Einträge mit dem Tag ‘Mitgefühl’


Das Wort, das fehlt.

26. April 2013 von Sharon

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Ihre jüngste Publikation ist The Little Book of Big Visions. How to be an Artist and Revolutionise the World herausgegeben mit Kuratorin und Künstlerin Sandrine Micossé-Aikins (edition assemblage, 2012). Außerdem ist sie im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V.  „Die Geschichte vom Kreis und Viereck“ erschien in (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (UNRAST Verlag, 2011). „the things i am thinking while smiling politely“ erschien im Februar 2012 und ist ihre erste Novelle. Sharon Dodua Otoo lebt, lacht und arbeitet in Berlin.

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Deutschland ist ein armes Land. Ich habe dies festgestellt, als ich immer wieder erlebt habe, dass ich schief angeschaut wurde, immer wenn ich mein Bedauern für etwas ausdrücken wollte.

„Wieso?“ kam meist als Antwort. „Du kannst doch nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld.“

Diese Aussage hat mich sehr oft irritiert, denn von Schuld war gar nicht die Rede. Mir war klar, dass ich nicht diejenige gewesen bin, die den Zug zum Anhalten gebracht hat und darum mein Gegenüber zu spät zum Einstellungsgespräch kam. Natürlich habe ich nicht das Wetter so eingestellt, dass die Freundin doch nicht ihre Party draußen feiern konnte wie geplant. Und klar: ich war nicht mal in der Nähe, als mein Arbeitskollege gestolpert ist. Trotzdem, ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich mich nicht gerade über diese Ereignisse freue.  Warum wird dieses Bedürfnis hierzulande als Schwäche angesehen?

Ich habe das bisher immer auf mein Britin-Sein geschoben. In London kommen die meisten Menschen nicht ohne schlechtes Gewissen durch den Tag, ohne mindestens fünfmal  „Sorry“ gesagt zu haben. „Sorry“ kann alles heißen von „Wie bitte?“ über „Ich wiederhole; was ich eigentlich sagen wollte ist…“ und „oh – da hast du aber Pech gehabt“ bis  „es tut mir Leid.“ In Deutschland, habe ich gelernt, wird tatsächlich um „Entschuldigung“ gebeten.  Darum ist es eigentlich verständlich, dass das Wort nicht gerne in den Mund genommen wird (um von Verzeihung – laut Wiki „die Annahme von bekundeter Reue“ – ganz zu schweigen).

Dennoch finde ich es sehr schade, dass es nicht ein Wort in der deutschen Sprache gibt, kurz und prägnant, das ich benutzen kann, um meinem Gegenüber mitzuteilen: „Es tut mir Leid, dass es dir so schlecht geht. Ich fühle mit dir.“ Eine Botschaft, die sicherlich oft nötig und willkommen wäre. Eine Botschaft, die bestimmt viel Gutes zu unserer Gesellschaft beitragen würde.

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