Einträge mit dem Tag ‘Migration’


Ein Buch nach dem anderen: Süße Zitronen und eine dicke Jugendbuch-Protagonistin

15. Mai 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 128 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

Am Anfang ist ein Albtraum. Aber auch als Burcu Türkers Protagonistin der Graphic Novel Süße Zitronen (2016, JaJa Verlag) aus diesem erwacht, ist nicht alles wunderbar, denn ihre Mutter ist immer noch tot, die Trauer sitzt tief und mit ihrer Arbeit kommt sie auch nicht voran. In dem autobiographischen Stück schreibt und zeichnet Türker über Trauer, Mutter-Tochter-Beziehung(en), Kunst, Freund_innenschaften und das spannende Leben ihrer Mutter, die zunächst als Schauspielerin in Istanbul gearbeitet hatte, dann zu Türkers Vater in die deutsch Provinz zog, um dann – als die Kinder bereits älter waren – wieder in die Türkei zu gehen und nochmals eine Karriere als Schauspielerin anzugehen. Die Geschichte spielt nur an einem einzigen Tag und ist durchsetzt mit Erinnerungssequenzen und Szenen aus dem Leben der Mutter. Türker zeigt, wie das Leben der Protagonistin weiter geht aber geprägt ist durch den Verlust, die kleinen Stiche über den Tag (wenn beispielweise eine Freundin glücklich mit ihrer Mutter telefoniert) aber auch Freuden im Alltag. Die Farben fließen über die Seiten und immer wieder raus aus den Konturen, der Stil ist so prägnant und zart, wie auch die Geschichte die Türker erzählt.

„/stupid girl atlantic got your tongue/“ lamentiert Safia Elhillo im Gedichteband The January Children (University of Nebraska Press, 2017), in dem sie gleichermaßen kunstvoll und berührend zu Kolonialismus, Migration, Diaspora, Identität(en) und Heimat schreibt. Die titelgebenden Januar-Kinder bezeichnen jene Generation von Sudanes_innen, die während der britischen Okkupation aufwuchsen, deren Alter anhand ihrer Körpergröße festgelegt wurde und die alle den 1. Januar als offizielles Geburtstdatum zugewiesen bekommen haben. Elhillo fragt, was Heimat bedeuten kann, was Nationen eigentlich sind und wo/wie die Grenzen zwischen Identitäten gezogen werden. Sprachlich spiegelt sie diese Themen unter anderem in Verbindungen von Arabisch und Englisch wieder, Bezüge zu ägyptischer Popmusik wechseln sich ab mit US-Bezügen und Blicke auf Sudans Kolonialgeschichte. Ein Buch, was sich immer wieder mit Gewinn lesen lässt.

Molly ist siebzehn Jahre alt und war schon 26-mal verknallt – aber bisher hat sich noch nie etwas aus einer dieser Schwärmereien entwickelt. Doch dann verliebt sich ihre Zwillingsschwester Cassie Hals über Kopf in Mina, die ihren besten Freund Will im Schlepptau hat, der gut zu Schwarm Nummer 27 werden könnte, und zu dem beginnt Molly ihren Ferienjob und da ist Tolkien-Superfan Reid, bei dem sie einfach entspannt sie selbst sein kann. In Becky Albertallis zweitem Jugendbuch The Upside of Unrequited (2017, Balzer + Bray) dreht sich (wieder) alles rund um Liebe und Begehren und neben einer Prise Drama ist das einfach ein sehr flauschiges (und etwas vorhersehbares) Leseerlebnis. Dass Molly und ihre Freund_innen eigentlich gar kein anderes Thema haben mag vielleicht befremdlich sein (andere Leser_innen können sich aber eventuell auch mehr mit dieser Art des Teenagererlebens identifizieren), was aber dieses Buch von vielen anderen dieser Art unterscheidet, sind die vielen unterschiedlich positioniertern Charaktere (beispielsweise hinsichtlich Begehren, race, Religion) und eine Portagonistin, die dick ist (und nein, sie plant nicht abzunehmen und das einzige Mal, wo eine Person ihr direkt etwas dickenfeindliches gegenüber äußert, wird deutlich gemacht, dass das Problem die fatshamende Oma nicht etwa Mollys Körper ist).

Buchnews und -debatten

Es gibt ein Veröffentlichungsdatum für Magda Albrechts Buch über Dicksein und Empowerment: Am 02. Januar 2018 soll es so weit sein. Und ein (tolles!) Cover gibt es auf der Verlagsseite auch bereits zu sehen.

Weniger lang ist die Wartezeit für das neue Buch von Yori Gagarim. Why I stopped making merch for a revolution, that does not happen erscheint im Mai/Juni bei edition assemblage.

Falls ihr diesen Donnerstag Abend in Berlin seid: Ab 19 Uhr wird im Archiv der Jugendkulturen aus queeren Büchern (Klassikern und Neues) gelesen und dazu diskutiert. (FB-Link)

Im März erschien der Sammelband Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen über rechte Bewegungen, Gewalt und Rassismus. Auf trollbar schreibt Ali Schwarzer, der in dem Band mit seinem text „Eine unversöhnliche Abschiedsrede“ vertreten ist, über das Buch.

Deirdre Coyle schreibt bei Electric Lit über David Foster Wallace und die Männer, die ihn vergöttern: „Wallace-recommending men are ubiquitous enough to be their own in-joke. (…) The men in my life who love Wallace also love legions of stylistically similar male writers I’m not interested in (Pynchon, DeLillo, Barth). I began checking out of literary conversations with them altogether.“

Casey Sanchez portraitiert die Iñupiaq Dichterin Joan Naviyuk Kane, deren Gedichtband Milk Black Carbon im Februar erschienen ist.

Amanda Arnold schreibt bei LitHub über die vergessene Geschichte us-amerikanischer Arbeiter_innen-Literatur.

BBC sprach mit der Autorin und Aktivistin Unoma Azuah. In ihrem neuen Buch Blessed Body, welches morgen als Ebook erscheint, sammelt sie autobiographische Geschichten von LGBT in Nigeria.

A Salon of One’s Own: Chaitali Sen erinnert sich an zwanzig Jahre des South Asian Women’s Creative Collective.

„Lately, I’ve been interested in finding other West African authors who are also unconventional in their portrayal of love and marriage, of gender and power.“, stellt Chinelo Okparanta fest und empfiehlt gleich sechs Bücher, in denen sie diese Darstellungen gefunden hat.

Nazly Sobhi Damasio hat bei Wear Your Voice eine Liste mit „8 Powerful Latinx Poets Who Are Shattering Stereotypes“ zusammengestellt.

BookRiot schreibt über die beiden Hashtags #ThingsOnlyWomenWritersHear und #WhatWoCWritersHear, die beide Sexismus, Rassismus und deren Verknüpfungen in der Buchindustrie illustrieren.

Und zum Schluss: „No, Marvel. We’re Out of Patience.“ Jessica Plummer kritisiert, die aktuellen Handlungsstränge im Marveluniversum, in denen u.a. eine (der wenigen überhaupt existierenden) jüdischen Figuren und ein Held, der von jüdischen Comic-Machern entwickelt wurde, einer quasi Nazi-Organisation beitritt, deren Marketing und Marvels Umgang mit Kritik.


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Migrationshintergrund am Arsch, Fatshaming im TV, Hilfe für’s Ego – die Blogschau

19. September 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 284 von 295 der Serie Die Blogschau

Fuck your Migrationshintergund“: Um Othering, Ausgrenzungserfahrungen und Ver-Migrationshintergrund-isierung geht es auf dem Blog mit Herz.

Bei Too Dark To Be Seen werden rassistische Erlebnisse mit Behörden und Institutionen von People of Color gesammelt und sichtbar gemacht. Sandra Karangwa berichtet von der Unmöglichkeit, als Schwarze Person ein Passbild nach biometrischen Anforderungen zu erstellen.

Nicola Hinz hat für Das Lied der dicken Dame fat-shamende Off-Kommentare aus Fernsehreportagen und -dokumentationen gesammelt und stellt fest: „Beim Thema Körperfett schenken sich die Kanäle und Formate im Bullshit Bingo und beim Body Shaming nicht wirklich viel.“

Raul Krauthausen erklärt, warum vermeintliche Awareness-Projekte wie „Ein Tag im Rollstuhl“ mehr Schaden als Nutzen anrichten können. In einem anderen Blogpost berichtet er über die Rolle, die seine Behinderung in seinem Leben einnimmt.

Wenn Heteropaare versuchen, die Verantwortung für gemeinsame Kinder gerecht zwischen beiden Eltern zu verteilen, kommt es oft zum Clash zwischen Idee und Umsetzung – wie auch Suse von femilyaffair feststellt.

Auf Ein Blog von Vielen schreibt Hannah über die Abwertung von Armut und das von ihr Betroffensein. Ein weiterer aktueller Blogpost anlässlich des „Tags der Suizidprävention“ hinterfragt genau dieses Konzept.

Olja Alvir berichtet über ihre Erfahrungen während der selbstorganisierten Hilfe für geflüchtete Menschen am Wiener Hauptbahnhof – über schöne Überraschungen, aber auch über die „Schattenseiten des Helfens“.

Zu letzteren äußert sich auch antiprodukt: „Flucht und die Flüchtenden werden romantisiert, eventisiert, instrumentalisiert, fotografiert und monetarisiert.“

Und Betül Ulusoy bemerkt, dass beim Spenden nicht immer die Würde derjenigen geachtet wird, denen geholfen werden soll.

Renate Straetling bespricht das Buch Care Revolution – Schritte in eine solidarische Gesellschaft von Gabriele Winker.

Das Projekt roleUP stellt aktuell die Rapperin Tice vor.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Dicke Bäuche, weiße Profilierungen, Gegen-Perspektiven auf Flucht & Migration – die Blogschau

13. Dezember 2014 von Nadine
Dieser Text ist Teil 268 von 295 der Serie Die Blogschau

Metal Musik zeichnet sich oft durch weißes hetero Mackerverhalten aus. In der neuen Reihe „Metalheads“ auf „Der k_eine Unterschied“ wird nach Brüchen und Subversivem im Metal gesucht. Der erste Teil behandelt Judas Priest und schwules Begehren.

Auf dem „Heimatkunde“-Portal der Heinrich Böll Stiftung sind mehrere Beiträge von und mit der Aktivistin und Künstlerin Noah Sow erschienen, u.a. ihr Vortrag zu weißen Aneignungen Schwarzer Wissensproduktionen.

Auf queer sehen gibt es ein kritisches Review zur Serie „The Fosters“, die zwei lesbische Mütter in den Mittelpunkt rückt.

Das autonome FrauenLesbenReferat Marburg hat die Identität eines gewalttätigen Typen, der in der Wissenschaft und darüber hinaus Anerkennung genießt, auf Wunsch der Betroffenen veröffentlicht.

Eine klassismus- und rassismuskritische Analyse zum Tod von Tuğçe Albayrak ist auf cosas que no se rompen veröffentlicht.

Koloniale Kontinuitäten, kulturelle Aneignung und Muslim-Sein in der Diaspora ist Thema auf Diaspora Reflektionen.

Über die Verantwortung der Medienlandschaft, wenn es um Diskriminierung und Gewaltandrohungen geht, schreibt Karnele.

Die Denkwerkstatt zitiert aus Anja Meulenbelts Klassiker „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus

Don’t degrade Debs Darling kritisiert unhinterfragte Perspektiven im Kontext Selbstfürsorge und Körperpolitiken.

Women in Exile: Wie das deutsche Asylsystem Flüchtlinge und MigrantInnen spaltet

Bei der ARGE Dicke Weiber gibt es ein Gedicht: Mein dicker Bauch.

Nadia war bei der Zukunftsakademie NRW zu Gast und hat einige ihrer Eindrücke verbloggt, u.a. zum Kollektiv Askavusa, das Objekte von Menschen sammelt, die flüchteten und in Lampedusa angekommen sind.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Lego-Wissenschaftlerinnen und Feminismusdebatten – die Blogschau

14. Juni 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 252 von 295 der Serie Die Blogschau

Es wird bald ein Lego-Set mit Wissenschaftlerinnen geben. Charlott hat über die angekündigte Reihe geschrieben.

Helga hat nochmal Meredith Haafs Text über verfehlte Feminismusdebatten ergänzt.

Denkwerkstatt stellt eine Arbeit vor, die sich mit Care-Migrantinnen aus der Slowakei, die in Österreich in der 24-Stunden-Pflege tätig sind, beschäftigt.

Hannah hat anlässlich des internationalen Tags gegen Kinderarbeit einen ausführlichen Text zum Thema geschrieben.

Über das umstritttene Exoskelett bei der Fußball-WM erschien ein Artikel auf Leidmedien.

safeblogging hat 109 Bloggerinnen zu ihren Erfahrungen mit dem Schreiben im Netz befragt. Daraus hat sie eine Reihe von Tipps entwickelt, die beim Einstieg in Blogaktivitäten helfen könnten. Sie geht dabei auch auf die Anfeindungen und Angriffe im Netz ein, von denen die Befragten berichteten. Ein sehr lesenswerter Beitrag und in einigen Punkten aber auch durchaus diskussionswürdig (z.B. was die kritische Rahmung betrifft).

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Bezahlte Reproduktion: Politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiter_innen

10. März 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 12 von 16 der Serie Ökonomie_Kritik

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Emilia Roig, die mit uns ihre Eindrücke eines Workshops aus dem vergangenen Jahr teilt. In diesem ging es um politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiterinnen im Care-Sektor. Wir veröffentlichen diesen Beitrag anlässlich der heute und morgen stattfindenden Tagung „Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme der Care-Migration“, auf der Emilia als Referentin vertreten ist. Leider kommt die Tagung ohne Beteiligung der Menschen aus, um die es geht: migrierte Pfleger_innen und Pflegebedürftige. In diesem Zusammenhang weisen wir außerdem auf die Care Revolution Konferenz in Berlin hin, die dieses Wochenende stattfindet.

Emilia wrote this article in English, so please scroll down for the English version!

Am 9. November 2013 organisierten die Gruppe Respect und die Gender-AG von Attac einen Workshop mit dem Titel „Do you want to build a fairer world, but don’t know how?“ [deutsch: Möchtest du eine gerechtere Welt aufbauen, aber du weißt nicht wie?].
Im Flyer war es als ein „Workshop von und für Frauen, die arbeiten“ angekündigt. Im Rahmen des Workshops tauschten sich Frauen, die so genannte reproduktive Arbeit – Reinigen, Kinderbetreuung und Altenpflege – ausüben, über ihre Erfahrungen aus, suchten nach Handlungsstrategien und entwickelten Lösungen. Der Workshop war in drei Gruppendiskussionen aufgeteilt: die erste eröffnete einen Raum, um mögliche Alternativen zu Reproduktionsarbeit für Frauen mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus zu reflektieren; die zweite Diskussion sollte nach Lösungen für eine bessere Organisation von Kinderbetreuung und häuslichen Reinigungstätigkeiten suchen; und die dritte hatte das Ziel über politische Kämpfe von Arbeiter_innen, die von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen betroffen sind, zu sprechen.

Diese Diskussionsräume waren mit Kreativität, Selbstreflektion, politischem Aktivismus und Visionen gefüllt. Es ging nicht darum zu jammern oder die eigene Frustration in die Gruppe zu tragen. Stattdessen wurden Viktimisierung und Selbstmitleid in Austausch, Solidarität und Empowerment verwandelt. Ideen, Fragen und Kommentare strömten aus allen Richtungen auf spanisch (castellano), englisch, französisch und deutsch, entweder als direkte Redebeiträge oder als Übersetzungen. Frauen aus Peru, Chile, Ecuador, Kenia, Benin und weiteren Ländern haben seit einigen Jahren über gemeinsame Erfahrungen eine Community aufgebaut. Women in Exile, eine selbstorganisierte Gruppe von Flüchtlingsfrauen in Brandenburg-Berlin mit einem Fokus auf die spezifischen Themen von asylsuchenden Frauen und Flüchtlingsfrauen in Deutschland, teilten ihre Erfolge und Strategien und trugen Hoffnung und Motivation in die Gruppe, die zu politischen Kämpfen arbeitete.

Aufgrund der großen Herausforderungen und Schwierigkeiten für illegalisierte Frauen auf struktureller und institutioneller Ebene und aufgrund ihres ungesicherten Statuses kann politischer Aktivismus überfordernd sein. Restriktive Politiken, diskriminierende Praktiken und unmenschliche Gesetze entmachten sehr und erschweren kontinuierliche und koordinierte Aktionen. Angst vor Abschiebung, einbehaltene Löhne, erniedrigende Arbeits- und Wohnverhältnisse, Machtmissbrauch, Unsichtbarmachung und Rassismus sind die Themen, zu denen politische Aktionen organisiert werden. Das praktische Organisieren von Kinderbetreuung und Reinigungsarbeiten/Putzen wurde ebenfalls diskutiert, die Gruppe stellte die Frage: „wer betreut unsere Kinder und reinigt unser Zuhause, während wir andere Kinder betreuen und das Zuhause von anderen reinigen?“, weil die meisten Frauen im Workshop keinen Zugang zu staatlicher Kinderbetreuung und anderen staatlichen Dienstleistungen haben. Während nach alternativen Lösungen gesucht wurde, schlug die Gruppe vor, ein Rotationssystem zu starten, in dem jede Frau einmal die Verantwortung für einige Kinder übernehmen würde.

Candy*, eine der Teilnehmerinnen, suchte nach einem Ort, wo sie sich mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation und mit ähnlichen Problemen vernetzen konnte. Ihre ständige Angst, ihre Arbeit zu verlieren, produziert belastende Machtdynamiken mit ihren Arbeitgeber_innen, die manchmal ihren Lohn einbehalten oder ihr nur die Hälfte des vereinbarten Betrags zahlen. Um ihre Lebenssituation zu verbessern, wäre eine Lösung, sich Papiere zu beschaffen, wie sie sagt; aber auch, dass sich politischer Aktivismus sich für mehr einsetzen muss als nur für Papiere und bezieht sich dabei auf eine ihrer Freund_innen, die noch immer auf der Arbeit ausgebeutet wird, obwohl sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

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„Dossier Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ ab sofort online

4. März 2014 von Naekubi

Dieser Beitrag erschien im Februar bei Danger! Bananas. Wir danken der Autorin Naekubi für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung!

Ich möchte euch ausdrücklich auf das soeben veröffentlichte Dossier „Asian Germany“ von der Heinrich-Böll-Stiftung hinweisen, das einen facettenreichen Blick auf asiatisches Leben in Deutschland wirft.

In besagtem Dossier finden sich Beiträge von Kien Hoang Le, Trang Thu Tran, Carmen Wienand, You Jae Lee, Kim Gŭn-ch’ŏl, Lee Mun-sam, Kim Ch’ang-sŏn, Alisa Anh Kotmair, Nya Luong, Indira Hong Giang Berghof, Bé Điểm Nguyễn-Xuân, Baly Nguyen, Dan Thy Nguyen, Kimiko Suda, Sun-ju Choi, Nguyen Phuong-Dan, Stefan Canham, Angelika Nguyen, Yoko Tawada, Linda Koiran, Hanna Hoa Anh Mai, Miriam Nandi, Smaran Dayal, Noa Ha uvm.

Das Dossier wurde von Kien Nghi Ha konzipiert, der auch für den offenen Brief an den Heimathafen Neukölln verantwortlich zeichnet, und entstand in Kooperation mit korientation e.V. und dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext.

Anders als die Medien immer suggerieren, sind AsiatInnen in Deutschland zu einem kleinen, aber vitalen Teil der Gesellschaft geworden. Asiatische Deutsche sind keineswegs Fremde oder das Andere. Ich zitiere weiter aus der Pressemitteilung:

Vor diesem Hintergrund stellt das vorliegende Dossier „Asian Germany – Asiatische Diaspora in Deutschland“ Positionen und Perspektiven vor, welche die Norm der Fremdwahrnehmung mit ihren oftmals ausgrenzenden Grundannahmen in Frage stellen und diese mit den Innenansichten asiatisch-deutscher Eigensinnigkeit konfrontieren.

Das Dossier geht mittels literarischer Verdichtungen, Gesprächen und oral history-Narrationen und fotografischen wie analytischen Essays der Frage nach, wie postmigrantisches Leben aus asiatisch-deutschen Perspektiven reflektiert werden kann. Was passiert, wenn die Migration zu ihrem Ende kommt? Welche Identitäten, Identifikationen und Identitätspositionen entstehen dann?

Das Dossier besteht aus fünf Teilen:

  • Community und kulturelle Identität
  • Fokus: 50 Jahre koreanisch-deutsche Arbeitsmigrationsgeschichte
  • Kulturelle Selbstverortungen und Imaginationen
  • Salon der Kurzgeschichten
  • Transnationale Verbindungen und Hybridität

Ich finde das Dossier sehr gelungen – es zeigt in aller Deutlichkeit die Vernetzungen zwischen Asien und Deutschland in einer tatsächlich globalen Welt. Selbst ich entdecke weitere Wirklichkeiten von Asiatisch-Sein in diesem Land.

Das Dossier steht auch als PDF zum Download zur Verfügung.


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Der Koalitionsvertrag: Eine Geschichte von „beobachten“, „in den Fokus nehmen“ und einem denkwürdigen Gedenktag

28. November 2013 von Charlott

CDU/CSU und SPD haben sich geeinigt. Jedenfalls deren Führungsriegen. Diese haben in den letzten Wochen einen Koalitionsvertrag verhandelt, der gestern vorgestellt wurde. Der Vertrag umfasst 185 Seiten und es werden viele Themebereiche angeschnitten. Hier werde ich einige Schlaglichter aufwerfen.

Allgemein lässt sich zusammenfassen: Wer_welche für den Staat nützlich ™ scheint, konservativere Wertvorstellungen vertritt und möglichst wenig abweicht von der „Norm“, wird irgendwie unterstützt. Sonst bleibt vieles schwammig, soll „in den Fokus“ gerückt oder „beobachtet“ werden.

Bis zum 12. Dezember können nun die SPD-Mitglieder noch bei einem Mitgliederbescheid über den Vertrag abstimmen.

(Lohn)Arbeit

Als großer Erfolg gefeiert: Es kommt eine Mindestlohnregelung. Doch was heißt das in diesem Fall wirklich? Zum einen greift die Regelung erst ab 2015 und dann auch nur für die Branchen, wo es bisher keine andere Regelung gibt.  Erst ab 2017 soll der Mindestlohn flächendeckend gelten. Mit einem Betrag von 8,50€. Dieser Betrag gilt heute schon als Niedriglohn, mit der Inflation wird er in vier Jahren noch weniger Wert haben. Es gibt natürlich Arbeitnehmer_innen, für die diese Regelung eine Verbesserung darstellt, trotzdem ist es keine revolutionäre Änderung.

Zum Thema Lohndifferenzen aufgrund von Geschlecht positioniert sich die Koalition zwar („nicht zu akzeptieren“), formuliert dann aber kaum wirkliche Verpflichtungen, sondern fordert Firmen eben auf sich zu kümmern. Zum Quotenwitz schrieb ich ja bereits letzte Woche. Der bleibt bestehen.

„Gleichstellung“

Ja, viel ist von all den SPD-Versprechen nicht übrig geblieben. Großmündig postuliert die Koalition: „Wir verurteilen Homophobie und Transphobie und werden entschieden dagegen vorgehen.“ Wie diese Regierung das machen möchte, verrät sie nicht. Stattdessen nimmt sie in den Vertrag auf, dass sie „das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption zügig umsetzen“. Na ganz große Leistung, wie auch schon auf karnele bemerkt wurde.

Bezeichnend ist, dass im Abschnitt „Sexuelle Identitäten respektieren“ nicht zu erst darauf hingewiesen wird, welche diskriminierenden_gewaltvollen Strukturen vorherrschen, stattdessen folgender vielsagender Fokus:  „Wir wissen, dass in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Werte gelebt werden, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind.“

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Schönheitsnormen, klassistische Vorurteile und Asylpolitik, die tötet – kurz notiert

8. Oktober 2013 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 214 von 349 der Serie Kurz notiert

In den vergangenen Tagen haben sich allerhand spannende Linktipps angesammelt – daher gibt es diese Woche “Kurz notiert” gleich zweimal. Hier Teil 1.

Beiträge auf Deutsch

Am 3. Oktober feierten die Deutschen sich selbst, redeten von fallenden Mauern und offenen Grenzen. Am selben Tag starben hunderte Geflüchtete an einer anderen, nach wie vor tödlichen Grenze; der Küste von Lampedusa. Das Ganze war jedoch kein Unglück, sondern die Folge europäischer Asylpolitik, die maßgeblich von Deutschland vorangetrieben wird. „Für die meisten bedeutet die Freude über den Fall der deutschen Mauer eben nicht eine wirkliche Kritik an Grenzen, die Menschen an ihrer Bewegungsfreiheit verhindern. Es geht ihnen nur um deutsche Bewegungsfreiheit „, schreibt derFreitag.

Einen Tag später hat die taz den Geflüchteten Emad Hassan, der seit dem Lybienkrieg in Tunesien festsitzt, interviewt. Im Mittelpunkt des Interviews standen die Risiken der Flucht. Emad Hassan gab, auf den Tod der Geflüchteten vor Lampedusa angesprochen, eine ernüchterte Antwort: „Man kommt an einen Punkt, an dem man sich blockiert fühlt, es gibt keine Zukunft, nichts, was man ein Leben nennen könnte, kein Vorwärts, kein Zurück. […] Man weiß, dass man ein 80-zu-20-Risiko hat zu sterben. Das ist fast wie Selbstmord, ja, das ist dann auch klar, aber wenn man nichts mehr zu verlieren hat, ist es egal. […] Entweder geht es weiter, oder man stirbt eben“.

Die Pussy Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa ist eine Woche nach Beginn ihres Hungerstreiks aufgrund der miserablen Haftbedingungen in ein Krankenhaus verlegt worden. Kontakt zu Außenwelt wird ihr dort bisher verwehrt.

Obwohl Migration im Grunde genommen ein historischer Normalzustand ist, ist sie immer wieder hart umkämpft. Warum das so ist, wie Kämpfe um Migration derzeit gestaltet sind und welchen Einfluss die Kämpfe von Migrant*innen auf Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitiken haben, analysiert die aktuelle Ausgabe von kritisch lesen.

Kinder von Nichtakademiker*innen studieren viel seltener als Kinder von Akademiker*innen, selbst dann, wenn sie eine Hochschulzugangsberechtigung (zB das Abitur) erworben haben. Und nicht nur hier zeigen sich Unterschiede: Akademikerkinder wählen Prestigefächer wie Medizin und Jura, auch Psychologie, so die Sozialerhebung. Aufsteiger wählen eher Soziale Arbeit oder ein Lehramtsstudium. Nach dem Bachelor verzichten Nichtakademikerkinder wesentlich häufiger auf den Master. Nach dem Master verzichten Nichtakademikerkinder wesentlich häufiger auf eine Promotion“. Woran das liegen könnte und was es für Ansätze gibt, das zu verändern, überlegt die taz.

Beiträge auf Englisch 

Menschen, die andere auf ihre schlechte Grammatik hinweisen, betreiben damit vorallem eines: klassistisches Silencing. Besser ist: kritisieren was Leute sagen, aber nicht wie sie es sagen.

Kennt ihr diese Fotos und Memes, die irgendwo im Internet kursieren und oftmals viele Likes und Lacher bekommen, weil darauf eine Person abgebildet ist, die nicht den gängigen Schönheitsnormen entspricht? Caitlin Saida hat erlebt, wie es sich anfühlt, genau diese Person zu sein. Und wie sehr es hilft, wenn Leute sich solidarisch zeigen. Seitdem weigert sie sich nicht nur, über derartige Bilder zu lachen, sondern weist auch Freund*innen immer wieder darauf hin: wieso findest du das lustig?

Polayamorie und alles ist gut? Leider nicht, schreibt BLACK GIRL DANGEROUS, denn auch polyamoröse Beziehungen sind nicht zwangsläufig frei von Hierarchien und Gewalt. Deshalb zählt sie neun Dinge auf, die häufig schief laufen.

For Harriet hat eine Liste mit 25 englischsprachigen Büchern zusammengestellt, die für Schwarze Mädchen empowernd sein können.

Der Zugang zu gesunder Ernährung ist keine Frage der Privilegien, sondern eine der Cleverness, lautet ein weit verbreitetes klassistisches Vorurteil. Was an dieser Annahme alles grundlegend falsch ist und warum sie in der Regel von Leuten hervorgebracht wird, die in jeglicher Hinsicht klassistisch privilegiert sind, erklärt poor as folk.

Migration und Flucht sei kein feministisches Thema, bekommt Red Lights Politics immer wieder zu hören. Warum das nicht stimmt und in welcher Weise sich das auch am Beispiel der Geflüchteten zeigt, die vor der Küste Lampedusas ums Leben gekommen sind, erklärt sie auf ihrem Blog.

Termine

The Ruthless Woods sind auf Tour! Die Daten findet ihr hier.

Am 11. Oktober treffen sich ARGE Dicke Weiber in Wien.

Trans*Schwimmen in Berlin: Der Sonntags-Club e.V in Kooperation mit Seitenwechsel e.V. und der Unterstützung von Lambda-BB e.V. können erstmal für 3x Trans*schwimmen in Berlin anbieten. Der erste Termin war schon, die nächsten beiden sind am 26. Oktober und 30. November jeweils 14-16 Uhr im Bearwaldbad, Baerwaldstraße 64-67, 10961 Berlin. Der Eintritt kostet 4,50€ für die 2 Stunden, ein ehrenamtliche_r Ansprechpartner_in ist zugegen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Um diese Angebot in Zukunft aufrecht erhalten zu können, benötigen die Organisator_innen eine konstante Nutzung der Schwimmhalle mit mindestens 40 Nutzer_innen pro Schwimmen, um mit den Eintrittsgelder die nächsten Hallenzeiten zu buchen.


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Fünf Geschichten von Migration und Aktivismus: Unterstützt das Filmprojekt with_WINGS_and_ROOTS

28. Mai 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 9 von 29 der Serie Die Feministische Videothek

with_WINGS_and_ROOTS ist ein Dokumentarfilmprojekt, das die Geschichten und Visionen fünf junger Menschen in Berlin und in New York erzählt. Ein Film über Kinder, deren Eltern als Einwanderer_innen kamen und junge Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit erzählen sie uns von ihren ganz persönlichen Wurzeln und Flügeln.“

Das Dokumentarfilmprojekt with_WINGS_and_ROOTS, welches von einer engagierten Gruppe von Aktivist_innen, Künstler_innen und Medienschaffenden getragen wird, möchte andere Perspektiven zu Migration und Identität sichtbar machen, denn diese werden oftmals durch stereotype Zuschreibungen und nur selten von selbstbestimmt erzählten Geschichten der Akteur_innen bestimmt.

Im Mittelpunkt stehen die Geschichten fünf junger Menschen von Migration, politischen Aktivismus, Kunst als politisches Mittel, Visionen einer besseren Welt und Engagement gegen Diskriminierung und Rassismus.

Die Regisseurin Christina-Antonakos-Wallace hat dazu über fünf Jahre lang die Protagonist_innen begleitet und dabei über 100 Stunden Filmmaterial erstellt. Nun geht das Projekt in die Endphase. Da es schwierig ist, traditionelle Filmförderung zu erhalten, richtet sich die Bitte des Teams an uns alle: Mit einer Crowdfunding-Kampagne soll ein großer Teil der Postproduktion des 90-minütigen Dokumentarfilms finanziert werden. Ob ihr fünf Euro spendet oder mehr: Jede kleine Spende ist eine Hilfe für das Projekt. Es bleiben noch sechs Tage, um das Projekt zu unterstützen.

Mehr Infos findet ihr auf der Homepage, auf Facebook und auf Twitter.


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