Einträge mit dem Tag ‘Prolo-Lesben’


In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben

9. Januar 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 76 von 85 der Serie Die Feministische Bibliothek

Julia Roßhart lektoriert und gärtnert, publiziert und fotografiert in Berlin. Zur Zeit forscht sie zu anti-klassistischen Interventionen in der FrauenLesben-Bewegung der BRD. Sie recherchiert und schreibt für die feministische Inter­net­buch­handlung FEMBooks und liest am liebsten politische Lesbenkrimis und lesbische/queere Literatur, die in der Provinz spielt. Die Re­zen­sion zu “In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben” von Gabriele Dennert, Christiane Leidinger, Franziska Rauchut (Hrsg.) erschien auch auf FEMBooks.

Gabriele-Dennert-Christiane-Leidinger-Franziska-Rauchut-Hrsg-In-Bewegung-bleiben-100-Jahre-Politik-Kultur-und-Geschichte-von-Lesben

Kein an­der­es Buch habe ich so oft ver­schenkt wie dieses. Ein ab­so­lu­tes “must have” für Fe­mi­ni­st_in­nen, für Les­ben, für Be­we­gungs­for­scher_in­nen, Ak­ti­vist_in­nen, Ge­schlech­ter­for­scher_in­nen – zum Schmö­kern und For­schen, Nach­schla­gen, Quer­le­sen und Ein­tau­chen.

Das Herausgeberinnen-Trio versammelt nahezu einhundert Beiträge zur lesbischen Bewegung und Kultur. Angefangen im Kaiserreich bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt deutlich auf den 1970er, 1980er und 1990er Jahren – lesbenbewegte bis queere Jahrzehnte, die es in sich hatten: Von den Anfängen lesbischer Organisierung in BRD und DDR über deren Vervielfältigung und die intensiven Diskussionen um Herrschaftsverhältnisse in den 1980er Jahren – bis hin zu queeren Perspektiven und der Suche nach Bündnissen in den 1990ern. Das Schöne an dem Sammelband: Der Großteil der Beiträge wurde verfasst von Zeitzeuginnen, die ihrerseits auf die eine oder andere Weise in die Lesben-Bewegung involviert waren: als lesbische Aktivistinnen und Organisatorinnen, in Polit-Gruppen oder bei lesbischen Zeitschriftenprojekten, als Künstlerinnen oder in der Wissenschaft. Geschichtsschreibung „von innen“ also.

Eingebettet werden die kurzen, meist zwei bis vier Seiten langen Beiträge durch ausführliche Texte der Herausgeberinnen. Diese vermitteln einen Ein- und Überblick über jeweils ein Jahrzehnt lesbischer Politik. Damit funktioniert der Sammelband gut auch für jene, die sich einen systematischen Zugang wünschen. Zum Schmökern und Blättern wiederum laden zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen ein, die lesbisch-feministische Aktionen, Flyer und Zeitschriften, Konzerte und Demos dokumentieren.

Ein großes Verdienst der Herausgeberinnen ist es, sich mit diesem Buchprojekt einer vereinheitlichenden Geschichtsschreibung zu widersetzen. Hier wird keine Geschichte „der Lesbenbewegung“ erzählt: Stattdessen finden wir eine Vielfalt an Erzählungen, in denen sich nicht zuletzt auch Unterschiede und Konflikte widerspiegeln, die in den 1980ern und 1990ern verstärkt adressiert und bearbeitet wurden. Im Zuge detaillierter Berichte, kritischer Analysen und persönlicher Erinnerungen entsteht ein äußerst lebendiges Mosaik lesbischer Bewegungsgeschichte.

So berichten Aktivistinnen beispielsweise von Selbstorganisierungen als Schwarze Lesben, lesbische Migrantinnen oder Prolo-Lesben. Dazu kommen persönliche Erinnerungen und umfassende Berichte zu lesbisch-feministischen Treffen und Räumen: angefangen bei den großen Lesbentreffen auf der dänischen Insel Femø über die Kneipe Blocksberg in Berlin bis hin zu den bundesweiten Lesbenfrühlingstreffen. Und außerdem: lesbische Zeitschriften und Verlage, Bands, Theaterprojekte… Auch Konflikte werden nicht ausgespart, etwa um den Ein-/Ausschluss von Trans*, um Rassismus und Antisemitismus in lesbischen Zusammenhängen, um die Homo-Ehe oder SM. Zentrale und sich wandelnde Perspektiven und Themen wie Selbsterfahrung und Frauenidentifikation, Kritik an Herrschaft und Staat, queere Perspektiven und Bündnisfragen werden greifbar gemacht.

Es ist ein Blick zurück in die lesbische Geschichte, der zum Nachdenken anregt, Mut macht und inspiriert: Hier gibt es etwas zu lernen, mitzunehmen, nachzumachen, anders zu machen, zu überdenken und weiterzudenken – Fäden in die Vergangenheit, an die wir anknüpfen können, auf die eine oder andere Art und Weise.

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In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben.
Hrsg. von Dennert, Gabriele / Leidinger, Christiane / Rauchut, Franziska. Unter Mitarbeit von Stefanie Soine.
Berlin: Querverlag 2007
456 Seiten, 325 Abbildungen
ISBN 978-3-89656-148-0
EUR 24,90

Weitere Infos gibts bei FEMbooks.
Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Einleitung findet ihr hier.


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Gemeinsam leben, gemeinsam umverteilen

12. Dezember 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 9 von 10 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

“Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren” hieß das Motto der Tagung “Schneewittchen rechnet ab”. Beim abendlichen Open Space bekam dieses Motto den vielleicht größten Raum: Die Teilnehmenden konnten Themen und Perspektiven vorschlagen, über die sie sich mit anderen Teilnehmenden gerne austauschen wollten. Auf Expert_innenwissen kam es dabei nicht an. Jede Idee war es wert, dem Publikum vorgeschlagen zu werden. Neben postkolonialen Perspektiven auf Feministische Ökonomiekritik, unterschiedlichen Standpunkten zum Bedingungslosen Grundeinkommen sollten auch Frauendörfer und Umverteilung im eigenen Alltag Thema sein.

In kleinen Gruppen verteilten sich die vorgeschlagenen Themen über die gesamte Etage und jeder_m stand es frei, sich für wenige Minuten dazuzusetzen, sich mit eigenen Wortbeiträge einzubringen oder schlicht nur zuzuhören. Jede Person konnte über Art und Dauer ihrer Partizipation beim Open Space selbst entscheiden.

Utopien leben: Frauendörfer

Eine Teilnehmerin wollte mit anderen über die Möglichkeit und Umsetzbarkeit eines Frauendorfes nachdenken. Durch Landflucht vor allem – aber nicht nur – in den ostdeutschen Bundesländern sind viele Dörfer kaum mehr bewohnt. Die leerstehenden Häuser eignen sich daher wunderbar für die Verwirklichung eigener Utopien eines schöneren Lebens in der Gemeinschaft. Zusammen wurde frei von Zwängen überlegt, was sich jede vorstellen kann. Folgende Fragen waren den Teilnehmerinnen wichtig: Was verspricht sich jede von dieser Art des Zusammenlebens? Welche materiellen und immateriellen Güter kann sie ein- bzw. mitbringen? Welche Tätigkeiten sind Aufgabe der Gemeinschaft, was hat jede selbst zu leisten?

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