nur, dass mir in den letzten Jahren oftmals die Konzentration dafür fehlte, ein Buch von vorne bis nach hinten zu verschlingen, und dieses gehörte sicherlich zu denen, die ich ungern aus den Händen legte.

Schwarzrund: „Biskaya,“ erschienen 2016 im zaglossus Verlag.


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Typen dürfen nicht, wir schon – Gewalt in queeren Beziehungen und die Ignoranz des Umfeldes

11. Dezember 2016 von Nadine

Bei Typen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gewalt geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Urteilen. Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Gewalt in Beziehungen. Da wissen wir, wie der Hase läuft. Da wissen wir ganz genau, wie das Patriarchat funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle der Täter der eigene Ehemann ist, oder der Freund, oder der Onkel, Vater, Cousin, Bruder. Der Kumpel, den wir schon ewig kennen und von dem wir nie dachten…

Bei queeren Personen sind wir immer ganz vorne dabei, wenn es um Gerechtigkeit geht. Zitieren Statistiken, werfen mit Zahlen, donnern mit berechtigten Forderungen. Da wissen wir ganz genau, wie der Hase läuft. Vertrauen, Nähe, Anerkennung. Wahrnehmen. Ernstnehmen. Da wissen wir ganz genau, wie Utopie funktioniert. Da wissen wir, dass in rund 90% der Fälle alles okay ist. Dass sich da kritische Menschen mit anderen kritischen Menschen zusammentun und an einer besseren Welt bauen. Die mit weniger Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung auskommt. Eine Welt, in der Menschen sich wohl fühlen, ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie sein können, wie sie sind.

Wir respektieren ja Grenzen

Gewalt innerhalb queer_feministischer Communities, ja sogar Gewalt in Beziehungen, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, das kann nicht sein. Das gibt es nicht. Denn wir respektieren ja Grenzen. Wir wissen ja um die Gewalt, die wir täglich erfahren. Aber nicht bei uns. Nicht unter uns. Niemals.

Wir interessieren uns brennend für die Gewaltgeschichten unseres_r Gegenüber. Wir wollen verstehen. Wir wollen unterstützen. Aber nur einen Teil. Den anderen blenden wir aus. Theoretisch besteht ja die Möglichkeit. Das haben wir in schlauen Büchern gelernt. Aber denken? Konsequenzen denken? Das können wir nur mit schlauen Büchern, Handreichungen. Community Accountability, Transformative Justice. Schlagworte in den Raum werfen. Workshops besuchen, Arbeitsgruppen bilden. Stuhlkreise.
Wir halten uns für so gut und so diskriminiert, dass wir es selten wagen zu denken, dass in 100% der Fälle, die andere Person der_die Täter_in, äähh Freund_in, äääh Aktivist_in, ääähhh die Person ist, von der wir niemals dachten, dass…

Die Beziehung als Therapiestunde

Menschen, die Gewalt erfahren haben, können Gewalt ausüben. Es ist so simpel und doch so schwer zu begreifen. Wir halten uns für Opfer, deswegen für gewaltfrei. Wir haben doch nur Wünsche und Bedürfnisse, auf die wir ein Recht haben, weil wir erlebt haben. Und wer uns diese Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt, negiert unsere Erfahrungen, verhält sich ignorant, verletzend, diskriminierend, wiederholt Trauma.

Wenn die eigenen Erfahrungen dafür benutzt werden, um andere auszunutzen, zu manipulieren, zu kontrollieren, zu Handlungen und Entscheidungen zu zwingen bzw. zu „überreden“, ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, Selbsthass, Schuld- und Schamgefühle zu injizieren, um eigene Projektionen als ultimative Wahrheit zu verkaufen.

Wenn unsere eigene Beziehung mit einer Therapiestunde verwechselt wird, wenn mein_e Partner_in mein Leben auf die Reihe kriegen soll, meine Schmerzen ertragen soll, meine Trauer, meine Ängste und dafür die Verantwortung übernehmen. Wenn ich nicht akzeptieren kann, dass eine Beziehung nicht dafür da ist meine eigene Ohnmacht zu kompensieren. Dann fängt Gewalt an.

Typen dürfen nicht, wir schon

Aber wir sind doch so reflektiert… Wir sind doch so kritisch… Deshalb instrumentalisieren wir auch unser Wissen über Machtverhältnisse, soziale Positionen, Diskriminierung und Gewalt und rechtfertigen damit unsere Grenzüberschreitungen. Wir dürfen, weil wir erlebt und erfahren haben. Wir dürfen, weil wir ein Recht dazu haben. Wir dürfen, weil wir leiden… Inwiefern unterscheiden wir uns damit von dem rund 90% Täter. Der von dem wir niemals dachten, dass. Der, von dem wir schon immer wussten, dass.

Das Private ist politisch, heißt es doch. Aber nicht nur politisch ist ein sehr dehnbarer Begriff. Früher dachte ich, es wäre müßig Täter_innen zu outen in queeren Kontexten. Weil es dann einen Namen gibt. Wenige Namen gibt unter vielen. Und die vielen mit dem Finger auf die wenigen zeigen können, um sich selbst von dieser Form oder diesem Ort der Gewalt freizusprechen. Ich gebe zu, ich war naiv.  Denn so gut wie niemand interessiert sich für Namen. So gut wie niemand interessiert sich dafür, was überhaupt passiert, wenn wir von einer Demo oder Party nach Hause gehen, was in unseren eigenen 4 Wänden passiert.

Das Offensichtliche wird ignoriert

„Naja, so lange wir nicht alle Seiten der Geschichte kennen“ – „Woher hätte ich denn wissen sollen?“ „Für eine Einschätzung fehlen mir die Details…“ – Expert_innen, die wir in Fragen der hetigen Beziehungs- und häuslichen Gewalt, der sexualisierten Gewalt zweifellos sind, scheitern an den offensichtlichen Zeichen und Hinweisen, die Betroffene immer geben, wenn sie von ihrem Beziehungsalltag berichten.

Naaah, das sollen die mal schön unter sich klären…ihr „Beziehungsdrama“. Dramatisch, dass immer nur Typen Täter sein können. Dramatisch, dass es angeblich keine Täter_innen gibt unter allen anderen. Wer ein Opfer ist, kann kein_e Täter_in sein. Gewalt beginnt da, wo ich die Verantwortung für mich selbst an meine Beziehung abgebe. Gewalt hört nicht auf, wenn ich glaube, dass mich all das nicht betrifft.


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Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

12. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 27 der Serie Die Feministische Videothek

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.

Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.

Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.

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Under the Udala Trees: Eine Romanbesprechung

1. Februar 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 115 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Es sind erst wenige Jahre nach der Unabhängigkeit und es tobt der Biafra-Krieg. Bei einem Bombenangriff auf ihren Heimatort kommt Ijeomas Vater ums Leben. Ihre Mutter, in ihrer Verzweiflung, Trauer und auch Wut, weiß nicht weiter und gibt Ijeoma bei einem Freund des Vaters in einem anderen Ort, außerhalb des Kriegsgebiets, in Obhut. Dort soll die Elfjährige für einige Zeit im Haushalt helfen, im Gegenzug verspricht der Freund, the teacher, ihre Schulbildung zu finanzieren.

Ein von @half_book_and_co gepostetes Foto am

In der kommenden Zeit verändert sich für Ijeoma vieles. Sie verliebt sich zum ersten Mal. Dabei übertritt sie gleich zwei Grenzen: Sie entwickelt Gefühle für und entspinnt eine Beziehung mit Amina, einem Mädchen, welches zu dem einer anderen Ethnie (und Religion) angehört. Als die Beziehung öffentlich wird, tritt erstmals wieder Ijeomas Mutter auf (etwas wonach sich Ijeoma bis dahin gesehnt hatte) und holt Ijeoma zu sich.

Chinelo Okparantas Debut-Roman Under the Udala Trees aus dem letzten Jahr folgt Ijeoma über dreißig Jahre durch ihr Leben, vom traumatischen Verlust ihres Vaters, der ersten Liebe, den folgenden Versuchen ihrer Mutter durch christliche Lehren Ijeoma von ihrem Begehren abzubringen, Erwachsenwerden, neuen Beziehungen, queeren Untergrundlubs bis hin zu einer unglücklichen Ehe.

Viele nigerianischen Autor_innen schreiben über den Biafrakrieg. Er gehört sicher mit zu den größten Themen der nigerianischen Literaturen. Okparanta nimmt den Krieg als Ausgangspunkt für eine Geschichte die noch weitere Jahrzehnte der Post-Unabhängigkeit umfasst und in diese lesbische, queere, frauen-begehrende Frauen einschreibt. Dabei werden diese nicht nur von der Hauptfigur repräsentiert, sondern treten vielfach in Erscheinung. Zwar rutschen einige Abschnitte des Romans in einen etwas didaktischen Duktus ab, doch herrscht Okparantas bildreicher, klarer Stil vor, der bereits in ihrer Kurzgeschichtensammlung Happiness, Like Water überzeugte.

Zu einer Zeit, in der in Nigeria stark restriktive homofeindliche Gesetze verabschiedet wurden, gibt Okparanta ihren Figuren nicht nur eine Geschichte, sondern auch ein Ende, welches hoffen lässt. Aber bis dahin ist es eine längerer Weg, der nicht nur all jenen empfohlen ist, die es nicht bei Adichie als einziger nigerianischen Autorin auf ihrer Leseliste belassen wollen.

Zum Weiterlesen: Interview mit Chinelo Okparanta (auf Englisch)


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Deutscher Antisemitismus, Anti-Abtreibungs-Gewalt, „behindert“ als Schimpfwort – die Blogschau

19. Dezember 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 290 von 295 der Serie Die Blogschau

„Viele in Deutschland halten alltäglichen Antisemitismus für kein Problem mehr – Levi sieht das ein bisschen anders“ – und beschreibt bei kleinerdrei, warum.

Beim Feministische Studien Blog gibt es einen Artikel über die Hintergründe von Robert Lewis Dears Anschlag auf Planned Parenthood in Colorado Springs und die Geschichte von Anti-Abtreibungs-Gewalt in den USA.

Auf bento: Ein Rant von Ninia LaGrande in Videoform, und zwar gegen die Verwendung von „behindert“ als Schimpfwort.

Rock Camp München ist „ein gemeinnütziger Verein, der das Selbstbewusstsein junger Mädchen und Frauen durch Musik und begleitende Workshops fördert“. Für das nächste Camp brauchen die Veranstalterinnen noch Geld.

Anlässlich eines Artikels von Andrea Roedig, der kürzlich in der Zeit erschien, klamüsert Teile des Ganzen so einiges  „Über Butches, Transmänner und (nicht nur) lesbische Verlustgefühle“ auseinander.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blogs etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Queere Adventskalender, faule Frauen auf Achse und Kinderbücher-Tipps – die Blogschau

5. Dezember 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 289 von 295 der Serie Die Blogschau

„Kinder of Color in der Hauptrolle“:  umstandslos – das Magazin für feministische Mutterschaft stellt empfehlenswerte Kinderbücher vor.

Arge Dicke Weiber diskutiert, warum Dickenaktivismus/Fat-Activism wichtig ist.

Tolle Überraschungen findet ihr beim Queeren Adventskalender 2015 von SugarBox.

Der Startschuss mit einer Vorstellungsrunde ertönt bei den Leckmuscheln, einem neuen intersektionalen, queer-feministischen Blog-Kollektiv.

Das Missy Magazine berichtet von ihrer „Faule-Frauen-Tour“ zwischen Leipzig, München, Wien und Basel:  „Wir haben von Leipzig bis Wien gechillt: im Auto, an der Raststätte, auf der Bühne, im Backstage. Vom Frühstück bis zum Abendbrot. Neun Tage lang.“

„Meine kulturellen Wurzeln sind mehr als eine Sprache, ein bisschen Essen und seltsame Musik, die Menschen wie Sie auf Instragram posten können, um Ihrem Freundeskreis Ihre Internationalität und Entspanntheit demonstrieren zu können.“ Almost Dancing antwortet auf den ZEIT-Kommentar zur „Generation Y und Terrorismus“.

Der neue EDEKA-Werbespot rührt zu Tränen? Draußen nur Kännchen stellt zwölf alternative Erklärungsmodelle vor.

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Schwarzer Frost – Roman

31. Juli 2015 von Gastautor_in

SchwarzRund schreibt schon ihr Leben lang, seit einem Jahr bloggt sie nun zu Mehrfachdiskriminierung und Eis-Essen. Ihre Novelle „Quasi“ kam vor einigen Monaten raus. Sie liebt es zu bloggen und Projekte so autark wie irgendmöglich umzusetzen, weil sie so Geschichten erzählen kann, die auch 1:1 bei dem_der Lesenden ankommen. Jetzt schreibt sie einen Roman: Schwarzer Frost. Die ersten Kapitel sind schon geschrieben, einen ersten Eindruck gab es in Videoform. Wir freuen uns, mit dieser Leseprobe hier einen weiteren Einblick in ihren queeren afropolitanen Roman geben zu können. Damit der Roman realisiert werden kann, braucht Schwarzrund finanzielle Unterstützung.

Schwarzer Frost – Roman

Manchmal wusste Tue nicht so recht ob die Routine des Bandlebens wirklich lebendiger war wie jene des Laden Alltags. Gerade wenn beides ineinander floß, erstickte die gleichzeitige Langeweile beide Tätigkeiten ihre Gedanken, beides führte zu belastender unkreativer Stille in ihren Gedanken. Beides war grauer Routinekleber, beides war Alltag.

Ihr Gesäßknochen drückten gegen das harte Sitzpolster des Barhockers, der Coffeeshop des Kreativ.Bürohauses roch nach alten Lilien und geschäumter Milch. Die Muskeln auf ihrer Stirn zogen sich schmerzhaft zusammen bei jedem Klingeln des Türmelders. Eine nicht enden wollende Anreihung gleich aussehender weißer Menschen betrat das Kaffee, die pragmatische Routine verhinderte jedes Denken.
„Hmmm“ sagte der weiße Mann vor ihr, studierte die Schilder hinter ihr, nutzte die Gelegenheit um die kleinen Löckchen zu betrachten die sich aus ihrer Kopfhaut heraus gekämpft hatten.

Sie schwieg. Nachdrücklicher wiederholte er „Hmm!“ und sah sie auffordernd an. Die Knochen schmerzten, ihre Genervtheit wandelte sich langsam zur Wut, ließ die Schale der lethargischen Langsamkeit fallen und brachte Kraft und Zorn zu ihr.“Einen Kaffee, vermute ich?“ Ihre Zunge war zu träge um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ihr Körper zu routiniert darin die Maske der Gelassenheit zu spielen. Er sah ihr in die Augen, teilnahmslos, sie fühlte sich wie ein Tier das von einem Zoo Besucher ohne großes Interesse angestarrt wurde, sich in ein Objekt verwandelte nur um im Strom der Eindrücke aus der Erinnerung des Betrachtenden zu verschwinden. Er starrte, hielt den Blick ohne jeden Anflug von Freundlichkeit und brummte ein langes, „Hm…“. Die Luft zog sich durch ihre Zahnlücke, eins. Die Luft entwich zwischen den Backenzähnen, zwei. Ihre Augen drehten zur Decke, drei. Weiteratmen: Luft. Blicken, Routine.

Sie griff seinen Kopf und schlug ihn in die Auslage, das Glas zersprang und seine Gehirnmasse sickerte in die vertrockneten Bagel.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie sah ihn an. Entschieden sagte er: „Ich nehme einen Americano. Zum mitnehmen.“ Sie nickte, machte ihm einen Filterkaffee und kassierte einen Latte Macchiato. Das kleine Schildchen „zum halben Preis“ stellte sie in die Vitrine vor die Bagel und reinigte die Glasvitrine. Er verlies den Coffeeshop, die Stille ergriff erneut das leere Cafe. Statt des Gesichtes starrte nun das weiße Blatt sie an, ihr Stifte kreiste über den Zeilen. Sobald ein Wort ihr Gehirn streifte, schrieb sie es nieder, in unzusammenhängender Rheinfolge, in der Hoffnung Zeilen zu finden die später auf einer Gitarrenline zu Musik wurden.

Die Stunden sickerten durch Papier,
kaum Bezug zum Ort kaum Bezug zum hier,
Die Stunden sickerten durch mich-
und du trägst und du trägst und hörst mich nicht.
Die Anzeige blinkt es ist gleich viertel vor vier,
er notiert die Zeit, der nächste Zug fährt ein.
Der Weg, nur ein Bruchteil – Zahlenreihen!
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Von der Schwierigkeit nicht hetero zu sein und hetero zu kritisieren.

28. Juli 2015 von Nadine

In feministischen Kreisen™ hierzulande tut sich eine Kritik sehr schwer: Die Kritik an Hetero-Praxen, am Performen von Heterosexualität. Zum einen, weil die Kritik sich nicht ausschließlich an das abstrakte Etwas Heteronormativität richtet, sondern auch an _die_ Heten selbst, die mit ihren heterosexuellen Selbstverständlichkeiten rumnerven (z.B. Vergewaltigungswitzchen, ständiger Boyfriend- und Beziehungstalk, #notallheteros, umschweifende Raumeinnahme durch Austausch von Körperflüssigkeiten im öffentlichen Nahverkehr *no pun intended* oder Beengung von Wegen und Sitzplätzen durch Bilden einer symbiotischen Körpereinheit, vehementes Einfordern von Typenprivilegien zuerst für sich selbst und danach für alle anderen, Studieren und Erforschen von LGBT-Lebensrealitäten zur eigenen Belustigung, zum Aufpeppen des eigenen Seins oder zum Geld verdienen).

Kritisiert werden Hetero-Praxen und Performances in der Regel, um darauf aufmerksam zu machen, dass es außer Heten auch noch andere Menschen gibt, die ein Recht darauf haben, ein gutes Leben zu führen ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Nichtdiskriminierung in den Mülleimer zu werfen und dass dieses gute Leben eben auch davon abhängig ist, wer sich ständig als Normalität inszeniert ohne Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen. Überraschenderweise wird von Heten, die Heteronormativität als Problem erkannt haben (und von sich selbst auch manchmal als Heten und nicht als Menschen sprechen können, z.B. weil sie überhaupt erst einmal wissen, dass sie Heten sind), in Fällen der Kritik an Konkretem meistens auf das Abstrakte verweisen: Strukturen. Da gibt es diesen bösen Staat, der macht, dass Schwule und Lesben nicht heiraten und nicht adoptieren dürfen (so eine Ungerechtigkeit!11!!1) und äääh ja Trans* und so diese Leute haben’s auch nicht einfach. Betroffenes Nicken.

Heten und ihr „LGBT*-Aktivismus“

Kritisiert wird von Heten oft nur das, was sie selbst für erstrebenswert erachten und anderen verwehrt wird: Heiraten und Kinder kriegen/großziehen/für sie sorgen/Familie haben, Vorstandsetagensessel, Ruhm. Insofern werden auch eifrig Gay Rights mitpropagiert, wird der Regenbogen gefeiert und manchmal empört getan, dass Lisa B. aus K. auf offener Straße zusammengeschlagen wurde, weil er_sie nicht ins Konzept passt von dem, was als Hetero gilt und damit in den Augen von passenden (im Sinne von: Passing/ durchgehen als…) Heten eine Gefahr darstellt. Wer sich als queere Person einreiht ins schöne Hetero-Leben mit den eigenen politischen Forderungen oder Betroffene_r von „wirklich schlimmer“ Diskriminierung ist, um ungefragt als Abziehbild ins Skandalös-Gutmensch-Hetero-Heftchen geklebt zu werden, hat vielleicht die Chance auf Solidarität. Alle anderen, die von Umverteilung (Geld, Zeit, Kapazitäten, politischen Prioritäten in aktivistischen Kämpfen) reden, naaaah…die müssma net anhörn. die tun wa extra. in dieses LGBT dings rein. und dafür hamm wa keene Zeit, weil wegen Vereinbarkeitsproblematik und so. Lieber noch ein bisschen rumjammern, dass das Thema feministische Mutterschaft immer so untergeht zwischen diesen kinderfeindlichen Queer_Feminist_innen, die alles dominieren. Und deshalb (jetzt erst recht!!!) als weiße, ableisierte, Mittelschichts-Hetera den 239. Blog einer weißen, ableisierten, Mittelschichts-Hetera lesen und verlinken, die von 50/50 (AS IF…) und rosa für Jungs plappert.

Kritik an Heteropraxen und Performances ist allerdings auch wegen einer anderen Sache nicht gern gesehene Gäst_in in hiesigen feministischen Debatten: In dieser Kritik würden auch Menschen mitgemeint werden, die sich nicht als Hetero definieren oder nicht als Hete gelesen werden, auch wenn sie sich so definieren. Damit würde die Hetero-Kritik Sexismus bzw. Bifeindlichkeit und Trans*diskriminierung reproduzieren. Um den Unmut über die Kritik zu äußern, die sich nicht an die eigene Person und die eigene Alltagspraxis zu richten haben darf, werden dann munter lesbenfeindliche, sexistische und derailende Behauptungen in die Diskussionsschale geworfen, die z.B. „Lesben sind Cis-Frauen, die auf Cis-Frauen stehen“, „Lesben hassen Menschen, die mit Männern(Sternchen) schlafen“, „Frauen(Sternchen) vorzuschreiben, wen sie lieben dürfen [AS IF… Anm. von mir], ist frauen(sternchen)feindlich“ oder kurz: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ lauten.

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Misandrische Mittelfinger-Mode, Free CeCe, Polizeigewalt gegen Jugendliche – kurz verlinkt

10. Juni 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 282 von 340 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Links

Seit dem 1. Juni kann man sich zum Inklusionscamp in Hamburg anmelden. Die Veranstaltung ist als Barcamp zum Thema Inklusion, inklusives Leben und Lernen geplant und findet am 25. und 26. September 2015 statt.

Mit Islamfeindlichkeit gegen Antisemitismus: Fabian Köhler analysiert für IslamQ, wie sich ein weißes deutsches Kollektiv mit antimuslimischem Rassismus vom eigenen Antisemitismus freispricht. [Siehe Kommentarbereich – danke für den Hinweis!]

Das JugendtheaterBüro Berlin wurde für die KulTür auf! Kampagne mit dem BKM-Preis für Kulturelle Bildung ausgezeichnet.

Und noch mehr Preise: Das Transgender Film Festival 2015 stellt die dort ausgezeichneten Werke vor.

Dominique Hansell schreibt für das Gunda Werner Institut zu Diversity als politischem Feigenblatt: Anhand der Fashion- und Beauty-Branche seziert sie, wie „das politisch korrekte „Anderssein“ […] hier zum kulturellen Aushängeschild der betreffenden Firmen und Institutionen [wird]“.

Obwohl europäische Rechtsinstanzen immer wieder Vätern mehr Rechte in Bezug auf Besuch, Umgang oder Erziehung von Kindern zuspricht, entschied das Bundesverfassungsgericht jüngst anders: Ein Vater darf ein Umgangsrecht gegen den Willen des Kindes nicht durchsetzen, wie das Online-Magazin Frauensicht berichtet.

Englischsprachige Links

Eine Raum wird nicht allein dadurch trans*inklusiv, in dem er statt beispielsweise Frauenraum zu FrauenLesbenTrans*Raum umbenannt wird. Autostraddle trägt Ansätze zusammen, wie (queere) Räume inklusiver für Trans*Frauen gestaltet werden können.

Endlich Sommermode? Kitty Stryker von Purr Versatility hat den ultimativen Guide für den misandrischen, male-gaze-den-Mittelfinger-zeigenden Look zusammengestellt.

Das Black Youth Project stellt ein Kinderbuch vor, in dem ein queerer Junge seine Geschichte erzählt.

Den Dokumentar-Film FREE CeCe!, der sich mit Gewalt gegen Trans*Frauen of Color beschäftigt und die Geschichte von CeCe McDonald (von dem Angriff gegen sie, ihre Verurteilung und Gefängniszeit und ihren Aktivismus gegen den Gefägnis-Komplex) nachzeichnet, könnt ihr noch finanziell unterstützen. Er benötigt noch Geld für die Post-Produktion.

Das Bitch Magazine stellt zehn Schwarze Komponistinnen/Frauen, die Musik schreiben, vor – von der Harlem Renaissance bis heute.

Eine Pool-Party in McKinney. Erst werden Jugendliche rassistisch beschimpft, dann wird die Polizei gerufen, welche die Jugendlichen angeht, mit Waffen auf sie zielt und Dejerria Becton, eines der anwesenden Mädchen, brutal auf den Boden wirft und fixiert. The Root hat alle Informationen zusammengestellt. Feminist Wire schreibt zu: „Police Criminals and the Brutalization of Black Girls„.

Termine in Berlin, Dortmund, Hamburg, Konstanz und Wien

10.06. in Konstanz: Vortrag zu Racial Profiling von Jamie Schearer.

10.06. in Berlin: Kongress „Respekt statt Ressentiment“ – Strategien gegen eine neue Welle von Homo- und Transphobie.

11.06. in Dortmund: „female energy“: Vernissage verschiedener Künstler_innen im Fachbereich Design der Fachhoschule Dortmund. (FB-Link)

22.06 in Wien: Frigga Haug spricht im Rahmen der Dialogreihe „Gutes Leben für alle“ über die Forderung „Teilzeit für alle“. (FB-Link)

17.07. in Berlin: „Grrrls To The Front: Das Female Focus Festival“, das „viele verschiedene Berliner Rapper*innen und DJ*s“ fördert, „die zusammen mit internationalen Künstler*innen aus Buenos Aires (ARG), Durham (USA), Birmingham (UK) und Johannesburg (RSA) das Festival gestalten. (FB-Link)

01.08. in Hamburg: Queer Flora Soliparty, 23 Uhr, Rote Flora.


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Bereute Mutterschaft, beredeter Widerstand und beeindruckende Schlagzeugerinnen – kurz verlinkt

9. April 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 277 von 340 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Radio-Feature mit drei Aktivistinnen zum Anhören: Riots not Diets? Fettaktivismus zwischen Intervention und Schutzraum.

Frauen, die ihren beruflichen Werdegang wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen unterbrochen haben, sich neu orientieren oder auf einen Wiedereinstieg vorbereiten möchten, können im Rahmen des Berliner Projekts „Medienkompetenz und Work-Life Balance – Wiedereinstieg für Frauen“ an einem Einzel-Coaching teilnehmen.

„„So genau wollten wir das gar nicht wissen“ – Geschlecht, Schuld und Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“ untersucht Charlie Kaufhold beim Feministischen Institut Hamburg.

Nicht jede Mutter ist glücklich mit ihrer Rolle und manche würden – wenn sie denn die Zeit zurückdrehen könnten – sich gegen Mutterschaft entscheiden, doch darüber sprechen ist gesellschaftlich nicht akzeptiert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet über ein Studie der Soziologin Orna Donath.

dieStandard porträtiert Irma Schwager, eine Wiener Kommunistin, die als Teil der französischen Widerstandsbewegung Wehrmachtsoldaten durch Gespräche und Flugblätter von der Falschheit des Krieges zu überzeugen versuchte und damit ihr Leben auf das Spiel setzte.

englischsprachige Links

Charles Onyango-Obbo kommentiert in der New York Times al-Shabaabs Terrorangriff auf die Garissa-Universität in Kenya, bei der 148 Menschen getötet wurden. Bei Twitter erinnern unter dem Hashtag #147NotJustANumber (bezugnehmend auf die zuerst veröffentlichte Anzahl Ermordeter) Familien, Freund_innen und Kommiliton_innen an die Opfer.

„I’m thinking about the fat people who were able to show love to themselves and in turn, show me how to love myself“: queering the game of life plädiert für dicke_fettes, queeres Self-Empowerment und Sichtbarkeit als Protestzeichen gegen öffentlich zelebrierte Dickenfeindlichkeit.

Purvi Patel wurde nach einer Fehlgeburt zu insgesamt 41 Jahren Haftstrafe wegen Fetizids und Kindesmisshandlung verurteilt. Bei RH Reality Check findet ihr Hintergründe zu diesem Fall und könnt eine Protestpetition unterschreiben.

Bei TheToast trägt Cate Burlington Dinge zusammen, die Kollegen (in ihrem Tech Umfeld) zu ihr sagten, und kommentiert diese. Die Sprüche sind wie zu erwarten eine Ansammlung hetero_sexistischer Klischees, aber Burlingtons Anmerkungen sind so pefekt, dass man sie sofort gern zur neuen besten Freundin hätte.

Magda fragte hier bei der Mädchenmannschaft einmal „Wie viele Schlagzeugerinnen kennst du?„, für alle, die da immer noch lange überlegen müssen, gibt es nun den richtigen Artikel bei Grimy Goods: „The 20 Best Female Drummers — by all means, badass„.

Qualifizierst du dich für den „Fat Bitches Club„? Dances With Fat hat eine Liste erstellt.

französischsprachige Links

Am 8. März wurden in Peking neun feministische und LGBT-Aktivist_innen festgenommen, weil sie bei einer Aktion auf sexualisierte Übergriffe aufmerksam machen wollten. Fünf sind immer noch im Gefängnis, berichtet Yagg.

Termine in Berlin

10.-12. April, Berlin: Specs On – International Feminist Art Music Festival.

18. April, Berlin: Pempamsie: Ein Workshop für Schwarze Mütter mit Sharon Dodua Otoo (mit Anmeldung).


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