Einträge mit dem Tag ‘Neoliberalismus’


Was Hillary Clintons Gesundheitszustand mit deinen Krankentagen zu tun hat

13. September 2016 von Charlott

Sonntag. Es ist warm in New York. Hillary Clinton befindet sich auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie verlässt diese frühzeitig. Wenige Zeit später ist überall ein Video zu sehen, wie Clinton kurz vorm Einsteigen in ein Auto zusammen sackt und gestützt wird. Eien Frage, die unverholen in den Raum geworfen wird: Kann Clinton überhaupt Präsidentin werden, wenn sie doch so offensichtlich (gesundheitliche) Schwäche zeigt?

Hillary Clintons Gesundheitszustand ist nicht erst seit Samstag Thema, bereits seit längerem brodelt die Gerüchteküche ihrer politischen Gegner_innen und Diagnose nach Diagnose wird in den Topf geworfen. Die Episode am Wochenende aber ließ diese Debatten erneut aufflammen – nicht nur auf rechten Nischen-Blogs oder einer neuen Trump-Rede, sondern unter einem weit verbreiteten Hashtag und in den landesweiten Tagesmedien. Auch deutschsprachige Medien halten nicht zurück, berichten von einem „Malheur“ und finden die Spekulationen verständlich, da es in New York warm aber doch nicht „tropisch heiß“ gewesen wäre.

Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum? Die Antwort auf diese Frage nämlich betrifft bei weitem nicht nur eine Hillary Clinton oder andere Politiker_innen, die sich auf Machtpositionen bewerben, sondern rüttelt an grundsätzlichen Vorstellungen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Blick dafür öffnen, dass während viele Menschen voller Verve darüber diskutieren, wie krank der Körper von Politiker_innen sein darf, bei anderen Menschen an der Seitenlinie sich die Bauchschmerzen verstärken (oder auch Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl).

Präsident_innen sollen ein Land führen und gleichzeitig repräsentieren – nach innen und nach außen. Eigenschaften, die dafür als positiv besetzt gelten: durchsetzungsstark, viril, kraftvoll, leistungsfähig, jederzeit einsatzbereit. Das alles ist schon besonders schwer zu verkörpern für Frauen, ein gesunder Körper aber (und was genau gesund ist, wäre einen weiteren Artikel wert) ist in jedem Fall dafür Voraussetzung. Gesund sein wird gleichgesetzt mit Leistungsfähigkeit; Leistungsfähigkeit (zu dem noch oft gleichgesetzt mit Leistungswillen) ist eine Grundqualifikation. Und das gilt eben bei weitem nicht nur für Präsidentschaftskandidat_innen, sondern zum Beispiel auch für Arbeitnehmer_innen, die nicht zu viele Krankentage nehmen wollen oder Menschen mit Kinderwunsch und körperlichen Einschränkungen, denen nahe gelegt wird keine Kinder zu bekommen, da sie als „zu schwach“, „zu anfällig“ wahrgenommen werden. Ohne gesunden Körper lässt sich so ein Wettlauf in unserer Leistungsgesellschaft kaum (langfristig) gewinnen.

Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird und weiterreichende Fragen, wie jene danach, was überhaupt wünschenswerte Eigenschaften sind und wodran Leistung fest gemacht wird, noch viel weniger. (Und auch Clintons Kampagne wirft diese Fragen nicht wirklich auf, sondern Clinton zeigt sich stattdessen schnellstmöglichst wieder fröhlich in der Öffentlichkeit und macht deutlich, dass es ihr blendend geht.)

Die Debatte macht wieder einmal deutlich, gesunde Körper sind die anzustrebende Norm (was um so absurder scheint, um so länger eine_r darüber nachdenkt, könnte doch jede Person jederzeit erkranken, egal was healthy lifestyle Gurus uns versuchen weiszumachen). Gesunde Körper sind nicht nur gesund, sondern gelten als fähig und gut. Die neoliberale Leistungsgesellschaft hingegen muss sich mal wieder keine unbequemen Fragen stellen lassen.


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Bitte nicht lächeln: Zur AfD

14. März 2016 von accalmie

CdcaGPUWoAAzrsVEs ist Sonntagabend. Heute haben Menschen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt über neue Landesparlamente entschieden. In jeden der Landtage wird – so die ersten Hochrechnungen – die „Alternative für Deutschland“ (AfD) dank zweistelligem Prozentsatz einziehen; in Sachsen-Anhalt hat sogar fast jede_r Vierte die AfD gewählt. Hat man nach dem Erfolg der AfD bei den Kommunalwahlen in Hessen letzte Woche noch Nichtwähler_innen dafür verantwortlich gemacht (und nicht diejenigen, die die AfD und andere rechte Parteien wählten…), wird dieses Mantra für die drei Landtagswahlen schwierig. In jedem Bundesland lag die Wahlbeteiligung zum Teil weit über dem Schnitt der letzten Landtagswahlen vor fünf Jahren. Eine Analyse der „Forschungsgruppe Wahlen“ zeigt, dass zum Beispiel in Sachsen-Anhalt vierzig Prozent des Gesamtanteils an AfD-Stimmen von ehemaligen Nichtwähler_innen kamen. Dass siebzehn Prozent der AfD-Wähler_innen in Sachsen-Anhalt 2011 noch „Die Linke“ gewählt hatten, illustriert dabei übrigens die Querfrontstrategie, die sich Parteien gerne mit rassistischen und antisemitischen Parolen auf die Fahnen schreiben. Dass „Protestwählen“ in Deutschland immer nur „extrem rechts wählen“ heißt, ist wiederum ein Hinweis auf das im Folgenden angesprochene Problem der Diskriminierungsfreude der Gesellschaftsmitte.

Aber klären wir gleich Folgendes: Die AfD ist eine extrem rechte Partei. Sie versammelt Rassist_innen, Antisemit_innen, Geschichtsrevisionist_innen, völkische Nationalist_innen und (Hetero- und Cis-)Sexist_innen.

Laut des Grundsatzprogrammentwurfs der AfD möchte diese Partei den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsabbrüche illegalisiert, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei hält, verschärfen (was wohl heißt, Abtreibungen zu verunmöglichen). Die AfD möchte das Schuldprinzip bei der Scheidung wiedereinführen, „selbstverschuldeten“ Alleinerziehenden keine Unterstützung gewähren, und „Familie“ ist für AfD gleichbedeutend mit der völkischen-verstandenen Einheit „Cis-Hetero-Ehe mit Kindern“. Die AfD möchte „Geschlechter-Forschung“, Klimaschutzpolitik und das (bereits ausgehöhlte) Grundrecht auf Asyl abschaffen und die Wehr- und Dienstpflicht für Männer_Frauen (wieder-)einführen, hat verschiedene Ideen für einen „law and order“-/Überwachungs-Staat und möchte Arbeiter_innen-/Arbeitnehmer_innenrechte sowie Sozialleistungen noch weiter einschränken. Das alles ist en detail vielleicht unbekannt, kann aber nicht überraschend sein: Die AfD redet öffentlich und beständig über ihre Ziele; die AfD predigt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, und zwar nicht nur, wenn von Storch gerade wieder „die Maus ausgerutscht“ ist. Nadia schrieb dazu:

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[„Die Leute wählen deshalb rechtspopulistisch, weil sie Rechtspopulismus voll in Ordnung finden. Die Leute wählen rassistische Parteien, weil sie Rassismus voll in Ordnung finden. Rassismus in Ordnung finden heißt, dass es ziemlich egal ist, was die Geschichte eine_n so lehren könnte. Und, dass es ziemlich egal ist, ob man sich vorher informiert hat, was man da wählt. Die Leute wissen, welche menschenfeindlichen Inhalte die AfD vertritt – und wollen genau das haben.“]

Die AfD ist eine extrem rechte Partei. Sie wird nicht aus „Unwissenheit“ gewählt. Das Programm, die Ideologie, die Debattenmächtigkeit, die Wahlerfolge der AfD haben ganz konkrete Auswirkungen auf Menschen, die nicht in das als deutsch definierte Bild der Partei und ihrer Anhänger_innen passen (wollen). Oftmals geforderte „Zivilcourage gegen rechts“, antirassistischer_antifaschistischer Aktivismus wird derweil durchgängig kriminalisiert.

Und jetzt werde ich noch feministisch-humorloser: Genau wegen alldem finde ich AfD-Scherze nicht (mehr) lustig. Es gibt hier nichts zu lachen (und das schon lange nicht mehr für Marginalisierte). „Tortaler Krieg“ ist ein ekliger Hashtag. Eure Stand-Up-Routinen zu Petry et al. könnt ihr euch sparen, weißdeutsche Cishet-Böhmermanns, wenn das schon alles ist, was ihr an Engagement zu bieten habt. Mit Klassismus und bildungsbürger_innenlichen Abgrenzungsversuchen durch Lächerlichmachung von Namen/formalen Bildungsgraden/Körpern, etc. der AfD-Anhänger_innen wird ebenso nichts erreicht.

Ich finde es faszinierend, wie nach einem polizeilich umpflegten, (extrem) rechten 3000-Personen-Marschs durch die Berliner Innenstadt, nach wiederholten zweistelligen AfD-Ergebnissen, nach hunderten von Brand-_Mordanschlägen und rassistischer Gewalt im letzten und in diesem Jahr und nach einem erneuten (gescheiterten) Bombenanschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft Leute darauf immer noch mit Scherzen reagieren können.

Selbstschutz, Abwehrmechanismus, coping strategy – ich kann es nachvollziehen. Ich kann es aber nicht mehr akzeptieren. Denn wer noch scherzen kann, der_die kann das aus Gründen. Vor allen Dingen aus dem Grund, keine Angst vor unmittelbarer Gewalt durch AfD-Anhänger_innen und Dunstkreis erfahren zu müssen. Aus dem Grund, sich nicht Sorgen machen zu müssen, ob man morgens zum Hauptbahnhof kann und ab wann dort Fascho-Trupps unterwegs sein könnten. Aus dem Grund, nicht aufgrund der eigenen (nicht-)geschlechtlichen Identität oder des Begehrens Angst im öffentlichen Raum haben zu müssen. Aus dem Grund, einen Pass zu besitzen, der einer_einem relative Reisefreiheit ermöglicht und somit auch Scherze über „Auswandern“ leichter machen kann. Aus dem Grund, nicht wegen einer Kippa beleidigt, bedroht, bedrängt, geschlagen, ermordet zu werden.  Aus dem Grund, nicht durch eine Behinderung als „volkskörperschädigend“ zu gelten im Weltbild der AfD und anderer extrem Rechter.

Fortgesetzte Witze über die AfD muss man sich leisten können. Dies illustriert mangelnde Empathie mit Leuten, die von AfD-Politiken, den langjährigen Politiken, die andere Parteien nun noch weniger kaschieren als zuvor oder sich schlicht direkt von der AfD abgucken (siehe z.B. die zweimalige Verschärfung des Asylrechts in diesem Jahr) und der gesellschaftlichen Mitte, die all das ermöglicht, unmittelbar negativ betroffen sind.

Ich bin also eine dieser „Privilegienchecker_innen“, von denen man momentan so viel hört. Ich wünschte, manch andere_r wäre es auch.


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Hunger? Der Diät-BH sagt Nein!

5. Dezember 2013 von accalmie
Dieser Text ist Teil 22 von 41 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Manchmal kommen Aprilscherze im Dezember – Microsoft, die University of Rochester und die University of Southampton meinen es aber leider Ernst. Im Auftrag des Unternehmens wurde unter anderem ein BH-Prototyp entwickelt, der Haut- und Herzfrequenzsensoren enthält. Man könnte hoffen, dass dieser BH als medizinisches Hilfsmittel kreiert wurde, das beispielsweise Warnzeichen für chronisch Kranke erkennt und – durch welchen Mechanismus auch immer – darauf aufmerksam macht.

Quelle: BBC News

Doch weit gefehlt – hier geht es zwar offiziell um „Gesundheit“, aber die Definition von Gesundheit, die sowohl der Idee als auch der Durchführung dieses Projekts zugrunde liegt, ist durchzogen von Sexismus, Dickenhass, und Geschlechtsessentialismus. Wovor der BH bewahren soll, ist „stressbegründete Überernährung“ bei „Frauen“. Der BH soll eine „Intervention“ sein, um das Essverhalten der Tragenden zu verändern.

In der Studie (PDF) funktioniert das so: Stellten die BH-Sensoren zum Beispiel einen Anstieg der Herz- und Atmungsfrequenz fest, (gepaart mit der Auswertung des „Emotionen-Tagebuchs,“ das Teilnehmerinnen führen mussten) lernte das System hinzu, welche Symptome als „emotionale Aufregung“ interpretiert werden konnten. Die Forscher_innen erhoffen sich nun im nächsten Schritt eine personalisierte Interventionsmaßnahme des BHs zu erfinden (..wer hätte gedacht, dass man jemals einen solchen Satz tippen würde…?), zum Beispiel mithilfe einer Smartphone-App, die Warnhinweise („Vorsicht! Schoki!“) sendet, um das Essverhalten der Tragenden durch unmittelbare Interventionen dauerhaft zu verändern. Der BH wird hierbei als Teil eines zeitnahen „Unterstützungssystems“ (höhö…) für „Stressesser_innen“ präsentiert; also als eine wohlwollende Maßnahme, die die tragende Person ständig begleitet (…und potentiell wohl auch eine „Verschreibungs“-Option, die Ärzt_innen dicken Patient_innen zumuten könnten).

Darüber lachen? Ja, auch. Gleichzeitig ist diese fantastische Gehirnwelle der 2013-Forschung aber ein Spiegelbild der („Gesundheits“-)Prioritäten unserer Gesellschaft. Dicke_fette Körper werden stigmatisiert und pathologisiert, bis zu dem Punkt, dass nun selbst Kleidungsstücke Menschen aktiv daran hindern sollen, mit Genuss zu essen. Bestimmte Essverhalten werden pauschal pathologisiert als „Stressessen,“ und „stressessen“ wiederum individualisiert als fehlerhafter coping-Mechanismus eines als nicht einwandfrei funktionierend angesehenen Körpers/einer als nicht einwandfrei funktionierend begriffenen Psyche im Kapitalismus. Hier wird technologischer Fortschritt erneut mit bestehender Diskriminierung verbunden, um für bestimmte Menschen Lebenseinschränkungen fort- und festzusetzen und „Grenzüberschreitungen“ zu sanktionieren.

Andere Studien geben die als dramatisch stilisierte Konsequenz von „Stressessen“ bereits schlicht nicht her, zum Beispiel diese (Inhaltshinweis: fatshaming, body policing).

Fett ist politisch. Und es ist gegendert: hier werden keine T-Shirts oder Oberkörperschlaufen erfunden, sondern konkret Stress-/emotional bedingtes Essen mit einem als „weiblich“ konnotierten Kleidungsstück assoziiert. Dickenhass marginalisiert nicht nur Frauen*, aber Körpernormierungen betreffen als weiblich gelesene Körper durch Sexismus und sexualisierte Objektivierung noch einmal in einem besonderen, systematischen Maße. Dieses BH-„Unterstützungssystem“ ist eben kein solches – es ist der körperlich überzustreifende Prototyp-Auswuchs eines sexistischen und körpernormierenden Überwachungs- und Bestrafungssystems.

Wie Melissa McEwan bei Shakesville sarkastisch schrieb: „Wenn ich eine Stressesserin wäre, könnte ich mir gut vorstellen wie begeistert ich davon wäre, dass mein Handy mich jedes Mal bezüglich DES FETTS anpiepsen würde, wenn ich sowieso schon angespannt bin.“ All das mal ganz abgesehen davon, dass die körperliche Reaktion, die dieser Diät-BH unter „emotionale Essgefahr“ verbucht, schlicht und ergreifend durch etwas sehr Banales ausgelöst sein könnte: Hunger. Oder Ärger über den Diät-BH.


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Vom Scheiden und Scheitern

1. Juli 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 54 von 59 der Serie Meine Meinung

Liebe Medien, liebe Familienpolitiker_innen, liebe Menschen so im allgemeinen,

ich wollte mal kurz aber nachdrücklich eins festhalten: Meine letzte Beziehung ist nicht gescheitert. Sie ist vorbei, aber nicht gescheitert.

Wobei, lasst mich vielleicht doch ein bisschen weiter ausholen.

Wenn ich hier „Beziehung“ schreibe, meine ich damit eigentlich nur eine ziemlich klar festgelegte Form dessen, nämlich eine „herkömmliche“ Paarbeziehung, zwei Personen (oftmals sind 1 Frau* und 1 Mann* gemeint), Romantik/Liebe/Erotik, verbindliches, meistens exklusiv zweiermäßiges Miteinander. Das ist ja schon so das, was landläufig meistens mit „Beziehung“ gemeint ist. Warum es gerade im Kontext feministischen Handelns wichtig ist solche Eingrenzungen zu hinterfragen, dazu wird immer wieder viel Kluges gesagt, ich kann mir das an dieser Stelle also sparen, zumal ich mich hier jetzt auf Diskurse beziehe, die sich überwiegend um das oben beschriebene Beziehungskonzept drehen.

Worauf ich dabei hinaus will: Trennung und Scheitern sind nicht dasselbe. Jedenfalls für mich nicht, und ich weiß inzwischen dass es vielen so geht. (mehr …)


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Kita-Kritik braucht Geschlechter-Kritik

14. Juni 2013 von Lisa

Nicht alle Krippen sind super – und nicht alle Kinder gehen gern in die Kita, mögen ihre Erzieher_in oder lassen sich innerhalb der vorgesehenen Zeit eingewöhnen. In vielen Kitas ist der Betreuungsschlüssel zu groß, oft fehlen Erzieher_innen – nicht zuletzt weil diese ausgesprochen schlecht bezahlt werden. Beim Kita-ausbau wird vielmals Qualität zugunsten von Quantität vernachlässigt. Eine Kritik am derzeitigen System von Kitas und Krippen, wie sie etwa in der taz zu lesen war, ist also mitunter durchaus gerechtfertigt. Das Problem ist allerdings, dass diese Kritik schnell in eine reaktionäre Richtung geht. Auch wenn sich die meisten Texte oberflächlich aufgeklärt geben, schwingt in vielen implizit trotzdem die Idee des ‚früher-war-alles-besser‘ und das Ideal der Hausfrau & Mutter als einzigem Garant frühkindlichen Wohlbefindens mit. Ein Beispiel dafür ist ein Interview mit dem bekannten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul in der Zeit (dessen Erziehungsratschläge meiner Meinung nach sowieso auf Gemeinplätze hinauslaufen).

Hier findet sich ein typisches Argumentationsmuster konservativer Kita-Kritik: Offiziell zielt sie auf die Qualität von Krippen und Kitas, also auf Dinge wie den Betreuungsschlüssel, pädagogische Konzepte und die Ausbildung von Erzieher_innen. Inoffiziell geht es in den Texten aber meist nicht um den Vergleich von guten versus schlechten Kitas –  der eigentliche Maßstab bleibt weiterhin die Betreuung der Kinder zuhause in der Familie. Beispielsweise fordert Juul eine Langzeitstudie, die zwischen Kindern in Kita- und Familienbetreuung vergleicht (und nicht etwa zwischen verschiedenen Kita-Konzepten). Als sein vermeintlich progressives Vorbild nennt „eine kleine Bewegung von Eltern, die sagen: Wir wollen ein Recht darauf haben, unsere Kinder von der Geburt bis zur Einschulung selber zu erziehen“ (und nicht etwa eine Bewegung von Eltern, die sich für einen kleineren Betreuungsschlüssel in ihrer Kita einsetzen).

Problematisch ist zudem, dass die Kita-Probleme oft als Folge der privaten Entscheidung von Eltern erscheinen: Diesen Eltern kümmerten sich eben zu wenig um die spezifischen Bedürfnisse ihres Kindes, ihre  ‚Karriere‘ sei ihnen wohl wichtiger, sie  liessen sich zu sehr vom heutigen Leistungsdruck stressen und interessierten sich auch noch viel zu wenig für das pädagogische Konzept der jeweiligen Kita. Dadurch werden gesellschaftliche Probleme individualisiert. Denn der größere politische Zusammenhang wird ausgelassen oder nur gestreift. Dass Faktoren wie sinkende Löhne, der Abbau von Sozialsystemen, einkommensabhängiges Elterngeld und das Ideal der Vollzeit-Arbeit vielen Eltern wenig Raum für Entscheidung oder Zeit für Kita-Konzept-Diskussionen lassen, bleibt außen vor.

Vor allem aber fehlt in vielen Anti-Kita-Polemiken auffallend häufig die Dimension von Geschlecht – oder wird allenfalls in einem Nebensatz kurz angeschnitten. Vordergründig beschreiben die Texte neutral beide ‚Eltern‘ und unterschlagen so, dass ein zentraler Teil des Problems vor allem geschlechtspezifische Ungleichbehandlung betrifft. Denn zum einen ist die scheinbar kindgerechtere Vergangenheit, die beschworen wird, eng mit dem traditionellen Mutterideal verbunden. Zum anderen haben genderpolitische Aspekte entscheidenden Einfluss sowohl auf die Betreuung Zuhause als auch in der Kita. Strukturelle Faktoren wie der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen und das Ehegattensplitting bewirken, dass es in heterosexuellen Paaren meist die Frau ist, die den Großteil der Erziehungsarbeit übernimmt. Somit ist es in der Realität vor allem die Mutter, der die kritisierte ‚Entscheidung‘ zur Kita angelastet wird. Zudem spielt die Dimension von Geschlecht eine entscheidende Rolle bei der Quanität und Qualität von Kita-Betreuung. Schließlich gilt Erzieher_in nach wie vor als sogenannter ‚Frauenberuf‘ – und solche Berufe zeichnen sich traditionell dadurch aus, dass viel altruistisches Geben erwartet wird, während die Bezahlung ausgesprochen schlecht ist. Eine informierte Kita-Kritik schließt also immer auch eine Kritik der hegemonialen Geschlechterordnung ein.


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Reden wir doch mal über die Männerquote!

1. Februar 2011 von Magda
Dieser Text ist Teil 1 von 15 der Serie Ökonomie_Kritik

Seit etwa zehn Jahren gilt die so genannte „freiwillige Selbstverpflichtung“ für Unternehmen, die dem Zwecke dient, den Frauenanteil in Führungspositionen zu steigern. Diese Selbstverpflichtung sei, laut Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), „krachend gescheitert“. Sie fordert, dass eine gesetzliche Quote her müsse – jetzt! – die in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden soll (wir berichteten).

Ein kurzer Blick in die Statistiken bringt Klarheit in den undurchsichtigen Wirtschaftssumpf: In den Vorständen der deutschen Unternehmen ist der Frauenanteil sage und schreibe zwei Prozent. Das ist ein Witz. Aber weil wir uns so an die Unterrepräsentanz weiblicher Führungskräfte gewöhnt haben, hilft hier vielleicht mal ein Perspektivwechsel, um dem Thema etwas mehr Brisanz zu verleihen.

Wenn wir die Frauenquoten-Debatten mal für eine Minute ruhen lassen und darüber nachdenken, warum die von der Leyens und Schröders dieser Welt noch nie die eigentlich viel dramatischere  Quote – die Männerquote – thematisiert haben, merken wir schnell: Eine Männerquote von 98% in den deutschen Vorständen könnte keine der Ministerinnen plausibel erklären, ohne über die Strukturen des Arbeitsmarktes, Diskriminierung, Sexismus und nicht zuletzt das verlässliche Old Boys Network zu sprechen. Aber das wäre ja unbequem. Dann würde es ja nicht mehr nur um Quoten gehen. Dann müssten wir uns gesamtgesellschaftlich die Frage stellen, ob wir so leben und arbeiten wollen. 50 – 60 Stunden die Woche unter Erfolgsdruck schuften? Familienfeindliche Strukturen? Eine nach einer männlichen Erwerbsbiographie ausgelegten Arbeitswelt? Nicht sehr attraktiv, mit oder ohne Quote.

Ja, die unionsgeführten Ministerien für Arbeit und Familie debattieren nun endlich über die Frauenquote. Aber: Wenn selbst die CDU sich zu Frauenförderung äußert, sollte man hellhörig werden. Und besonders auf die Argumentationslinien achten.

(mehr …)


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Gendercamp, Werbekritik, Elena Kagan, Online Dating und neue Regierungschefin in Trinidad und Tobago

26. Mai 2010 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 94 von 337 der Serie Kurz notiert

Die Jungle World berichtet über das Gendercamp in Hamburg, das auch Nadine besucht hatte.

Unser_e Leser_in CK machte uns auf eine Werbung mit den Worten aufmerksam:

„Ich bin gerade beim Fernsehen über die neue Werbung für die Rügenwalder Gefügelprodukte gestolpert. Denn Jörg Pilawa denkt, dass „ist doch nur was für die Mädels in der Familie“. Jaja, so wie Joghurt, nech ;)“

Laut freitag soll das Antivergewaltigungskondom erstmals bei der WM in Südafrika zum Einsatz kommen und meint: Falsche Waffe für den richtigen Kampf.

Zum ersten Mal wird eine Frau an die Spitze des Karibikstaates Trinidad und Tobago gewählt. Kamla Persad-Bissessars Partei repräsentiert die 44 Prozent Inder der Bevölkerung, laut taz.

Robin Givhan von der Washington Post lästert gerne über Personen des öffentlichen Interesses und ihren Style. Mit diesem Artikel über Elena Kagan, Nominierte für den amerikanischen Supreme Court, hat er mal wieder ein Sahnestück an belangloser Kritik produziert: Bemängelt wird (unter anderem!), dass Elena Kagan die Beine nicht ladygerecht übereinander schlägt und lieber bequem dasitzt.

Eine unglaublich gruselige Geschichte, wie Online Dating enden kann (Trigger Warnung!)

Am 24. und 25. Juni veranstaltet die Ruhr-Universität-Bochum eine internationale Tagung zum Thema „Neue Freiheit, neues Glück? Selbstentwürfe und Geschlechterpolitiken in Zeiten des Neoliberalismus“. Neben vielen anderen werden die Missy-Gründerin Sonja Eismann, Thomas Gesterkamp und die Gastprofessorin für internationale Frauenforschung, Pilwha Chang, sich in Vorträgen und Workshops mit den derzeitigen Herausforderungen und möglichen Ansätzen der Geschlechterpolitik beschäftigen. Alles Weitere im Flyer zur Tagung (PDF).


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So hatte ich mir den Westen vorgestellt

6. Mai 2010 von Susanne

„Germany’s Next Topmodel“ war in den letzten Jahren mein guilty pleasure – aus feministischer Sicht in keiner Weise zu rechtfertigen, aber trotzdem ein großer Spaß. An jedem einzelnen Donnerstagabend hatte für ein paar Stunden der Mensch in mir Ausgang, der Andere einfach „sauhässlich“ oder „strunzdumm“ finden durfte oder „Was für eine blöde Kuh!“ Richtung Fernseher rief. Feministin hin oder her.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Doch in diesem Jahr habe ich erst eine Folge geschaut, vergangene Woche, dann schaltete ich ab und beschloss, mir ein anderes unfeministisches Vergnügen zu suchen. Die Dauerbefeuerung der Kandidatinnen mit neoliberalen Kapitalismusweisheiten hat mir das Einschalten vermiest. Das ständige „Ihr müsst alles geben!“ von den Juroren und die ergebenen, gleichlautenden Antworten der Kandidatinnen: „Ich hab mein bestes gegeben, das war am wichtigsten.“

„Germany’s Next Topmodel“ ist zu einem Bühnenstück der Arbeitswelt geworden, wie sie junge Menschen heute vorfinden und die sie trotzdem lieben sollen. So kriegen die Mädchen bei jedem Casting, das heißt: auf Jobsuche, eingebläut: „Es ist eine Riesenehre, sich hier vorstellen zu dürfen“. Jaja, wir müssen alle wahnsinnig dankbar sein, wenn wir uns für irgendeinen Großkonzern abrackern dürfen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass das ganze Ding „Arbeitsverhältnis“ auf Gegenseitigkeit beruhen würde: dass der Arbeitgeber froh ist, ambitionierte und kreative Menschen in seinem Team zu haben, und der Angestellte umgekehrt froh ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, dass den Lebensunterhalt finanziert und halbwegs menschlich ist. Nein, heute muss jede und jeder dankbar sein, sich für irgendwen den Buckel krumm machen zu dürfen. Systemkritik war gestern.

Bei GNTM kommt noch hinzu, dass die Ladys wirklich alles machen müssen, wenn sie nicht rausfliegen wollen: Sei es, sechzehnjährig mit Typen in Badehose rumzumachen, ekliges Getier zur Schau tragen zu müssen oder bei Minusgraden in Sandalettchen herumzulaufen, als ob nichts wäre. Du lernst: Mach mit oder du bist ganz schnell raus aus dem Spiel um beruflichen Erfolg. So hatte ich mir als – propagandainfiltriertes – Ostkind immer den Westen vorgestellt: Die in der BRD müssen machen, was ihr Chef will oder werden gefeuert, obdachlos und traurig.

Steckt also vielleicht der Deutsche Arbeitgeberverband hinter Heidis Sendung, oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft? Vielleicht haben die sich vor ein paar Jahren gesagt: Margarine, Autos und Billigflüge werden mit knackigen, jungen Frauen beworben. Jungs, das können wir auch und zwar besser! Da machen wir was im Fernsehen. Für junge Frauen, die eh die besseren Schulabschlüsse machen. Die wollen wir haben! Die müssen wir vom Leistungsgedanken überzeugen, jedes Jahr ein kleines bisschen offensiver. Und wisst ihr was, haha, den bringen wir dann bei, dass sie auch noch Danke sagen müssen, Küsschen links und rechts, wenn sie rausfliegen. Wir müssen halt Stellen abbauen, jede Woche. So ist es nun mal, das Leben.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz)


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