Einträge mit dem Tag ‘Menschenrechte’


Totes Mittelmeer: Nummer 92…

11. Oktober 2013 von Gastautor_in

Das Mittelmeer ist der Massenfriedhof der Menschenrechte. Die EU-Asylpolitik, ihre Verordnungen und Frontex sind an Zynismus kaum mehr zu überbieten. In Nummern werden die Leichname in Särgen abgefertigt. Wer sind sie, wie war ihr Name, woher kommen sie? Warum kommen die meisten der Flüchtlinge aus Eritrea? Warum lassen wir sie ertrinken, warum protestieren so wenig? Wer sind die Verantwortlichen?

Ein Gedicht von Selam Kidane (aus dem Englischen).

Nummer 92…

Ich frage mich, wie sie dich nannte?
Deine liebe Mama…
Vielleicht nannte sie dich Berhan? … mein Licht
Oder nannte sie dich Haben? … mein Stolz

Sie könnte dich Quisanet genannt haben … Ruhe
Oder warst du Awet? Sieg…
Sag mir kleines, nannte sie dich nach ihrer Hoffnung?
Oder ihrer Sehnsucht… Ihr Traum?
Oder wurdest du nach ihrem Bruder genannt, den sie verlor?
Oder nach ihrem längst verstorbenen Vater?

Nannte sie dich, wie die Wüste, welche sie durchquerte?
Oder das Land, welches sie hinter sich ließ?
Vielleicht nannte sie dich wie das Land, welches du erben solltest?

Sag mir Kleines, wie nannte dich deine liebe Mutter?
… weil ich es nicht ertragen kann, dass du Nummer 92 genannt wirst…

sarg1

 

 

 

 

 

 

 

Thanks for sharing Selam!

 

Ergänzung vom 16. Oktober 2013 (1. Originalfassung)

No. 92…

I wonder what she called you?
Your precious mama…
Maybe she called you Berhan?… my light
Or did she call you Haben?… my pride
She may have called you Qisanet… rest
Or were you Awet? Victory….
Tell me little one did she name you after her hope?
Or her aspirations…her dream?
Did she name you after the brother she lost?
Or after her father long gone?
Did she name you after the desert she crossed
Or the land she left behind…?
Maybe she named you for the land you were to inherit?
Tell me little one what did your precious mother call you?
For I can’t bear you being called number 92…

Selam Kidane


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Schöne neue Welt – „Hellcome to Germany“

28. August 2013 von Sabine

Ein Essay über die Menschenrechte

„Hellcome“ brüllt der Mann vor dem Flüchtlingswohnheim. Willkommen in der Hölle. Er steht mit anderen auf der Straßenseite gegenüber dem Heim, einem früheren Schulhaus. Neben ihm hebt einer den Arm zum Hitlergruß. Keine Glatze, keine Springerstiefel, rosagestreiftes T-Shirt. Anwohner, Neonazis? Sie sind schwer zu unterscheiden. Der mit dem Hitlergruß wird wenig später von einem Polizisten abgeführt. Die „Bürgerinitative“, die auch von der rechtsradikalen NPD unterstützt wird, bleibt. Die Flüchtlinge auch. Vorerst. Marzahn-Hellersdorf, den 19. August 2013.

Es sind Szenen, wo die Scham sich selbst verschluckt. Und der Reflex, dies am liebsten weit von sich zu schieben, steigt, aber sie erinnern dumpf. Als meine Kusine 1992 nachts im Heim nicht mehr schlafen kann – vor lauter Angst, weil es wieder brennen könnte. Um sie zu beruhigen sagt mein Vater zu ihr, dass es meist nicht zweimal an einem Ort brennt. Da war ich sieben Jahre alt. Im selben Jahr wird das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen von Nazis angezündet und von den AnwohnerInnen beklatscht. Brennende Bilder, grölende Nazis im Fernseher, NPD-Plakate an den Litfaßsäulen, das sind die 1990er Jahre. Unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble wurden als Konsequenz auf die rassistischen Ausschreitungen die Asylgesetze (1992) massiv verschärft. Ja, das Boot sei voll. Nachrichtenmagazine wie der Spiegel folgen, sie titeln mit der Angst vor den Flüchtlingsströmen und der Überfremdung. Das Layout in dunkeln Farbtönen gehalten. Dabei lag die Angst ganz wo anders. Die Angst, die hatten wir, meine Kusine, meine Eltern. Und jetzt, im Jahr 2013, Berlin, Marzahn-Hellersdorf? Flüchtlinge werden durch den Hintereingang unter Polizeischutz in ihr neues Wohnheim gebracht. Sie haben Angst, um ihr Leben.

Hannah Arendts Thema sind die Flüchtlinge. Sie sind Staatenlose. Ihr Leben verdanken sie nicht ihren Menschenrechten, sondern der Mildtätigkeit derer, in deren Land sie geflohen sind. Ob sie leben oder sterben, ist reiner Zufall. Wer etwas über Menschenrechte lernen will, schaut am besten auf die Lage von Flüchtlingen. Arendts Thema ist mehr als 60 Jahre später aktueller denn je. Sie hat wenig mit der NPD zu tun. Aber viel mit Marzahn-Hellersdorf, Rostock-Lichtenhagen. Und mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen, wo die Geschichte von Flüchtlingen, ihrer Flucht, ihrem Trauma offenbar so überflüssig sind, dass sie von einem „Aussteiger“-Nazi und einer Sarrazin-Bewunderin nachgespielt werden.

Hannah Arendt hat beschrieben, was es heißt, nur noch Mensch sein zu dürfen. Wer nur noch Mensch sein darf, ist ganz frei. Frei von Rechten und Gesetzen. Das Ergebnis ist Entfremdung. Keine Entfremdung von dem Selbst, sondern vielmehr eine Entfremdung von der Welt. Arendt beobachtet, dass die Etablierung von Nationalstaaten und ihre globale Hegemonie nur noch wenige Räume übrig gelassen haben. Räume, die nicht territorial in Nationalstaaten eingegrenzt sind. „Zuerst und vor allem findet der Raub der Menschenrechte dadurch statt, daß einem Menschen der Standort in der Welt entzogen wird, durch den allein seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen Wirksamkeit.“ (Arendt 1949). Sie beschreibt ihre Erfahrungen als Staatenlose, Geflohene und als deutsche Jüdin im Dritten Reich vor dem Hintergrund der Shoa. Es sind andere Erfahrungswerte, sie zeigen jedoch einen Mechanismus auf, welcher nicht einzigartig ist. Den Prozess wie wir ausgezogen werden, Rechte verlieren, unkenntlich gemacht werden. Nämlich wie Menschen zu einem Abstraktum werden. Ihre Unsichtbarkeit, ihr Verschwinden aus dem öffentlichen Leben findet leise statt. Flüchtlingsheime werden an die Ränder der Städte verlagert, in die Industriegebiete. Der Tod der Ausgeschlossenen wird verschleiert etwa durch Neologismen wie „Dönermorde“, so dass wir nicht an unseren Bruder oder Schwester denken müssen.

Im EU-Behördendeutsch wird nicht über Flüchtlinge gesprochen, sondern von einer Illegalität und einer „irregulären Zuwanderung“. Zur Bekämpfung dieser „irregulären Zuwanderung“ wurde im Mai 2005 nach der EU-Osterweiterung auch die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen, kurz: Frontex, gegründet. Flüchtlinge werden seit den 1990ern in der europäischen Migrations- und Asylpolitik illegalisiert, ihre Rechte verschwinden hinter der Wortschöpfung „Irregularität“, sie sind somit nicht einklagbar. Dabei sind es Menschen, die den Krieg überlebt haben, davor oder vor Verfolgung und absoluter Armut fliehen. In der Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben. Für die Rechtlosen gibt es „überhaupt kein Gesetz“, schreibt Hannah Arendt, „nicht daß sie unterdrückt sind, kennzeichnet sie, sondern daß niemand sie auch nur zu unterdrücken wünscht. Ihr Recht auf Leben wird erst im letzten Stadium eines langwierigen Prozesses in Frage gestellt; nur wenn sie völlig überflüssig bleiben, und sich niemand mehr findet, der sie reklamiert, ist ihr Leben in Gefahr.“ (Arendt 1949)

80 Jahre, nachdem Arendt ihre Heimat verlassen musste, werden in der Schweiz Freibäder zu no-go-areas für Flüchtlinge, in Berlin wird ein Spielplatz – von AnwohnerInnen – eingezäunt, damit Flüchtlingskinder dort nicht spielen. Thilo Sarrazin, Parteimitglied der SPD, wird als Bestsellerautor gefeiert. Es wird kälter in Deutschland, vermutlich weil sich die, die man am liebsten ausschließen würde, nicht mehr ausschließen oder ignorieren lassen. Also wenn die Asylbewerberheime nicht im Industriegebiet liegen, sondern mitten im Wohngebiet. Wenn Flüchtlinge sich an die öffentlichen Orte begeben. Es wagen, in die Freibäder, Spielplätze zu gehen oder eben mitten im Wohngebiet zu leben.

Die Welt ist nie nur eine Umwelt, aber auch eine Mitwelt. Eine Welt mit Anderen. Nach Arendts Überlegungen in ihrem Werk Vita Activa (2010) „erscheinen“ die Menschen einander durch ihre Worte und Taten. So entfaltet sich das menschliche Leben im „Beziehungsgewebe“ menschlicher Beziehungen. Hölle, sind nicht die Anderen, sondern das nicht Da-sein. Ein Dasein in der Welt stellt für Arendt eine zentrale Kategorie in ihrer Konzeption von Menschenrechte dar. Es kann nur ein einziges Menschenrecht geben. Nämlich das Recht, Rechte zu haben.
Für viele Flüchtlinge kommt es gar nicht so weit. Viele geben ihr Leben, weil sie leben wollten. Sie versinken, ertrinken im Mittelmeer. Laut UNHCR waren es 2011 allein über 1.500 tote Flüchtlinge, die Dunkelziffer liegt weit höher. Das Mittelmeer ist der Massenfriedhof der Menschenrechte wie Heribert Prantl es einst treffend bezeichnet. Und in den letzten Tagen wurde binnen kurzer Zeit an den Bahnhöfen von Fulda, Kassel und Frankfurt über 60 Flüchtlinge aus Eritrea festgenommen. Sie waren ohne Papiere.

Sie, das könnte ich sein, meine Kusine, meine Eltern. Das Leid hat sich nicht verändert, aber die Gesetze sind schärfer. Ein Wunder, wer es schafft über die Wüste, Menschenhändler, Foltercamps oder das Mittelmeer. Es ist Spätsommer, da ist das Mittelmeer etwas ruhiger und die Flucht kann gelingen. Dass weiß auch die Bundes- und Grenzschutzpolizei. Hochsaison, die Jagd hat begonnen. In dieser Welt möchte niemand bloß Mensch sein.


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Alltagsrassismus, Regenbogeneinhörner und (leider) Gewalt gegen Frauen – kurz verlinkt

13. Juni 2012 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 158 von 260 der Serie Kurz notiert

Konsequenzen aus der rassistischen NSU-Mordserie will das Bündnis gegen das Schweigen: Weniger Sicherheitsarchitektur und mehr offene Diskussionen über Rassismus in der Mitte der Gesellschaft. Unterschreiben!

In Russland sitzen Aktivistinnen von Pussy Riot immer noch in Haft – RAW hat Details von der Pressekonferenz auf deutsch.

Für eine Serie über die oft eindimensionalen Frauenfiguren in Videospielen hat Feminist Frequency gerade (viel) Geld gesammelt. Der Backlash ließ leider auch nicht lange auf sich warten: Um sie einzuschüchtern wurde etwa ihre Wikipedia-Seite verunstaltet und Screenshots davon wie Trophäen durchs Netz gereicht. The Border House fordert die Gaming-Community auf, sich von dem sexistischen Mob zu distanzieren und The Mary Sue listet die weiteren Vorfälle diesen Jahres auf.

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter kritisiert die geplante Neuregelung des Sorgerechts (PDF).

Über 1000 Geschichten von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt sind bei der Aktion #ichhabnichtangezeigt inzwischen zusammengekommen. Nun fordern die Initiatorinnen Konsequenzen von den Ministerien für Familie und Frauen, dem Bildungsministerium, sowie dem Innen- und dem Justizministerium. Der Offene Brief kann mitgezeichnet werden.

Wie umgehen mit Menschenrechten und Geschlechtsidentität? Transgender Europe hat Best Practices (also vorbildlichen Praktiken) in Europa und darüber hinaus gesammelt.

In sechs Schritten zum 08/15-Frauenmagazin. Die Hannoversche Allgemeine hat eine sehr zahme, aber lustige Polemik über „Maxi“, „Tina“, „Joy“, „Bella“, „Elle“, „Donna“, „Lea“, „Lisa“, „Lena“ und „Laura“.

“Shit White Germans Say to Black Germans” – das Mem hat seinen Höhepunkt zwar schon überschritten, dieses Video ist allerdings noch mal einer:

Bei einer Demo in Kairo gegen sexualisierte Gewalt gab es… sexualisierte Gewalt gegen die Demonstrant_innen, berichtete msnbc.com.

Gibt’s leider noch nicht im Laden: die Konfettikanone im Regen­bogen­ein­horn­ge­wand. Mad Art Lab zeigt, wie mensch sie selber bastelt. (via Kotzendes Einhorn)

Mit der Neuzeit kommt der Sprecher eines republikanischen US-Abgeordneten an­scheinend nicht zurecht. Dass weibliche Abgeordnete tat­sächlich Politik machen, verstörte Jay Townsend – er bat auf Facebook, die aufmüpfigen Frauen mit Säure zu überschütten.

Und zum Schluss noch zwei Porträts: die Metal-Sängerin Agata Jarosz stellte dieStandard.at vor und wird bei den Olympischen Spielen in London die erste Athletin aus Qatar sein, so der Guardian.

Zu den Veranstaltungen: (mehr …)


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Menschenrechte, Machtverhältnisse und Ausschlüsse

22. Februar 2012 von Gastautor_in

Yetzt ist eine Queerulantin und rantet gerne. Im Blog “Haecksenbrause” schreibt er über koffeinhaltige Genuss- und Erfrischungsgetränke und mit der Netzguerilla kümmert sie sich um die Servertechnik hinter vielen spannenden Projekten wie Hatr oder der Mädchenmannschaft.

Eigentlich klingt es erstmal nach einer guten Idee, universelle Rechte zu definieren, die allen Menschen zustehen. Faktisch ist der Zugang zu diesen Rechten nur wenigen privilegierten Menschen garantiert, tatsächlich lassen sich anhand der Verletzung dieser Rechte ziemlich gut die gesellschaftlichen Machtstrukturen auf diesem Planeten nachzeichnen. Selbst in der bald 65 Jahre alten und nur sehr zögerlich an moderne Auffassungen von gesellschaftlicher Gleichheit angepassten Universellen Deklaration der Menschenrechte stecken Realitätskonstruktionen und Ausschlüsse, die erst beim genauen betrachten auffallen. Die signifikantesten davon möchte ich herausgreifen.

Durch die Erklärung ziehen sich Begrifflichkeiten wie “Volk”, “Rasse” und “Nation”. Es ist völlig offensichtlich, dass schon allein diese Tatsache Grund genug für eine umfangreiche Kritik an der Menschenrechtsdeklaration ist. Ich blende jedoch die benutzte Sprache in der Betrachung weitestgehend aus, da ich die Ausschlüsse jenseits der verwendeten Sprache herauszeichnen möchte.

“[…] da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Präambel

Die Menschenrechte dienen also auch dem Schutz der globalen Herrschaftsstrukturen vor Emanzipation. Der propagierte schöngezeichnete Ist-Zustand an Demokratie, Recht, Kapital, Herrschaft und so weiter wird zum Ideal erklärt, weniger herrschaftsförmige Strukturen sollen verhindert werden.

“Alle Menschen […] sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.” — Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1

Brüderlichkeit? Dem Verständnis der Erklärung nach sind also Menschen in erster Linie Brüder, also Männer.

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