Einträge mit dem Tag ‘Neoliberalismus’


Reden wir doch mal über die Männerquote!

1. Februar 2011 von Magda
Dieser Text ist Teil 30 von 48 der Serie Meine Meinung

Seit etwa zehn Jahren gilt die so genannte “freiwillige Selbstverpflichtung” für Unternehmen, die dem Zwecke dient, den Frauenanteil in Führungspositionen zu steigern. Diese Selbstverpflichtung sei, laut Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), “krachend gescheitert”. Sie fordert, dass eine gesetzliche Quote her müsse - jetzt! – die in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden soll (wir berichteten).

Ein kurzer Blick in die Statistiken bringt Klarheit in den undurchsichtigen Wirtschaftssumpf: In den Vorständen der deutschen Unternehmen ist der Frauenanteil sage und schreibe zwei Prozent. Das ist ein Witz. Aber weil wir uns so an die Unterrepräsentanz weiblicher Führungskräfte gewöhnt haben, hilft hier vielleicht mal ein Perspektivwechsel, um dem Thema etwas mehr Brisanz zu verleihen.

Wenn wir die Frauenquoten-Debatten mal für eine Minute ruhen lassen und darüber nachdenken, warum die von der Leyens und Schröders dieser Welt noch nie die eigentlich viel dramatischere  Quote – die Männerquote – thematisiert haben, merken wir schnell: Eine Männerquote von 98% in den deutschen Vorständen könnte keine der Ministerinnen plausibel erklären, ohne über die Strukturen des Arbeitsmarktes, Diskriminierung, Sexismus und nicht zuletzt das verlässliche Old Boys Network zu sprechen. Aber das wäre ja unbequem. Dann würde es ja nicht mehr nur um Quoten gehen. Dann müssten wir uns gesamtgesellschaftlich die Frage stellen, ob wir so leben und arbeiten wollen. 50 – 60 Stunden die Woche unter Erfolgsdruck schuften? Familienfeindliche Strukturen? Eine nach einer männlichen Erwerbsbiographie ausgelegten Arbeitswelt? Nicht sehr attraktiv, mit oder ohne Quote.

Ja, die unionsgeführten Ministerien für Arbeit und Familie debattieren nun endlich über die Frauenquote. Aber: Wenn selbst die CDU sich zu Frauenförderung äußert, sollte man hellhörig werden. Und besonders auf die Argumentationslinien achten.

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Gendercamp, Werbekritik, Elena Kagan, Online Dating und neue Regierungschefin in Trinidad und Tobago

26. Mai 2010 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 86 von 153 der Serie Kurz notiert

Die Jungle World berichtet über das Gendercamp in Hamburg, das auch Nadine besucht hatte.

Unser_e Leser_in CK machte uns auf eine Werbung mit den Worten aufmerksam:

“Ich bin gerade beim Fernsehen über die neue Werbung für die Rügenwalder Gefügelprodukte gestolpert. Denn Jörg Pilawa denkt, dass “ist doch nur was für die Mädels in der Familie”. Jaja, so wie Joghurt, nech ;)”

Laut freitag soll das Antivergewaltigungskondom erstmals bei der WM in Südafrika zum Einsatz kommen und meint: Falsche Waffe für den richtigen Kampf.

Zum ersten Mal wird eine Frau an die Spitze des Karibikstaates Trinidad und Tobago gewählt. Kamla Persad-Bissessars Partei repräsentiert die 44 Prozent Inder der Bevölkerung, laut taz.

Robin Givhan von der Washington Post lästert gerne über Personen des öffentlichen Interesses und ihren Style. Mit diesem Artikel über Elena Kagan, Nominierte für den amerikanischen Supreme Court, hat er mal wieder ein Sahnestück an belangloser Kritik produziert: Bemängelt wird (unter anderem!), dass Elena Kagan die Beine nicht ladygerecht übereinander schlägt und lieber bequem dasitzt.

Eine unglaublich gruselige Geschichte, wie Online Dating enden kann (Trigger Warnung!)

Am 24. und 25. Juni veranstaltet die Ruhr-Universität-Bochum eine internationale Tagung zum Thema „Neue Freiheit, neues Glück? Selbstentwürfe und Geschlechterpolitiken in Zeiten des Neoliberalismus“. Neben vielen anderen werden die Missy-Gründerin Sonja Eismann, Thomas Gesterkamp und die Gastprofessorin für internationale Frauenforschung, Pilwha Chang, sich in Vorträgen und Workshops mit den derzeitigen Herausforderungen und möglichen Ansätzen der Geschlechterpolitik beschäftigen. Alles Weitere im Flyer zur Tagung (PDF).


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So hatte ich mir den Westen vorgestellt

6. Mai 2010 von Susanne
Dieser Text ist Teil 1 von 11 der Serie Die Farbe Lila

„Germany’s Next Topmodel“ war in den letzten Jahren mein guilty pleasure – aus feministischer Sicht in keiner Weise zu rechtfertigen, aber trotzdem ein großer Spaß. An jedem einzelnen Donnerstagabend hatte für ein paar Stunden der Mensch in mir Ausgang, der Andere einfach „sauhässlich“ oder „strunzdumm“ finden durfte oder „Was für eine blöde Kuh!“ Richtung Fernseher rief. Feministin hin oder her.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Doch in diesem Jahr habe ich erst eine Folge geschaut, vergangene Woche, dann schaltete ich ab und beschloss, mir ein anderes unfeministisches Vergnügen zu suchen. Die Dauerbefeuerung der Kandidatinnen mit neoliberalen Kapitalismusweisheiten hat mir das Einschalten vermiest. Das ständige „Ihr müsst alles geben!“ von den Juroren und die ergebenen, gleichlautenden Antworten der Kandidatinnen: „Ich hab mein bestes gegeben, das war am wichtigsten.“

„Germany’s Next Topmodel“ ist zu einem Bühnenstück der Arbeitswelt geworden, wie sie junge Menschen heute vorfinden und die sie trotzdem lieben sollen. So kriegen die Mädchen bei jedem Casting, das heißt: auf Jobsuche, eingebläut: „Es ist eine Riesenehre, sich hier vorstellen zu dürfen“. Jaja, wir müssen alle wahnsinnig dankbar sein, wenn wir uns für irgendeinen Großkonzern abrackern dürfen. Es ist schon lange nicht mehr so, dass das ganze Ding „Arbeitsverhältnis“ auf Gegenseitigkeit beruhen würde: dass der Arbeitgeber froh ist, ambitionierte und kreative Menschen in seinem Team zu haben, und der Angestellte umgekehrt froh ist, für ein Unternehmen zu arbeiten, dass den Lebensunterhalt finanziert und halbwegs menschlich ist. Nein, heute muss jede und jeder dankbar sein, sich für irgendwen den Buckel krumm machen zu dürfen. Systemkritik war gestern.

Bei GNTM kommt noch hinzu, dass die Ladys wirklich alles machen müssen, wenn sie nicht rausfliegen wollen: Sei es, sechzehnjährig mit Typen in Badehose rumzumachen, ekliges Getier zur Schau tragen zu müssen oder bei Minusgraden in Sandalettchen herumzulaufen, als ob nichts wäre. Du lernst: Mach mit oder du bist ganz schnell raus aus dem Spiel um beruflichen Erfolg. So hatte ich mir als – propagandainfiltriertes – Ostkind immer den Westen vorgestellt: Die in der BRD müssen machen, was ihr Chef will oder werden gefeuert, obdachlos und traurig.

Steckt also vielleicht der Deutsche Arbeitgeberverband hinter Heidis Sendung, oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft? Vielleicht haben die sich vor ein paar Jahren gesagt: Margarine, Autos und Billigflüge werden mit knackigen, jungen Frauen beworben. Jungs, das können wir auch und zwar besser! Da machen wir was im Fernsehen. Für junge Frauen, die eh die besseren Schulabschlüsse machen. Die wollen wir haben! Die müssen wir vom Leistungsgedanken überzeugen, jedes Jahr ein kleines bisschen offensiver. Und wisst ihr was, haha, den bringen wir dann bei, dass sie auch noch Danke sagen müssen, Küsschen links und rechts, wenn sie rausfliegen. Wir müssen halt Stellen abbauen, jede Woche. So ist es nun mal, das Leben.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz)


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